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Banater Post

Standardwerk über rumäniendeutsche Literatur

Bereits mit seinem Buch „Literatur in der Temesvarer Zeitung 1918-1949. Einführung, Texte, Bibliographie (auf CD-Rom)“  (IKGS Verlag, München 2003) hat der bekannte Literaturhistoriker, Publizist und Essayist Eduard Schneider für die banatdeutsche Literaturgeschichtsschreibung  eine wichtige, bis dahin kaum beachtete Quelle erschlossen. Er hat dafür eine äußerst aufwändige Detailarbeit auf sich genommen, weil er als Literaturforscher weiß, wie förderlich und hilfreich jeder bibliographische Hinweis  für den Wissenschaftler oder Publizisten sein kann, der sich mit banatdeutscher Literatur beschäftigt.

Diese Überzeugung dürfte Eduard Schneider auch bewogen haben, sich der Mühe zu unterziehen, die vierzig Jahrgänge der über weite Strecken monatlich erschienenen Zeitschrift Banater Schrifttum / Neue Literatur  (bis 1959 Erscheinungsort Temeswar, danach Bukarest) zu durchforsten, alle Autoren und deren Texte zu erfassen und durch ein wohldurchdachtes System auffindbar und zugänglich zu machen. Der vollständige Titel seines Werkes:  „So setz ich das Wort. Die rumäniendeutsche Zeitschrift Banater Schrifttum / Neue Literatur (1949-1989) als Quelle der Literaturgeschichte. Eine bibliographische Darstellung“ (IKGS Verlag, München 2019). Dem akribischen Bibliographen ist aus dem vielfältigen Materialreichtum der Zeitschrift, gleichsam  unter der Hand, ein Werk von sechshundert Seiten erwachsen. Allein das Inhaltsverzeichnis umfasst zehn Seiten. Der vollständige Buchinhalt ist auch im Internet abrufbar.

Im „Vorwort“ skizziert Eduard Schneider in aller Kürze die Geschichte der Zeitschrift, die unter dem Dach des Rumänischen Schriftstellerverbandes für die Literatur der deutschen Minderheit des Landes herausgegeben wurde. Wie die Bibliographie überdeutlich nachweist, lag der Schwerpunkt des Publikationsprogramms der Zeischrift vorwiegend auf der Förderung der einheimischen deutschen Autoren und der Vermittlung ihrer neuen Texte. Doch die Neue Literatur  war zu Zeiten des Eisernen Vorhangs auch das „literarische Fenster“ zur Welt, selbst zum deutschen Sprachraum, aus dem nur spärlich Bücher in die rumänischen Buchhandlungen kamen. Die in der Neuen Literatur in vier Jahrzehnten publizierte rumäniendeutsche Literatur (Gedichte, Prosa u.a. Formen), die Rezeption der Literaturen des deutschen Sprachraums (Bundesrepublik, DDR, Österreich, Schweiz), die Übersetzungen aus der rumänischen Literatur und aus rund sechzig weiteren Nationalliteraturen – einschließlich der konsequenten Literatur-Berichterstattung – ergeben ein vielgestaltiges Panorama.

Wenige statistische Angaben illustrieren die massive Präsenz einheimischer Autoren in der Neuen Literatur. Verzeichnet sind Texte von 314 Lyrikern, 235 Prosaisten,  25 Bühnen- und Hörspielautoren, von 134 Verfassern von Erinnerungen, Briefen, Reiseberichten. Die auf rumäniendeutsche Literatur bezogene Publizistik ist desgleichen durch zahlreiche Beiträger vertreten:  141 Verfasser von Aufsätzen und Berichten zu literarischen Themen, 186 Buch-Rezensenten, 18 Verfasser von Theaterchroniken zu einheimischen Stücken.  Nicht wenige Autoren haben in mehreren der angeführten Bereiche veröffentlicht und dies in unterschiedlichen Phasen des Berichtszeitraums.

Neben der Belletristik hat sich in der Neuen Literatur auch die Literaturkritik etabliert. Literaturhistorische und -wissenschaftliche Studien kamen hinzu. Daraus ergab sich zweifelsohne eine Bündelung wesentlicher Komponenten einer literarischen Infrastruktur, wie sie in keiner zweiten auslandsdeutschen Literatur anzutreffen war oder ist.  So war es durchaus berechtigt, die rumäniendeutsche Literatur als „fünfte deutsche Literatur“  zu bezeichnen.

