Manche erinnern sich an Josef Künstler, wie er als Kind mit dem „Bizigl“ auf der Großgass herumgefahren ist. Dieses Bild steht für eine Kindheit in Neuarad, die schon damals den Grundstein für ein Lebenswerk im Dienste seiner Heimatgemeinschaft gelegt hat.
Am 6. Januar 2026 feierte Josef Künstler seinen 70. Geburtstag. Dieses Jubiläum nehmen wir zum Anlass, das Wirken und die Geschichte eines Mannes zu würdigen, der die Identität seiner Heimatgemeinde wie wenige andere für die Zukunft bewahrt. Er handelt mit dem Herzen eines „echten Neuaraders“.
Josef Künstler wurde 1956 in Arad geboren. Seine Kindheit war von den Werten der Banater Schwaben bestimmt und vom Erbe seiner Eltern geprägt. Der Vater Anton Künstler war von Beruf Elektroschweißer, die Mutter Theresia, geborene Gruber, aus Sanktanna, betreute Haus und Garten. Beide hatten das schwere Los der Russlanddeportation geteilt. Von Anfang an zeigten sich zwei prägende Stränge in Josefs leben: Er hatte schon früh eine Faszination für Technik, andererseits interessierte ihn auch die Kultur – sein Vater war ein geachteter Musiker, der in der Kapelle der Neuarader Freiwilligen Feuerwehr und in der Kapelle der Waggonfabrik Klarinette spielte.
Im Jahr 1975 schloss Josef Künstler seine schulische Ausbildung mit dem Abitur am heutigen Adam-Müller-Guttenbrunn-Lyzeum ab. Danach schlug er zunächst eine technische Laufbahn ein und absolvierte ein Elektrotechnik-Studium am Polytechnischen Institut in Temeswar. Seine Karriere führte ihn zunächst nach Bukarest zur Firma Electrotehnica und dann zurück nach Arad, wo er von 1981 bis 1989 im Krankenhaus in den sensiblen Bereichen Medizintechnik und Radiologie tätig war. In dieser Zeit gründete er auch seine Familie: 1983 heiratete er Hannelore Fortner und 1986 wurde ihre Tochter Astrid geboren.
Im Juni 1989 siedelte die Familie Künstler in die Bundesrepublik Deutschland aus. Dieser Neuanfang erforderte eine enorme Integrationsleistung. Seine berufliche Laufbahn in Deutschland führte ihn zunächst zur Firma Werner Bayer in Esslingen (1989-1998) und anschließend zur JW Fröhlich Maschinenfabrik in Leinfelden-Echterdingen (1999-2021).
Dokumentation für künftige Generationen
Der Ruhestand im Jahr 2021 markierte für Josef Künstler nicht das Ende der Arbeit, sondern den Beginn seiner eigentlichen Berufung im Vollzeit-Modus: Parallel zu seiner langjährigen Ingenieurskarriere hatte er „im Stillen“ bereits unermüdlich ehrenamtliche Arbeit für seine Neuarader Gemeinschaft geleistet.
Josef Künstlers Engagement basiert auf einer Tugend, die oft übersehen wird: langjährige Zuverlässigkeit. Von 2005 bis 2022 hatte er in der HOG Neuarad 17 Jahre lang das Amt des Kassenprüfers inne. Aufgrund dieses Vertrauensfundaments war es daher ein logischer Schritt, dass er im Jahr 2022 zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt wurde. Als aktives und unverzichtbares Mitglied des Vorstands setzt er sich seither mit all seiner Kraft für diese Aufgabe ein.
Josef Künstlers bleibendes Vermächtnis ist seine dokumentarische Arbeit. Er erkannte, dass die Erinnerung der „Entwurzelten“ flüchtig ist und durch systematische Dokumentation für künftige Generationen erhalten werden muss. Sein erstes großes Werk war die Gestaltung des Musikheftes „Neuarader Musikkapellen“ mit Berichten über das Neuarader Musikgeschehen, das im Jahr 2010 erschien. Indem er die Geschichte der Kapellen dokumentierte, ehrte er das Erbe seines Vaters Anton, sicherte aber auch die seelischen Wurzeln unserer Gemeinschaft.
