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Banater Post

Ein imponierendes literarisches Mosaik - Franz Heinz zum 90. Geburtstag

Franz Heinz bei der Feier seines 80. Geburtstags. Foto: Anneliese Vater

Den bekennenden Banater Schwaben und reisefreudigen Europäer, den heimatverbundenen und weltläufigen Schriftsteller und Herausgeber, den Essayisten und Kunstkritiker Franz Heinz gilt es zu würdigen, sein Lebenswerk in den Blick zu nehmen. Denn Franz Heinz wird neunzig. Man sieht es ihm nicht an und erst recht nicht seiner Arbeit. Er ist wie eh und je präsent in der Öffentlichkeit, publiziert literarische Texte, Betrachtungen über Literatur und Kunst, essayistische Erinnerungsberichte und setzt mit seinen Vorträgen Akzente bei wissenschaftlichen und kulturellen Tagungen. Die Orte seiner Auftritte, nicht zuletzt jene seiner Leseabende können hier nicht aufgelistet werden. Dafür fehlt der erforderliche Raum. Er schreibt und schreibt. Und er hat immer Reisepläne, ist häufig unterwegs. Aber alles ohne Hast, sondern mit der ihm eigenen Gelassenheit und Gründlichkeit.

Im heimatlichen Banat nahm alles seinen Anfang. Als früher Erfahrungsraum zwischenmenschlicher Beziehungen und als Landschaft,  mit der einst stattlichen Großgemeinde Perjamosch als „gefühltem“ Zentrum, sollte es nicht nur geographischer Ausgangspunkt des Lebensweges unseres Jubilars sein, sondern bleibende Wirkung behalten auf seine Persönlichkeit und auf sein Werk. Sein Themenspektrum und seine Sichtweise erfuhren indessen mit jeder Lebensstation, die er annahm und sich aneignete, Neuerungen und Erweiterungen, ohne seine Grundhaltung zu verändern.

Bukarest war die zweite große Lebensstation von Franz Heinz, mit der er sich räumlich vom Banat entfernte, die dritte schließlich das Land an Rhein und Ruhr. Heute lebt er in Düsseldorf. Vielleicht war es kein Zufall, dass seine erste Veröffentlichung nach der Ankunft in Deutschland 1976 den Titel „Heimat und Welt“ trägt, auf den ersten Blick ein zugespitzter Gegensatz, bei Franz Heinz nie ein Widerspruch. Denn es liegt in seiner Wesensart, Heimat und Welt in sich zu vereinen.

Durchbruch: Kurzprosa und Pflege des Erbes

Geboren wurde er am 21. November 1929 in Perjamosch, wo seine Eltern eine Bäckerei betrieben. Sie schickten ihn 1940 in die „Banatia“ bzw. „Prinz-Eugen-Schule“ nach Temeswar. Doch im Frühherbst 1944, als die Front sich dem Banat bedrohlich näherte, begab sich die Familie Heinz wie Tausende andere deutsche Familien aus dem westlichen Banat auf die Flucht in Richtung Österreich, wo der fünfzehnjährige Franz Heinz das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte. Diese Erlebnisse und die Berichte der Daheimgebliebenen über den Durchzug der sowjetischen Armee durch den Heimatort, über Gewalttaten bis hin zu Erschießungen, haben sich tief in das Gedächtnis des Jungen eingegraben, ebenso die Wirrnisse und Nöte unmittelbar nach dem Krieg. Vieles aus diesen Jahren wird er in seinen literarischen Texten bewahren.

Nach der Rückkehr der Familie im Juni 1945 nach Perjamosch arbeitete der junge Franz Heinz in der Bäckerei des Vaters und danach in der Landwirtschaft. Sein Debüt 1958 in der Bukarester Monatsschrift Neue Literatur mit dem historischen Stück „Wetterleuchten“ – es wurde vom Deutschen Staatstheater gemeinsam mit Radio Temeswar als Hörspiel inszeniert und gesendet – ebnete ihm den Weg zum Kulturjournalisten.

