Martin Ansbacher, Oberbürgermeister der Patenstadt Ulm:
Heimat ist nicht allein ein Ort
Ich begrüße Sie alle sehr herzlich hier in Ulm – auch im Namen der Stadt und ganz persönlich. Es ist einfach eine große Freude, unsere Freunde, die Banater Schwaben, wieder hier willkommen zu heißen. Wir fühlen uns eng mit Ihnen verbunden, denn die Geschichte der Banater Schwaben ist eng mit unserer Stadt verbunden. Eine Verbindung und Freundschaft, die für uns und für mich persönlich eine wichtige Verantwortung darstellt, die auch in Zukunft mit Leben erfüllt und weiterentwickelt werden soll. Freundschaften leben vom gemeinsamen Geist der Vergangenheit, dem Leben im Hier und Jetzt, aber vor allem vom Geist einer gemeinsamen Zukunft. Und das erleben wir in Ulm.
Pfingsten in Ulm – das ist längst mehr als ein Termin im Kalender. Es ist Begegnung. Es ist Erinnerung. Es ist ein Wiedersehen über Generationen und Grenzen hinweg. Und es ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Heimat nicht allein ein Ort ist. Heimat lebt dort, wo Menschen einander verbunden bleiben.
Seit Jahrzehnten kommen die Banater Schwaben an Pfingsten nach Ulm. Viele Tausend Menschen haben in dieser Zeit den Weg an die Donau gefunden. Manche reisen von weit her an. Andere leben längst hier in Deutschland. Wieder andere tragen die Erinnerung an das Banat vor allem in Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern weiter. Und doch verbindet sie etwas Gemeinsames: das Bewusstsein einer gemeinsamen Geschichte und einer gemeinsamen kulturellen Tradition.
Dass dieser Heimattag seit so vielen Jahren mit Ulm verbunden ist, erfüllt unsere Stadt mit Dankbarkeit – und auch mit Stolz. Denn Ulm steht wie kaum ein anderer Ort für den Beginn jener Wege entlang der Donau, die viele Ihrer Vorfahren einst auf sich genommen haben. Von hier brachen Menschen auf in eine ungewisse Zukunft. Sie verließen Vertrautes, suchten Sicherheit, Hoffnung, neue Perspektiven. Diese Geschichte gehört nicht nur zur Geschichte der Banater Schwaben. Sie gehört auch zur Geschichte Europas. Und vielleicht verstehen wir gerade heute wieder besser, was es bedeutet, aufzubrechen, Grenzen zu überschreiten, Heimat zu verlieren oder neu zu finden.
Das Motto Ihres Heimattage lautet in diesem Jahr: „Heimat im Herzen – Zukunft prägen“. Ich finde: In diesen wenigen Worten steckt viel von dem, was unsere Zeit braucht.
„Heimat im Herzen“ – das bedeutet, die eigene Herkunft nicht zu vergessen. Sich der Sprache, der Kultur, der Traditionen bewusst zu bleiben. Erinnerung weiterzugeben. Gerade auch an jüngere Generationen. Aber Heimat darf niemals rückwärtsgewandt sein. Heimat ist kein Ort der Abschottung. Heimat ist dort stark, wo sie offen bleibt für Neues, wo sie Menschen verbindet, statt trennt. Und deshalb ist der zweite Teil Ihres Mottos so wichtig: „Zukunft prägen“.
Zukunft entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen. Wo sie sich einbringen. Wo sie Kultur lebendig halten. Wo sie Gemeinschaft nicht nur verwalten, sondern gestalten.
Das erleben wir bei den Banater Schwaben seit vielen Jahren in beeindruckender Weise: im kulturellen Leben, in den Trachtengruppen, in den Heimatortsgemeinschaften, in der Jugendarbeit, in der Erinnerungsarbeit, in den Begegnungen zwischen den Generationen und über Ländergrenzen hinweg.
Gerade darin liegt eine große europäische Erfahrung. Denn die Geschichte der Banater Schwaben erzählt nicht von Abschottung, sondern von Austausch. Nicht von Einfalt, sondern von Vielfalt. Sie erzählt davon, wie Menschen verschiedener Sprachen, Religionen und Kulturen über lange Zeiträume miteinander gelebt haben – nicht konfliktfrei, aber doch im Bewusstsein einer gemeinsamen Verantwortung.
