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Erinnern, Bewahren, Weitergeben - Begegnungstagung des Frauenverbandes im BdV

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Tagung des Frauenverbandes im BdV mit der Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene Dr. Petra Loibl MdL (vorne, li.) Foto: Thomas Dapper

Vom 21. bis 23. August 2026 fand in der Bildungs- und Begegnungsstätte Der Heiligenhof in Bad Kissingen die Internationale Begegnungstagung „Erinnern, Bewahren, Weitergeben – Frauenbiografien und Gedenkorte der deutschen Vertriebenen im europäischen Dialog (Teil 1.)“ statt. Veranstaltet wurde sie von der Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk in Zusammenarbeit mit dem Frauenverband im Bund der Vertriebenen e. V. Die Förderung erfolgte durch das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales über das Haus des Deutschen Ostens in München. Die Tagungsleitung lag bei Hiltrud Leber, Präsidentin des Frauenverbandes im BdV. Mit insgesamt 47 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einschließlich der Referentinnen und Referenten widmeten sich die drei Tage der Frage, wie Frauenbiografien, persönliche Erinnerungen, Zeitzeugenberichte und Gedenkorte bewahrt und an kommende Generationen weitergegeben werden können – und welche Bedeutung diese Erinnerungsarbeit für die Verständigung in Europa besitzt.

In ihrer Einführung stellte Hiltrud Leber die drei Leitbegriffe der Tagung in den Mittelpunkt: Erinnern – Bewahren – Weitergeben. Flucht und Vertreibung seien weit mehr als historische Daten, Grenzverschiebungen und politische Entscheidungen. Gerade Frauen hätten in den Jahren von Krieg, Flucht und Vertreibung enorme Verantwortung getragen, Familien zusammengehalten und unter schwierigsten Bedingungen das tägliche Überleben organisiert. Auch beim Neubeginn nach dem Verlust der Heimat seien sie von entscheidender Bedeutung gewesen und hätten zugleich Sprache, Bräuche, Lieder, Rezepte, Fotografien und persönliche Erinnerungen weitergegeben.Viele Frauen hätten über ihre eigenen Erlebnisse später nur wenig gesprochen. Umso wichtiger sei es heute, ihre Geschichten sichtbar zu machen.

Dr. Petra Loibl MdL, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, griff diese Gedanken in ihrem Grußwort auf. Die Geschichte von Flucht und Vertreibung werde noch immer häufig aus politischer und militärischer Perspektive erzählt. Die Erfahrungen und Lebensleistungen der Frauen müssten daher stärker in der Erinnerungskultur verankert werden. Mit der Ausstellung „Ungehört – die Geschichte der Frauen“ sei hierfür ein wichtiger Impuls gesetzt worden, der jedoch nur ein Anfang sein könne. Zugleich betonte sie die europäische Dimension der Erinnerungsarbeit: Unterschiedliche Erfahrungen und Opfergeschichten dürften nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Erinnerung müsse vielmehr dazu beitragen, Menschen eine Stimme zu geben und Verständigung über Länder- und Generationengrenzen hinweg zu ermöglichen. 

Den ersten fachlichen Beitrag gestaltete Wolfgang Freyberg, langjähriger Leiter und Direktor des Kulturzentrums Ostpreußen im Deutschordensschloss Ellingen. Unter dem Titel „Ost- und westpreußische Kultureinrichtungen als Orte europäischer Erinnerung“ zeigte er, welche wichtige Rolle Museen, Sammlungen und kulturelle Einrichtungen bei der Bewahrung und Vermittlung von Geschichte übernehmen. Ergänzt wurde sein Beitrag von Gabriela Blank, die über das Haus der Deutschen Gesellschaft in Allenstein, das Haus Kopernikus sowie von ihr durchgeführte Zeitzeugenbefragungen berichtete.

Ein besonders bewegender Programmpunkt war die Begegnung mit der 95-jährigen Zeitzeugin Herta Mahlo, die aufgrund der weiten Anreise online zugeschaltet wurde. Sie berichtete von Vertreibung und mehreren Jahren Zwangsarbeit in sowjetisch-polnischer Gefangenschaft. Gleichzeitig schilderte sie ihren späteren Weg zur deutsch-polnischen Verständigung. Nach Begegnungen in ihrer früheren Heimat lernte sie Polnisch und engagierte sich über Jahrzehnte für den Dialog zwischen Deutschen und Polen sowie zwischen den Generationen. Ihr Lebensweg zeigte eindrucksvoll, dass die Erinnerung an erlittenes Unrecht und das Bemühen um Verständigung keine Gegensätze sein müssen.

Bei der anschließenden Vorstellungsrunde zeigte sich die große Vielfalt der Herkunftsgeschichten unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Familiäre Wurzeln lagen unter anderem in Ost- und Westpreußen, Schlesien, dem Sudetenland, Kroatien, bei den Deutschen aus Russland sowie bei Banater Schwaben und Donauschwaben.

