Schon zum zweiten Mal lud die Stadt Augsburg die ost- und südostdeutschen Landsmannschaften vor Ort zu einem Fachtag mit anschließendem festlichem Empfang ein. Federführend dafür ist das Büro für gesellschaftliche Integration, das aufgrund einer Vereinbarung im Koalitionsvertrag der Stadtregierung schon den ersten Fachtag 2024 im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses ausgerichtet hatte.
Da das Rathaus derzeit renoviert wird, traf man sich diesmal im festlichen Ambiente des Parktheaters in Göggingen. Die Augsburger Oberbürgermeisterin Eva Weber dankte zum Auftakt den Landsmannschaften für ihre Präsenz und ihr Engagement im städtischen Leben. Sie seien in der Stadt „sichtbar, hörbar, spürbar und schmeckbar“, sagte sie nicht ohne Augenzwinkern und erwähnte dabei die vielen Anlässe, bei denen sie und andere Mitglieder der Stadtpolitik Gelegenheit zur Teilnahme und zur Begegnung hatten. Zum Empfang waren parteiübergreifend zahlreiche Vertreter der Stadtregierung und des Stadtrats gekommen, neben der Oberbürgermeisterin die Zweite Bürgermeisterin Martina Wild, in deren Referat das Integrationsbüro verortet ist, der dritte Bürgermeister Bernd Kränzle, ein häufiger Gast bei den Veranstaltungen der Banater Schwaben in Augsburg, sowie die Augsburger Landtagsabgeordneten Cemal Bozoğlu und Andreas Jäckel, letzterer gleichzeitig BdV-Vorsitzender auf Bezirksebene. Vertreter des BdV und der Landsmannschaften nahmen teil, allen voran der BdV-Landesvorsitzende Christian Knauer. Der Vorsitzende des Landesverbands Bayern und stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Banater Schwaben Harald Schlapansky hatte der Einladung mit Partnerin Petra Kratzer und in Begleitung weiterer Mitglieder des Landesvorstands Folge geleistet und vom Kreisverband Augsburg war der Vorstand vollständig vertreten. Zahlreiche Aktive, Verbandsmitglieder und Gäste hatten sich zum Festakt eingefunden.
Bekenntnis zur deutschen Sprache und Kultur
Die Musikkapelle der Banater Schwaben Augsburg hatte die ehrenvolle Aufgabe, die Veranstaltung musikalisch zu begleiten. Noch vor Beginn des offiziellen Programms heizten die Musiker von der Bühne aus die Stimmung im gut gefüllten Saal an und sorgten zuweilen für kleine Tanzrunden am Rande.
Dr. Hella Gerber, Kreisvorsitzende der Banater Schwaben und gleichzeitig auch BdV-Kreisvorsitzende und Stadträtin, dankte der Stadt und der Oberbürgermeisterin für die Wertschätzung, die sie den Vertretern der Vertriebenen und Aussiedler und deren Nachkommen mit diesem Empfang erweise. Sie erinnerte daran, dass seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Millionen von Menschen aus den Ostgebieten und aus Südosteuropa nach Bayern gekommen sind. Auch in Augsburg hätten sie sich von Anfang an eingebracht, sich zu Demokratie und Verzicht auf Vergeltung bekannt, dabei aber ihre Werte und Traditionen gepflegt und die alte Heimat im Herzen bewahrt, zu der alle Landsmannschaften heute eine wichtige Brücke bildeten.
Die Leiterin des Büros für gesellschaftliche Integration Dr. Margaret Spohn leitete über zur fachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema des Empfangs: „Vergangenheit verstehen – Verantwortung für die Zukunft“. In seiner Festrede sprach Dr. Florian Kührer-Wielach, Historiker und Leiter des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München, über „Erinnerung“ – „eines der wertvollsten Dinge, die Sie besitzen“, wie er in Hinwendung zum Publikum präzisierte. Er merkte an, dass Augsburg durch den Zustrom an Vertriebenen nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs um 15 Prozent gewachsen ist und dass durch den weiteren Zustrom derer, die sich danach aus den Ländern des Ostblocks für das „Gehen“ und gegen das „Bleiben“ entschieden, in großer Zahl weitere Menschen als Aussiedler und Spätaussiedler in die Stadt kamen. Was sie bei aller Verschiedenheit einte, war das Bekenntnis zur deutschen Sprache und Kultur. Mit ihren Erinnerungen hätten sie das „Gedächtnis dieser Stadt“ über die Jahre mitgeprägt und diese in den Integrationsprozess eingebracht. Der Referent stellte drei Fragen in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: „Was“, „wie“ und „warum“ soll erinnert werden? Weil in der „Erinnerungslandschaft“ einer Gruppe unterschiedliche „Gewächse“ blühen, gäbe es ein „Mosaik an Identitäten und Geschichten“ – mit schmerzvollen, aber auch mit guten Erinnerungen. Persönliche und kollektive Erinnerung müsse sich ergänzen, damit ein Bild entsteht. Wie kann dieses komplexe Gedächtnis wach gehalten werden? Wer die „alte Heimat“ nicht selbst erlebt hat, erfährt über Erzählungen der Eltern und Großeltern, wie es dort war. Doch über die Enkelgeneration hinaus gibt es kaum persönlichen Kontakt, hier wirkt das „kulturelle Gedächtnis“, die Erinnerung wird über Traditionen oder Gedenktage weitergegeben. Es mündet im „institutionellen Gedächtnis“, das über „Erinnerungsspeicher“ funktioniert – Museen, Archive oder Bibliotheken. Schon seit 1952 sorge der „Kulturparagraf“ (§ 96) im Bundesvertriebenengesetz für die Förderung entsprechender Institutionen, für Augsburg sei etwa das Bukowina-Institut prominentes Beispiel. Der Redner hob hervor, dass auch der (wissenschaftliche) Blick von außen wichtig sei für die Einordnung des Geschehens: Erinnerung müsse „mit Herz und Hirn“ funktionieren, Emotion mit Information verbunden werden.
