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Banater Post

Ilse Hehns ganz eigener Blick auf die ewige Stadt

Braucht es einen Anlass, um in die ewige Stadt zu fahren und darüber ein Buch zu schreiben? Die Antwortet lautet: Nein. Als jemand, der Kunstgeschichte studiert hat, Künstlerin und Dichterin wurde, ist das für Ilse Hehn selbstverständlich. In ihrem neuen Buch Roms Flair in flagranti, erschienen im Pop Verlag, Ludwigsburg, tritt sie in einen Dialog mit dieser ‚komplizierten, endlosen, strapaziösen, antiken, genialen, barocken, selbstbewussten, verrückten, unheimlichen, überwältigenden‘ Stadt und dieser wird zu einer Liebeserklärung.

Schon im Motto macht Ilse Hehn deutlich, dass die Stadt Rom sie in einem Rhythmus anspricht, an den man sich gewöhnen muss, sei es in langen Sätzen oder in knapp formulierten Sentenzen. Dann steigt sie in medias res ein, indem sie sich in der ersten Miniatur in ein Taxi setzt. Das ganze römische Leben bricht also über sie ein, während sie in einem von Taxifahrern lauthals mit Flüchen ausgeschmückten Stau steckt. Darin entziffert sie Roms Erkennungsmelodie und auch, dass die Stadt funktioniert, komischerweise.

Nach diesem furiosen Anfang werden die anderen Texte etwas meditativer und gesetzter. Das ganze Buch besteht aus 65 Miniaturen, besser gesagt Vignetten, die meistens nach Spaziergängen entstanden sind und die uns Rom aus der persönlichen Perspektive der Autorin zeigen. Sie enthalten kunstgeschichtliche Erläuterungen, Impressionen vor Ort, Meditationen, aber vor allem auch Trivia, also wissenswerte Kleinigkeiten, Kuriositäten, Legenden und Klatsch und offenbaren so einen ganz eigenen Blick auf die Stadt, einen kunstgeschichtlichen, einen literarischen, aber auch einen kecken und nichtsdestotrotz liebevollen.

Begleitet werden die Texte von detailverliebten Fotografien, die in kräftigen Farben die Betrachtungen veranschaulichen. Ilse Hehn schaut dabei mit den Augen einer Künstlerin auf das Licht als ‚gestaltgebenden Faktor‘: „Licht leckt die spröden Steine, aus ihnen scheint alle Macht gewichen“, schreibt sie poetisch über das Forum Romanum, wo auch der Marmor lebt, und aus ihm die ‚Ewigkeit herausbirst‘. Oder über das Pantheon: „Es gebührt Raffael, in solchem Licht zu ruhn“. Doch nicht nur kleine Details, die durch das Licht zum Vorschein kommen, regen ihre Aufmerksamkeit an, auch persönliche Lektüren funken intertextuell dazwischen, durch Zitate von Kleist, Ennio Flaiano, Simone de Beauvoir, Vergil etc.

Mit feinsinnigem Kunstverstand beschreibt die Autorin etwa die Moses-Statue von Michelangelo oder seine Cordonata, eine „leise ansteigende Schwebebrücke“, Bilder Caravaggios und jede Menge Denkmäler, von der Bocca della Verità bis zum Trevi-Brunnen, der Piazza del Popolo bis zur Spanischen Treppe. Dabei beschränken sich die Streifzüge nicht auf die bekannten Sehenswürdigkeiten Roms, sie erkunden auch das Nebensächliche, das fast Vergessene und das Versteckte, sei es ein antiker Silen, ein Mischwesen aus Mensch und Pferd, der zum Pavian, zu einem Babuino wurde und als zerbröselnder Brunnen dahindümpelt, seien es andere „Gorgonen, Medusen, paviangesichtige Greise, fischmäuliges Getier“, aus denen das Symbol des Lebens „träufelt, tropft, rieselt, rinnt, spritzt, sprüht, ohne dass jemand dem eine besondere Aufmerksamkeit schenkt“. Ebenso entdeckt Hehn gar ein geflügeltes Pferd, das Graffiti-Künstler auf die Fassade gemalt haben, neben einer Wäscheleine. Und auch eine zufällig bemerkte alte Fassade macht den Charme Roms aus, eine ‚Harmonie aus jener überraschenden Unregelmäßigkeit‘, die im Zufälligen besteht, dem man nichts wegnehmen oder hinzufügen mag in seinem ‚herben Klang einer echten Vornehmheit‘.

Unterhaltsam sind dabei die Zusätze, mit denen die Vignetten oft pointiert enden und in denen man erfährt, dass der Platz Bocca della Verità im Volksmund Rindermarkt genannt wird, dass Mussolini den Borgo, ein ganzes Stadtviertel, abreißen ließ, dass Papst Klemens VII. in letzter Minute vor Karl V. floh, oder dass der Altar des Vaterlandes, das Vittoriano, „das nach Pathos stinkt“, von den Römern als „Gebiss“ oder „Schreibmaschine“ abgestempelt wird.

So trifft Geschichte auf den Volksmund, alte Kultur auf Gegenwart. Rom ist für Ilse Hehn ein Palimpsest, „ein Dokument, auf dem eine neue Schrift die alten, verblassten Züge früherer Schriften überdeckt“, sie sieht die Stadt als immenses Bild, „in welchem sich viele Flächen Schicht für Schicht überlagern“. Daher können auch die Müllbeutel und die Cloaca Maxima, der älteste Abwasserkanal, in diesem besonderen Reisetagebuch nicht fehlen und auch der titelgebende Text, der alliterativ Roms Flair in flagranti aufgreift, ist nicht etwa durch eine historische Sehenswürdigkeit, sondern mit einer Trattoria mit einem vergitterten Fenster bebildert, wo eine Wäscheleine prangt. „Und die Küche dieser Trattoria ist in ihrem Charakter so ewig wie die Stadt Rom selbst“, schreibt die Autorin dazu, während sie einen Teil der angebotenen Speisen auf Italienisch auflistet.

Mit aufmerksamem und wachem Blick führt die Autorin ihre Leser durch diese Stadt, die offensichtlich noch immer voller Überraschungen steckt. Wir entdecken die Stadt neu mit ihren Augen, künstlerisch, literarisch und fotografisch. Mit italienischen Einsprengseln, changiert sie zwischen Prosa, Lyrik und Aphorismus, zwischen kunstgeschichtlicher Betrachtung und ironischem Beiwerk, zwischen philosophischer Meditation und kessem Einschub, und als Leser kann man bei der Lektüre fast nicht umhin, diese Überreste alter Kulturen, mit anderen Worten diese Spolien einer Visite in sein Heute einzufügen und die Stadt einfach zu lieben.

Ilse Hehn: Roms Flair in flagranti. Ludwigsburg: Pop Verlag, 2020.142 Seiten. ISBN 978-3-86356-284-7. Preis: 19,90 Euro