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Banater Post

Wann de Schwob nit uff Ulm fahre kann... Digitaler Heimattag 2020

Zum ersten Mal in der siebzigjährigen Geschichte unserer Landsmannschaft fand der Heimattag der Banater Schwaben digital statt.

Der stellvertretende Bundesvorsitzende Jürgen Griebel gestaltete und koordinierte das Vormittagsprogramm des digitalen Heimattages und sorgte für dessen Übertragung auf Facebook und YouTube.

Lukas Krispin, stellvertretender Bundesvorsitzender der DBJT, unterstützt von seinem Bruder Johannes, verantwortete das am Nachmittag auf dem eigenen YouTube-Kanal übertragene Programm der DBJT.

„An Phingschte is de Schwob in Ulm“, das war ein ungeschriebenes Gesetz bis, ja bis ein kleines Virus dazwischenkam und alles veränderte. Das öffentliche Leben war bis auf ein Minimum zurückgefahren, soziale Kontakte und Veranstaltungen untersagt. Für Verbände ein schwierige Situation, so auch für unsere Landsmannschaft. Dabei sollte gerade der Heimattag 2020 in Ulm ein ganz besonderer werden. Landsleute aus allen Teilen Deutschlands, aus dem Banat, aus Österreich, den USA, Argentinien und anderen Staaten wollten nach Ulm kommen, um gemeinsam den 70. Geburtstag der Landsmannschaft zu feiern. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtoren, die Vorfreude war groß und dann… abgesagt.
Er hatte sich die Entscheidung wahrlich nicht leicht gemacht und doch musste sie gefällt werden, so Peter-Dietmar Leber, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Als erste der drei Landsmannschaften (Siebenbürger Sachsen, Sudetendeutsche und Banater Schwaben), die traditionell ihren Heimattag an Pfingsten feiern, hatten die Banater Schwaben ihre Veranstaltung abgesagt. Peter-Dietmar Leber setzte damit ein Zeichen. Zwischenmenschliche Begegnungen in der Gemeinschaft machen diesen Verband aus, aber nicht um jeden Preis, zu groß war das gesundheitliche Risiko für ältere Mitglieder.

Aber a Schwob wär ka Schwob, wenn er nicht auch dafür eine Lösung fände. Denn, „wenn der Schwob nit uff Ulm fahre kann, muss Ulm halt zum Schwob kumme“. Die Idee des digitalen Heimattages hatte der stellvertretende Bundesvorsitzende Jürgen Griebel. Sein Vorschlag stieß im Vorstand auf Begeisterung. „Wir wollten damit ein Zeichen setzen. Den Mitgliedern zeigen, wir sind da, trotz Corona. Ein landsmannschaftliches Leben wird es auch nach Corona geben. Das ist wichtig“, bekräftigte der Bundesvorsitzende die Entscheidung, die Veranstaltung ins Internet zu verlagern.

Damit fing die Arbeit aber erst an. Ein Konzept musste her und das so schnell wie möglich. Die Zeit drängte, denn von der Idee bis zur Umsetzung an Pfingsten blieben gerade einmal drei Wochen – eine Herausforderung. Doch nicht nur die Zeit stellte eine Herausforderung dar, auch fehlte die nötige Erfahrung. So etwas gab es ja noch nie. Skepsis: Würde das funktionieren und überhaupt jemanden interessieren? Was sollte gezeigt werden und wie lange sollte oder durfte das Programm dauern? Ein Querschnitt sollte es sein, von allem etwas – Tradition und Brauchtum, Glaube und Kirche, Tanz und Musik und natürlich Grußworte. Doch schnell folgte der anfänglichen Begeisterung erst Respekt und dann viel Arbeit.

Ein Stück Heimat auf dem Bildschirm

Grußworte in Form kleiner Videobotschaften mussten angefragt, Videos mit Höhepunkten der vergangenen Heimattage ausgesucht, GEMA-Rechte geklärt und dann sollte alles noch zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt werden. Der Schnitt glich einem Puzzle mit unendlich vielen Einzelteilen, die zunächst nicht zusammenpassen wollten – eine Sisyphusarbeit. Mit viel Geduld fügte Jürgen Griebel die einzelnen Filmaufnahmen zusammen, passte die Lautstärke an, unterlegte alles mit Musik und musste dabei stets darauf achten, den gesetzten Zeitrahmen von zwei Stunden nicht zu überschreiten. Das Ergebnis: ein Programm in zwei Teilen. Der erste Teil enthielt die Begrüßung des Bundesvorsitzenden Peter-Dietmar Leber sowie Grußbotschaften aus Deutschland und dem Banat. Zudem zelebrierten der Bischof der römisch-katholischen Diözese Temeswar Josef Csaba Pál und Generalvikar Johann Dirschl einen Wortgottesdienst. Im zweiten Teil folgten Beiträge und Ausschnitte unvergesslicher und ergreifender Szenen vergangener Heimattage in Ulm. Für den großen Tag war alles soweit vorbereitet.