In Bukarest studierte Franz Heinz, bei gleichzeitiger Ganztagsarbeit als Redakteur des Neuen Wegs, Geographie, Geschichte und Pädagogik. Die rumänische Hauptstadt bedeutete für ihn einen Schritt hinaus in die Welt, wenn auch unter dem Anpassungsdruck des sozialistischen Systems. Der Journalist kam auf Dienstfahrten durch das ihm bis dahin so gut wie unbekannte Altrumänien und er lernte Siebenbürgen kennen, das in seinem Leben und literarischen Werk eine Rolle spielen sollte. Wichtig scheint ihm im Rückblick, dass dieser Schritt ihn „davor bewahrte, provinziell zu sein“. Doch als zuständiger Redakteur beim Neuen Weg für das Ressort Geschichte und Volkskunde stand er seiner Heimat Banat weiterhin nahe.

Er zählte zu der in den sechziger Jahren geradezu auftrumpfenden Autorengeneration. In seinem fruchtbaren Bukarester Jahrzehnt – von 1962 bis 1972 – hat sich Franz Heinz als Schriftsteller einen Namen gemacht. Sein bevorzugtes Genre ist die Erzählung, wenngleich ihn das Theater und das Hörspiel von Anfang an faszinierten. Die eindrucksvolle Reihe seiner Bukarester Buchpublikationen setzte ein mit dem Band „Vom Wasser, das flussaufwärts fließt“ (1962), dem weitere Kurzprosa folgte, darunter „Sorgen zwischen neun und elf“ (1968) und „Erinnerung an Quitten“ (1971). Bukarest, das Erlebnis der Großstadt, Fahrten in die Umgebung und in andere rumänische Städte beschreibt er in Teilen seiner Kurzprosa und im biographisch gefärbten Roman „Vormittags“ (1970).

Es gehört zu Franz Heinz´ Erzählstil und wohl auch zu seiner Lebenshaltung, Vergangenes in das aktuelle Geschehen hineinragen zu lassen, desgleichen die feinsinnige Landschaftsdarstellung. Er beherrscht die Kunst, aus der beschriebenen Natur Stimmungen aufsteigen zu lassen, Landschaft und Menschen in eine eigenartige Beziehung zueinander zu setzen. Aus den emotionalen Naturbildern seiner poetischen Prosa ist nicht selten ein Hauch von Melancholie zu spüren.

Den größten schriftstellerischen Erfolg in Rumänien brachte Franz Heinz die Erzählung „Ärger wie die Hund´“ (Bukarest 1972) ein, für die er mit einem Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes ausgezeichnet wurde. Zwanzig Jahre später, 1991, erlebte die Erzählung in Deutschland eine Neuauflage im Rimbaud Verlag Aachen. Die Handlung spielt in einem banatschwäbischen Dorf um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und vermittelt das Geschehen auf dem Hof eines wohlhabenden Bauern anhand des tragischen Schicksals eines Knechts, Peter Melcher. Er fiel der Macht und Willkür des Bauern zum Opfer, wurde unschuldig ins Gefängnis geworfen. Dort schrieb er seine Lebensgeschichte auf, die der Erzähler viele Jahre danach, auch auf Grund eigener Recherchen, zur Vorlage seines Buches nimmt. Geschichtliche Stoffe liegen dem Schriftsteller Franz Heinz. Er konnte und kann ihnen viel abgewinnen.

In seiner Bukarester Zeit erlebte das kulturelle Erbe der Rumäniendeutschen eine Art Renaissance. Franz Heinz kommt das Verdienst zu, vergessene oder verdrängte Autoren wieder ans Licht gebracht zu haben: den Mundartdichter Johann Szimits (1852-1910), aus dessen umfangreicherem Werk er die Auswahl „Blume vun dr Heed“ (Bukarest 1973) herausgegeben hat, und den aus Perjamosch stammenden Lyriker Karl Grünn (1855-1930), aus dessen Dichtung er einen stattlichen Auswahlband veröffentlicht hat. Er spürte auch den Nachlass von Otto Alscher (1880-1944) in Orschowa auf, kurze Zeit vor der Überflutung der inzwischen evakuierten Stadt durch den Stausee am Eisernen Tor. Die von Franz Heinz daraus veröffentlichten literarischen und publizistischen Texte aus dem Nachlass ergänzten erheblich das Gesamtbild des Schriftstellers und Journalisten Otto Alscher.

