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Nachruf auf Heinz Günther Hüsch: Die Geschichte wäre ohne ihn anders verlaufen

Beim Heimattag in Ulm 2014 wurde Dr. Heinz Günther Hüsch für seinen Einsatz mit der Prinz-Eugen-Nadel ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung unserer Landsmannschaft. Foto: Walter Tonţa

Dr. Heinz Günther Hüsch Foto: Heinrich Hüsch

Am 3. November 2023 wurde Dr. Heinz Günther Hüsch in seiner Heimatstadt Neuss in Anwesenheit seiner Kinder, Enkel und Urenkel sowie zahlreicher Trauergäste aus Politik, Kultur und Gesellschaft zu Grabe getragen. Auch Vertreter der Landsmannschaft der Banater Schwaben nahmen an der Begräbnisfeier im Sankt- Quirinus-Münster und auf dem Hauptfriedhof teil. Mehr als zwei Jahrzehnte lang war Dr. Hüsch Verhandlungsführer der Bundesrepublik Deutschland in Sachen Familienzusammenführung Rumänien. Alle Deutschen, die zwischen 1968 und 1989 ausreisen durften, verdanken es ihm. Ob als Familienvater, als Chef einer großen Rechtsanwaltskanzlei oder als Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker, einem Streit ging er nicht aus dem Weg. Zum Streit gehörte für ihn aber immer auch die Bereitschaft zur Versöhnung. „Man gewinnt, aber man vernichtet nicht“ war sein Grundsatz. 
Als ich am Nachmittag des 26. Oktober 2023 erfuhr, dass Dr. Heinz Günther Hüsch zwei Tage zuvor gestorben ist, war ich fassungslos. Der Mann, dem so viele von uns Rumäniendeutschen ihre Ausreise nach Deutschland zu verdanken haben, ist nicht mehr unter uns. 
Wir kannten uns seit anderthalb Jahrzehnten, sind durch meine Recherchen zum Freikauf der Rumäniendeutschen zusammengekommen, haben in dieser Zeit ein vertrauensvolles, freundschaftliches Verhältnis zueinander entwickelt. 
Nach jahrelangen Forschungen in Archiven und Gesprächen mit Aussiedlern wurde mir klar, dass ich an einem Punkt angekommen war, an dem es nicht mehr weitergeht, wenn ich nicht mit dem Mann spreche, der seit 1968 mit Rumänien über die Ausreise der Rumäniendeutschen verhandelte. Ich schrieb Dr. Hüsch, dass ich Redakteur der Deutschen Welle bin und dass ich ihn gern über seine Verhandlungen mit Rumänien interviewen würde. Das war im November 2009. Wenige Tage später rief er mich zu Hause an und lud mit nach Neuss in seine Anwaltskanzlei ein. Stundenlang saßen wir zusammen. Geduldig beantwortete er alle meine Fragen. Auf dieses Interview folgten zwei weitere, ebenfalls in Neuss, einmal in seiner Privatwohnung, ein weiteres Mal erneut in seiner Anwaltskanzlei. In all den Jahren standen wir ständig per E-Mail miteinander in Verbindung. 
So erfuhren wir nach und nach, wie die Verhandlungen mit Rumänien liefen, und vor allem, wie viel Geld Deutschland für jeden einzelnen Aussiedler an Bukarest zahlte. Alles in allem war es ein Betrag, der zwischen zwei und drei Milliarden DM lag. Genau ausgerechnet hat es Dr. Hüsch nie. 
