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Hommage an die Vielfalt der Banater Kultur - 60. Kulturtagung des Landesverbandes Baden-Württemberg

Landeskulturreferent Hans Vastag (Foto: Johann Janzer)

Ihr 60. Jubiläum feierte die angesehene Kulturtagung des Landesverbandes Baden-Württemberg mit der diesjährigen Ausgabe am 15. und 16. November im Haus der Heimat Stuttgart. Den rund 50 Anwesenden wurde auch diesmal wieder vor Augen geführt, welche Bedeutung Kultur, Brauchtum, Geschichte, Gemeinschaft und Begegnung für den Verband haben. Seit Jahren versetzen immer neue Themen die an den verschiedenen Facetten der Banater Kultur Interessierten auch weit außerhalb des Landesverbandes in Erstaunen. 

In diesem Jubiläumsjahr war die Tagung auf Vielfalt fokussiert und bot wechselnde Einblicke in der Banater Geschichte, die Mundart und auf Banater Persönlichkeiten. Das Publikum erfreute sich an der abwechslungsreichen Themenauswahl, die es möglich machte, jedes Referat für sich zu genießen. Von Seiten des Bundesvorstands nahm die stellvertretende Bundesvorsitzende Christine Neu an der Tagung teil. Hans Vastag eröffnete die Kulturtagung als Landeskulturreferent des Verbandes und Hauptorganisator und gab eine Einführung in die Tagungsthemen. Anschließend begrüßte der Vorsitzende des Landesverbandes Baden-Württemberg Richard S. Jäger die Gäste im Saal.

Den Einstieg bot ein Blick in die Banater Geschichte, genauer auf die „Luftschifffahrt im Banat“, die ihre kurzlebigen Spuren zwischen 1915 und 1917 ereignisreich auf dem Sanktandreser „Hottar“ hinterlassen hat. Erinnerungen an jene Zeit hat der Sanktandreser HOG-Vorsitzende Hans Janzer gesammelt und er bot sie dem Tagungspublikum sehr intensiv in seinem mit viel Dokumentationsmaterial bestückten Vortrag dar. Nicht nur für die anwesenden Sanktandreser Landsleute staunten darüber, dass im Banat Zeppeline präsent waren. Janzers Präsentation umfasste die Zeit ab der Landung des ersten Zeppelins im Banat bis zur Auflösung der Luftschifffahrtsmission des Königlich-Sächsischen Luftschifftrupps LT 14 im Jahr 1917. Der Referent hatte davor das Zeppelin-Musical in Füssen besucht und das Banater Zeppelin-Ereignis dabei in den Zusammenhang der deutschen Zeppelin-Geschichte stellen können. 

Einen historischen Anlass hatte auch das zweite Referat des Tages mit dem Thema: „Nikolaus Lenau – 175 Jahre seit seinem Tod“. Die Referentin berichtete ausführlich vom kurzen, aber intensiven Leben des im Banat geborenen Dichters, der seiner pannonischen Heimat in vielen seiner Dichtungen ein unvergessliches Denkmal setzte. Die Referentin garnierte ihren Vortrag entsprechend mit Gedichten von Nikolaus Lenau. Das Gedicht „Die drei Zigeuner“ wurde dem entzückt lauschenden Publikum in einer Vertonung als Lied vorgespielt.

Das letzte Referat des Tages galt dem Pädagogen Klaus Giel. Dr. Reinhard Müller hatte es unter die Überschrift „Ein Weltbegriff von Schule“ gestellt. Klaus Giel wurde 1927 in Johannisfeld im Banat geboren und begann seine Ausbildung zum Lehrer noch in Temeswar. Schon 1941 kam er nach Deutschland und wirkte als Lehrer und Pädagoge an den Pädagogischen Hochschulen Reutlingen und Esslingen. Als diese aufgelöst wurde gründete er das Pädagogische Seminar und das Humboldtstudienzentrum für Geisteswissenschaften an der Universität Ulm. Mit seinem Erziehungskonzept der Philosophischen Anthropologie prägte er Generationen von Lehrerinnen und Lehrern, der Referent war auch einer seiner Studenten. Gemeinsam mit dem Publikum wurde anschließend die Rolle des Lehrers im Banat und in der heutigen Zeit diskutiert.

Wie gewohnt wurde der Samstag mit einem Konzert abgeschlossen. Vortragende waren diesmal die Pianistin Christine Hennrich aus Mannheim und der Pianist Nikita Morozov gebürtig aus Moskau, der in Stuttgart lebt und seit neuestem erfreulicherweise den Banater Chor in Stuttgart leitet. Die beiden spielten Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Frédéric Chopin, Claude Debussy und Jean Sibelius. Morozov stellte die Komponisten zu Beginn einzeln vor. Mit dieser wunderschönen Klaviermusik wurden die Gäste beschwingt ins gemütlich-zwanglose Abendprogramm entlassen.

