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„Ja, das Schreiben und das Lesen“ - Zum 5. Banater Kulturtag in Augsburg

Gruppenfoto der Referenten und Vorstandsmitglieder beim Augsburger Kulturtag Fotos: Maria und Peter Bergmann

Dr. Franz Metz und die Musiker des Lehár-Ensembles beim Kulturtag des Kreisverbands Augsburg.

Elvira Slavik (li.) im Gespräch mit der Kreisvorsitzenden Dr. Hella Gerber und Bürgermeister Bernd Kränzle

Der Lied-Titel in der Überschrift besagt das Wesentliche über das Thema des 5. Kulturtags des Kreisverbandes der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Augsburg am 29. Juni 2025 im gastfreundlichen Haus Sankt Ulrich: 300 Jahre deutsche Muttersprache und deutsche Schulen im Banat – Vergangenheit und Gegenwart.

Anstelle einer sonst üblichen Banat-Ausstellung wurden im Foyer des Hauses Sankt Ulrich in einer Endlosschleife ausgewählte Fotos von Manfred Engelmann aus den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gezeigt. Darunter Bilder aus etlichen schwäbischen Gemeinden: Schulen, Dorfansichten und Feste, Brauchtumsfeiern, Porträts, Alltagsleben – vom „Hasenzüchter“ bis zum „Rakibrenner“ – sowie Schnappschüsse, von Billed, Gottlob, Lippa, Perjamosch bis Saderlach oder als Abschluss der Blick auf einen Teil des Oberen Friedhofs in Jahrmarkt. Der Fotograf Stefan Lehretter (aus Rekasch, jetzt Augsburg) hat ehrenamtlich die mehreren Tausend Dias von Engelmann bearbeitet und digitalisiert, die dessen Ehefrau Monika dem Banater Kulturzentrum in Ulm aus dem Nachlass ihres 2023 verstorbenen Mannes übereignet hat. Zu der Bilderreise mit vielen Erinnerungen für die Teilnehmer, über die wichtige Schenkung für das Ulmer Kulturzentrum, und über die Verdienste des aus Perjamosch stammenden früheren Kulturreferenten und BanatJA-Gründers Manfred Engelmann für das Banat und die Banater in Deutschland sprach einführend Halrun Reinholz.

Im Festsaal des Hauses eröffnete die Vorsitzende des Kreisverbandes Dr. Hella Gerber die Tagung und begrüßte die Ehrengäste, die Referenten und Teilnehmer. Sie erteilte Bürgermeister Bernd Kränzle das Wort, der die Grüße der Schirmherrin der Tagung, Oberbürgermeisterin Eva Weber, überbrachte. Bürgermeister Kränzle nimmt immer gerne an den Veranstaltungen der Banater in Augsburg teil und fühlt sich ihnen verbunden. Er sparte auch diesmal nicht mit Lob und Dankesworten für die „großartigen Leistungen“ des Kreisverbandes und seiner Vorsitzenden. Dass sich Augsburg bezüglich Wohlbefindens zu den fünf ersten Städten des Landes zählen kann, ist sicher auch der guten Integration der Banater zu verdanken. „Was ihr macht, gehört zu Augsburg“, so Kränzle weiter. Er begrüßte ausdrücklich das Thema der Kulturtagung: „Muttersprache und Deutschunterricht“. Besonders freute sich der 1942 Geborene auf den Vortrag der ehemaligen Lehrerin Elvira Slavik, weil er sich an seine erste Klasse mit 56 Schülern und die schulischen Bedingungen der ersten Nachkriegsjahre in Augsburg gut erinnere.