Am Pfingstsonntag saß Jürgen Griebel im heimischen Wohnzimmer und startete Punkt 10 Uhr den digitalen Heimattag 2020 bei Facebook und YouTube. Statt Tracht trug er kurze Hosen, statt Hemd ein bequemes T-Shirt, vor sich zwei Bildschirme, Handy, Tablet. Sollte etwas schief gehen, könnte er noch eingreifen. Aber würde die Technik mitmachen? Würde alles klappen? Vor allem: Wieviele Mitglieder würden zuschauen? Vorsichtig hatte Jürgen Griebel mit 100 Zuschauern gerechnet, gehofft hatte er natürlich auf mehr. Dass es aber solch einen Ansturm geben würde, hätte er nicht zu träumen gewagt. Bei Facebook waren zwischen 50 und 60 angemeldete Zuschauer gleichzeitig online, bei YouTube verfolgten zwischen 250 und 270 angemeldete Nutzer live das Programm. Geht man nun davon aus, dass die gesamte Familie vor dem Computer saß, so vervielfacht sich diese Zahl deutlich, 500 bis 700 Zuschauer gleichzeitig sind durchaus eine realistische Annahme. Der digitale Heimattag der Banater Schwaben war ein voller Erfolg, soviel kann man sagen. Leider ging der Server in die Knie, es kam zu technischen Störungen. Jürgen Griebel, zwischenzeitlich schweißgebadet, war verzweifelt, denn er konnte nichts machen. Das Bild war verzerrt oder fror ein, während der Ton weiterlief. Aber so ist das nun mal in einer Live-Sendung. Die Gründe dafür? Der Server war überlastet.

DBJT-Programm zum Schauen und Mitmachen

Parallel dazu hatte auch die DBJT, die Jugendorganisation der Landsmannschaft, die Idee, den Heimattag am 31. Mai 2020 digital stattfinden zu lassen – einfach auf YouTube mit verschiedenen internetfähigen Geräten, wie Handys, Tablets, PCs oder Smart TV zuschaltbar. Was für die Landsmannschaft Neuland bedeutete, war für die Jugendorganisation längst zum Alltag geworden, hatte sie ihren digitalen Auftritt auf Facebook und seit letztem Jahr auch auf Instagram ausgebaut.

Das knapp zweieinhalbstündige Programm startete sodann um 14 Uhr. Die Idee dazu hatte Lukas
Krispin, stellvertretender Vorsitzender der DBJT, der das Programm dann auch live aus seinem Wohnzimmer moderierte. Die Programmpunkte waren vielfältig, informativ und lustig. Besonders erwähnenswert sei an dieser Stelle das „PfingstQuiz“, an dem sich Zuschauer interaktiv beteiligen konnten. 18 Gruppen hatten sich im Vorfeld angemeldet, zwei kamen noch kurzfristig am Pfingstsonntag dazu. Der Fantasie bei der Vergabe der Gruppennamen war dabei keine Grenze gesetzt und so fanden sich dort dann so lustige Namen wie „Umorke Banda“, „Die luschtiche Hingle“ oder die „Gertianoscher Dickkepp“. Dass sich hinter den „Gertianoscher Dickkepp“ Elisabeth und Andreas Schöps, die Großeltern von Patrick Polling, dem Bundesvorsitzenden der DBJT, verbargen, hätten wohl die Wenigsten vermutet. Das 72 und 75 Jahre alte rüstige Rentnerehepaar ließ es sich nicht nehmen, fleißig mitzuraten. Die beiden verfolgten den Heimattag auf dem Tablet und sendeten ihre Quizantworten via WhatsApp-Nachricht per Handy an die DBJT. Da sage noch einer, diese Technik sei nur was für junge Leute. Apropos Quiz: Gewonnen haben die Trachtengruppe Ingolstadt und die DBJT-Band, die sich punktgleich den ersten Platz teilten. Der Gewinn war eine Geschenkbox, soviel sei an dieser Stelle verraten. Jeder Teilnehmer erhielt oder erhält noch einen Jutebeutel mit dem aufgedruckten Logo der DBJT, Kugelscheiber und die eine oder andere Überraschung, die hier natürlich nicht verraten wird.

