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Banater Post

Temeswar − eine Stadt mit ganz speziellem Flair

Unter den Seminarteilnehmern waren viele Banater und Temeswarer. Foto: Halrun Reinholz

Wochenendseminar mit hoch interessanten Beiträgen zur Kulturgeschichte der Banater Hauptstadt in Bad Kissingen - Die Banater Hauptstadt wird 2021 Kulturhauptstadt Europas. Anlass für die Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen, Temeswar in ihrer Reihe „Städte Südosteuropas“ einer näheren kulturhistorischen Betrachtung zu unterziehen. Mitveranstalter waren das Kultur- und Dokumentationszentrum der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Ulm sowie der Verein der Freunde der Lenauschule. Gemeinsam mit dem Leiter der Tagungsstätte Gustav Binder und mit Förderung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien konnten namhafte Referenten für das sehr dichte und intensive Wochenendseminar gewonnen werden.

Die Bad Kissinger Seminare haben viel mit Begegnung und Austausch zu tun. Der Siebenbürger Sachse Gustav Binder legte immer schon Wert auf die Zusammenarbeit mit den Banatern, deshalb wurde er auch vor gut 30 Jahren Mitglied des damals gegründeten Arbeitskreises junger Banater Akademiker „BanatJA“. Viele Kontakte – auch zum Verein der Freunde der Lenauschule – stammen noch aus dieser Zeit. Wie die Vorstellungsrunde am ersten Abend zeigte, waren die Teilnehmer bunt gemischt. Viele Banater und Temeswarer dabei, doch auch Siebenbürger oder Interessierte ohne direkten (biografischen) Bezug zum Thema. Auf die Frage, wer denn mal Lenau-Schüler war, hob eine überwältigende Zahl der Anwesenden die Hand. Und selbstverständlich waren auch Gäste aus Temeswar angereist, hauptsächlich um die Tagung als Referenten zu bereichern.

Literarisches Zentrum der Banater Deutschen

Wie es die Tradition in Bad Kissingen verlangt, wird bereits am Freitag nach dem Abendessen mit einem „musischen“ Programmpunkt in das Thema eingestiegen. Dr. Walter Engel, ehemals Dozent am Germanistik-Lehrstuhl der Temeswarer Universität, übernahm diesen Part mit einem Referat über die Temeswarer „Literaturszene“ im 20. Jahrhundert. Er unterschied drei Entwicklungsetappen der Banater deutschen Literatur, die sich durch die politischen Ereignisse ergeben: Bis zum Ersten Weltkrieg und der damit verbundenen Teilung des Banats war (auch) die Literatur vom Kampf gegen die ungarischen Assimilierungsbestrebungen geprägt. Die Zeitschrift „Von der Heide“, die Persönlichkeit Adam Müller-Guttenbrunns, aber auch die Dichter Otto Alscher oder Franz Xaver Kappus, mehr als nur ein Empfänger von Rilke-Briefen, wurden vom Referenten exemplarisch genannt. Die Zwischenkriegszeit war geprägt vom wiedererstarkten Selbstbewusstsein der Deutschen im Banat, aber auch vom zunehmenden Einfluss des Nationalsozialismus. Publikationen wie die „Banater Monatshefte“ und die „Temesvarer Zeitung“  dokumentieren die literarische Szene, aus der eine junge Lyriker-Generation mit Peter Barth, Peter Jung, Hans Diplich, Rudolf Hollinger, Hans Wolfram Hockl und noch anderen hervorging. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stand unter der Herrschaft des Kommunismus in
Rumänien. Doch auch hier bildete sich ab 1949 eine bemerkenswerte literarische Tätigkeit in deutscher Sprache heraus. Schon bald erschien die Zeitschrift „Banater Schrifttum“, später „Neue Literatur“. Auch die „Neue Banater Zeitung“ mit ihrem Chefredakteur Nikolaus Berwanger spielte eine wichtige Rolle für die Förderung junger Literaten. Berwanger, selbst Schriftsteller, war auch ein Motor für die Gründung des Literaturkreises Adam Müller-Guttenbrunn, wo Schriftsteller der älteren Generation (Franz Liebhard, Stefan Heinz, Ludwig Schwarz u.a.) auf die jungen Autoren im Umfeld der „Aktionsgruppe Banat“ trafen – Richard Wagner, Gerhard Ortinau, Johann Lippet, Horst Samson, Balthasar Waitz und nicht zuletzt Herta Müller.

