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Eine donauschwäbische Erfolgsgeschichte - Vortrag zum 75. Jubiläum der Siedlung Entre Rios in Brasilien

Gerhard Temari (2. v. li.) mit dem ehemaligen Präsidenten des Weltdachverbandes Stefan Ihas und dem Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft der Banater Schwaben Peter-Dietmar Leber Foto: K. Bohnenschuh

Bekanntlich reisen die Besucher des Heimattags von überall auf der Welt an, regelmäßig auch aus der donauschwäbischen Kolonie Entre Rios in Brasilien. Diesmal kam der 83-jährige Gerhard Temari mit seiner Tochter Dorothea und hielt anlässlich des 75. Jubiläums der Ansiedlung in Brasilien einen Vortrag über deren Erfolgsgeschichte. Dieser stieß auf reges Interesse: Der Vortragsraum war nicht nur bis auf den letzten Platz besetzt, viele Zuhörer mussten sich sogar mit Stehplätzen begnügen.
Den Vortrag begann Gerhard Temari mit seiner Familiengeschichte, die eng mit dem Schicksal der Banater Schwaben nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch mit der Gründung und Entwicklung der Ansiedlung in Brasilien, verknüpft ist. Er wurde am 21. Dezember 1943 in Perjamosch geboren, als dritter von vier Söhnen des Ehepaares Jakob Temari (geb. 1908 in Temeswar) und Elisabeth Temari, geborene Szenaschi (geb. 1912 in Petschka). Sein Vater kam als Schuhmacher nach Perjamosch und legte dort die Meisterprüfung ab. 1943 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Wie viele Perjamoscher flüchtete auch seine Mutter im Herbst 1944 mit den Söhnen Josef, Georg und Gerhard, der damals neun Monate alt war, nach Österreich. Dankbar erzählte er von der Ankunft und freundlichen Aufnahme in Sankt Martin in Ried im Innkreis, wo sie „verlaust, verdreckt und halb verhungert“ ankamen. Dort fand sie der Vater nach seiner Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft. Aufgrund seiner handwerklichen Fähigkeiten als Schuhmacher fand der Vater Arbeit. In Österreich wurde Gerhard eingeschult und besuchte die zweite Klasse, als die Schweizer Europahilfe (SEH) ein Projekt startete, um aus ihrer Heimat vertriebene Donauschwaben, – die vorwiegend in Österreich lebten – in Brasilien anzusiedeln. 

Der in der Wojwodina geborene Diplomlandwirt Michael Moor, einer der führenden Köpfe des Projekts, fuhr 1949 zusammen mit dem Flüchtlingsseelsorger Pater Josef Stefan nach Brasilien und fand geeignetes Land in Entre Rios in Paraná im Süden Brasiliens. Der vorgelegte Organisationsplan wurde von der Regierung Brasiliens akzeptiert. Mit dem von der SEH zur Verfügung gestellten Geld wurden 22000 Hektar Weiden und Wald von den dortigen Großgrundbesitzern abgekauft. 
Von den mehr als 1600 Familien, die sich angemeldet hatten, wurden 500 ausgewählt – 400 Bauernfamilien aber auch 100 Handwerkerfamilien, da man für die Errichtung der Siedlung auch Handwerker brauchte: „den Baumeister, den Zimmermann, den Schmied, den Wagner, den Mechaniker, aber auch den Schuster, den Schneider und den Metzger.“ Bevorzugt wurden größere Familien und auch ältere Menschen, die dazu gehörten, wurden akzeptiert, während Personen, die an politischen oder Kriegsverbrechen beteiligt waren, nicht zugelassen wurden. Da Gerhard Temaris Vater Jakob Temari Schuhmachermeister war, wurde er als Handwerker ausgewählt. 
Am 5. Mai 1951 wurde die Genossenschaft Agrária in der Munizipalstadt Guarapuava in Brasilien gegründet und im Juni 1951 betraten die ersten Siedler unter Schweizer Reisebegleitung das Gebiet von Entre Rios. Der aus 222 Personen bestehende Pioniertrupp setzte sich aus Handwerkern, Arbeitern, einem Pfarrer, Bauern und dem Leitungspersonal zusammen. Sie kamen mit dem ersten der sieben Schiffe, die von Juni 1951 bis Februar 1952 die Donauschwaben von Genua in den Hafen Santos in Brasilien brachten. Von dort ging es per Eisenbahn weiter nach Entre Rios. Familie Temari war im siebten Transport. Der Vater arbeitete als Schuhmacher, Gerhard Temari besuchte die Schule bis zur vierten Klasse. Da es keine weiterführende Schule gab, begann er eine Schuhmacherlehre in der Werkstatt seines Vaters. Mit 14 wurde er Bürogehilfe, später Buchhaltungsassistent bei der Genossenschaft Agrária. Im Alter von 18 Jahren wechselte er als Assistent in ein bekanntes Buchhaltungsbüro in Guarapuava. Fünf Jahre später übernahm er dessen neu eröffnete Niederlassung in Entre Rios, um sich dann – nachdem er den Sekundarstufenabschluss nachgeholt und den Abschluss als Buchhaltungstechniker absolviert hatte – selbständig zu machen. Das Buchhalterbüro betrieb er 50 Jahre lang. 

