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Wenn der Vorhang fällt - Abschied von unserer Mundartautorin Maria Barac

Maria Barac (1933 - 2026) Foto: privat

Der Landesverband Berlin und Neue Bundesländer der Landsmannschaft der Banater Schwaben nimmt in tiefer Trauer Abschied von Maria Barac. Sie war eine der bedeutendsten Stimmen unserer Mundartliteratur und ist am 26. Januar 2026 im Alter von 93 Jahren verstorben. Als Maria Schmidt in Kleinbetschkerek geboren, blieb sie ihrer Heimat und vor allem der banatschwäbischen Sprache zeitlebens eng verbunden, auch nachdem sie nach der rumänischen Revolution ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegt hatte. Fast von Beginn an brachte sie sich mit unermüdlichem Engagement in unsere Landesgruppe ein und wurde zu einer zentralen Säule des kulturellen Lebens. Dabei blieb sie stets eine Frau der leisen Töne, die ihre eigene Person nie in den Vordergrund stellen wollte. Für sie zählte allein die Sache und die Bewahrung unserer gemeinsamen Identität.

Als langjährige Mitarbeiterin der Mundartbeilage „Pipatsch“ der Banater Zeitung – wo sie mit Marianne Barak zeichnete – leistete sie einen unschätzbaren Beitrag zum Erhalt unserer Identität. Besonders bekannt und geschätzt war sie dafür, ihren Landsleuten auf humorvolle Weise den Spiegel vorzuhalten, wie etwa in ihrer vielbeachteten Erzählung „Es Kathi kann nimmi Schwowisch“, in der sie die sprachliche Entfremdung nach der Auswanderung thematisierte.
Ihre literarische Strahlkraft reichte weit über die Grenzen Berlins hinaus. Dies zeigte sich insbesondere bei ihren Auftritten auf den Ostdeutschen Kulturtagen oder bei internationalen Symposien. Im Jahr 2010 war sie stolze Botschafterin unserer Kultur beim lothringischen Mundartfestival „Mir redde Platt“ in Saargemünd. Es war ein besonderer Meilenstein in der Geschichte unseres Vereins, dass wir Banater Schwaben damals als erste Gruppe von außerhalb Frankreichs überhaupt zu diesem Festival eingeladen wurden, ein Erfolg, an dem Maria Barac mit ihrer authentischen Art und ihren literarischen Qualitäten maßgeblich beteiligt war. Dort zeigte sie gemeinsam mit anderen Autorinnen und Autoren die verblüffende Verwandtschaft zwischen dem lothringischen Dialekt und dem Banater Schwäbischen auf. Auch bei wissenschaftlichen Fachtagungen in Temeswar war sie als Referentin gefragt. Für das Symposium „Mundarten im Blickpunkt“ verfasste sie neue Kurzgeschichten, die beim Publikum für Begeisterung sorgten.

Mit ihrer Gabe, eigene Texte und die Werke anderer Autoren mit Herzblut und Präsenz vorzutragen, hielt sie das kulturelle Erbe lebendig. Dank weitsichtiger Bemühungen ist uns heute nicht nur ihr schriftliches Werk erhalten: Bei ihren Liveauftritten in Berlin wurde ihre Stimme damals auf Kassette aufgezeichnet. Diese wertvollen Dokumente wurden vor wenigen Jahren für die Landsmannschaft digitalisiert, sodass wir Maria Barac nicht nur lesend, sondern auch hörend für die Nachwelt bewahren konnten. Vor einigen Jahren vertraute sie uns zudem ihr gesamtes literarisches Werk an, damit es über die „Banater Post“ erhalten bleibt. Ein Vermächtnis, das wir mit großem Respekt bewahrt haben. 
Mit Maria Barac verlieren wir eine herzliche Weggefährtin, deren literarisches Schaffen uns stets an unsere Wurzeln erinnern wird. Die Beisetzung fand am 11. März 2026 auf dem Friedhof IV der Gemeinde Jerusalem und Neue Kirche in der Bergmannstraße in Berlin statt.

Wir danken allen Mitgliedern und Freunden, die Maria Barac auf ihrem letzten Weg die Ehre erwiesen haben und gemeinsam mit ihrer Tochter Doina Bizerea und der Familie Abschied nahmen.