Auf den Spuren der Erinnerung
Warum aber soll erinnert werden? Viele Entwurzelte hätten sich dafür entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen, um weder sich noch andere mit der Vergangenheit zu belasten. Dennoch sei es vielen von Anfang an auch ein Bedürfnis gewesen, die Gemeinschaft zu suchen. In der Gruppe war es leichter möglich, wieder Wertschätzung, Selbstvertrauen und Würde zurück zu gewinnen. Die Gemeinschaft sei der Rahmen und die Traditionspflege der Landsmannschaften Demonstration gelungener Integration – ein Zeichen, dass man als „produktiver und positiver Teil einer Gesellschaft“ gesehen werden will, ohne sich „das Eigene“ nehmen zu lassen.
Dem Festvortrag folgte eine Podiumsdiskussion zur Frage: „Wie erinnern?“, an der neben dem Festredner noch die Leiterin des Bukowina-Instituts an der Universität Augsburg Prof. Dr. Jana Osterkamp, der BdV-Landesvorsitzende und ehemalige Landrat von Aichach-Friedberg Dr. h.c. Christian Knauer und der Vorsitzende der Sudetendeutschen Stiftung Dr. Ortfried Kotzian teilnahmen. Knauer ließ es sich nicht nehmen, der Stadt Augsburg ein großes Kompliment auszusprechen für diese „einzigartige Veranstaltung“. Seines Wissens gäbe es einen Empfang für die Landsmannschaften in keiner anderen Kommune in Bayern oder Deutschland. Er hob, gerade im Hinblick auf europäische Begegnungen, die Brückenfunktion der Vertriebenen und ihrer Nachkommen hervor, die über die Jahre gute Beziehungen zu den Herkunftsländern aufgebaut hätten und dort „herzlich willkommen“ seien. Andererseits seien die ehemaligen Vertriebenen nunmehr wesentlicher Bestandteil der Stadtgemeinschaften, denen sie eine europäische Prägung verleihen.
Auf die Frage der Moderatorin Margaret Spohn, wer sich für Institutionen wie das Bukowina-Institut oder das IKGS in München interessiert, antworteten Jana Osterkamp und Florian Kührer-Wielach einmütig, dass bei den Studierenden oft persönliche oder familiäre Bezüge da wären, aber das Interesse an Osteuropa generell recht groß sei. Ortfried Kotzian erwähnte den guten Zuspruch für das moderne Sudetendeutsche Museum in München. Man habe mit Förderung des Freistaats gezielt einen kulturhistorischen Schwerpunkt bei der Museumskonzeption gesetzt und darauf verzichtet, nur auf Flucht und Vertreibung zu fokussieren. Das Museum habe für diesen Ansatz den Deutschen Museumspreis erhalten. Auch Jana Osterkamp sieht die Zukunftsfähigkeit der Vertriebenengeschichte darin, dass sie Teil der Kulturgeschichte ist und auch so vermittelt werden muss. Am Bukowina-Institut werde über Interviews mit Zeitzeugen die „Geschichte des Ankommens“ untersucht, aber auch die „Geschichte der Weitergabe“. Einig war man sich darüber, dass jetzt der „letzte Moment“ sei, wo es noch Zeitzeugen gibt, deren Erlebnisse es festzuhalten gilt.
Ortfried Kotzian zog das Fazit, dass es trotz aller Förderung über die Jahre nicht gelungen sei, das Wissen über die ostdeutsche Kultur „ins breite Volk“ zu vermitteln, was auch an den Schulen versäumt worden ist. Auch Knauer hat die Erfahrung gemacht, dass es sehr im Ermessen der Lehrer liege, ob die ost- und südostdeutsche Geschichte thematisiert wird. Wie wenig das Wissen über die Landsmannschaften in der Stadtgesellschaft verankert ist, zeigte leider auch die vollkommene Abwesenheit der lokalen Medien bei dieser festlichen Veranstaltung des städtischen Integrationsbüros.
Bei Speis und Trank und einem opulenten Kuchenbuffet (zu dem die Banater Schwaben neben allen anderen Landsmannschaften wie gewohnt einen gewichtigen Beitrag geleistet hatten) klang der Abend im Parktheater aus.