Zum Nutzen aller verbindet Josef sein privates Hobby der Ahnen- und Heimatforschung mit seinen technischen Fähigkeiten. Er ist Mitglied im „Arbeitskreis Donauschwäbischer Familienforscher“ und war bis 2019 zusätzlich an der Datenerfassung aus dem alten Kirchenarchiv mit „Gen-Plus” sowie an der Gestaltung und Koordination der Kirchenbücher aus dem Zeitraum 1723–1900 beteiligt. Damit machte er fast 180 Jahre Neuarader Familiengeschichte für die Ahnenforscher der Gemeinschaft zugänglich. Doch er ist kein reiner Nostalgiker: Als Verantwortlicher für die Homepage unserer HOG sorgt er dafür, dass die dort gesammelten Schätze aus den Bereichen Musik, Genealogie und Schulgeschichte auch im digitalen Zeitalter zugänglich bleiben und die nächste Generation erreichen.
Einen weiteren Meilenstein seines Schaffens setzte er 2025 als Autor des Artikels „300 Jahre deutsches Schulwesen in Neu-Arad: Rückblick auf ein erlebtes Zeitfenster“, in dem er wichtige Erinnerungen zur Bildungsgeschichte seiner Heimat festhielt. Im April 2025 schloss sich bei den Feierlichkeiten zum 300-jährigen Jubiläum der Schule ein persönlicher Kreis: Der Mann, der 1975 als Abiturient das Lyzeum verlassen hatte, kehrte 50 Jahre später als einer der ältesten anwesenden Absolventen dieser Schule zurück.
Organisator und „Macher“
Doch neben dem stillen Chronisten gibt es auch den zupackenden Organisator. Als stellvertretender Vorsitzender der HOG übernahm Josef Künstler die operative Hauptlast für die jüngsten Großprojekte der Gemeinschaft. Er war maßgeblich an der Gestaltung der komplexen, grenzüberschreitenden Feierlichkeiten zum 300-jährigen Jubiläum der Ansiedlung von Deutschen in Neuarad (2023) sowie zum 200-jährigen Jubiläum der Kirche beteiligt. Die Teilnehmer lobten die „sehr gut organisierte Jubiläumsreise“, die dank monatelanger Detailplanung ein einzigartiges Ereignis mit Kirchweih, Messe in Maria Radna und Gedenkfeier auf dem Friedhof wurde. Hier zeigte das organisatorische Talent von Josef Künstler in besonderem Maße. In seinem Wirken sorgt er aber auch für Nachhaltigkeit, indem für die Errichtung von Gedenktafeln an der Kirche, am Forum und auf dem Friedhof sorgte. Der HOG-Vorsitzende Anton Hans bescheinigt ihm anerkennend, eine „gute Verbindung mit der alten Heimat, mit dem Deutschen Forum und dem Pfarramt“ in Neuarad zu pflegen.
Nach 70 Lebensjahren blickt Josef Künstler auf ein Leben zurück, das die zwei Karrieren als Ingenieur und als „Gemeinschaftsgestalter“ in seltener Geschlossenheit vereint. Wie sehr diese Rollen verwoben sind, zeigen seine Hobbys, die nie nur Zeitvertreib waren, sondern stets der Keim für sein Engagement: Die Fotografie machte ihn zum Bilddokumentar seiner Publikationen, die Ahnen- und Heimatforschung zum Archivar der Kirchenbücher und das Organisieren von Klassentreffen zur Keimzelle seiner Arbeit als Jubiläumsmanager. Selbst der Schrebergarten ist die direkte Fortführung seiner Banater Kindheit, wo er mit Gartenarbeit aufwuchs. Die HOG ist seine Lebensberufung.
Die HOG Neuarad und die gesamte Landsmannschaft gratulieren Josef Künstler von ganzem Herzen zu seinem 70. Geburtstag und danken ihm für sein Lebenswerk, das die Identität unserer Gemeinschaft unschätzbar bereichert und bewahrt. „Alles kudi zum Geburtstach!“