„Es war der Kauf von Freiheit“. So beschrieb er seine Mission, die er fast ein Vierteljahrhundert lang im Alleingang, unter strengster Geheimhaltung, mit großem Erfolg erfüllte. Seinem Mut, seiner Zielstrebigkeit und seinem Verhandlungsgeschick haben es über eine Viertelmillion Rumäniendeutsche zu verdanken, dass sie aus dem kommunistischen Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen durften, dass sie Unterdrückung gegen Freiheit tauschten, Diskriminierung gegen Gleichberechtigung, Mangelwirtschaft gegen Wohlstand, ein Leben in einer Diktatur gegen ein Leben in einer Demokratie. Ohne Dr. Hüsch wäre die Geschichte der Banater Schwaben, der Siebenbürger Sachsen und überhaupt der Rumäniendeutschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ganz anders verlaufen. Fast 95 Prozent derjenigen, die bis 1989 in die Bundesrepublik kamen, erhielten ihre Ausreisegenehmigung in der Zeit, in der Dr. Hüsch deutscher Verhandlungsführer war.
Es war ein großes Wagnis, als er zustimmte, deutscher Unterhändler zu werden. Damals, um die Jahreswende 1967/68, fragte ihn ein Staatssekretär im Bundesministerium für Vertriebene, ob er sich vorstellen könne, mit der rumänischen Seite über die Ausreise von Deutschen zu verhandeln. Dr. Hüsch, geboren am 13. Juni 1929 in Karken nahe der holländischen Grenze, war zu dem Zeitpunkt Rechtsanwalt, Mitglied der CDU-Fraktion im Rat der Stadt Neuss und CDU-Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen. 
Einsatz für die Freiheit
Der Bundesregierung war der Vater von fünf Kindern und überzeugte Katholik durch seine beherzten Auftritte in der Kommunal- und Landespolitik aufgefallen. In dem Gespräch machte der Staatssekretär klar: Alles müsse geheim bleiben. Sollte die Sache schiefgehen, würde die Bundesregierung behaupten, sie wisse von nichts. Nach nur kurzer Bedenkzeit stimmte Dr. Hüsch zu, stellte aber Bedingungen: Er sei bereit, mit der rumänischen Seite als Rechtsanwalt zu verhandeln. Er werde im Sinne seines Auftraggebers, also der Bundesregierung, handeln, erwarte aber, jederzeit mit dem zuständigen Minister Rücksprache halten zu können. Außerdem bestehe er darauf, dass sich niemand in seine Verhandlungsführung einmische. Die Bundesregierung akzeptierte diese Bedingungen. 
Bereits 1968 traf Dr. Hüsch mit der rumänischen Seite seine erste Ausreisevereinbarung. Auf sie folgten bis zum Ende des kommunistischen Regimes sechs weitere. In den Vereinbarungen ging es im Wesentlichen um zwei Dinge: Rumänien verpflichtet sich, in einem bestimmten Zeitraum, in der Regel fünf Jahre, eine bestimmte Anzahl von Deutschen ausreisen zu lassen. Im Gegenzug verpflichtet sich Deutschland, für jeden von ihnen einen bestimmten Ablösebetrag zu zahlen. Keine der beiden Seiten gab zu erkennen, wer hinter ihr stand. Die Formel lautete: „Rumänien legitimiert sich durch Ausreisen, Deutschland durch Zahlungen.“
Vertrauen und Risiko
Wer auch immer in Bonn regierte, Dr. Hüsch hatte das Vertrauen aller Bundesregierungen. Unter vier Bundeskanzlern – Kurt Georg Kiesinger (CDU), Willy Brandt (SPD), Helmut Schmidt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) – blieb er alleiniger deutscher Verhandlungsführer. Nur ein Kanzler mischte sich persönlich in die Verhandlungen ein: Helmut Schmidt bei einem Treffen mit Rumäniens Staats- und Parteichef Nicolae Ceauşescu. Das war Anfang 1978 in Bukarest. Über diese Einmischung war Dr. Hüsch zeitlebens unglücklich. Wie er mir in einem Interview sagte, habe sich die deutsche Seite damals von der rumänischen Seite „regelrecht über den Tisch ziehen“ lassen. Es habe keine Festlegung über die Zahl der Ausreisen gegeben. Die bereits seit Jahren an Rumänien gezahlte Kreditsubvention sei nicht an die Ausreisegenehmigungen geknüpft worden. Der einzige Fortschritt sei gewesen, dass fortan für jeden Aussiedler eine Pauschale gezahlt wurde. Bis dahin hing der Ablösebetrag von der Ausbildung ab. Dr. Hüsch kostete es monatelange Verhandlungen, die von Schmidt und seiner Delegation gemachten Fehler zu korrigieren. Geholfen hat ihm, dass ihm auch seine rumänischen Verhandlungspartner vertrauten. Wiederholt gaben sie ihm zu verstehen, dass sie mit keinem anderen verhandeln würden.
