zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

In Archiven schlummert noch vieles

"Archive in Rumänien“ ist Schwerpunktthema der beiden „Spiegelungen“-Hefte des Jahres 2018. Während Heft 1 vornehmlich Archiven und Sammlungen in Siebenbürgen gewidmet war, stehen in dem kürzlich erschienenen Heft 2 Archive und verschiedene Quellenbestände in den anderen deutschen Siedlungsregionen im Mittelpunkt, sei es solche, in denen noch eine kleine deutsche Minderheit lebt – wie im Banat, in der Sathmarer Region und in der Zips –, oder solche, in denen die deutsche Bevölkerungsgruppe verschwunden ist – wie in der Dobrudscha.

Die 15 Beiträge zu dem von der Literaturwissenschaftlerin Michaela Nowotnick angestoßenen und betreuten Schwerpunktthema machen die Vielfalt der archivalischen Überlieferung sichtbar: Neben „klassischen“ Verwaltungsarchiven werden Quellenbestände zur Musik-, Fotografie-, Theater-, Sprach- und Literaturgeschichte vorgestellt. Zum einen handelt es sich um Archive in unterschiedlicher Trägerschaft (staatlich, kirchlich und privat), zum anderen werden auch Sammlungen und Initiativen berücksichtigt, die im klassischen Sinn nicht als Archive bezeichnet werden können. Die beiden Themenhefte wollen, wie es im Editorial formuliert ist, „eine intensivere Auseinandersetzung mit Fragen nach Sichtbarkeit, Sicherung, Zugänglichkeit und wissenschaftlicher Verwertung von Beständen zur deutschen Kultur und Geschichte im Donau-Karpaten-Raum“ anregen.

Dem Banat widmen sich vier Beiträge. Marlen Negrescu, über viele Jahre Archivarin in der Kreisdienststelle Temeswar des Rumänischen Nationalarchivs, gibt einen Überblick über die dort verwahrten Bestände mit Unterlagen, die sich ganz oder zum Teil auf die deutsche Bevölkerung des Banats beziehen. Die umfangreichsten sind die Bestände „Generalkommando für das Banat“ und „Magistrat der Stadt Temeswar“ mit 203 bzw. 131,70 laufenden Metern. Negrescu weist auch auf den Bestand „Behörde zur Verwaltung und Verwahrung von Feindesgütern“ (rum. CASBI) hin, der wertvolle Informationen zu den Banater Angehörigen der Waffen-SS und deren Familien sowie den im Herbst 1944 geflüchteten Deutschen enthält. Über die Kreisdienststelle Karasch-Severin des Rumänischen Nationalarchivs in Reschitza informiert deren Leiter Laurenţiu Ovidiu Roşu. Ähnlich wie Negrescu gibt er einen Überblick sowohl über Bestände und Sammlungen mit Bezug zur deutschen Bevölkerung des Banater Berglands als auch über solche, die ganz oder teilweise deutsche Dokumente umfassen.

Das Forschungsprojekt „Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten“ wird von Mihaela Şandor, Lehrkraft im Fachbereich Germanistik an der West-Universität Temeswar und Mitarbeiterin der Wörterbuch-Arbeitsstelle, vorgestellt. Ziel des auf neun Bände angelegten Wörterbuchs ist es, die deutschen Mundarten aus 158 Ortschaften im rumänischen Banat zu dokumentieren. Şandor geht knapp auf die Entwicklung des Projekts seit 1957, als sich der ein Jahr davor gegründete Germanistik-Lehrstuhl die Erforschung der Banater deutschen Mundarten zum Ziel gesetzt hatte, ein und beschreibt die Materialgrundlage (Zettelarchiv mit etwa 367000 Zetteln, basierend auf der Auswertung verschiedener Mundartquellen und -aufnahmen sowie schriftlicher Quellen). Benannt werden auch die Gründe für das langsame Voranschreiten der Arbeit am Wörterbuch, von dem bisher 2013 Band 1 erschienen ist. Band 2 soll in diesem Jahr folgen.

Erwin Josef Ţigla, als Vorsitzender des Demokratischen Forums der Banater Berglanddeutschen und Leiter des Kultur- und Erwachsenenbildungsvereins „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ vielseitig kulturell engagiert, informiert über das seit 2004 bestehende Jugend-, Dokumentations- und Kulturzentrum „Alexander Tietz“ in Reschitza, das auch eine deutsche Bibliothek beherbergt. Auf seine Initiative hin entwickelte sich diese zur Dokumentationsstelle „Bücher der Rumäniendeutschen – rumäniendeutsche Bücher“, die seit 1990 in Rumänien und außerhalb Rumäniens erschienene einschlägige Bücher sammelt. Der zuletzt im September 2017 erschienene Katalog dieser in Rumänien einzigartigen Dokumentationsstelle listet 2484 Buchtitel auf.

