Unter dem Motto „Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa“ fand am 5. September in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt in Berlin der zentrale Festakt des Bundes der Vertriebenen zum Tag der Heimat statt. Festredner war Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, der Vertriebenenminister, wie er selbst bekundete, und dessen Ministerium eine wichtige Funktion bei der Förderung der Arbeit der Vertriebenenverbände erfüllt. Hier ist der Bundesbeauftragte für Aussiedler und nationale Minderheiten angesiedelt, die Förderung der Kulturarbeit der Vertriebenen durch den Bund gemäß Paragraf 96, die Förderung verständigungspolitischer Maßnahmen oder die Institutionelle Förderung des Dachverbandes der Vertriebenen und Aussiedler, des Bundes der Vertriebenen. Neben Dobrindt sprachen noch Michael Kretschmer, der Ministerpräsident von Sachsen und der Präsident des Bundes der Vertriebenen, der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer.
Unter den Gästen befanden sich der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen Dr. Bernd Fabritius, die Aussiedlerbeauftragten von Hessen Andreas Hofmeister, von Sachsen Dr. Jens Baumann, und Berlin Walter Gauks, ebenso die Botschafterin Rumäniens in Berlin Adriana Stănescu, der Botschafter Tschechiens Jiří Čistecký, Vertreter ostdeutscher Bildungs- und Forschungseinrichtungen.
Wie ein roter Faden zogen sich durch alle Ansprachen das Gedenken an die Opfer von Flucht und Vertreibung, in diesem Jahr festgemacht an den Jahrestagen des Erlasses von Stalin zur Deportation der Russlanddeutschen aus ihren angestammten Siedlungsgebieten nach Sibirien und Zentralasien sowie der organisierten Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Aber, immer stärker tritt nach dem Abtreten der Erlebnisgeneration der Umgang mit dem historischen Erbe der Deutschen in den Vordergrund.
Wer tritt das Erbe an, wie wird es eingesetzt, was bewirkt es, dort wo es entstanden ist, dort wo es mitgebracht wurde? Diese direkt oder indirekt angesprochenen Fragen werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten sicher eine immer größere Rolle spielen und was sich heute bereits zeigt: Dort, wo es erworben und gepflegt wird, beschert es den Menschen, der Region und den jeweiligen Ländern nur Gewinn. „Unser Kulturgut bewahren heißt nicht, Grenzen zu ziehen. Es heißt, Brücken zu bauen – zwischen Generationen, zwischen alter und neuer Heimat, zu unseren europäischen Nachbarn.“ Mayer sieht darin eine „bleibende Aufgabe“ des Bundes der Vertriebenen und der Landsmannschaften. In der Bundesregierung hat er darin einen verlässlichen Partner, wenn es darum geht, „kulturelle Identität und Sprache zu erhalten, politisch sichtbar zu sein, Interessen zu vertreten und die Zukunft zu sichern.“ Der Bundesinnenminister sagte, dass es wichtig sei, an die Schrecken vor 85 oder 80 Jahren zu erinnern. Jedoch nicht, „um an Schuld zu erinnern, sondern um der Versöhnung ein Denkmal zu setzen. Erinnerung heißt Verantwortung und Vertrauen für Gegenwart und Zukunft.“ Mehrmals sprach Dobrindt das Pfingsttreffen der Sudetendeutschen in Brünn an, an dem er teilgenommen hatte. Es habe einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen. Auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, selbst mit schlesischen Vorfahren, zeichnete in seinem sehr persönlich gehaltenen Grußwort nach, wie die Vertriebenen in Sachsen erst nach der Wende über ihr persönliches Schicksal wieder offen reden konnten und wie wichtig die Arbeit des nach der Wende aufgebauten Schlesischen Museums zu Görlitz sei.
In einer Podiumsdiskussion, souverän vom FAZ-Redakteur Dr. Reinhard Müller moderiert, zeigten die russlanddeutsche Publizistin Ira Peter, die Vorsitzende der Sudetendeutschen Jugend Stefanie Kilian, Ministerpräsident Michael Kretschmer und der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten Benjamin Józsa, dass ein Miteinander der deutschen Minderheiten, ein Miteinander mit der Bevölkerung vor Ort möglich und fruchtbar sei, dass in der jungen und mittleren Generation wenig Wissen über die Geschichte der Deutschen im Osten vorhanden sei, dass die Schulen auf diesem Gebiet mehr vermitteln sollten. Józsa brachte sogar das Beispiel einer deutschen Außenministerin, die einen Landesvorsitzenden der deutschen Minderheit gefragt hatte, ob sie sich denn auf Deutsch unterhalten könnten. Er hatte die Lacher auf seiner Seite, aber die Sache ist zum Heulen.
Das Geistliche Wort und das Gedenken an die Opfer sprach in eindringlichen Worten die Bevollmächtigte der Evangelischen Kirche Deutschland beim Bund und der EU, Prälatin Dr. Anne Gidion. Die musikalische Umrahmung der Feier oblag den Potsdamer Turmbläser unter der Leitung von Stephan Rudoph, die dafür Stücke und Bearbeitungen ostdeutscher Komponisten ausgewählt hatten.
Den Abschluss des Festaktes bildete die Kranzniederlegung an der Ewigen Flamme am Theodor-Heuss-Platz in Berlin. Das Mahnmal, 1955 auf Initiative der Landsmannschaften der deutschen Heimatvertriebenen errichtet, besteht aus einem Kunststeinquader mit einer eisernen Opferschale, in der die Flamme brennt. Es trägt die Inschrift „Nie wieder Vertreibung!“ Neben den Kränzen des Bundespräsidenten, des Bundeskanzlers und der Ministerpräsidenten vieler Bundesländer wurde auch der Kranz der Landsmannschaft der Banater Schwaben von den anwesenden Vertretern unseres Verbandes niedergelegt.
An die Opfer Flucht und Vertreibung erinnerten in eindrucksvollen Worten der Ansprechpartner für Vertriebenen und Aussiedler in Berlin, Walter Gauks, selbst ein russlanddeutscher Aussiedler, und BdV-Präsident Stephan Mayer. „Es war eine würdige Veranstaltung“, lautete sein Fazit. „mit einer Abbildung der Breite und Tiefe des Wirkens der Verbände der Landsmannschaften, des BdV, aber auch der vielen Kulturwerke, Museen und ostdeutschen Forschungseinrichtungen, der hauptamtlichen und vielen ehrenamtlichen Aktiven.“
In den Medien wird oft der Begriff der „Erzählung“ für meinungsbestimmende Themen in und für die Öffentlichkeit verwendet. Der diesjährige Tag der Heimat hat gezeigt, dass aus der Gruppe der Vertriebenen, der Aussiedler und Spätaussiedler in den kommenden Jahren noch viele und vor allem neue „Erzählungen“ kommen werden, die neue Zuhörer finden. Den Stoff werden wir noch lange liefern können, auch das ist an diesem Tag in Berlin klar geworden.