Wer Dr. Hüschs Verhandlungspartner auf rumänischer Seite waren, war zu Beginn nicht klar. Er – ebenso wie die Bundesregierung – vermutete, dass es Leute des Geheimdienstes Securitate seien. Aber sicher wussten sie es nicht. Die „Rumänen“ stellten sich mit falschen Namen vor und schmückten sich mit allerlei phantasievollen Titeln. In Wirklichkeit waren sie hohe Securitate-Offiziere. Am unangenehmsten war einer der ersten Verhandlungspartner von Dr. Hüsch, der Oberst und spätere General Gheorghe Marcu. In einem unserer Interviews beschrieb ihn Dr. Hüsch als „Hermann-Göring-Typ im Ledermantel“: „Dem war keine Einladung gut genug. Er war ein ungebildeter, ungehobelter Klotz mit einem überzogenen rumänischen Nationalbewusstsein. Er schlug mit den Fäusten auf den Tisch, brüllte herum, drohte immer wieder.“ 
Empfindlichkeiten
Als die Bundesregierung von dem Benehmen des rumänischen Verhandlungspartners erfuhr, wollte sie die Gespräche abbrechen. Dr. Hüsch stellte sich dem in seiner typisch ruhigen und gelassenen Art entgegen, indem er argumentierte: „Erstens bin ich Rheinländer. Wir sind überhaupt nicht zu erschüttern. Zweitens geht es nicht um mich. Ich bin nicht zu beleidigen. Ob ich beleidigt bin, entscheide ich selbst. Es geht um die Deutschen in Rumänien. Wollen wir jetzt wegen einer Empfindlichkeit, die bei mir nicht vorliegt, die vielleicht im Selbstbewusstsein einer deutschen Behörde vorhanden ist, wollen wir deswegen Menschenschicksale aufs Spiel setzen?“  
Mit dieser Argumentation überzeugte Dr. Hüsch die Bundesregierung, die Verhandlungen weiterzuführen.
Wenn nicht in Köln oder Neuss, Rom oder Wien, Kopenhagen oder Stockholm, sondern in Bukarest verhandelt wurde, versuchte die rumänische Seite alles, den deutschen Verhandlungsführer mit allerlei Mitteln zu kompromittieren. Provokateure wollten ihn dazu bringen, Geld schwarz zu tauschen. Prostituierte versuchten, zu ihm Kontakt zu bekommen. Er wurde in seinem Hotel abgehört. Aber alle Versuche schlugen fehl. Dr. Hüschs Konzept war: „Die Rumänen mussten an meiner Person ein Interesse haben, an meinem Wohlergehen. Sie mussten mich heil nach Hause kommen lassen. Sonst hätten sie nichts bekommen: kein Geld, nichts. Darauf waren sie doch erpicht. Sie wollten doch die Millionen haben.“
Ein Batzen Geld
Wie viel Geld zwischen 1968 und 1989 von Bonn nach Bukarest geflossen ist, wissen wir nicht genau. Aufgrund der mittlerweile veröffentlichten Dokumente aus den Securitate-Archiven bin ich auf eine Summe von mindestens 1,2 Milliarden DM gekommen. Im Vorfeld einer Tagung im Jahre 2019 fragte ich Dr. Hüsch, für wie realistisch er diese Zahl hält. Seine Antwort: „Obwohl ich eine genaue Buchhaltung habe – der Bundesrechnungshof entdeckte eine Differenz von einem Pfennig – möchte ich mich auch jetzt über die Höhe der Zahlungen nicht äußern. Zudem sind außerhalb meiner Buchhaltungen Leistungen in Millionenhöhe geflossen. Zum Teil waren sie als humanitäre Hilfen deklariert, jedoch durch meine mündlichen Abmachungen ausgelöst. Ihre angenommene Zahl – 1,2 Milliarden DM – ist zu gering. Zudem sollte beachtet werden: Der wirkliche Wert der Zahlungen muss in den Kontext der Währungen 1968 - 1989 gestellt werden. Nach heutigen Werten dürfte das Gewicht der Leistungen das Vier-bis Fünffache ausmachen.