Wir erleben gegenwärtig eine Zeit großer geopolitischer Spannungen. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt. Nationalistische Töne werden lauter. Mancherorts erleben wir erneut Versuche, Menschen gegeneinander auszuspielen – nach Herkunft, Sprache oder Identität.
Gerade deshalb brauchen wir heute mehr denn je ein starkes und geeintes Europa. Ein Europa, das seine Vielfalt nicht als Bedrohung versteht, sondern als Stärke. Ein Europa, das aus seiner Geschichte gelernt hat. Und ein Europa, das weiß: Frieden, Freiheit und Demokratie sind niemals selbstverständlich.
Die Geschichte der Banater Schwaben mahnt uns dazu. Sie erinnert uns daran, wohin Ausgrenzung, Nationalismus und ideologische Verblendung führen können. Aber sie zeigt uns auch etwas anderes: Wieviel Kraft in Versöhnung, Verständigung und im Neubeginn liegen kann.
Deshalb sind Heimattage wie dieser weit mehr als kulturelle Traditionspflege. Sie sind Orte der Begegnung. Orte des Zuhörens. Orte europäischer Verständigung. Und vielleicht brauchen wir genau solche Orte heute besonders dringend.
Die Stadt Ulm fühlt sich dieser gemeinsamen Geschichte weiterhin eng verbunden. Das zeigen das Donauschwäbisches Zentralmuseum, das Internationale Donaufest - das wir in diesem Jahr bereits zum 14. Mal veranstalten dürfen – oder die vielfältigen Beziehungen entlang der Donau. Sie alle stehen für die Überzeugung, dass Erinnerung und Zukunft zusammengehören.
Ich danke allen, die diesen Heimattag vorbereitet haben. Den vielen Ehrenamtlichen. Den Organisatorinnen und Organisatoren. Den Musikerinnen und Musikern, den Tanzgruppen, den Jugendverbänden und allen Mitwirkenden. Und ich danke Ihnen allen, dass Sie diesen besonderen Geist des Miteinanders lebendig halten und diesen Geist in einer Stadt feiern, die für diesen Geist steht.
Mit großer Freude habe ich gehört, dass Sie uns nach Temeswar und in das Banat eingeladen haben. Diese Einladung nehme ich sehr gerne an, um die Freundschaft und die enge Verbundenheit mit den Banater Schwaben weiter zu vertiefen. Den Bürgermeister von Temeswar, Herrn Dominic Fritz, habe ich bereits bei einigen europäischen (Ober-) Bürgermeistertreffen persönlich kennen lernen dürfen, erst auch vor zwei Tagen. Auch mit ihm und der Stadt Temeswar pflegen wir enge Beziehungen. Also sind alle Weichen für eine gute gemeinsame, europäische Zukunft richtig gestellt.
Ich wünsche Ihnen frohe, bereichernde und herzliche Tage hier in Ulm. Und ich hoffe sehr, dass auch künftig gilt: An Pfingsten sieht man sich in Ulm!
Benjamin Neurohr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat:
Gemeinschaft bedeutet, einander beistehen
Ich freue mich, heute in Ulm zu sein, in dieser schönen Stadt, die so bedeutend für unsere Geschichte ist und für unser Selbstverständnis. Ich habe leider keine Verwandten in Ulm, aber meine Frau und ich haben gute Freunde in Stuttgart. Weiter ostwärts in Neutraubling bei Regensburg lebt mein Bruder. Unsere Trauzeugen leben in München. Mein bester Freund und Taufpate meiner Tochter lebt in Landshut. Und mein Schwager samt Schwägerin wohnen neben Bayreuth. Ich selbst wohne in Temeswar. Ein Bruder lebt in Sacklas und meine Eltern in Neusentesch.
Vor Jahren, als mein Bruder der Arbeit wegen nach Straubing umgezogen ist, musste er operiert werden. Und weil ein Malheur nie allein kommt, hat ihn kurz davor auch noch seine Frau verlassen. Weil er in Straubing noch niemanden kannte, sind meine Frau und ich aus Temeswar angereist, haben bei ihm gewohnt, haben ihn ins Krankenhaus gefahren, haben als seine Angehörigen die Formulare unterschrieben, haben meinen Bruder im Krankenhaus besucht und ihn nach Hause gefahren, als er entlassen wurde. Denn das tut man, wenn man zusammengehört. Ich erzähle Ihnen bestimmt nichts Unbekanntes. Viele von Ihnen haben Ähnliches für ihre Familienangehörigen getan oder Ähnliches erlebt.
