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Banater Post

Schreiben im inneren Exil. Jahrestagung des Exil-PEN

Die Schriftstellervereinigung Exil-PEN, Sektion deutschsprachige Länder traf sich zu ihrer Jahrestagung 2019 in Tübingen. Foto: Erwin Josef Ţigla

Die Schriftstellervereinigung des Exil-PEN, Sektion deutschsprachige Länder, war schon früher da: in Tübingen, der Stadt Hölderlins, Stadt der Gelehrsamkeit, Mittelpunkt des schwäbischen Kulturprotestantismus, wo auch Uhland, Schelling, Hegel und Mörike lebten. Die aus verschiedenen Ländern Europas stammenden Autoren versammelten sich dort, obwohl das Gedenkjahr zum 250. Geburtstag von Hölderlin erst 2020 gefeiert wird.

Ausgangs- und Mittelpunkt der Tagung waren die Beiträge der Schriftsteller zum Thema „Schreiben im inneren Exil“. Präsident Professor Dr. Wolfgang Schlott eröffnete die Begrüßung der Teilnehmer mit Hölderlins Versen: „Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen / Das Land in den See…“. Die Vizepräsidentin und Organisatorin des diesjährigen Treffens Ilse Hehn rezitierte Zeilen aus Hölderlins Gedicht „An die Parzen“, das wir noch aus unserem Deutschunterricht kannten: „Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! / Und einen Herbst zu reifem Gesange mir, / Daß williger mein Herz, vom süßen / Spiele gesättiget, dann mir sterbe...“ .

Schlott verwies anschließend in seinem Vortrag über die Diätetik des Leibes und der Seele bei Friedrich Hölderlin auf letzte Forschungsergebnisse, die den Wahnsinn des Dichters negieren, indem sie behaupten, dass er nur „eine Flucht nach innen“ angetreten hatte, „nach außen hin wütete er oft, schrie und zerstörte sein Klavier“. Die gescheiterten Ideen der Französischen Revolution lösten wohl „die schöpferische Krise Hölderlins bei der Einlösung seiner großen schriftstellerischen Ziele aus, eine psychische Krise, die nach seiner Flucht als Hofmeister im Hause des Bankiers Gontard noch verstärkt wurde“, so Schlott. Erst 2006 hat der Forscher Christian Oestersandfort neu geurteilt, dass die Herstellung der sogenannten „Turmgedichte“ Hölderlins „für den Autor selbst eine gleichsam diätetische Funktion, den Status von Überlebenshilfe und Selbsttherapie hatte“. Eine Flucht ins Innere Exil: Seine listigen Kommunikationsformen (Schreiben mit Pseudonym Scardanelli, Anreden wie „Majestät“ usw.) waren eher zeittypisch, als dass sie dem Wahnsinn des Dichters zuzuschreiben seien. Seine Gedichte waren ein Heilmittel für ihn, ein Rückzug. Sie lassen aber Fragen offen, nach Wolfgang Schlott: Was sind nun die Grundzüge einer diätetischen Poetik? Die Diskussionsforen zum Thema des „inneren Exils“ der Schriftsteller waren eröffnet.

Nach einem Stadtrundgang entlang des Neckars zum Hölderlinturm und der Stiftskirche setzte sich die Tagung fort mit einer Lesung der aus Polen stammenden Dichterin Małgorzata Płoszewska, Mitglied
der Internationalen Lyrikergruppe QuadArt, aus ihrer Geschichte „Das Brot“. Die aus Temeswarer stammende Künstlerin und Autorin Katharina Sigrid Eismann, die von Ilse Hehn als „Beschreiberin der Realität in surrealistischen Bildern“ eines „Irrsinnes des Alltags“ vorgestellt wurde, las Gedichte. Sie habe in ihrem lyrischen Zyklus „Paprikaraumschiff“ im Gedichtband „Reise durch die Heimat – von Offenbach nach Temeswar“ (Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2017) sowie in dem in Kürze im Ulmer danubebooks Verlag erscheinenden Buch „Paprika-Raumschiff“ den Horizont einer umgedrehten Welt aufgedeckt, so Hehn. Als ehemaliges Mitglied im Literaturclub für Frauen ist Tamara Labas, Autorin aus Kroatien, eine Dichterin, die „Poesie in Nuancen“ betreibe, keine reinen Naturgedichte schreibe, sondern der Feinfühligkeit ihrer Naturlyrik auch eine erotische Note beifüge. Sie las aus ihrem letzten Gedichtband „Zwölf“ (Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2017).