Der Samstag begann mit einem sehr persönlichen Vortrag von Heidrun Ratza-Potrÿkus. Auf Grundlage von Aufzeichnungen ihrer Mutter und zahlreicher Gespräche mit ihr zeichnete sie die Geschichte ihrer Familie in Westpreußen, den Verlust der Heimat und den späteren Neubeginn nach. Ihr Beitrag zeigte beispielhaft, wie wichtig familiäre Überlieferungen sind. 

Mit grundlegenden Fragen moderner Erinnerungsarbeit beschäftigte sich anschließend Dr. Swantje Volkmann, Kulturreferentin für den Donauraum am Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm. Ihr Vortrag „Ohne Erinnerung keine Gegenwart – Erinnerungskultur und Verständigung im Donauraum“ fragte unter anderem danach, was Erinnerungskultur bedeutet, warum sie notwendig ist, welche Rolle Zeitzeuginnen und Zeitzeugen spielen, wie Technologie unser Erinnern beeinflusst und wie Traditionen weitergegeben werden können, wenn die Gesellschaft, in der sie entstanden sind, nicht mehr existiert.

Der biografische Vortrag von Siegrun Jäger über das Leben im Banat der 1980er-Jahre. Sie berichtete von ihrer Studienzeit, ihrer ersten Lehramtsstelle, von Lebensmittelkarten und von der ständigen Überwachung durch die rumänische Staatssicherheit Securitate und dem missglückten Fluchtversuch am 15. Dezember 1989.

Am Samstagnachmittag wurde die Erinnerungsarbeit in drei Workshops praktisch weitergeführt. Thomas Dapper, Autor und Filmemacher, widmete sich der Frage „Erinnerung vermitteln – wie spreche ich mit jungen Menschen?“. Dr. Maria Werthan, Ehrenpräsidentin des Frauenverbandes im BdV, stellte unter dem Thema „Frauen als Trägerinnen von Erinnerung“ Biografiearbeit und Erzählcafé in den Mittelpunkt. Emily Steinmeister, Referentin für strategische Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Bund der Vertriebenen, arbeitete mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern daran, wie der Frauenverband sichtbarer gemacht und seine Erinnerungsarbeit zeitgemäß nach außen vermittelt werden kann.
Am Abend wurden die Ergebnisse gemeinsam vorgestellt und diskutiert. Anschließend klang der Tag in geselliger Runde aus. 

Der Sonntag rückte nochmals die europäische Dimension der Erinnerungsarbeit in den Mittelpunkt. Unter dem Titel „Verlorene Heimat, gemeinsame Zukunft – grenzüberschreitende Erinnerungskultur und Völkerverständigung in Europa“ berichteten Sergiu-Petru Dema, Direktor des Kulturhauses Hatzfeld/Jimbolia in Rumänien, und der Historiker, Kulturvermittler und Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft Hatzfeld Walter Tonța über die heutige Erinnerungs-, Museums- und Kulturarbeit in Hatzfeld im Banat. Beide machten deutlich, wie aus ehemals getrennten Erinnerungsgeschichten eine gemeinsame europäische Erinnerungsarbeit entstehen kann. Frühere deutsche Heimatorte sind heute Heimat anderer Menschen. Kirchen, Friedhöfe, Museen, Archive, Gedenkhäuser und historische Gebäude können dennoch zu gemeinsamen Erinnerungsorten werden. Der gemeinsame Vortrag machte deutlich: Europäische Verständigung bedeutet nicht, unterschiedliche historische Erfahrungen einzuebnen. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, auch die Erinnerungen des anderen anzuhören und Geschichte gemeinsam zu betrachten. Orte, die lange mit Verlust, Trennung und Vertreibung verbunden waren, können dadurch zu Orten der Begegnung und Verständigung werden.

Die drei Tage im Heiligenhof zeigten zugleich, warum die Arbeit des Frauenverbandes im Bund der Vertriebenen auch heute wichtig und notwendig ist. Viele Lebensgeschichten und Lebensleistungen von Frauen drohen verloren zu gehen, wenn sie nicht dokumentiert, erzählt und weitergegeben werden. Gleichzeitig befinden wir uns in einem Generationswechsel: Die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wird kleiner, während jüngere Generationen andere Zugänge zur Geschichte benötigen.
Genau hier liegt eine zentrale Aufgabe des Frauenverbandes. Er gibt Frauen und ihren Erfahrungen eine Stimme, bewahrt persönliche Erinnerungen, bringt Generationen miteinander ins Gespräch und schafft Räume für Begegnung. Er verbindet Frauenbiografien, Erinnerungsarbeit, politische Bildung, gesellschaftlichen Dialog und europäische Verständigung.

Ein herzliches Dankeschön gilt allen Referentinnen und Referenten, allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, den Verantwortlichen des Heiligenhofs sowie allen, die mit ihren persönlichen Geschichten, ihren Erfahrungen, ihren Fragen und ihrem offenen Austausch zum Gelingen dieser besonderen Begegnungstagung beigetragen haben. Ein besonderer Dank gilt Dr. Petra Loibl für ihren persönlichen Einsatz und ihr großes Engagement für das Zustandekommen der Förderung dieser Tagung.