Dieses Jahr darf das Motto unseres Treffens hier an der Donau drei Substantive und ein Verb zusammenbringen: die Heimat, das Herz und die Zukunft bzw. gestalten. Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der in seinem Leben diese Worte nicht bewusst oder unbewusst zusammen in einem Gedanken oder in einem Satz benutzt hat! Und für uns ist heute die Donau der schöne, blaue und staubfreie Weg, der dieses Motto von hier bis zum Schwarzen Meer bringt!
Als Vertreter der Diözese Temeswar – zusammen mit Pfarrer Ioan Cădărean – möchte ich aber darauf hinweisen, dass das Banat und unsere Lokalkirche, unsere neue und alte Heimat, sich auf das 1000-jährige Jubiläum der Diözese Tschanad vorbereiten. Historische Ausstellungen, Begegnungen zwischen Jugendlichen, Priestern und unterschiedlichen Konfessionen, Gebet und Gesang, Austausch – all dies charakterisiert diese Vorbereitung, die sich auf fünf oder sogar sechs Jahre erstreckt.
Eins wird uns aber klar: Das Banat hatte eine reiche, manchmal atemberaubende Geschichte, auch vor dem glücklichen Moment seiner Befreiung im Jahr 1716. Und deutsche Leute waren – zusammen mit Madjaren, Slawen, Rumänen und noch einigen, die wir heute nicht mehr genau kennen – auch damals ein ganz wichtiger Bestandteil der Kirche, der Kultur und der Bevölkerung des Banats. Der Heilige Gerhard, ein Benediktinermönch aus Venedig, kam auf einem nicht gerade einfachen Weg um das Jahr 1000 nach Ungarn und 1030 ins Banat. Von Gott gerufen, von Gott begleitet! Er kam aus seiner alten Heimat, die er bestimmt in seinem Herzen mittrug, um den Glauben, die Kirche und unsere Zukunft zu gestalten. Mit ihm kamen zwölf weitere Benediktiner aus Martinsberg/Pannonhalma und aus mehreren Klöstern, darunter zwei deutschsprachige: Heinrich und Walter, die in der neuen Heimat bzw. in der neuen Diözese Gesang, Liturgik und Sprachlehre unterrichteten. Sie gestalteten damals mit Herz und Glauben die Zukunft unserer Glaubenskultur und unserer Spiritualität, und sie sind zugleich die ersten von den geschichtlichen Quellen klar erwähnten Deutschen auf dem Gebiet des Banats und des heutigen Rumäniens.
Von der Arader Gegend bis ins Banater Bergland entfaltete sich ein buntes, an Ortschaften, Klöstern, Institutionen und Einrichtungen reiches Banat. Unter den neuen Bewohnern unseres Landstrichs, die der damalige ungarische König herlockte, waren damals schon Ansiedler, Söldner, Mönche oder Verwaltungsangestellte deutscher, slawischer, madjarischer, französischer, spanischer und italienischer Herkunft. Auch sie hatten einmal eine alte Heimat, die sie mit ins Herz, ins Banat brachten, um dort mit Talent, Treue und Hingabe eine neue Zukunft für ihre Familien und für die neue Heimat aufzubauen.
Die Türkenherrschaft ist im Banat, und nicht nur dort, meistens mit Schrecken, Zerstörung, Tod, Verfolgung und Vertreibung verbunden. In der Ausstellung, die wir heuer über die Zeit von 1552 bis 1716 in der Domkirche zeigen, befinden sich viele Geschichten von Menschen und Orten aus der damaligen Schreckenszeit. Darunter aber auch die des jungen Studenten aus Rekasch Lorenzo Tomašević – wohl ein Schokatze, der den Weg nach Loretto in Italien wagte, dort studierte und 1653 als Priester zu seiner Gemeinde zurückkam. Noch mehr: Seine Gemeinde baute dort eine Kirche zur Aufnahme Mariens in den Himmel – dies durfte man nur am Rande der Ortschaft tun – eine Kirche, die am selben Tag gesegnet wurde und seine Primiz feierte. In diesem Fall war die Heimat ein Ort, den man im Herzen durch die Welt trug, um in dieselbe Heimat zurückzukehren und dort die Zukunft weiter zu gestalten!
Aber auch unter den türkischen Besatzern gab es genügend Beispiele, die das Banat bald schon als ihre Heimat definierten: In Hannover, auf dem Neustädter Friedhof bzw. vor dessen Eingang, steht ein Grabstein mit folgender (adaptierter) Inschrift: „Der im Jahr 1685/86 aus Temeschwar rekrutierte Spahi Mehmed / starb nach acht Jahren Gefangenschaft (...) / die Gnade Gottes möge über ihn kommen, / der seiner Seele auf immer die Erkenntnis (Gottes) gebe.“ Wie wichtig musste für diesen Ritter Temeschwar gewesen sein, dass er es als seinen Herkunftsort klar nannte und es sogar auf seinem Grab einmeißeln ließ! Das bedeutet nicht weniger als: Heimat im Herzen!