Der Nachmittag war der Prosa gewidmet: Moderatorin Katharina Kilzer stellte Dagmar Dusil vor, die zum ersten Mal beim Exil-PEN aus ihren Büchern las. Dusil, die im September den „Literaturpreis 2019“ in der Sparte Prosa der Künstlergilde Esslingen erhalten hat, las aus ihrem Buch „Auf leisen Sohlen. Annäherungen an Katzendorf“ (Pop Verlag Ludwigsburg) ihre Beobachtungen als Dorfschreiberin von Katzendorf 2018, dem siebenbürgischen Schriftstellerhaus, von dem Filmemacher und Schriftsteller Frieder Schuller initiiert. Horst Samson stellte seinen neuen Band „Das Meer im Rausch“ (Pop Verlag Ludwigsburg) mit einfühlsam grundierten Gedichten in vielen existentiellen Aspekten vor. Balthasar Waitz, der frisch gekürte Preisträger des Donauschwäbischen Kulturpreises 2019, erheiterte das Publikum mit Erzählungen aus Birda und Wolfsberg, erschienen in einem kleinen Bändchen „Wolfsberg. Geschichten aus dem Banater Bergland“  (Verlag „Banatul Montan“ Reschitza). Samuel Beer las Kindheitserinnerungen aus Neppendorf und Johann Schuth, Vorsitzender des Verbandes Ungarndeutscher Autoren und Künstler, stellte die Tätigkeit seines Vereins vor.

Den Sonntag eröffnete Moderator Horst Samson mit der Vorstellung der in Hermannstadt geborenen
Autorin Iris Wolff, die ihren Essay „Lesen und warum ich Bücher liebe“ las. „Bücher bewahren die Zeit auf“, so Iris Wolff in ihrem Vortrag über Bücher, ihre Leser und über Bibliotheken, mit Anregungen und Buchempfehlungen in einprägsamer Sprache, ein Text, den sie bereits in Graz vorgetragen hat. Auch Eva Filip begeisterte mit authentischen Textausschnitten aus ihrem Erstlingswerk „Nichtschweigen. Im rumänischen Gulag“ (Klak Verlag Berlin, 2018). Der Roman behandelt anhand eines authentischen Falles das Leben in den rumänischen Gefängnissen und Arbeitslagern in den 1950er Jahren. Der unter den Teilnehmern weilende Hans Bergel erfuhr aus einer Passage Erlebnisse seines inhaftierten Bruders, des Musikers Erich Bergel. Wolfgang Schlott würdigte anschließend die Mitglieder Herbert Somplatzky (Schmallenberg) und Erwin Josef Ţigla (Reschitza) für die Auszeichnungen, die ihnen für ihr Wirken zuteil wurden.

Tübingen war literarisch und gesellschaftspolitisch ein starker Auftritt des „Internationalen Exil-P.E.N., Sektion deutschsprachige Länder“. Der Präsident schlug vor, einen Aufruf gegen Antisemitismus im Namen der Mitglieder zu veröffentlichen, was einstimmig befürwortet wurde und auf der Facebook-Seite sowie der Website des Vereins nachzule-sen ist (www.exil-pen.de/exil-pen-zentrum). Mit der Aufnahme von fünf neuen Mitgliedern (Boris Raskin, Burkhard Bierschenk, Carmen Puchianu, Slavica Panzalović alias Mastikosa und Adriana Cârcu) endete die Versammlung. Die nächste Jahrestagung findet 2020, dem Paul-Celan-Jahr (100. Geburtstag des in der Bukowina geborenen Dichters), in Berlin statt.