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Banater Post

Kulturinstitutionen als Bewahrer der Identität (Teil 2)

Dank an die Musiker nach dem Konzertabend (von links): Dr. Franz Metz, Nina Laubenthal, Wilfried Michl, Christine Neu, Karl Wilhelm Agatsy, Henriette Mojem, Josef Prunkl Foto: Jürgen Schneider

54. Kulturtagung des Landesverbandes Baden-Württemberg in Sindelfingen

Konzertabend „Rund um die Liebe“

Der Samstag klang wie immer mit einem Konzert aus – nach fünf Vorträgen eine wohltuende Abwechslung. Diesmal hatte der Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz Melodien aus Operetten und Musicals „von Europa nach Amerika“ zu einem Programm „Rund um die Liebe“ zusammengestellt. Er selbst begleitete dabei zusammen mit dem Geiger Karl Wilhelm Agatsy die Sopranistin Nina Laubenthal und den Bariton Wilfried Michl auf dem Klavier. Durch das Programm führte wie immer souverän und kenntnisreich Franz Metz, der mit einer Fülle an Informationen über Komponisten und deren Werke aufwartete.

Drei Songs aus Leonard Bernsteins „West Side Story“ bildeten den Einstieg ins Konzert. Das 1957 am Broadway uraufgeführte Bühnenwerk – eine moderne Version von „Romeo und Julia“ – sollte zu einem der erfolgreichsten Musicals der Welt avancieren. Gefühlvoll und stimmgewaltig interpretierten Nina Laubenthal und Wilfried Michl die Songs „I Feel Pretty“ beziehungsweise „Maria“, um dann in der berühmten Balkon-Szene als Duett aufzutreten.

Als nächster Komponist stand der in Weißkirchen geborene Ottokar Nováček auf dem Programm. Er entstammte der bekannten Musiker-Familie Nováček und feierte in Amerika Erfolge als Bratscher und Komponist. Auf seine „Serbische Romanze“, auf der Violine meisterhaft von Karl W. Agatsy gespielt, folgte Clivias Lied „Ich bin verliebt“ aus Nico Dostals Operette „Clivia“. Sie gilt als erfolgreichstes Bühnenwerk des österreichischen Komponisten, der von Nina Laubenthal gesungene Evergreen bildet den musikalischen Höhepunkt der Operette.

Sopran und Bariton harmonierten perfekt in den anschließenden Liebes-Duetten „Lippen schweigen“ aus der Operette „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár und „Wer uns getraut“ aus der Operette „Der Zigeunerbaron“ von Johann Strauss. Bekanntlich spielt die Handlung der letzteren in der Gegend um Temeswar. Franz Metz brachte sodann „Valse intime“, ein Klavierwerk von Dezsö Antalffy-Zsiross, zu Gehör. Der in Großbetschkerek geborene Organist und Komponist wirkte in der Zwischenkriegszeit sehr erfolgreich in Amerika.

Mit drei Melodien aus bekannten Operetten von Emmerich Kálmán fand das Konzert seinen krönenden Abschluss. Wilfried Michl überzeugte mit dem Lied „Komm Zigan“ aus der Operette „Gräfin Mariza“, Nina Laubenthal mit dem unverwüstlichen Ohrwurm „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus der Operette „Giuditta“. Aus Kálmáns „Csárdásfürstin“, die als seine erfolgreichste Operette gilt, war das Duett „Tanzen möcht ich“ zu hören.

Dass das musikalische Programm den Geschmack des Publikums wieder getroffen hat, zeigte der Beifall nach jeder Nummer wie auch der stürmische Applaus am Ende des Konzerts. Damit honorierten die Zuhörer auch die Leistung der mitwirkenden Musiker.

Die „Neue Banater Zeitung“ als Identitätsstifter

Am Sonntagvormittag wurde die Tagung – nach der Begrüßung durch den stellvertretenden Landesvorsitzenden Herbert Volk – mit einem Vortrag von Luzian Geier fortgesetzt, der als langjähriger Redakteur der „Neuen Banater Zeitung“ (NBZ) über die identitätsstiftende Rolle dieses Blattes im Banat referierte.