Banater Schulgeschichte

Chronologisch eröffnete Luzian Geier die Vortragsreihe mit einem Abriss zum Banater deutschen Schulwesen nach der 48er Revolution und bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, aus zeitlichen Gründen mit Schwergewicht auf die weniger bekannte Zeit des Kronlandes Serbische Woiwodschaft und Temescher Banat und der sich steigernden Madjarisierung in allen Bildungsbereichen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der Referent verwies auf wichtige veröffentlichte Bücher zur Geschichte des Banater deutschsprachigen Schulwesens, wie die von Samuel Hetzel, Felix Milleker über die Anfänge, von Dr. Anton Peter Petri zur Lehrerbildung und besonders von Dr. Johann Wolf bis zur 48er Revolution. Als jüngste Buchveröffentlichung erwähnte und begrüßte der Vortragende die Neuerscheinung zu 300 Jahren deutscher Unterricht in Arad, angeregt und herausgegeben 2024 vom Demokratischen Forum der Deutschen im Kreis Arad. 

Anhand von Verordnungen und Inspektionsberichten zeigte Geier konkrete Schulaspekte, u. a. die Verordnung aus dem Jahr 1852, dass ohne ausdrückliche Einwilligung der Gemeinde in der Schule in keiner als der Muttersprache unterrichtet werden darf, und dass es den Lehrern verboten wird, Vollbart zu tragen. Im Jahr 1854 schaffte die Behörde den Oberlehrertitel im Banat ab, ab 1856 wurden die Mädchen gezwungen, in der Schule die Kopftücher abzulegen. Die Lehrer durften dann auch nicht mehr in Pantoffeln, mit dem Hut auf dem Kopf oder im Hemd unterrichten. Im Jahr 1860 besuchte der Schulinspektor Johann Heinrich Kümmer die Dettaer Schule. Er fand, dass das Schulgebäude baufällig und die Klassenräume zu eng sind. Als er in die erste Klasse eintrat, kauerten 50 Kinder in allen Ecken des Saales. In einer unveröffentlichten Beschreibung der Gemeinde Jahrmarkt aus dem Jahr 1864 ist im Kapitel „Der Mensch“ ein Abschnitt der Trivial-Schule gewidmet, in dem u. a. vermerkt wird, dass der Schulbesuch im Winter unbefriedigend sei. „Es sind 3 Lehrer, 2 Knabenklassen und 1 Mädchenschule. Elementarkenntnisse sind derart verbreitet, dass der weit größere Teil lesen und schreiben kann. Die vorhandenen Schulen sind für die Knaben genügend, nicht so für die Mädchen. Der Schulbesuch war früher mangelhaft, aber auch jetzt noch vorzüglich, im Winter den diesfälligen hohen Verordnungen nicht ganz entsprechend; welches jedoch nur der ausgebreiteten Ortslage, den hierortigen schlechten Wegen und überhaupt dem Umstande zuzuschreiben ist, dass arme Eltern ihre Kinder nicht gehörig kleiden können.“ Aus einer Reihe Schul-Kurzchroniken wurden beispielsweise Angaben für Paulisch im Kreis Arad angeführt: Eine deutsche Schule gab es damals nur in Neu-Paulisch, wo im Schuljahr 1851-1852 Lehrer Johann Reppmann 137 der 217 schulpflichtigen Kinder unterrichtete. Reppmann wirkte ein Vierteljahrhundert lang an dieser Schule. Im Schuljahr 1874-1875 war der vorherige Neudorfer Lehrer Valentin Zengraff an der Neupaulischer deutschen Schule tätig. 

Der Wandel im Muttersprachenunterricht wurde anhand von Wochenstundenplänen gezeigt: 1868 in Bogarosch (Lehrer Ferch) alle Fächer deutsch, 1896 in Jahrmarkt der gesamte Unterricht (Lehrerin Ilona Feitz, geborene Herrmann aus Neu-Arad) ungarisch, oder wieder vergleichsweise ein Schulzeugnis aus Billed 1908 – nur ungarisch mit madjarisiertem Vornamen „Gängler Miklos“ – und einem zweisprachigen rumänisch-deutschen aus Jahrmarkt (Magdalena Schmidt, 1942, später verh. Eichinger).

