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Banater Post

Versöhnung durch Erinnerung

Nach einer Gebetsandacht in der Kirche „Zum guten Hirten“ wurde zum Gedenken an die Opfer der Deportation am Banater Gedenkstein ein Kranz niedergelegt. Foto: Nikolaus Dornstauder

Zeitzeugen der Russlanddeportation mit dem Bundestagsabgeordneten Dr. Volker Ullrich, dem Landtagsabgeordneten Andreas Jäckel und Vorstandsmitgliedern des Kreisverbandes Augsburg Foto: Maria und Peter Bergmann

Auch in Augsburg wurde in diesen Januartagen daran erinnert, dass vor 75 Jahren in allen Banater Ortschaften deutsche Männer und Frauen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion abtransportiert wurden und dort unter schwersten, menschenunwürdigen Bedingungen in Kohlegruben und Fabriken arbeiten mussten. Bis zu fünf Jahre dauerte das Martyrium, das viele Opfer forderte. Junge Mütter mussten ihre Kinder bei den Großeltern zurücklassen, die Männer waren oft aus dem Krieg noch gar nicht zurückgekehrt. Kaum eine Banater schwäbische Familie war nicht von der Deportation betroffen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass auch in Augsburg die Gedenkveranstaltung regen Zuspruch fand.

Mit einer Gebetsandacht in der Kirche „Zum guten Hirten“ gedachte Pfarrer Alexander Lungu mit bewegenden und, da auch er in seinem familiären Umfeld betroffen war, sehr persönlichen Worten der Opfer und der für ihr weiteres Leben Traumatisierten. „Ich konnte nicht verstehen, weshalb meine Kinderfrau immer so viele Nudeln in die Suppe einkochte“, verriet er. Das war, weil es „in Russland“ nur dünne Suppen gegeben hatte. Gebete aus der Deportation lasen Tine Slavik und Helene Geier. Der Seniorenchor des Kreisverbandes unter der Leitung von Aniko Oster hatte eigens in der Deportation entstandene Lieder einstudiert, Werner Zippel begleitete sie an der Orgel. Danach wurde mit einer feierlichen Zeremonie ein Kranz am Banater Gedenkstein neben der Kirche abgelegt. Der Augsburger Bundestagsabgeordnete Dr. Volker Ullrich sprach ein bewegendes Grußwort, flankiert von Klängen der Musikkapelle der Banater Schwaben unter der Leitung von Werner Zippel.

Im großen Pfarrsaal der Pfarrei drängten sich danach rund 200 Leute zum kulturellen Teil des Programms. Davor hatten alle Gelegenheit, sich an dem reichhaltigen Kuchenbuffet zu stärken, das die Frauen des Kreisverbandes mit Hilfe großzügiger Kuchenspenderinnen anboten. Die Kreisvorsitzende Dr. Hella Gerber konnte viele Ehrengäste willkommen heißen, die immer wieder gerne bei den Veranstaltungen der Banater Schwaben anwesend sind. Andreas Jäckel, Landtagsabgeordneter und BdV-Bezirksvorsitzender, sprach als Freund und stets gern gesehener Gast der Banater Schwaben ein Grußwort. Stadtrat Klaus Dieter Huber war gekommen, ebenso die aus dem Banat stammende Bezirksrätin Annemarie Probst. In der ersten Reihe saßen noch vier betagte Menschen, die selber das Martyrium der Russlanddeportation erlebt haben. Einer von ihnen war der 94-jährige Adam Zirk aus Busiasch. Heute in Biberach an der Riß zuhause, berührte er die Menschen mit der eindringlichen und klaren Erzählung seiner Erlebnisse vor 75 Jahren. Eingerahmt war sein Vortrag von Gedichten zur Deportation, die von Edith Achim – selbst geschrieben – und Hannelore Scheiber (aus dem Nachlass ihrer kürzlich verstorbenen Mutter) vorgetragen wurden.

Den musikalischen Teil der Veranstaltung bestritt der Seniorenchor des Kreisverbandes unter der Leitung von Aniko Oster mit berührenden Liedern aus der Deportation im Wechsel mit dem Bläserquartett der Musikkapelle der Banater Schwaben unter der Leitung von Werner Zippel, das eigens für diesen Anlass Musikstücke einstudiert hatte. Ein eindrucksvolles Gemälde zu dem Thema, das noch viele Jahre nach der Rückkehr mit einem Tabu belegt war, hat der Banater Maler Franz Ferch quasi im Geheimen gemalt. Unter dem Titel „Kennst mich noch?“ zeigt es die Begegnung einer aus der Deportation zurückgekehrten Mutter mit dem bei den Großeltern verbliebenen Kind, das sie begreiflicherweise nicht erkennt. Gerlinde Bohn erläuterte Hintergründe zur Entstehung und Auffindung des Bildes und das Mundartgedicht eines Orzydorfers dazu. Die auch außerhalb der rumäniendeutschen Kreise bekannteste Darstellung der Deportation ist Herta Müllers Roman „Atemschaukel“. Sie hat dort die Erlebnisse ihres siebenbürgischen Freundes Oskar Pastior mit den Erzählungen ihrer Mutter und anderer Deportierter aus ihrer Nitzkydorfer Umgebung zu einem einprägsamen literarischen Denkmal verwoben. Hella Gerber und Halrun Reinholz lasen daraus kurze Passagen.

Das dicht gedrängte Programm endete mit einem Vortrag von Luzian Geier, der sich einem bislang kaum beachteten Nebenaspekt der Deportation widmete: den Kindern, die in den Arbeitslagern gezeugt und geboren worden waren. „Zweitzeugen – Kinder der Liebe oder Kinder hinter Stacheldraht“ lautete der Titel seines spannenden Vortrags, der aus Zeitgründen sehr verkürzt werden musste. Die Vollversion folgt im Herbst im Rahmen der Vortragsreihe des Kreisverbandes zum 70. Jahrestag der letzten Heimkehrer.

Denn es hat sich gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit der Russlanddeportation auch 75 Jahre danach von großem Interesse für die Generation der Nachkommen ist. Schon deshalb, weil viele der Deportierten von ihren Erlebnissen nicht gesprochen haben, obwohl (oder gerade weil) sie, wie Herta Müller es nennt, eine „Beschädigung“ in sich trugen. Die meisten können nicht mehr befragt werden, doch aus den Puzzleteilen der Zeugnisse, die überliefert sind, kann man sich ein Bild vom Ausmaß des Leidens machen, das unschuldige Menschen aus ihrem Alltagsleben gerissen und ihre Biografien geprägt oder gar beendet hat. Dass wir uns jetzt eindringlich und respektvoll daran erinnern, ist das Mindeste, was wir tun können.