Einführend wies Luzian Geier auf weniger bekannte und beachtete Aspekte des Kontextes hin, der für das Pressewesen nach dem 23. August 1944 bestimmend war. Trotz Zensur und Säuberungsmaßnahmen seien zwischen 1944 und 1948 allein im Kreis Temesch zwanzig Publikationen erschienen, teils Fortsetzungen von Periodika aus der Zwischenkriegszeit, wie die „Temesvarer Zeitung“ oder die katholischen Blätter, teils Neugründungen, wie die sozialdemokratische „Freiheit“. Nach der Zäsur der Zeitspanne 1949-1957, in der im Banat kein einziges deutsches Periodikum erschienen ist, wurde im Februar 1957 „Die Wahrheit“ als regionale Zeitung ins Leben gerufen, die sich 1968 in „Neue Banater Zeitung“ umbenannt hat.

Der Referent ging in seinen weiteren Ausführungen zwei Fragen nach: Welches waren die Überlegungen der Zeitungsredaktion, um überhaupt identitätsstiftend wirken zu können, und für wen wollte die NBZ eigentlich Identität stiften? Identität beginne sich bei jedem Individuum in der Kindheit herauszubilden und stehe in enger Verbindung mit der Muttersprache, so Geier. Die Gemeinschaft mit ihren Institutionen habe den Auftrag, die Zusammenhänge zur Geschichte der Gruppe darzulegen, damit eine Kontinuierung im Hinblick auf die Identitätsbildung unter ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Lebenssituationen gewährleistet werden kann. Nur so werden Identität und Muttersprache zu „eng verwobenen Teilen unseres Lebens und des individuellen wie auch kollektiven Gedächtnisses“. Gerade in Bezug auf das kollektive Gedächtnis habe die NBZ einen besonderen Beitrag geleistet, ebenso zum Erhalt der Muttersprache, auch der Mundart. Zudem sei sie der Traditionsträger für die Gemeinschaft gewesen. Die NBZ habe wesentlich mitgeholfen, so Luzian Geier, „dass die Menschen in ihrer Gemeinschaft, in ihrer kulturellen Heimat und Eigenart mit ihren Traditionen und in ihrer Sprache verbleiben können“.

Bezüglich der zweiten Frage merkte der Referent an, dass die Gruppe damals noch relativ stark gewesen sei (1970 lebten im Kreis Temesch 115000 Deutsche) und über eine ganze Reihe von Institutionen verfügte. Dass das Wirken der Zeitungsredaktion Sinn machte, ließe sich auch an der Entwicklung der Auflage ablesen. „Die Wahrheit“ sei in 3000 Exemplaren erschienen, die NBZ habe in ihrer besten Zeit 20000 Bezieher gehabt. Für viele sei sie über lange Jahre ein Wegbegleiter gewesen.
Die Redakteure hätten eine kontinuierliche und kohärente Linie verfolgt, wie die Entwicklung auch immer gewesen sei, so Geier weiter. Durch viele Einfälle und verschiedene Wege, durch eine Vielzahl von Rubriken und Sonderseiten – die auch bildlich präsentiert wurden – hätten sie versucht, ihrem selbst gestellten Auftrag, im Sinne der Gemeinschaft identitätsstiftend zu wirken, gerecht zu werden. Dies habe nicht dem offiziellen Parteiauftrag entsprochen und sei von den Machthabern auch nicht gern gesehen worden. Die NBZ, so Luzian Geiers Fazit, „war ein Exponent der ethnischen Solidarität der Banater Deutschen und hat zur Festigung der Zusammengehörigkeit wesentlich beigetragen“.

Der Anfang vom Ende des AMG-Literaturkreises

Horst Samson enthüllte Einzelheiten der sogenannten „Bulhardt-Affäre“ im Temeswarer Literaturkreis „Adam Müller-Guttenbrunn“ und erläuterte, wie es zu dessen Auflösung im Oktober 1984 gekommen ist. Der bekannte Dichter, der damals bereits drei Lyrikbände veröffentlicht hatte, war seit 1981 Sekretär des AMG-Literaturkreises und als Redakteur bei der „Neuen Banater Zeitung“, ab Mai 1984 bei der „Neuen Literatur“ beschäftigt.

