Vor zwei Jahren hatten Forscher des Nationalen Instituts für das Studium des Totalitarismus an der Rumänischen Akademie mit Sitz in Bukarest an einem vom Kulturwerk der Banater Schwaben Bayern in München veranstalteten Symposium über die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Rumänien teilgenommen. Nun lud das Institut die Leitung des Kulturwerks und Vertreter des Bundes der Vertriebenen Bayern zu einem Gegenbesuch am 24. Juni ein. Gleichzeitig erfolgte auch eine Einladung seitens des Abgeordneten der deutschen Minderheit im rumänischen Parlament Ovidiu Ganţ. Der Delegation gehörten an: seitens des Kulturwerks der Vorsitzende Bernhard Fackelmann, der Kulturreferent Dr. Michael Nusser und die Assistentin Michaela Weiler, seitens des BdV Bayern der Landesvorsitzende Dr. h.c. Christian Knauer und Susanne Marb, verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Gleich nach der Ankunft in Bukarest wurde die Delegation von Ovidiu Ganţ vor dem rumänischen Parlament empfangen. Sowohl die Abgeordnetenkammer als auch der Senat haben ihren Sitz im Parlamentspalast, einem Bau mit wahrhaft gigantischen Ausmaßen, der zu den größten Gebäuden der Welt zählt. Der 270 Meter lange und 245 Meter breite Palast hat eine Nutzfläche von unfassbaren 340000 Quadratmetern. Manche der insgesamt 1100 Räume sind so groß wie Fußballfelder. Vom Diktator Nicolae Ceauşescu zwischen 1984 und 1989 als „Haus des Volkes“ errichtet, ist der Palast ein abschreckendes und zugleich faszinierendes Beispiel für menschlichen Größenwahn. Um dafür wie auch für Aufmarschplätze und breite Alleen, die rundherum entstehen sollten, Platz zu schaffen, ließ Ceauşescu Häuser, Kirchen, Synagogen einfach abreißen und schätzungsweise 30 000 Menschen umsiedeln. 20 000 Arbeiter schufteten sechs Jahre lang im Drei-Schicht-System auf der riesigen Baustelle. Genießen konnte der Diktator seine pompöse Residenz allerdings nie. Als er im Dezember 1989 gestürzt wurde, war der Bau noch nicht ganz fertiggestellt. Nach Umbauten zogen die beiden Parlamentskammern sowie weitere Institutionen in den Palast ein, der heute als Symbol für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit steht.
Dies und viele weitere Informationen zur Historie des Gebäudes erfuhren die Mitglieder der Delegation von dem aus dem Banat stammenden Abgeordneten Ovidiu Ganţ, der bei den Parlamentswahlen am 1. Dezember 2024 ein sechstes Mandat erhielt und bei der konstituierenden Sitzung wieder zum Sekretär der Abgeordnetenkammer gewählt wurde. Der Parlamentarier führte die Gäste durch das Haus und zeigte ihnen seinen Arbeitsplatz, den Plenarsaal sowie diverse Räume, in denen die parlamentarische Arbeit stattfindet. Er gab einen Einblick in die aktuelle politische Lage des Landes nach den Präsidentschaftswahlen im Mai dieses Jahres und der Bildung einer neuen Regierung, die von der Fraktion der nationalen Minderheiten unterstützt wird. Ganţ umriss die Schwerpunkte seines neuen Mandats, die darauf abzielen, die Interessen der deutschen Minderheit in Rumänien zu vertreten und sich für deren Belange mit Nachdruck einzusetzen. Nach knapp zwei Stunden verabschiedeten wir uns mit einem herzlichen Dankeschön für die äußerst informative und erkenntnisreiche Begegnung.
Am nächsten Tag stand ein Besuch beim Nationalen Institut für das Studium des Totalitarismus (Institutul Naţional pentru Studiul Totalitarismului, INST) an der Rumänischen Akademie auf dem Programm. Das Institut, die führende Forschungseinrichtung für Totalitarismus- und Autoritarismusstudien im Land, ist im Haus der Akademie in unmittelbarer Nähe des Parlamentspalastes in einem monumentalen Neubau untergebracht, der auf Betreiben von Elena Ceauşescu begonnen, aber bis heute nicht vollendet wurde. Am Eingang wurde die Delegation von Dr. Cristina Diac, wissenschaftliche Mitarbeiterin am INST, empfangen und in die Räume des Instituts geleitet, wo sie von Dr. Constantin Buchet, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Präsident des Nationalen Rats für das Studium der Archive der Securitate (Consiliul Național pentru Studierea Arhivelor Securității, CSNAS), sowie Dr. Florin-Răzvan Mihai, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator des Forschungsdepartements, herzlich begrüßt wurde.