Neben diesen vier Beiträgen weisen noch weitere einen Bezug zum Banat auf. Aufgrund persönlicher Erfahrungen berichtet Hannelore Baier, langjährige Journalistin beim „Neuen Weg“ bzw. der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ und Autorin zahlreicher Studien zur Zeitgeschichte der deutschen Minderheit in Rumänien, über die Recherche im Historischen Zentralarchiv in Bukarest, das – wie auch seine Zweigestellen in den Hauptstädten der Verwaltungskreise – Unmengen an Unterlagen zur Geschichte der deutschen Minderheit in Rumänien aufbewahrt. Da es, von zwei Ausnahmen abgesehen, keine gesonderten Bestände ausschließlich zu dieser Problematik gibt, seien Geduld, Zeit, Findigkeit und Organisationstalent gefragt, um in den zahlreichen Beständen Dokumente zum Forschungsthema ausfindig zu machen, so Baier.

Der Banater Edmund Höfer (1933-2014) hat während seiner über 30-jährigen Arbeit als Pressefotograf beim „Neuen Weg“ ein reichhaltiges Werk hinterlassen. Die Fotografenlegende hat das Tagesgeschehen in Rumänien von 1957 bis Ende der 1980er Jahre in Zehntausenden Aufnahmen festgehalten und damit – so die ADZ-Chefredakteurin Rohtraut Wittstock in ihrem Nachruf – „Geschichte in Bildern mitgeschrieben“. Christian Binder berichtet über das im Jahr 2015 begonnene Digitalisierungsprojekt des fotografischen Nachlasses von Edmund Höfer und die damit verbundenen Herausforderungen.

Einen räumlich übergreifenden, auf das Forschungsgebiet Musikkultur und Musikgeschichte der deutschen Minderheiten in Rumänien bezogenen Beitrag hat der Musikwissenschaftler Franz Metz beigesteuert. Dank mehrerer von ihm geleiteten Sicherungs- und Forschungsprojekte kennt er wie kein Zweiter die einschlägigen Bestände in Rumänien und Südosteuropa, die – trotz großer Verluste während des Zweiten Weltkriegs und besonders in den Jahren des Kommunismus – für die Musikforschung von unermesslichem Wert sind. Metz stellt die wichtigsten Musikalienbestände in Archiven, Bibliotheken, Museen und Sammlungen vor, wobei etliche im Banat zu finden sind.

Ursula Wittstock vom Institut für deutsche Sprache und Literatur der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg widmet sich dem Archivgut zum deutschsprachigen Theater in Siebenbürgen und im Banat und weist darauf hin, dass die Überlieferungssituation der Archive der deutschen Bühnen in Temeswar und Hermannstadt eng mit der bewegten Geschichte beider Theater verbunden ist. Während das Deutsche Staatstheater Temeswar über ein eigenes Archiv verfügt, dessen Bestände bis zum Gründungsjahr 1953 zurückgehen, enthält das Archiv der deutschen Theaterabteilung in Hermannstadt vorwiegend Materialien aus der Zeit nach 1989. Zudem werden weitere Theaterarchivalien in den Staatsarchiven in Temeswar und Hermannstadt aufbewahrt.

Der Frage, inwiefern das Archiv des Nationalen Rats für das Studium der Securitate-Archive (CNSAS) zur Erforschung des deutschsprachigen literarischen Lebens in Rumänien beitragen kann, geht Laura G. Laza nach. Für Recherchen zu Schriftstellern seien vor allem die Bestände „Operative Vorgänge“, „Informantennetz“ und „Strafrechtliche Verfolgung“ relevant, so die Autorin, die allerdings auch darauf hinweist, dass sich die Nachforschungen sehr komplex gestalten. Dabei gelte es die Aussagekraft jedes einzelnen Schriftstückes immer wieder zu hinterfragen und zu berücksichtigen, zu welchem Zweck diese Dokumente erstellt wurden, welches Ziel sie verfolgten. Zudem sei ein verantwortungsvoller Umgang mit den aufgespürten Unterlagen notwendig, die für die Literaturwissenschaft durchaus von großer Relevanz sein können.

Die beiden Hefte mit Schwerpunkt „Archive in Rumänien“ sind hilfreiche Wegweiser für Forscher und Interessierte, die sich diversen Aspekten der Geschichte und Kultur der Deutschen in Rumänien zuwenden. Überdies bietet der eine oder andere Beitrag Wissenswertes über Forschungsbedingungen und Arbeitsmöglichkeiten, über den Aufarbeitungsgrad von Unterlagen und Zugänglichkeit von Beständen. Aus Banater Sicht hätte man sich auch einen Beitrag über das Archiv der Römisch-Katholischen Diözese Temeswar gewünscht, das sich als ergiebige Fundquelle zur Kirchengeschichte der deutschen Bevölkerung des Banats erweist.    

Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas. Heft 2/2018 = Archive in Rumänien (II). Herausgeber: Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München. Regensburg: Verlag Friedrich Pustet, 2019. 255 Seiten. Preis des Einzelheftes: 17 Euro zuzüglich Porto- und Versandkosten. Bestellung unter www.verlag-pustet.de, E-Mail verlag@pustet.de, Tel. 0941 / 920220