Der Referent beleuchtete zunächst kritisch das Wirken des aus Siebenbürgen stammenden Dichters Franz Johannes Bulhardt (1914-2008), nach dem die Affäre aus dem Jahr 1984 benannt ist. Bulhardt „sprang frühzeitig auf den politischen Zug, dabei kam der Dichter – metaphorisch ausgedrückt – unter die Räder, erlag der proletkultistischen Ideologie und wurde im Zeichen des Sozialistischen Realismus ein emsiger und haltloser Besinger der angeblichen kommunistischen Herrlichkeiten“, so Samson, der aus einigen seiner berühmt-berüchtigten ultrapatriotischen Ergüsse zitierte und auch seine erwiesene Mitarbeit beim rumänischen Staatssicherheitsdienst Securitate erwähnte.

Warum der stalinistische Glanzdichter Bulhardt Mitglied im AMG-Literaturkreis werden und auch eine Antrittslesung halten wollte, bleibe bis heute ein Rätsel, sagte Samson. In der Redaktion der „Neuen Banater Zeitung“ sei man konsterniert gewesen, als Nikolaus Berwanger im Frühjahr 1984 voller Begeisterung die Nachricht von Bulhardts gewünschtem Beitritt zum Literaturkreis überbrachte. Der Referent erläuterte, wie es in dieser Sache zum Dissens zwischen Richard Wagner, dem Vizevorsitzenden des Literaturkreises, und den übrigen Präsidiumsmitgliedern (Berwanger, Franz Liebhard, William Totok, Horst Samson, Eduard Schneider, Johann Lippet) kam und welche Standpunkte die beiden Seiten vertraten. Wagner habe rein moralisch argumentiert, während alle anderen – angesichts der eindeutigen Satzungsbestimmungen, der demokratischen Prinzipien, denen sich der Kreis verpflichtet fühlte, und des Anspruchs, eine offene Vereinigung von Schriftstellern und Literaturfreunden zu sein – die Ansicht geteilt hätten, Bulhardt den Zutritt in den AMG-Kreis zu verwehren ein Akt der Willkür wäre. Wagner hat die Bedenken seiner Freunde in den Wind geschlagen und zum Ende der Saison 1983/1984 den AMG-Kreis verlassen. Er habe damals ganz bewusst in Kauf genommen, den Literaturkreis durch seinen Austritt zu schwächen und damit der Securitate in die Hände gespielt. „Was also von außen bis dahin nicht gelungen war, auch nur schwer zu bewerkstelligen gewesen wäre, nämlich den Kreis zu zerfleddern, das hat von innen heraus plötzlich funktioniert wie geschmiert“, so Samson. „Wir, die wir engagiert weiter machen wollten, fühlten uns von Freunden alleine gelassen.“

Zerbrochen ist der AMG-Literaturkreis im Herbst 1984 jedoch nicht an Richard Wagners Austritt, sondern am Verbot der Lesung des westdeutschen Schriftstellers Günter Herburger. KP-Propagandasekretär Eugen Florescu und die Securitate hätten gedacht, nach der Dezimierung des Kreises – dessen Vorsitzender Nikolaus Berwanger war im Sommer 1984 von einer Reise in die Bundesrepublik Deutschland nicht mehr nach Temeswar zurückgekehrt – die Strippen ziehen zu können. „Damit hatten sie sich nicht nur verrechnet, sondern arg getäuscht“, so Samson. In Übereinstimmung mit dem gesamten Vorstand habe man kurzen Prozess gemacht und den Literaturkreis „zwar blutenden Herzens, aber klaren Geistes“ aufgelöst. „Es war das unübersehbare Signal, uns gegen Gängelungen jedweder Art kategorisch und kompromisslos zu verwahren.“

Der Schubert-Chor: eine Erfolgsgeschichte

Zum Schluss der Tagung warf Adrian Nuca-Bartzer, Leiter des heute noch in Deutschland bestehenden Schubert-Chors, ein Schlaglicht auf den kulturellen Auftrag dieser Institution, die 2019 ihr 50. Jubiläum feiert. Nuca-Bartzer gehörte seit Herbst 1976 dem Chor an und übernahm 1979 dessen Leitung, die er aussiedlungsbedingt 1983 abgab. Seit der Neugründung des Schubert-Chors im November 1985 in Deutschland leitet er diese Singgemeinschaft, die auf ein erfolgreiches Wirken zurückblicken kann. Er könne sich nicht vorstellen, „dass die Gründungsväter erwartet haben, ja nicht einmal in ihren kühnsten Träumen auch nur auf den Gedanken gekommen sind, dass der Chor ein halbes Jahrhundert überdauern wird, oder gar, dass er in der Bundesrepublik erfolgreich wirken und da deutlich länger bestehen wird als im Banat“, so Nuca-Bartzer.