Heimatverlust und Identität

Franz Heinz´ Aussiedlung mit der Familie 1976 – er hat drei Kinder – veränderte die Existenzbedingungen als Schriftsteller. Wie sehr ihn dies, nicht allein persönlich, sondern grundsätzlich beschäftigte, ist seinem Essay „Eingeständnisse über eine Ankunftliteratur. Die Aussiedler-Autoren und ihre westliche Ernüchterung“ (Vortrag 1989 in Hamburg) zu entnehmen.

Er blieb in der neuen, größeren Welt beim Journalismus, schrieb aber weiterhin auch literarische Texte, die zunächst vereinzelt in Zeitschriften erschienen. Der geographische Horizont und die Aufgabenstellungen des Kulturjournalisten Franz Heinz erhalten neue Konturen. Er kam in engen Kontakt zur jüngsten Geschichte, Literatur und Kunst der früheren deutschen Ostgebiete, lernte von dort vertriebene oder geflüchtete Autoren und Künstler kennen, die sich mehrheitlich in der „Künstlergilde Esslingen“ zusammengeschlossen hatten. Ein großer literarisch-künstlerischer Kreis, in dem er heimisch wurde. Dabei vernachlässigte er keineswegs den südosteuropäischen Raum. Den Künstlern und Autoren aus den südosteuropäischen Siedlungsgebieten verschaffte er in der Kulturpolitischen Korrespondenz, wo er für Literatur und Kunst zuständig war, die ihnen gebührende Geltung. Neben der Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Werdegang und Werk gilt sein Interesse der Interaktion von bildender Kunst und Literatur, die gegenseitige Inspiration zwischen den Künsten, bei Wahrung ihrer Eigenständigkeit. Exemplarisch sind in diesem Zusammenhang das von Gert Fabritius (Zeichnungen) und Franz Heinz (Texte) veröffentlichte Gemeinschaftswerk „Begegnung und Wandlung“ (1985) und Franz Heinz´ Essay über die Arbeiten von Franz Kumher zu Gedichten von Paul Celan.

Mit seinen kunst- und literaturkritischen Publikationen ging Hand in Hand eine weit gefächerte Medienpräsenz von Franz Heinz, der in den großen deutschen Zeitungen, darunter in der Zeit und in der FAZ, Reisereportagen mit literarischem Anspruch publizierte. Mehr als zwei Jahrzehnte arbeitete er kontinuierlich für den Rundfunk, vor allem für die Sendung „Alte und neue Heimat“ des WDR/Köln.
Ein Dauerthema von Franz Heinz, dem Heimat oder „Dazugehören“ so wichtig war und ist, zieht sich wie der berühmte rote Faden durch seine Publizistik im Westen und spiegelt sich auch in seinen neuen literarischen Texten: die Folgen der Entwurzelung, der Heimatverlust und die daraus resultierende Frage nach der Identität und dem Selbstverständnis der Betroffenen. Seine essayistischen Beiträge, Interviews mit Autoren, Künstlern oder Kulturpolitikern, Rezensionen und Tagungs-berichte fügen sich zu einer anschaulichen Chronik dieses historischen Vorgangs.

Erinnerung darf nicht untergehen

Die eindrucksvollste literarische Gestaltung der Begegnung eines Flüchtlings oder Aussiedlers mit der neuen Welt gelingt Franz Heinz mit der Erzählung „Lieb Heimatland, ade!“ (Berlin/Bonn 1998), in der ein Flüchtling aus Siebenbürgen an den harten Realitäten im verheißungsvollen Westen Deutschlands zerbricht. Die spannend erzählte Geschichte des jungen Siebenbürgers Joss spiegelt die seelischen Belastungen der Aussiedler in literarisch hervorragender Gestaltung. Darin schieben sich Erinnerungsbilder aus der alten Heimat unaufhaltsam zwischen die neuen Ereignisse und die Erfahrungen, die er im Westen macht. Zwei Welten prallen aufeinander, umklammern ihn buchstäblich, er kann sich nicht befreien. So wie er ganz konkret in einem Unfallwagen eingeklemmt ist, bleibt er Gefangener seiner Identität und damit ein Fremder im neuen Land.