Die drei Historiker informierten über die Aufgaben des 1993 gegründeten Instituts, das eine öffentlich finanzierte Forschungseinrichtung der Rumänischen Akademie ist. Es widmet sich der Erforschung der Formen des Totalitarismus (Faschismus und Kommunismus) und des Posttotalitarismus in Rumänien und in der Welt, der Geschichte des Kalten Krieges sowie der Untersuchung der Formen des Autoritarismus von der Zwischenkriegszeit bis in die jüngste Zeit. Das Institut fördert die interdisziplinäre Forschung und den wissenschaftlichen Dialog auf europäischer Ebene. Es verfügt über eine Forschungsabteilung mit 13 wissenschaftlichen Mitarbeitern, eine Bibliothek, ein Fotoarchiv und einen eigenen Verlag. Teil des Instituts sind das Zentrum für russische und sowjetische Studien „Florin Constantiniu“ und das Zentrum für das Studium totalitärer Ideologien „Hannah Arendt“. Das INST veröffentlicht Werke in mehreren Schriftenreihen, gibt die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift „Arhivele Totalitarismului“ heraus und organisiert nationale und internationale wissenschaftliche Veranstaltungen. 2012 veröffentlichten Mitarbeiter des Instituts, darunter Cristina Diac und Florin-Răzvan Mihai, den Band „Lungul drum spre nicăieri. Germanii din România deportați în URSS“, der Interviews mit ehemaligen Russlanddeportierten und deren Nachkommen enthält. Kooperationspartner des Forschungsprojekts war die Landsmannschaft der Banater Schwaben. Der Band erschien 2015 in deutscher Übersetzung in der Reihe „Banater Bibliothek“.
Bereitwillig beantworteten die Forscher Fragen der Delegationsteilnehmer und bekundeten ihr Interesse an einer Weiterführung der Zusammenarbeit. Sie hatten es auch ermöglicht, den Kontakt zum Vorsitzenden des Vereins der ehemaligen Bărăgan-Deportierten Eduard Câmpeanu herzustellen, der die Delegation am nächsten Tag in das einstige Deportationsgebiet begleiten sollte. Câmpeanu wurde im Bărăgan geboren und stammt mütterlicherseits aus Neubeschenowa. Den Besuchern aus Deutschland war es wichtig, ehemalige Verbannungsorte zu bereisen, zumal sich im nächsten Jahr die Deportation in die Bărăgan-Steppe zum 75. Mal jährt.
Da nach dem Zerwürfnis zwischen dem sowjetischen Diktator Stalin und dem jugoslawischen Kommunistenführer Tito die Spannungen zwischen Jugoslawien und dem sich zur Sowjetunion bekennenden Rumänien zugenommen hatten, beschloss die rumänische Führung, das Grenzgebiet von „politisch unzuverlässigen Elementen“ zu säubern. Im Juni 1951 wurden über 40000 Menschen unterschiedlicher Ethnien, davon etwa ein Viertel Banater Deutsche, aus einem etwa 25-30 Kilometer breiten Gebiet entlang der rumänisch-jugoslawischen Grenze in die unwirtliche, zwischen Bukarest und der Donau gelegene Bărăgan-Steppe zwangsumgesiedelt. Hier errichteten die auf freiem Feld schutzlos ausgesetzten Deportierten 18 neue Dörfer, bauten sich einfache Häuser aus Lehm und mussten in der Landwirtschaft, bei Entwässerungsarbeiten oder auf dem Bau arbeiten. Erst 1956 durften sie in ihre Heimatorte zurückkehren.
Erste Station der Reise war Fundata, ein kleines Dorf unweit der Stadt Slobozia. Die primitiven Lehmhäuser, die sich die Deportierten errichtet hatten, sind längst verfallen. An das Deportationsgeschehen und die aus 172 Ortschaften verschleppten 40320 Personen erinnert seit 2001 eine Gedenkstätte. Im Innenraum werden auf großen Marmortafeln die Namen der Zwangsumgesiedelten angeführt, darunter finden sich viele deutsche Namen. Auch die Landsmannschaft der Banater Schwaben ließ zur Einweihung des Denkmals eine Gedenktafel in Erinnerung an die rund 1000 deportierten Landsleute anbringen, „die hier Unrecht, Not und Willkür ertragen mussten“. „Den Toten zum Gedenken – den Lebenden zur Mahnung“ steht darauf, verbunden mit dem Wunsch: „Möge ein solches Unrecht sich nie wiederholen!“ Die gute Seele der Gedenkstätte ist Frau Rodica, die aus Großsanktnikolaus stammt.
Als nächste Station besuchten wir den Ort Dâlga, der zur Gemeinde Dor Mărunt gehört. Obwohl das Dorf sich topographisch verändert hat, gibt es noch ein paar alte, verfallene Häuser aus jener Zeit und eine Kirche, die während der Deportation errichtet wurde. In deren Hof erinnert ein Gedenkstein an das Deportationsgeschehen. Neben der Kirche trafen wir ein betagtes Ehepaar, mit dem wir ins Gespräch kamen. Der alte Herr erzählte uns, dass er aus dem Kreis Temesch stamme, 1951 deportiert worden und nach Aufhebung der Zwangsmaßnahme im Bărăgan geblieben sei. Auf dem nahegelegenen Dorffriedhof sind die Gräber der hier während der Deportation Verstorbenen längst verschwunden, die Holzkreuze verrottet. Die Zeit verwischt die Spuren, deshalb ist es umso wichtiger, die Erinnerung an jene Zeit wachzuhalten und der Opfer zu gedenken – in Rumänien wie auch hier in Deutschland. Wehmütig und in Gedanken versunken verließen wir diesen Ort, der – wie auch die anderen ehemaligen Verbannungsorte – als Symbol für Unrecht und Willkür der kommunistischen Herrschaft steht.
Obwohl unser Aufenthalt in Rumänien nur von kurzer Dauer war, haben wir viel erlebt und über die Gegenwart und Vergangenheit vieles erfahren. Es waren abwechslungsreiche Tage, die uns Einblicke in die Arbeit eines Parlamentariers und eines Forschungsinstituts wie auch in die Erinnerungskultur bezüglich der Bărăgan-Deportation gewährt haben.











