Als ich erfuhr, dass das vorliegende Buch über die Ansiedlung vor 300 Jahren in Perjamosch in Arbeit ist – damals als Broschüre für das Heimatreffen 2025 der Perjamoscher und Großsanktpeterer in Ulm gedacht – war mein erster Gedanke: Warum eigentlich? Braucht man das auch noch? Wir hatten doch 2024 eine wirklich gelungene 300-Jahr-Feier, es gab jede Menge Rückmeldungen in der Presse, im Heimatbrief, in den digitalen Medien. Warum also?
Dann bekam ich nach dem Treffen in Ulm Ende September 2025 ein Paket Bücher, die ich an unsere Landsleute in Perjamosch verteilen sollte. Ich las das Buch neugierig durch – und ich begriff: Es ging nicht darum, einfach noch ein Buch herauszugeben, sondern im Bewusstsein zu bleiben. Manche Dinge werden einem erst nachträglich bewusst. Die Zahl 300 hat etwas Magisches, aber auch etwas Endgültiges. Ich glaube nicht, dass es dereinst noch eine 350-Jahr-Feier geben wird. Wer sollte sie denn abhalten? Diese Feier mit all ihrer Euphorie, ihren gelungenen Events und all dem friedlichen und freudigen Beieinander hatte etwas Einzigartiges, aber auch Finales. So schnell wird es das nicht mehr geben, wenn überhaupt. Es sind die letzten Reminiszenzen einer Bevölkerung, die sich 300 Jahre lang behauptet hat, und nun im Verschwinden begriffen ist. Zumindest was die „alte Heimat“ betrifft. Die Ausgewanderten andererseits haben ein anderes Problem: Das Bewusstsein ihrer Banater Verwurzelung pflegt nur noch die dritte Generation und – soweit es sie noch gibt – die vierte. Die Kinder und Enkel haben sich in der neuen Heimat gut integriert. Für sie ist es einfach die Heimat, nicht neu und nicht alt, und das Banat ist wohl zum exotischen Herkunftsort der Eltern und Großeltern geworden, den man vielleicht mal er wähnt, für den sich aber die wenigsten der jungen Leute noch interessieren. Denn es gibt noch viel exotischere Orte, wo man hinreisen kann.
Das Buch präsentiert in chronologischer Reihenfolge und mit akribischer Foto- und Textdokumentation die Ereignisse der Feier. Als Einführung dient das Vorwort des Autors Walter Niklos. Es folgt das Grußwort von Peter-Dietmar Leber, dem Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft der Banater Schwaben, der darauf hinweist, dass die abwechslungsreiche Perjamoscher Geschichte im Guten und im Bösen von der Marosch mitgeprägt wurde. Er skizziert die historische Entwicklung, erwähnt die gewerblichen und kleinindustriellen Tätigkeiten und auch die Tatsache, dass aus dieser Ortschaft sehr viele Persönlichkeiten hervorgegangen sind, die das Leben der deutschen Gemeinschaft in Rumänien mitgestaltetet haben. Und dass die Erinnerungskultur lebendig gehalten wird durch die vielen Tätigkeiten der HOG Perjamosch in Deutschland, aber auch in Perjamosch.
Der HOG-Vorsitzende Anton Enderle stellt die geschichtlichen Fakten und wirtschaftlichen Verdienste der deutschen Gemeinschaft vor und verweist auf die Verbindungen, die zwischen Perjamosch und den im Ausland lebenden Perjamoschern bestehen und gepflegt werden – gute Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander in der Zukunft. Bürgermeisters Cornel Dumitraș würdigt in seiner Eröffnungsrede bei der Denkmalsweihe, die auch im Buch abgedruckt ist, die Verdienste der deutschen Gemeinschaft für das Dorf und betont, dass die rumänische Zivilisation durch den Einfluss der Deutschen viel gewonnen hat.