Neben seiner Arbeit als Buchhalter schuf er sich mit dem Kauf eines Bauernhofs und dem Aufbau eines landwirtschaftlichen Betriebs ein zweites Standbein. Im Laufe der Jahre übernahm er eine ganze Reihe von Aufgaben und Funktionen in der Genossenschaft Agrária: als Vorsitzender des Aufsichtsrates und fünf Jahre lang als Vizepräsident und in zahlreichen Ehrenämtern für die Gemeinschaft. Auch privat fand Gerhard Temari Erfüllung: Er gründete eine Familie und bekam zwei Töchter. Dorothea, die ihn zum Heimattag begleitet hat, ist Betriebswirtin und in der Modebranche tätig, Tochter Silvia ist Deutschlehrerin.; Sein Enkel Lukas ist Agrar-Ingenieur und Enkelin Paula hat Außenhandel studiert. Nach seiner Verrentung schrieb Temari ein Buch über die Handwerker von Entre Rios. (s. BP Nr. 9 vom 5. Mai 2023)

Parallel zu seiner persönlichen Familiengeschichte entrollte der Vortragende die Geschichte der Ansiedlung. Sie fußte von ihrer Gründung an auf dem Genossenschaftssystem und das – so das Fazit von Gerhard Temari nach 75 Jahren – mit viel Erfolg. Es gelang den Siedlern, den nie zuvor landwirtschaftlich intensiv genutzten Steppenboden der Campos im Interior von Paraná in eine Kulturlandschaft und ein Ackerbaugebiet umzuwandeln – sogar so ertragreich, dass er zu einer bedeutenden Kornkammer für ganz Brasilien wurde. Das Land wurde deshalb ausgesucht, weil die Klimaverhältnisse ähnlich waren wie in der Heimat: zwar kein so harter Winter, aber definierte Jahreszeiten und regelmäßige Niederschläge. Auch die Landschaft erinnerte an Rumänien und Jugoslawien. 

Als die ersten Siedler ankamen, hatten sie nichts weiter als ihr Gepäck und die Hoffnung, eine neue Heimat zu finden. Sie wohnten anfänglich in Gemeinschaftsbaracken. Verpflegt wurden sie gemeinsam an großen Tischen und „Jeden Tag“ – so erzählte es Temari mit einem Lächeln – „gab es Gulasch. Jeden Tag.“ Er betonte, dass die Frauen immer mitgearbeitet haben –  sei es im Sägewerk oder auf den Feldern, auch bei den schwersten Arbeiten.

Als erstes mussten Häuser gebaut werden. Dazu brauchte man Holz. Aus den umliegenden Pinienwäldern, den Pinheiros, wurden Bäume gefällt, eine für die Savanne von Paraná typische Baumart, die Araukarie. Ein Sägewerk wurde errichtet. Die ersten Holzhäuser hatten 40 Quadratmeter. Das mit Unterstützung der Schweizer Europahilfe und mit aufgenommenen Krediten gekaufte Land wurde an die Siedler verteilt, die es Jahre hindurch abzahlten. Jede Familie bekam von der Genossenschaft für ihr Haus einen halben Hektar zugewiesen, dazu einen ganzen als Druschplatz am Dorfrand, ferner pro Familienoberhaupt 15 Hektar Campland und vier Hektar Wald zur Brennholznutzung. Nach dem Bezug der Wohnhäuser fertigten die Siedler sofort kleine Hühner-­ und Schweineställe an und pflanzten Obstbäume und Reben. Die Frauen legten Gemüsegärten an und schmückten den Hof mit Blumen und Sträuchern. In den Hauptstraßen wurden schnellwachsende Eukalyptusbäume angepflanzt. Auf den Feldern, die erst urbar gemacht werden mussten, wurde am Anfang mit Pferden, später mit Traktoren gearbeitet. 

Die fünf Dörfer wurden in Ellipsenform angelegt, wobei die Entfernung von Dorf zu Dorf drei bis fünf Kilometer beträgt. Benannt wurden die Dörfer nach den alten Flurnamen: das Hauptdorf Vitória (Sieg), das zweite Dorf Jordãozinho (kleines Flüsschen), das dritte Cachoeira (Wasserfall), das vierte Socorro (Hilfe), das fünfte Samambaia (Farnkraut). Aufgrund der Reihenfolge des Eintreffens der Flüchtlingsgruppen und des Gründungsdatums der einzelnen Dörfer bezeichnen die deutschsprachigen Einwohner auch heute noch die Dörfer als das „erste“, „zweite“ oder „dritte“ usw. Dorf.
Nur durch konsequente Gemeinschaftsarbeit konnte die Anlage von Straßen, die Errichtung von 500 Wohngebäuden, für jedes Dorf eine Schule und eine Kirche, von Läden, Magazinen, Gemeinschaftsbauten und eines Sägewerks bewältigt werden.