Um aufzuzeigen, was den Schubert-Chor aus der Masse der Chorgründungen heraushebt, umriss der Referent zunächst die reiche Banater Chortradition ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu deren kriegs- und nachkriegsbedingtem Untergang in den 1940er Jahren. Nachdem alle Versuche des kommunistischen Regimes, Werkschöre oder von politischen Organisationen getragene Chöre zu gründen, scheiterten beziehungsweise diese Chöre nur einen kurzen Bestand hatten, sei es in den 1960er Jahren in der weltlichen Chorszene sehr still geworden. Nuca-Bartzer beschrieb die begünstigenden politischen Rahmenbedingungen, unter denen die Gründung des Schubert-Chors am 20. Februar 1969 erfolgte. „Das Volkslied lebt, so lange es gesungen wird. Seine Pflege, die Liedpflege überhaupt, setzt sich der Schubert-Chor, der in Temeswar gegründet wird, zum Ziel“, zitierte er aus dem in der „Neuen Banater Zeitung“ erschienenen Aufruf. Die große Resonanz darauf habe gezeigt, „wie viele Banater Schwaben das Bedürfnis hatten, sich an der Pflege der Banater deutschen Kultur aktiv zu beteiligen, wie sehr eine aktive Laien-Chorbewegung vermisst wurde“.

Anschließend stellte Adrian Nuca-Bartzer die Entwicklung des Schubert-Chors in den folgenden knapp zwei Jahrzehnten dar, wobei seine Ausführungen von einer von Walter Berberich erarbeiteten PowerPoint-Präsentation begleitet wurden. Der Referent ging chronologisch vor und präsentierte das Wirken des Chors – seine Leistungen und Erfolge wie auch die zunehmenden Schwierigkeiten, mit denen er sich in den 1980er Jahren konfrontiert sah – unter den Leitern Erich Koch und Herbert Weiss (1969-1976, ersterer bis 1970), Matthias Schork (1976-1979), Adrian Nuca-Batzer (1979-1983), Franz Metz (1983-1985) und Damian Vulpe (1985-1988). Das Publikum erfuhr viele Einzelheiten über die Entwicklung der Mitgliederzahl des Chors, über Konzerte und Auftritte, Ausfahrten in Städte und Dörfer des Banats und nach Siebenbürgen, die Präsenz in Rundfunk und Fernsehen, über die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Staatstheater Temeswar, die Teilnahme an Wettbewerben und erzielte Preise oder die landesweite Resonanz in den deutschsprachigen Medien. Schließlich ging der Referent auf die Einstellung der Chortätigkeit im Jahr 1988 und die drei Jahre zuvor erfolgte Neugründung des Schubert-Chors in Deutschland ein.

„Dass der Chor in der offiziellen Lesart als ein Aushängeschild für die Minderheitenpolitik des sozialistischen Etablissements gedeutet wurde und Teile des Repertoires (Partei- und Massenlieder) als ‚Beweis‘ für die Zustimmung der deutschen Minderheit zur Parteipolitik gesehen wurde, war die Kröte, die wir schlucken mussten, um den Chor am Leben zu erhalten“, so Nuca-Bartzer. Der Chor sei eine „deutschsprachige Insel“ gewesen, wo viele in Temeswar wohnende oder dort zeitweilig
lebende Menschen – auch dank der Pflege der Geselligkeit untereinander – ein Stückchen „Heimat auf Zeit“ gefunden hätten. Der Schubert-Chor sei seinem Gründungsziel, das deutsche Volkslied und Werke von Banater Komponisten zu pflegen, stets treu geblieben. Darüber habe bei Chorleitern und Sängern immer Konsens geherrscht. „Man kann sagen, dass ein gewisses Sendungsbewusstsein und das Wissen um die kulturelle Bedeutung unseres Tuns alle geprägt hat“, so das Fazit des Referenten.

Während der Tagung waren Teile der Ausstellung „Temeswar 1716 – Die Anfänge einer europäischen Stadt“, die als deutsche Fassung zur Bewerbung der Kulturhauptstadt 2021 erstellt wurde, im Foyer zu besichtigen.