Die autobiographisch inspirierte Erzählung „Budweiser Nachspiel“, die den Band „Lieb Heimatland, ade!“ eröffnet, greift zurück auf dramatische Begebenheiten in einem niederösterreichischen Dorf bei Kriegsende, als die Familie auf der Flucht unfreiwillig in den Strudel der Ereignisse gerät.

Franz Heinz´ Erzählungen drehen sich immer wieder um Menschenschicksale, die im Räderwerk der Geschichte scheitern. Dazu gehört die Überzeugung, dass das Geschehene, das Unbewältigte im Erzählen zu bewahren ist. Diese Grundhaltung prägt auch die Hauptgestalt in Heinz´ facettenreichem Roman „Kriegerdenkmal 1914 – Hundert Jahre später“ (Berlin 2014), der pünktlich zur hundertjährigen Erinnerung an den Ersten Weltkrieg erschienen ist. Der im Westen aufgewachsene Phil kennt die Geschichte seiner Banater Familie vorwiegend aus Erzählungen und Erinnerungen der Großmutter. Der Großvater war 1915 in Sibirien als russischer Kriegsgefangener gestorben. Den Ort hatte Phil bei einer Flugreise nach Omsk vergeblich gesucht. Diese Geschehnisse sind der eigentliche Auslöser der Spurensuche, die den Enkel Phil ins Banat führt und darüber hinaus durch „Altrumänien“ bis in die Bukowina, nach Czernowitz.

Die Reise als Dauermotiv des Romangeschehens ist ein trefflicher erzählerischer Einfall. Franz Heinz schöpft dabei aus seinen weitreichenden Erfahrungen als Reiseschriftsteller und Journalist, aus der tieferen Kenntnis der geschilderten Orte und Landschaften. Phil beginnt seine Spurensuche auf dem Bahnhof in Werschetz. Dort hatte sein Großvater 1914 von der Familie Abschied nehmen müssen. Es war der fatale Wendepunkt in seinem jungen Leben und in jenem seiner Frau und Kinder:

„Phil wollte, als er in Werschatz aus dem Zug stieg, Gefühle erst gar nicht aufkommen lassen. Sie versperren den Blick für das Eigentliche, fand er, und doch spürte er schon beim ersten Schritt die Geschichte. Sein Großvater Franz Potichen war in den ersten Augusttagen 1914 von einem dieser Bahnsteige mit dem königlich-ungarischen Infanterieregiment Numero 7 nach Galizien verfrachtet worden. Ohne Wiederkehr. In Sarajewo hatte der Student Gavrilo Princip am 28. Juni den Habsburger Thronfolger Franz Ferdinannd und seine Gattin Sophie erschossen und das veränderte für Franz Potichen über Nacht die Welt. Er war Bäckermeister in einem süd-ungarischen Dorf, hatte eine liebenswerte Frau und vier gesunde Kinder ...“ (S. 16 f.)

Die Reise weitet den Horizont räumlich, zeitlich und menschlich. Sie führt – immer wieder mit dem Vorzeichen 1914 – durch Landschaften und Städte, zu Menschen und geschichtlichen Ereignissen, bietet auch Einblick in den heute vielerorts so trüben Alltag einstiger Habsburger Kronländer und ins östliche Rumänien. Zwischendurch wird der mörderische Krieg mit dem verlustreichen Kampf um die Festung Przemysl ins Bild gerückt. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens bleibt indessen das Banat und, nach meiner Lesart, der Kernsatz: „Es kann nicht untergehen, was unverwunden in Erinnerung geblieben ist.“(S. 18)

Damit spannt Franz Heinz den historischen Bogen seines in sechs Jahrzehnten gewachsenen Erzählwerks über das Jahrhundert zweier Weltkriege und deren einschneidenden Folgen für die Menschen bis hin zur Endzeit banatschwäbischer Existenz. Ein wahrlich imponierendes literarisches Mosaik!

Ad multos annos, lieber Franz Heinz!