Die Unwägbarkeiten und Schwierigkeiten des Neuanfangs setzten den Siedlern zu. Die Ernteerfolge blieben zunächst aus, da der Aufwand für die Umwandlung von Weide- in Ackerland unterschätzt wurde. Es fehlten die Kenntnis der Boden- und Klimaverhältnisse und die Erfahrung. Es fehlten die geeigneten Maschinen und das für das Klima geeignete Saatgut. 
So kam es dazu, dass in den ersten 10 Jahren gut die Hälfte der Siedler entweder zur Arbeit in die brasilianischen Städte zogen oder nach Europa, meist nach Deutschland, zurückgewandert sind. Die Mädchen wurden oft in die brasilianischen Großstädte zur Hausarbeit geschickt, um ihre Familien zu unterstützen.

Erst nach und nach besserten sich die Ernten. Die entscheidende Wende trat in Entre Rios zu dem Zeitpunkt ein, als 1966 der damals 29­-jährige Mathias Leh die Führung der Agrária übernahm. Mit ihm kam eine jüngere, dynamische Generation an die Leitung der Genossenschaft und die Verwaltung der fünf Dörfer, die mit den brasilianischen Gegebenheiten und der Landessprache, dem brasilianischen Portugiesisch, schon bestens vertraut war. Der junge Vorsitzende stärkte die Cooperativa, beschaffte außerhalb des Siedlungsgebietes Neuland und führte eine innere Landreform durch, die in Brasilien und darüber hinaus Beachtung fand. 28 Jahre lang leitete er die Geschicke der Genossenschaft, nach und nach zogen Aufschwung und Prosperität ein. 
Heute ist die Genossenschaft eine der größten Produzenten von Weizen, Gerste, Soja, und Reis. Eine der weltgrößten Mälzereien verarbeitet die Gerste, sie gilt heute als die größte Mälzerei Lateinamerikas. Außerdem verfügt Agrária über Mühlen für Mehl, Kleie, Öl, Gries und Flocken, eine Futtermittelfabrik und eigene Wasserkraftwerke. Auch beherrscht die Genossenschaft alle Schritte von der genetischen Forschung über die Produktion von Saatgut bis zur Ernte, Einlagerung und Aufbereitung für Erzeugnisse in hoher Qualität.

Neben den wirtschaftlichen Erfolgen investiert die Genossenschaft auch ins Sozialwesen, sie unterstützt finanziell ein modernes Krankenhaus, das die medizinische Betreuung der gesamten Bevölkerung im Einzugsbereich der Gemeinde Entre Rios gewährleistet, und seit Neuem auch ein Pflegeheim für die älteren Siedlerinnen und Siedler. 

Die Donauschwäbisch-Brasilianische Kulturstiftung ist bemüht, die Geschichte der Siedler und ihrer Vorfahren aufrechtzuerhalten, die Bräuche, den donauschwäbischen Dialekt und die deutsche Sprache zu bewahren, sich aber auch in die brasilianische Kultur zu integrieren. Ein geräumiges Kulturzentrum bietet Proberäume für die Musik-, Tanz-, Gesangs- und Theatergruppen, die sich aus Donauschwaben und ihren Nachkommen aller Altersgruppen zusammensetzen und die durch ihre Auftritte mit einem bunten Programm auch in Europa Bekanntheit erworben haben. Sie sind es, die die donauschwäbische Identität außerhalb der Siedlung zum Ausdruck bringen und bekanntmachen.
Zu  diesem kulturellen Zentrum gehören das Heimatmuseum, der lokale Radiosender mit den deutschsprachigen Tagesprogrammen, die Zeitschrift „Entre Rios“, die in Deutsch und im donauschwäbischen Dialekt verfasst wird, und das Jugendcenter, das den Jugendlichen und der gesamten Gemeinde einen Ort zur Unterhaltung und zur Bewahrung der Kultur bietet.

Derzeit hat die Genossenschaft 700 Mitglieder und 2000 Angestellte. In den Dörfern wohnen ca. 3500 Personen, die zu den Donauschwaben zählen, im Distrikt Entre Rios leben insgesamt 12000 Personen.
Nach dem Ende des Vortrags gab es Gelegenheit zu Fragen und Anmerkungen, von der viele der Anwesenden fleißig Gebrauch machten.