Zum Start in den Sonntag referierte Dr. Mathias Plack über Peter Barth, einen Banater Dichter aus Blumenthal, der 1898 dort geboren ist. Er wird nicht nur in Blumenthal zu Recht als Banater „Heimatdichter“ bezeichnet. Während des Vortrags wurden immer wieder Gedichte Barths vorgelesen, die im Saal anwesenden Besucher an die banatschwäbische Geschichte mit all ihren positiven und negativen Facetten erinnerten. Im Saal war auch Elisabeth Barth, die Schwiegertochter des Dichters, zugegen, die sich beim Referenten herzlich für die Ausführungen über das Leben und Wirken ihres Schwiegervaters bedankte. 

Das Referat von Hans Vastag war einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Banater Schwaben gewidmet, dem Dichter, Bühnenautor, Essayisten und politischen Aktivisten im Dienste der Identität der Banater Schwaben Adam Müller-Guttenbrunn. Der „Erzschwabe“ wurde nur 70 und trotzdem lebt er bis heute weiter im Gedenken seiner Bewunderer, seiner Leser, seiner Landsleute. Neben dem Hl. Gerhard, Prinz Eugen von Savoyen, dem Dichter Nikolaus Lenau und dem Maler Stefan Jäger wurde er zur Symbolgestalt des donauschwäbischen Selbstverständnisses. 

Der Schwerpunkt des Referats galt der Persönlichkeitsdarstellung Adam Müller-Guttenbrunns in Österreich, in Deutschland und in Rumänien und berührte auch kontroverse Themen zur Person des Schriftstellers. Eine Stiftung, zahlreiche Gedenkstätten und nach ihm benannte Institutionen, Straßen und anderes mehr bezeugen jedoch das große Ansehen, das der aus Guttenbrunn im Banat stammende und früh in Wien wirkende Gelehrte und Theaterdirektor bei aller Widersprüchlichkeit genoss.
Über Mundart referierte Dr. Rudolf Bühler, Geschäftsführer des Dachverbandes der Dialekte in Baden-Württemberg. Er sprach über die Herkunft und Verbreitung der Mundarten im Allgemeinen und im Speziellen im Banat anhand einer Präsentation mit vielen vergleichenden Landkarten und Sprachproben. Er ging von der Frage aus, ob die Banater Schwaben schwäbisch sprechen und kam zu dem Fazit, dass es sich hauptsächlich um Mischmundarten pfälzischer Prägung handelt. 
Der Referent startete mit einer Tonaufnahme aus dem Jahr 1955 in banatschwäbischem Dialekt. Der Sprecher sei ca. 1895 geboren. Wie sich dann herausstellte, ging es inhaltlich um die Beschreibung des Ablaufs einer Hochzeit in Semlak im nördlichen Banat. Davon ausgehend, dass „am Anfang das Wort“ war, las der Referent ein Fragment aus der babylonischen Geschichte in der Bibel vor, wo es um die Entstehung der Sprachenvielfalt geht. Diese zeige sich schon in der Dialektvielfalt in Baden-Württemberg, die der Referent anhand einer Karte aufzeigte: Sie reiche vom Oberrhein-Alemannischen bis zum Fränkischen. Vielfalt biete die Sprache auch in ihrem situativen Gebrauch – der sei jeweils unterschiedlich bei Behörden, bei Bekannten, Freunden oder in der Familie. Ein Aspekt der Vielfalt sei auch die Dialektgeografie. 

Als Beispiel brachte der Referent den Beruf „Metzger“, der je nach Herkunftsgebiet auch ein „Fleischer“, ein „Schlachter“, ein „Fleischhauer“ oder ein „Fleischhacker“ sein kann. Dr. Bühler beendete seinen Vortrag mit dem Wort „Adieu“, auch „ade“, „ada“, „adjö“, „adje“, „ädi“, „adet“ oder ähnlich. Ein Abschiedsgruß, der in Europa sehr häufig benutzt wird und der sich im Ursprung aus den beiden französischen Wörtern à „bei“ und dieu „Gott“ zusammensetzt. 

Damit fand die 60. Kulturtagung ihren Abschluss. Wie immer haben die Teilnehmer viel über die Banater Geschichte, die Banater Mundart und Banater Persönlichkeiten erfahren. Vor dem endgültigen „Adieu“ gab es aber – wie sich nach Banater Art gehört – noch ein deftiges Mittagessen mit Kartoffelsalat und einer würzigen Banater Bratwurst. Den Organisatoren der Kulturtagung 2025 sei auf diesem Wege vielmals gedankt. Adieu oder Adje bis zum nächsten Mal!