Die Bibliographie lässt den Werdegang einzelner Autoren, ihren (quantitativen!) Anteil am Gesamtbild der rumäniendeutschen Literatur erkennen und auch die sich verändernden  kulturpolitischen Rahmenbedingungen, die auf die thematische Ausrichtung der Zeitschrift Einfluss nahmen. Damit verbunden erscheint der künstlerisch-ästhetische Wandel im rumäniendeutschen Literaturgeschehen. Eduard Schneider unterstreicht zu recht in seinem Vorwort: „In der Zeitschrift (...) lässt sich der wechselvolle Entwicklungsweg der rumäniendeutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg wie in keiner anderen deutschen Publikation des Landes nachvollziehen.“

Dem Bibliographen geht es nicht allein um exakte bibliographische Angaben zu Texten und Autoren, sondern  um „die Gesamtheit und charakteristische Facetten des literarischen Lebens der Rumäniendeutschen nach 1945“  und um den Werdegang einzelner Autoren, die sich nicht selten der ästhetischen Bevormundung entzogen und „Freiräume“ in relativ  liberalen Zeitabschnitten nutzten, so im „Bukarester Frühling“ der endsechziger Jahre, der bis etwa Mitte der siebziger Jahre anhielt.

Nicht zu übersehen sind auch weniger erfreuliche Phänomene wie Anpassung oder gar eine Art vorauseilender Gehorsam. Die Anfangsjahre der Neuen Literatur 1949-1956, als sie noch Banater Schrifttum hieß, waren für rumäniendeutsche Autoren, die gerade aus der Russlanddeportation oder aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt waren und nicht wussten, wie es weitergehen werde, gewiss nicht einfach zu überstehen. Viele Gedichttitel der ersten Jahrgänge klingen heute befremdlich, plakativ. Man darf sich fragen: Wer wird denn das alles ohne Not gelesen haben? Waren es reine Pflichtübungen?

Die Neue Literatur-Bibliographie von Eduard Schneider lässt den Wandel im Schaffen einzelner Autoren erkennen, die in der Zeitschrift von Anbeginn bis in die achtziger Jahre publiziert haben, so Franz Liebhard/Robert Reiter und Hans Kehrer/Stefan Heinz. Ihre späteren Texte in der Neuen Literatur, „Miniaturen“ von Liebhard und Dramen-Fragmente von Kehrer, fanden Anerkennung, wenn auch die junge Autorengeneration, insbesondere jene aus dem Banat, Anfang der siebziger Jahre ein neues Kapitel in der rumäniendeutschen Literatur einleitete.

Die Neue Literatur galt als Garant literarischer Qualität. Junge Autoren, die in der Zeitschrift erfolgreich debütierten – oder auch anderswo, zum Beispiel in der Neuen Banater Zeitung –  und dann in der Neuen Literatur relativ kontinuierlich publizieren, setzten sich als Dichter oder Schriftsteller früh durch, fanden Aufnahme in Verlagsprogramme, bei Kriterion und/oder im Klausenburger Dacia Verlag. Die Redakteure der Zeitschrift suchten das Gespräch mit jungen Literaten, besuchten deutsche Gymnasien im Banat und in Siebenbürgen, brachten Sondernummern der Neuen Literatur ausschließlich mit Texten und Rundtischgesprächen ganz junger Autoren heraus. Manch einer von ihnen sollte späterhin, ebenso wie schon ältere etablierte rumäniendeutsche Autoren im deutschen Sprachraum wahrgenommen werden. Denn, das ist der Bibliographie auch zu entnehmen, sie hatten in ihren Texten offensichtlich die literarisch-ästhetische Simultaneität mit der Literaturentwicklung im deutschen Sprachraum erreicht und wurden ab Ende der 1980er Jahre auch in der deutschen Medienlandschaft beachtet, darunter: Rolf Bossert, Johann Lippet, Gerhard Ortinau, Horst Samson, Werner Söllner, Richard Wagner und nicht zuletzt Herta Müller, die Literatur-Nobelpreisträgerin 2009. Die Neue Literatur stand Pate.    

Eduard Schneider: „So setz ich das Wort“. Die rumäniendeutsche Zeitschrift Banater Schrifttum / Neue
Literatur (1949-1989) als Quelle der Literaturgeschichte. Eine bibliografische Darstellung (Veröffentlichungen des Instituts für Deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Wissenschaftliche Reihe, Band 126). München: IKGS Verlag 2019. 605 Seiten, ISBN 978-3-9820382-0-9. Preis: 19,90 Euro