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Banater Post

Musiktradition leben und erleben

Der Siedlerchor der Donauschwaben aus Entre Rios gestaltete anlässlich seiner Europa-Tournee am 5. Juni einen Konzertabend mit dem Männergesangverein „VolksChor“ Kandel und der Spielgemeinschaft der Musikvereine Freckenfeld und Büchelberg in der Stadthalle Kandel. Zustande kam diese Begegnung in Kandel, wo es keine Gliederung der Landsmannschaft der Banater Schwaben gibt, durch den Traunauer Edi Binschedler, der sowohl im Chor als auch in der Musikkapelle aktiv ist. Er erkannte die Gemeinsamkeiten dieser drei Vereine darin, dass man sich sowohl in Entre Rios als auch in beiden Südpfälzer Vereinen hauptsächlich der Erhaltung des traditionellen Liedgutes widmet.

Die Verbindung zu der donauschwäbischen Siedlung Entre Rios besteht schon seit längerem. In Kandel hatte man 2012 das Vergnügen, die qualitativ sehr hoch anzusiedelnde Darbietung der Jugendtanzgruppe aus Entre Rios zu genießen, die als Gast beim Waldfest des VolksChors und einen Abend zuvor beim Johannisfeuer des Musikvereins in Freckenfeld aufgetreten ist. Die Tanzgruppe war damals in Pfungstadt untergebracht, genauso wie bereits 2010 die Theatergruppe aus Entre Rios.
2018 waren alle Gäste aus Brasilien in Kandel und Freckenfeld privat untergebracht, bei Donauschwaben und Pfälzern zu gleichen Teilen. Viele freundschaftliche Begegnungen fanden statt in den vier Tagen des Aufenthalts in Kandel. Bei der Stadtführung, dem Besuch des Heimatmuseums Freckenfeld, einem Ausflug zur Rietburgbahn in Edenkoben oder beim Grillabend für Gäste und Gastgeber bot sich die Gelegenheit, sich kennenzulernen und Gemeinsamkeiten festzustellen, denn die Vorfahren der Donauschwaben kommen ja bekanntlich aus dem süddeutschen Raum und die Dialekte unterscheiden sich nicht allzu sehr. Über WhatsApp fällt es leicht, die Verbindung zu halten, Fotos und Nachrichten werden rege ausgetauscht.

Der 5. Juni 2018 sollte zu einem wunderschönen Begegnungsfest werden. Donauschwäbische Landsleute aus dem Ort und der Umgebung fanden sich zu dem Konzert ein, darunter namhafte Persönlichkeiten aus der Führungsebene der Donauschwaben in Deutschland. Manche hatten gut über 100 Kilometer Fahrt auf sich genommen. Der Ortsbürgermeister der Stadt Kandel war der Einladung gefolgt und neben den Gastfamilien waren auch weitere Pfälzer in die Stadthalle gekommen. Bis auf den letzten Platz war sie besetzt, das gelingt Kandler Vereinen nicht immer.

Bereits beim Einzug der Chöre und der Blaskapelle gab es Applaus. Der gastgebende Chor unter der Leitung von Sabine Deutsch und der Musikverein begrüßten die Gäste mit der Polka „Grüß Gott, ihr Freunde, von nah und fern“. Danach sang der Siedlerchor „Guten Abend, guten Abend, euch allen hier beisamm’“, und man merkte bereits jetzt, dass die Herzlichkeit und Lebendigkeit der Sänger dem Publikum gefielen. Die Moderation von Viviane Schüssler und des Freckenfelders Jürgen Stritzinger, ehemaliger Vorsitzender der Musikkapelle, gestaltete sich derart, als kenne man sich schon ewig.
Dem Motto „Musiktradition leben“ blieb die Kapelle mit böhmischer Musikliteratur treu, und besonders gut kam die vom Dirigenten Peter Persohn komponierte Polka „Alois fährt ins Feld“ an, wo man sich durch das Nachahmen des Trabens der Pferde sehr lebhaft ein Pferdefuhrwerk vorstellen konnte, das durchs Dorf fährt. In einem Potpourri hatte der Dirigent deutsches Liedgut für Blasinstrumente verarbeitet und der eine oder andere summte mit, als Melodien wie „Das Wandern ist des Müllers Lust“ oder „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ erklangen. Der Männerchor erfreute die Zuhörer mit dem Lied „Freundschaft und Treu“, mit einem „Heimatlied“ aus dem schönen Pfälzer Land, mit Liebesliedern und solchen, die dem Wein gewidmet sind.

Der Siedlerchor unter der musikalischen Leitung von Márcia Klann Milla konnte an diesem Abend nicht sein ganzes Programm zum Besten geben, man entschied sich für ein gemischtes Repertoire aus deutschem und brasilianischem Liedgut. Das begeisterte Publikum forderte eine Zugabe, die Sänger überraschten mit ihrem in donauschwäbischem Dialekt gesungenen „Kukruz“-Lied. „Kukruz owe, Kukruz unne, Kukruz 24 Stunne“, man hatte im ländlichen Jahreslauf oftmals genug von der schweren Arbeit im Maisfeld. Maiskolben brechen, zerkratzte Arme durch das trockene Laub, abends Kukruz lieschen bis in die Nacht, „Kukruz hin un Kukruz her, wann nar uf de Welt ka Kukruz wär!“ Und prompt erinnerten sich die Pfälzer an ein Lied aus ihrer Region, wo es um Tuwak geht. Die Bauern sind es leid, täglich ins Feld zu gehen, Tabak brechen, einfädeln, aufhängen (wer von uns Banatern erinnert sich nicht an diese Arbeiten), so dass man sich wünscht „wann’s nar emol richtich schloße dät“. Käme der Hagel, die „Schloße“, dann müsste man nicht mehr „in de Tuwak“, die Ernte wäre vernichtet und die Versicherung würde sogar noch einspringen...

Nicht nur dieses Lied, auch die gemeinsamen Stücke aller drei Vereine, „Donna Maria“, „Lebt wohl, ihr Freunde“ (Amazing Grace) und „Bis bald, auf Wiedersehn“, rissen das Publikum von den Sitzen, es gab stehenden Applaus und sehr viel Anerkennung. Die eine oder andere Gastfamilie hat sich da auch sicherlich vorgenommen, vielleicht einmal der Einladung der „Brasilianer“ zu folgen und einen Gegenbesuch abzustatten.

Sehr herzliche Gespräche und Begegnungen schlossen sich dem Konzert bei bestem Sommerwetter unter den blühenden Linden vor der Stadthalle an. In Kandel und Freckenfeld ist dieses Konzert und die Herzlichkeit der Leute aus Entre Rios immer noch Gesprächsthema.