Ähnlich wie unsere Familien ist auch unsere Gemeinschaft verteilt. Manche Schwowe leben noch im Banat. Viele Schwowe leben in Deutschland. Weitere Schwowe leben in Österreich, Frankreich, Brasilien und an anderen Orten dieser Welt.
Unsere Gemeinschaft im Banat ist in den letzten 35 Jahren stark geschrumpft. Erst im April mussten wir überraschend den schmerzhaften Verlust von Adam Csonti aus Billed verkraften, einer der verdienstvollsten Mitstreiter, die wir hatten. Ich bin stolz darauf, dass wir alle Institutionen, die wir Anfang der 90-er Jahre gegründet haben, bewahren konnten. Das geht nur mit dem vermehrten Einsatz aller Aktiven. Das heißt, jeder von uns tut mehr als davor. Unser Wort hat innerhalb der Gesellschaft, in der wir leben, ein größeres Gewicht, als es unsere Zahlen vermuten lassen würden.
Auch hier in Deutschland schrumpft unsere Gemeinschaft. Das sind die typischen Herausforderungen von Gemeinschaften, die in viel größeren Gesellschaften eingebettet leben. Wie wollen wir als Gemeinschaft mit diesen Herausforderungen umgehen? Wie wollen wir unsere „Zukunft prägen“? Ich schlage vor, dass wir es so tun, wie wir es in unseren Familien tun. Dass wir uns bei Not beistehen, egal ob drüben oder hüben. Und dass wir unsere Feste zusammen feiern. Denn das tut man, wenn man zusammengehört.
Und ich kann Ihnen versichern, dass es seitens des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat diese Bereitschaft geben wird. Den guten Willen und die Kreativität, um mit den Herausforderungen unserer Zeit auszukommen. Die Beharrlichkeit und die Geduld. Denn Geduld müssen wir alle mitbringen, wenn es um die Einhaltung bürokratischer und gesetzlicher Bestimmungen geht.
Apropos Feste feiern: Ich bin heute nicht allein angereist. Mit dabei ist mein Stellvertreter Erwin Josef Țigla, der Vertreter der Berglanddeutschen im Banat. Dabei ist auch die neue Vorsitzende des Temeswarer Forums Beatrix Ferencz-Gross, die mit ihrer Familie angereist ist. Anwesend ist auch das Banater Vorstandsmitglied Claudiu Sergiu Călin, im Hauptberuf Archivar der römisch-katholischen Diözese Temeswar. Zu unserer Delegation gehören auch die Geschäftsführerin des Arader Forums Adelheid Simon, der Pfarrer aus Lippa Ioan Cădărean sowie Ferdinand Deak mit Ehefrau. Herr Deak bereitet sich gerade vor, die Geschäftsführung der Adam Müller-Guttenbrunn- Stiftung von Herrn Weinschrott zu übernehmen. Und unsere Tanzgruppe aus Neu-Arad ist auch hier, zusammen mit den Arader Vorstandsmitgliedern Lolita Mallinger, Andreas Simon und Johann Füszfa.
Zum Schluss will ich noch eine Lanze brechen für die Welt, in der wir leben und die gerade unter Beschuss steht. Ich bin zu jung, um die direkten Folgen des Zweiten Weltkriegs erlebt zu haben. Aber ich habe sehr wohl die indirekten Folgen erlebt. Ich weiß, wie schwer oder gar unmöglich es war, vor 1989 nach Deutschland auszuwandern. Ich weiß, wie schwer oder gar unmöglich es war, vor 1989 Freunde und Familie in Deutschland zu besuchen. Ich habe auch die 90-er Jahre noch gut in Erinnerung. Wie schwer und abenteuerlich es war, ein Visum zu bekommen und nach Deutschland zu reisen, wie viele Grenzen man passieren musste. Und wie war heuer meine Reise nach Ulm? Ich bin einfach in den Flieger gestiegen und kaum einer wollte meinen Ausweis sehen. Wenn wir noch dazurechnen, dass manche unserer Landsleute mittlerweile einen Teil des Jahres in Deutschland leben und einen Teil des Jahres im Banat, dann sollten wir erkennen, was wir an unserer heutigen Welt haben. Und ich sage, wir sollten alles tun, was wir können, damit es nicht wieder so wird, wie es mal war.