“ Auf einer Veranstaltung in Berlin sagte Dr. Hüsch: „1,5 Milliarden DM sind zu wenig, drei Milliarden sind zu viel. Der Betrag liegt irgendwo dazwischen.“ 
Böswillige werfen Deutschland vor, der Freikauf der Rumäniendeutschen sei im Grunde genommen „Menschenhandel“ gewesen. Dem widersprach der gläubige Katholik Dr. Hüsch in einem unserer Interviews: „Ich war und bin der festen Überzeugung, dass es ein christliches Werk ist, Gefangene zu befreien. Und ich habe die Rumäniendeutschen als Gefangene, als politisch Gefangene, als aus politischen Gründen festgehaltene Menschen bewertet. In diesem Punkt sind für mich die Bergpredigt und die Werke der Barmherzigkeit eine Orientierung.“
In unseren Gesprächen betonte Dr. Hüsch, dass er immer zweigleisig gefahren sei. Zum einen habe er mit der rumänischen Seite über Ausreisen verhandelt. Zugleich habe er aber immer auch Hilfen für diejenigen angeboten, die in Rumänien bleiben wollten. Dies sei von der rumänischen Seite stets zurückgewiesen worden. Besonders rüde sei die Zurückweisung durch Staats- und Parteichef Nicolae Ceauşescu ausgefallen. Rumänien benötige keine Hilfe, sei aber bereit, den „hungernden Bergleuten im Ruhrgebiet“ Hilfspakete zu schicken, sagte Ceauşescu in dem Gespräch, das er im Herbst 1988 in Bukarest mit Dr. Hüsch führte. Es war Dr. Hüschs einzige Begegnung mit dem Diktator.
Ein großes Kompliment erhielt er von einem seiner früheren rumänischen Verhandlungspartner. Nach dem Ende des kommunistischen Regimes sagte er: „Herr Dr. Hüsch, Sie haben mehr erreicht, als wir zu geben bereit gewesen waren.“
Viel erreicht
Am 24. Oktober 2023 ist Dr. Hüsch im Alter von 94 Jahren in seiner Heimatstadt Neuss gestorben. Noch kurz nach dem diesjährigen Tag der Deutschen Einheit schrieb er mir: „Altersbedingt geht es mir leidlich gut – mal besser, mal weniger. Ich arbeite nach wie vor an Rundfunksendungen für den Bürgerfunk und an einer Schriftenreihe der Heimatfreunde.
Dr. Hüsch erhielt sehr viele Auszeichnungen, darunter 2014 in Ulm die Prinz-Eugen-Nadel, die höchste Auszeichnung der Landsmannschaft der Banater Schwaben, sowie 2015 in Sindelfingen den Donauschwäbischen Kulturpreis. 
Wir Rumäniendeutsche haben ihm sehr viel zu verdanken. Ohne ihn hätten nur sehr wenige von uns nach Deutschland ausreisen dürfen. Dr. Hüschs großes Verdienst war es, dass er die Ausreiseverhandlungen auf eine neue Basis stellte. Er verhandelte nicht – wie seine Vorgänger – nur für einzelne Ausreisewillige, sondern für alle Rumäniendeutschen. Und er hatte dabei sehr großen Erfolg. 
Möge er in Frieden ruhen.