Obwohl man die Mitglieder der DBJT, was digitale Medien betrifft, fast schon als alte Hasen bezeichnen könnte, hatten auch sie mit dem ein oder anderen Problem vor und während des Heimattages zu kämpfen. Vor allem für die Live-Übertragung musste im Vorfeld Technik gekauft, installiert, Kabel verlegt und das Programm ausgiebig getestet werden. Und dennoch: zwei Stunden vor Programmstart eine Änderung. Um Störungen und Verzerrungen, wie sie während des digitalen Heimattages der Landsmannschaft aufgetreten waren, möglichst zu verhindern, musste die Technik gewechselt, beziehungsweise ein Computer mit größerer Prozessorleistung angeschlossen werden. Ein nochmaliges Testen vor der Live-Übertragung war allerdings nicht mehr möglich.

Eine große Hilfe war Lukas bei all dem sein jüngerer Bruder Johannes Krispin, der auch bei der Live-Übertragung im Hintergrund für einen reibungslosen Ablauf sorgte. So zog Johannes, während Lukas die Moderation im Vordergrund übernahm, im Hintergrund die Fäden. Er spielte die Filme ein, steckte Lukas kleine Hinweiszettel zu oder ermutigte ihn zur Interaktion mit den Zuschauern. Er ließ ihn Kommentare vorlesen, achtete gleichzeitig aber darauf, dass Lukas im Zeitrahmen blieb. Das Senden aus dem eigenen Wohnzimmer brachte aber noch manch andere Tücke mit sich. So nutzte Lukas für seine Moderation einen sogenannten Green Screen (Grüner Bildschirm) als Hintergrund. Der Vorteil dieser Technik: Lukas konnte sich in jedwelchen Hintergrund, sprich an jeden Ort der Welt projizieren, während er in seinem Wohnzimmer auf dem Stuhl saß. Das Problem an diesem grünen Bildschirm: Alles, was grün ist, verschwindet. Möglicherweise war das der Grund, weshalb Lukas sich im letzten Moment gegen das grüne T-Shirt der DBJT entschieden hatte und seine Wahl stattdessen auf das weiße Hemd mit Trachten-Leiwel fiel. Man stelle sich vor, das grüne T-Shirt wäre verschwunden und von Lukas wäre nur sein freischwebender Kopf zu sehen gewesen.

Resonanz war überwältigend

Resümierend hatte sich die viele Arbeit gelohnt. Vergessen die vielen durchgearbeiteten Nächte, die ge-rauften Haare. Die Resonanz war überwältigend. Bereits im Livestream waren es über 300 Zuschauer, die sich das Programm der DBJT ansahen, welches mitgeschnitten und im Anschluss auf den YouTube-Kanal hochgeladen wurde. Am Pfingstmontag, also einen Tag später, hatten dann schon über 2500 Menschen diese Aufzeichnungen des digitalen Heimattages aufgerufen. Doch nicht nur die Zuschauerzahlen waren überwältigend, sondern auch die vielen positiven und lobenden Rückmeldungen und Kommentare zu diesem zugegebenermaßen gewagten Experiment. Von Nairobi bis Toronto, ob in Argentinien, den USA oder dem Banat, der digitale Heimattag brachte alle zusammen. Sie fühlten sich unabhängig von Zeit und Ort einer großen Gemeinschaft zugehörig. Ob vor dem heimischen Computer oder wie Anita Maurer, Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft Schöndorf, per Handy auf dem Schiff. Sie machte mit ihrem Mann Urlaub am Bodensee, ließ es sich jedoch nicht nehmen, den Heimattag live zu verfolgen, wenn auch nur mit dem „Kucksiloch“, wie ihr 90-jähriger Großvater das Smartphone liebevoll nennt. Ihr Fazit: Sie war begeistert.

Vielen Landsleuten wurde durch diesen etwas anderen, digitalen Heimattag bewusst, wie wichtig ihnen der Heimattag ist, ob real oder digital, völlig egal. Gleichzeitig wurde allen jedoch auch bewusst, wie wichtig persönliche Begegnungen und soziale Kontakte in der Gemeinschaft sind. Ja, es gebe das Internet, die sozialen Medien, diese hätten ihre Berechtigung und seien wichtig, persönliche Treffen, eine direkte und gelebte Gemeinschaft können sie jedoch nicht ersetzen. In diesem Sinne freue er sich schon auf ein Wiedersehen 2022 in Ulm, so der Bundesvorsitzende Peter-Dietmar Leber. An dieser Stelle gilt der Dank all denen, die, egal ob vor oder hinter der Kamera, alles dafür getan haben, diesen Heimattag trotz weltweiter Pandemie zu einem besonderen Erlebnis werden zu lassen. Der unermüdliche Einsatz, die vielen durchgemachten Nächte, der vergossene Schweiß und die mühsame Arbeit haben sich gelohnt. Diese besondere Situation hat gezeigt:, „A Schwob losst sich nit, for jedes Problem gibts a Lösung“. Die Gemeinschaft der Banater Schwaben kann stolz auf sich sein.