Auf den Seiten 12-35 folgt eine sehr übersichtliche Synthese der örtlichen und der Banater Geschichte von Walter Niklos: „Geschichtliche Ereignisse vor der Ansiedlung des Banats durch deutsche Einwanderer“, sodann „Perjamosch, ein Dorf im Banat“ mit den drei Wellen der Ansiedlung, dem wachsenden Verwurzeln der neuen Siedler mit ihrer neuen Heimat, dem Herausbilden eines neuen Heimatbewusstseins, dem Aufblühen der Gesellschaft, dem dann im 20. Jahrhundert der drohende Niedergang infolge von Kriegen, Flucht und Deportation, Kommunismus und Aussiedlung folgt. Der Text ist durchsetzt mit Gedichten Perjamoscher Autoren: Richard Wagners „Banater Elegie“ auf Deutsch und Rumänisch, übersetzt von dem Perjamoscher Stefan Sucigan; „Priamos“ von Karl Grünn, dem dichtenden Pfarrer; „Dorfleben in Südosteuropa (vormals)“ von Uwe Erwin Engelmann, zusammen mit der Übersetzung ins Rumänische von Marcel Turcu. Dieser geschichtliche Teil ist eine sehr gute Mischung von historischen, erzählerischen und lyrischen Elementen, nicht nur dadurch lesenswert, sondern auch dank der interessanten Daten, die man sonst so nicht kennt. Da gibt es z.B. eine Statistik aus dem Jahr 1956 mit demografischen Daten über die Verteilung der deutschen Perjamoscher in Perjamosch, Rumänien und der Welt, die ich so noch nirgends vorgefunden habe. Auch die Deutung des Namens „Perjamosch/Priamus“ wird außer mit den bekannten Theorien auch durch die These dokumentiert, dass der Name von „Permioi“ stammen könnte, den finnisch-ungarischen Reitervölkern des frühen Mittelalters. Diese Theorie ist in den gängigen Arbeiten fast nicht anzutreffen. Was in diesem Kapitel noch auffällt, sind die zahlreichen Bilddokumente zur Flucht, Deportation und späteren dörflichen Ereignissen.
Dem Geschichtsteil folgt die Dokumentation der Jubiläumsfeier anhand des Programms der drei Feier-Tage. Einen großen Raum nimmt dabei die Präsentation des zweisprachigen Jubiläumsbuchs: „Perjamosch 300“ – „Periam 300“ ein, illustriert mit vielen Bildern und mit dem Abdruck der Rede der Autorin Sigrid Kuhn. (Es sei hier vermerkt, dass die Autorin schon bei einigen Buchvorstellungen war, aber selten so eine Euphorie und einen so vollen Saal erlebt hat.) Das Perjamosch-Buch scheint jedenfalls nach einer Pause von rund 50 Jahren die erste Monografie des Ortes zu sein – und vielleicht auch für eine lange Zeit die letzte. Die Bilder dazu lassen das alte Perjamosch wieder aufleben.
Dieses Gefühl stellt sich auch bei der Bilddokumentation zum festlichen Abendessen im Festsaal „Popuṣ“ ein, wo – echt schwäbisch –nicht nur Fotos der Gäste zu finden sind, sondern auch von den reichlich gefüllten Menüplatten.
Der wichtigste Tag der Feier war der Samstag, als das Denkmal „Perjamosch 300“ eingeweiht und am Nachmittag eine feierliche Messe in der Altdorfer Kirche von Pfarrer Dr. Attila Kozovits und seinen geladenen Gästen, an der Spitze mit Monsignore Dirschl, abgehalten wurde. Der Festakt ist in dem Buch dokumentiert: Blasmusik und Trachtenumzug, danach die Redebeiträge der geladenen Gäste Ovidiu Ganṭ, Christine Neu, Roxana Manasia-Tîrpe vom Kreisrat Temesch, Cornelia Fiat vom Verband der Bărăgan-Deportierten sowie Walter Niklos, der das Denkmal konzipiert hat. Es wurde ein Grußwort der Konsulin Regina Lochner verlesen und Corinna Mineur trug ein schwäbisches Gedicht vor, alles moderiert von Bürgermeister Cornel Dumitraș und dem HOG-Vorsitzendem Anton Enderle.