Unterricht in den Kriegsjahren

Über den Muttersprachenunterricht in den Kriegsjahren und den unmittelbaren Jahren danach bis zur Bărăgan-Deportation (1951-1956) am Beispiel Billed referierte die langjährige Banater Lehrerin Elvira Slavik als Zeitzeugin. Die 97jährige hat Generationen von Schülern nicht nur das Lesen und Schreiben beigebracht, sondern mit Genugtuung die vielen Erfolge ehemaliger Schülerinnen und Schüler erleben können. Einführend erklärte sie, dass die Schule sie „ein halbes Jahrhundert meines Lebens“ begleitet hat. „Zuerst als Schülerin, also als Lernende, dann als Lehrkraft – gewissermaßen als Lehrende und Lernende, denn wir lernen nun mal ein Leben lang – bewusst oder unbewusst.“ Die Referentin ließ die Zuhörer an ihren Erinnerungen teilhaben, „die 90 bis 75 Jahre zurückliegen, der Zeitraum Ende der 1930er Jahre bis 1955/56. Wenige unter uns haben diese Zeit hautnah erlebt, viele, die meisten, kennen sie aus Erzählungen ihrer Eltern, Groß- oder gar Urgroßeltern. Es waren Zeiten, die uns geprägt und Spuren hinterlassen haben. Teils unbefangen, hell und fröhlich, teils schwierig, schmerzhaft, bedrohlich und gefährlich.“

Nach den Erinnerungen aus ihrer Schulzeit, die bis auf die Schuljahre mit Schiefertafel und Griffel zurückreichten, und die Ausbildung zur Lehrerin in der Klosterschule beschrieb die ausgebildete Lehrerin die Situation in Billed – sie war sehr ähnlich in allen Gemeinden mit deutschen Schulen – während des Krieges und nach dem 23. August 1944. „Mit der Kapitulation Rumäniens am 23. August 1944 brach das gesamte deutsche Schulwesen im Banat zusammen.“ Bis 1946/47 gab es in Billed keine deutsche Schule, die deutschen Lehrkräfte wurden bereits im Herbst 1944 entlassen. Die deutschen Schüler besuchten deshalb in den ersten Nachkriegsjahren die rumänische Schule, manche Kinder blieben ihr auch fern. Die meisten Eltern waren im Januar 1945 in die Sowjetunion deportiert worden und die zurückgebliebenen Großeltern hatten andere Sorgen.

Mit dem Schuljahr 1947/48 wurde die deutsche Schule in Billed wieder eröffnet, und zwar mit einer 1., zwei 2. und einer 3. Klasse mit deutscher Unterrichtssprache. Dafür wurden vier deutsche Lehrkräfte eingestellt. Darunter auch Elvira Slavik. „Die Klasse 2B war meine erste Unterrichtsklasse als junge Lehrerin. Mit viel Freude und Engagement begannen Schüler, Lehrkräfte und Eltern dieses neue Schuljahr. Die 4. Klasse wurde in diesem Schuljahr noch in rumänischer Sprache unterrichtet.“ Kurz berichtete die Referentin über die Bemühungen der Eltern, auch in der Deportationszeit im Bărăgan den Kindern Unterricht zu sichern.

Zwänge und Engagement

Nach der Kaffeepause mit Fragen und Erinnerungsgesprächen folgte der dritte Vortrag mit Bildpräsentationen. Halrun Reinholz befasste sich dabei mit Fragen des deutschen Schulunterrichts im Banat in der „Epoche“ Ceaușescu. Wie Slavik ging sie nicht nur auf die vielen, großteils bekannten Zwänge im Unterricht ein, sondern untersuchte, wie Schule bzw. Lehrende weit mehr zu vermittelten versuchten als Wissen, weit über das hinaus, was die zensierten Lehrpläne vorsahen. Sie stellte herausragende Leistungen von Lehrkräften und Schulen in der schwierigen Zeit vor, beispielsweise die wichtige Lehrerbildungsanstalt in Temeswar nach 1948 und die ähnliche Ausbildungsanstalt in Neu-Arad. Im internationalen Vergleich hatte die deutsche Minderheit in Rumänien beachtlich gute Bedingungen, was den muttersprachlichen Unterricht anbelangt, doch angesichts der staatlichen Willkür und Unberechenbarkeit gab es immer wieder Probleme bei der Umsetzung. Exponierte Amtsträger wie der Vorsitzende des Kreisrats der deutschen Werktätigen Nikolaus Berwanger, Schuldirektor Erich Pfaff oder Inspektoren der Minderheit mussten oft eingreifen, um die Rechte der Minderheit zu sichern.