Die Reise unserer Vorfahren nach 1716, mit den Ulmer Schachteln bis Wien und dann auf langen, schweren Wegen bis in die Banater Heide und ins Banater Bergland, ist für uns der wichtigste Moment unserer Geschichte. Damals war die schwer geprüfte Diözese schon siebenhundert Jahre alt. Die Geschichte der Banater Schwaben und Berglanddeutschen fing aber erst an, geschrieben zu werden! Was für die Siedler neue Heimat und das Versprechen eines neuen, besseren Lebens war, bedeutete für die Kirche, für das alte Tschanader Bistum, eine Wiedergeburt! Mit den Ansiedlern kamen auch Priester, Ordensleute und sogar Bischöfe. Sie begleiteten ihre Herde, sie stärkten sie im Glauben und in der neuen Aufgabe: das Banat, die neue Heimat, zu gestalten! Pfarrer Franz Lukas de Buisson stammte aus der Bischofsstadt Bamberg und diente eine Zeit lang in Temeswar als Zeremoniar des Bischofs Falkenstein. Dann übernahm er die Pfarrei Russowa an der Donau, die leider 1737–1738 von den Türken zerstört wurde. Pfarrer und Gläubige flohen bis Neuarad und ließen das meiste ihrer Habe zurück. Einige blieben mit ihrem Pfarrer in Neuarad, der später als Dechant auch in Guttenbrunn und Lippa tätig war. In schweren Zeiten verstanden es diese Menschen, weiterzumachen, weiterzuarbeiten und eine neue Zukunft nach Krieg und Zerstörung zu gestalten!
Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg versuchten auch die meisten unserer Eltern und Großeltern, ihre Zukunft zu gestalten. Trotz brauner Pest, roter Verfolgung, Flucht, Deportation und Ausreise bis weit, weit nach Frankreich, Brasilien und Übersee blieb der Banater Schwabe oder Berglanddeutsche der Aufgabe seiner Vorfahren treu: Mit der Banater Heimat im Herzen haben viele die Zukunft ihrer Kinder, ihrer Familien überall in der Welt gestaltet. Man kann oft traurig werden, wenn man sich die Zersplitterung des Banats nach 1919, die Vertreibung oder die Flucht nach 1944–1945 und die Auswanderung Tausender und Abertausender von Landsleuten während des kommunistischen Regimes und bis 1990–1992 vor Augen hält. Das Glück und der Friede vieler Landsleute wurden damals von den gottlosesten Diktaturen der Geschichte zerstört. Nun leben aber die Nachkommen der Siedler, die das Ufer der Donau in Ulm vor dreihundert Jahren verließen, auf mehreren Kontinenten und bauen dort ihre Zukunft auf. Einige sind noch im rumänischen Banat geblieben, leider viel weniger im serbischen Banat. Fleiß, Glaube, ja Hartnäckigkeit und Treue bewegen sie, ihre Kultur und Identität zu bewahren. In Deutschland leben jetzt die meisten von ihnen. Die Landsmannschaft, die Heimatverbände und all ihre kulturellen Einrichtungen tragen weiter, nicht nur im Herzen, die Erbschaft der irgendwann neuen, aber zugleich alt gewordenen Heimat Banat und gestalten die Zukunft, die Identität der kommenden Generationen hier – wieder am Ufer der alten, blauen Donau. In Österreich, Frankreich, Brasilien, Argentinien, Kanada oder in den Vereinigten Staaten leben, arbeiten, feiern, singen und beten auch viele Nachkommen unserer Landsleute. Ob sie regelrechte Wunder in der Landwirtschaft zustande bringen oder durch ihre kulturellen Einrichtungen den Namen ihrer alten Heimat überall bekannt machen – sie tragen das Motto ihrer Vorfahren weiter: Heimat im Herzen – Zukunft gestalten!
Als Diözesanarchivar muss ich mit Bewunderung feststellen, dass es in den letzten Jahren immer mehr Personen aus Übersee gibt, die nach den Tauf-, Ehe- oder Sterbeeintragungen ihrer Vorfahren fragen. Es gibt viel Interesse seitens der Nachkommen der Ausgewanderten, es gibt manchmal auch Besuche aus Übersee, bei denen sogar nach Verwandten und noch im Banat lebenden Familienmitgliedern gefragt wird. Und manchmal gibt es sogar glückliche Begegnungen, ja, eine Art Wiedersehen nach Generationen!
Bischof emeritus Martin Roos benutzte einmal in einer Predigt bei den Heimattagen in Temeswar folgendes Zitat: „Mach dir die Fremde zur Heimat, aber lass deine Heimat dir nie zur Fremde werden!“ Nur mit der Heimat im Herzen kann man die Zukunft gestalten! Der Glaube, die Wurzeln und der Zusammenhalt sind die Kraft eines jeden Neubeginns!