Danach weihte Pfarrer Dr. Attila Kozovits das Denkmal ein, HOG-Vorsitzender Anton Enderle und Bürgermeister Cornel Dumitraṣ enthüllten es. Das Denkmal erfüllt zwei Funktionen: Es gedenkt der 300 Jahre seit der Ansiedlung der Deutschen in Perjamosch, andererseits ist es auch ein Mahnmal der Deportationen in die Sowjetunion 1945 und in den Bărăgan 1951. Drei Tafeln weisen in deutscher und rumänischer Sprache auf die Ereignisse hin. Die Abbildung zeigt, dass das Denkmal aus zehn grauen Granitblöcken, von denen neun in ihrer Anordnung auf vier Ebenen der für die deutsche Bevölkerung relevanten Ereignisse der vergangenen drei Jahrhunderte gedenken, wobei der zehnte auf die Zukunft verweist. Die Einweihungsfeier und auch die Festmesse am Nachmittag ist bilderreich dokumentiert. Erwähnt wird auch, dass Pfarrer Dr. Attila Kozovits in der Festmesse alle Pfarrer erwähnte, die seit dem 18. Jahrhundert in Perjamosch gewirkt haben. Bilder gibt es auch vom festlichen Abendessen und der Tanzunterhaltung.
Am letzten Tag der Feier wurde ein Totengedenken auf dem Altdorfer und dem Hauliker Friedhof abgehalten, das von Pfarrer Dr. Kozovits und dem HOG-Vorsitzenden Anton gestaltet wurde. Die sehr einfühlsame und beeindruckende Rede von Anton Enderle zum Gedenken an die Toten und Ahnen hat zu Recht einen Sonderplatz in diesem Buch. Es folgt ein Beitrag von Ilona Haberkamp, Tochter des Perjamoscher Kinobetreibers und Filmemachers Jani Henz, die die Totenfeier mit ihrem Saxofon eindrucksvoll begleitet hatte, über ihre Eindrücke von der 300-Jahr-Feier. Er schließt mit den Worten: „Und das ist es, was ich an den Banater Schwaben so liebe: die Liebenswürdigkeit, die Gastfreundschaft und die direkte Integration in die Gemeinschaft.“
Das Buch endet mit Rückmeldungen von direkten und indirekten Teilnehmern, darunter Stefan Sucigan, Theresia Portscher, Marius Henlein, Dietlinde Huhn, Heidi Lichtfuß und Günther Dreier, Maria Wolf-Konnerth, Livi Maxim, Walter Andreas Kirchner und nicht zuletzt mit einem Gedicht von Renate Done. Im abschließenden Kapitel gibt es viele Bilder über die Gastfreundschaft der Geschwister Hilde und Franz Baum zu sehen, bei denen einige der Gäste untergebracht waren und bewirtet wurden.
Was also ist von der 300-Jahr Feier geblieben? Faktisch: zwei Bücher und ein Denkmal. Das nun vorliegende Buch dokumentiert, zeigt auf, illustriert und hält einen Rückblick, wie schon der Titel verspricht. Es wertet nicht und will nur viel Schönes für immer festhalten. Denn es ist wichtig, im Bewusstsein der Gesellschaft erhalten zu bleiben. Dazu trägt dieser Rückblick bei. Und das wird auch bleiben von 300 Jahren Perjamosch.
Walter Niklos: Perjamosch. 300 Jahre seit der Ansiedlung der Deutschen in Perjamosch 1724 – 2024. Ein Rückblick. Verlag Satz & Medien, Sonderausgabe der HOG Perjamosch, gefördert und finanziert durch das Kulturwerk Banater Schwaben e.V. aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales, 2025.