 

Ein Text von  Maria Barac:
Es Kati kann nimmi Schwowisch

Uf der Heed, in eem große, scheene Dorf, han drei Freindinne gewohnt: es Lissi, es Mari un es Kati. Sie ware gleich alt, sinn mitnanner in de Kinnergarte und in die Schul gang. Als drei richtiche Schwowinne han se ihre Jugend verbrung un mit der Zeit e Familje gegrind. Alli drei sinn uf Deitschland ausgewannert, e jedes wuannerscht hin. Es Kati un sei Mann, de Kloos, jetz Nikolaus genennt, sin zuletscht kumm. Es Kati war immer e bissche anerscht wie die anre zwaa. Es war e bissche hochnäsich un hat sich for was Bessres ghall. Weil se do nimmi beinanner ware, hann se jedi Wuch mitnanner telefoniert. 

Desmnolrum hat’s Lissi es Kati, jetz Katharina, angeruf: 
„Hallo, wie geht’s der, was machscht noch?“
„Es is alles in Ordnung“, saat’s Kati. „Mir han grade zu Mittach gessen, weil mir fahre zu unserer Elisabeth, un unser andere Tochter, die Theresia, kommt auch.“
„Was hascht dann Gutes gekocht g’hat?“
„E Dillsupp, gedinstete Meehren, Pommes mit Fleischkleßchen und Quarkkuchen.“
„Sapperlott“, saat’s Lissi, „ich g’siehn, du hascht dich jo ganz modernisiert in deine Ausdrick. Kannscht du nimmi Schwowisch redde?“
„Ja“, saat’s Kati, „ich sin schon seit zehn Jahre da, un ich hab das Schwowische schon vergessen.“
Do ment’s Liss: „Asso, ich wer mei scheeni, schwowische Mottersproch nie vergesse, aach wann ich hunert Johr alt wer. Awer jetz will ich dir saan, was ich heit zu Mittach gekocht han: Kappersupp, Gelriewezuspeis, gereeschte Krumbiere mit Faschiertem un dickbresmiche Kässtrudel. Es klingt net so nowell wie deins, awer es hat genau so gut g’schmeckt. Na dann, bleib g’sund bis zum nägschtimol und leb des Schwowischi, weil es steht der besser. Adje!“
(Maria Barac, am 7. Oktober 2011)

 

Aus der „Pipatsch“: Ke hem me
Temeschwar – die scheenschti Stadt!

Wer vun Eich kennt nit die Marianne Barak? Der was se nit perseenlich kennt, der hat schun ganz sicher Stickle vun ihr in de Pipatsch gelest, iwer die mer herzlich hat Lache kenne.

Ja, die Besl Marianne is e Weib „in de beschte Johre“, sie hat – denk ich,   – de Humor mit in die Wie geleet kriet. Im Lewe hat se vill dorchmache misse. E in Kleenbetschkret geboreni Schmidt (im Geburtsort hat mer die Familie nor uner em Nome Montag gekennt) is die Besl Marianne schun als halwes Kind mit der Großmutter gflicht. Sie hat schun vill iwer die schwere Johre verzählt un aach in de Banater Zeitung gschrieb. 

Später hat se in Temeschwar de Vetter Barak gheirat. Do hat se bei der Volksuni und aach beim „Temeschwarer Liederkranz“ fleißich mitgemacht un aach recht oft for die „Pipatsch“ geschrieb. Ja, un vor zwaa Johr is die Besl Marianne zu ihre Kinner uf Berlin, uf Deitschland ausgewannert. Dort lewe se gut, sie kumme jährlich eemol hem uf Temeschwar. Aach desjohr war die Besl Marianne do. Sie hat uns natierlich in der Redakzion ufgsucht un derbei vun ihrem „neije Lewe“ verzählt. Aus jedem zweite Wort is rauszuheere, dass des Weib großes Hemweh hat. Doch die Kiner un Enkelskiner sin in dere Großstadt in Deitschland, un es war schun immer ihre Wunsch, bei ihne zu lewe.

Die Besl Marianne verzählt: „Mir schlaan uns dorch. Zum Lewe han mer, was mer brauche. Doch e Derhem han mer nit. Do im Banat sin mer nimi derhem un in Berlin sin mer noch nit derhem. For mich is Temeschwar die scheenschti Stadt uf der ganzi Welt. Ich kanns immer kaum erwarte, dass es Johr rumgeht un dass mer wider uf Temeschwar kumme. Zwar gehn mer in Berlin vill spaziere, doch is die Stadt längscht nit so scheen wie unser Temeschwar!“ (hw)
Dieser Artikel erschien in der „Pipatsch“-Beilage der Banater Zeitung,  7. Jg., Nr. 295 vom 14. Juli 1999.