Im Zusammenhang mit Erich Pfaff verwies die Referentin auch auf die große Dokumentation über die Temeswarer Lenau-Schule, die zu deren 150jährigem Jubiläum erschienen ist. Diese zählte mit dem Lyzeum über die ganze Zeit zu den bedeutendsten mit deutschsprachigem Unterricht in Rumänien und ist heute eine der zwei Schulen mit Deutscher Spezialabteilung im Land. Doch auch ihr Erfolg verdankt sich der engagierten Vorarbeit der deutschen Abteilungen in den Grund- und Mittelschulen der Dörfer und Städte bzw. Stadtviertel, wo die Schüler das erforderliche Grundwissen erwarben. Allgemein war die Nachfrage für den Unterricht in deutscher Sprache auch bei den Familien ohne familiären deutschen Hintergrund groß, auch als die Zahl der Muttersprachler infolge der andauernden Auswanderung ständig sank und die deutschen Muttersprachler mittlerweile zur Minderheit wurden. Die Bemühungen um den Erhalt der traditionsreichen Schulen mit deutscher Unterrichtssprache in der Zeit der Zwänge hat sich letztlich gelohnt, denn sie sind im Banat bis heute vorhanden und decken den nun etwas anders gearteten Bedarf.

Bei den anschließenden Diskussionen gab es u.a. eine interessante und passende Wortmeldung der früheren Lehrerin Theresia Reingruber, die die wachsenden Schwierigkeiten an der deutschen Abteilung der Guttenbrunner Allgemeinschule erlebt hat, die sich durch den Rückgang der Schülerzahlen der deutschen Klassen und dem Mangel an deutschen Fachlehrern infolge der anhaltenden Auswanderungen immer mehr verschärft haben.

Operettenkonzert

Traditionell war der Abend des Augsburger Banater Kulturtags der Musik gewidmet, auch diesmal von Dr. Franz Metz und seinem Lehár-Ensemble gestaltet. Die Solisten Nina Laubenthal (Sopran), Wilfried Michl (Bariton), Wilfried Michl jun. (Tenor) und Hermina Szabó (Violine) boten den Teilnehmern zur Klavierbegleitung von Franz Metz ein erfrischendes, unterhaltsames Operettenkonzert, das mit langanhaltendem Beifall, Ovationen und Blumen belohnt wurde. Unter dem Titel „Strauss/200“ hatte Dr. Metz aus den Werken von Johann Strauss Sohn, Franz Lehar, Emmerich Kalman, Carl Zeller, Rudolf Novacek, Robert Stolz, Vittorio Monti und dem Hatzfelder Emmerich Bartzer beliebte Stücke ausgewählt, darunter mehrere, die Banat-Bezüge aufzeigen oder zum Tagungsthema passten, wie „Ja, das Schreiben und das Lesen“ aus der Operette „Der Zigeunerbaron“ von Johann Strauss.
Das vom Vorstand des Kreisverbands bestens organisierte Programm war ein großer Erfolg und hat die dankenswerte Förderung durch das Kulturwerk Banater Schwaben Bayern über das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales verdient. Auf mehr Teilnehmer hätten sich die Veranstalter an diesem heißen Sommertag gefreut, besonders für den gelungenen Konzertabend.