Geographische Lage und Stadtwerung

Wo liegt denn eigentlich Temeswar im Natur- und Kulturraum? Dieser nüchternen Frage ging der Geograph Hans-Heinrich Rieser in seinem Einstiegsreferat  am zweiten Seminartag nach. Rieser ist in Württemberg geboren, sein Vater stammt jedoch aus Neupetsch, daher war er schon als Jugendlicher zu Besuch im Banat und hat sich später auch beruflich damit beschäftigt. Wie allgemein bekannt, wurde die befestigte Stadt von den Habsburgern nach der Eroberung 1716 sozusagen „aus dem Sumpf
gebaut“. Die unwirtliche Umgebung war aber, wie Rieser nachwies, nicht nur ein Nachteil, sondern bot auch Schutz. Zudem lag die Region strategisch günstig an den Fernhandelsstraßen und war wohl deshalb schon im Mittelalter eine bedeutende Siedlung und zeitweise sogar Regierungssitz des ungarischen Königs. Dennoch steht sie heute vor allem als barockes Bau-Experiment der Habsburger im Fokus, ein Experimentierfeld für neue Verwaltungsstrukturen im Kronland. Wie Rieser humorvoll bemerkte, wurde die Stadt mit ihrer schachbrettartigen Struktur und der existenzsichernden Infrastruktur im 18. Jahrhundert schneller aufgebaut als heute der Berliner Flughafen.

Damit wurde die Grundlage gelegt für eine wirtschaftliche Entwicklung, die sich in der Gründerzeit und im Industriezeitalter fortsetzte. Dass die multiethnisch geprägte Stadt, von der der Funke zur Wende 1989 ausging und die damals schon mit der „Proklamation von Temeswar“ einen Gegenentwurf zu Iliescus „Kommunismus light“ geboten hatte, zur europäischen Kulturhauptstadt ernannt wurde, sei aus dieser Entwicklung heraus nur konsequent.

Das „türkische“ Jagdschloss des Grafen Mercy

Der Architekturhistoriker Mihai Opriș hatte sich im Rahmen seiner Tätigkeit als Projektleiter in Temeswar mit dem Studium historischer Temeswarer Stadtpläne befasst. Diese Beschäftigung veranlasste ihn nicht nur zu einer grundlegenden Korrektur der städtischen Baugeschichte, die in seiner Dissertation ihren Niederschlag findet, sondern führte auch zur Entdeckung von Kuriositäten wie dem „türkischen“ Jagdschloss des Grafen Mercy in den „Waldungen“ nördlich von Temeswar. Heute ist von dieser ausgedehnten Grünfläche, wo einmal sogar ein Tierpark war, nur noch der Jagdwald übrig. Tatsächlich befand sich dort auch ein barockes Jagdschloss, das wohl wegen seiner als orientalisch empfundenen „ovalen“ Architektur den Beinamen „türkisch“ erhielt. Opriș vermutet, dass der Architekt des Jagdschlosses Carl Joseph Römmer war, ein bisher nur wenig beachteter außergewöhnlich
talentierter Baumeister des Barock, der auch bei den Umbauplänen für den Dom in Erscheinung trat.

Deutsches Schulwesen in Temeswar

Über das Banater Schulwesen mit dem speziellen Fokus auf die Temeswarer Lenauschule sprach Raluca Nelepcu. Sie ist gerade dabei, zu diesem Thema eine Dissertation in Klausenburg zu schreiben und war selbstverständlich auch selbst mal Lenauschülerin. Kennerin des Banats ist sie zudem durch ihre hauptberufliche Tätigkeit als Redakteurin der Banater Redaktion der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“. Ihr Referat bot einen fundierten Überblick über die wechselvolle Geschichte des deutschen Schulwesens unter den Zwängen der ungarischen und dann rumänischen Assimilationsbestrebungen. Eine mit der Zeit gewachsene Institution wie die Lenauschule ist dabei von unschätzbarem Wert für die Identität der Gemeinschaft. Wie sich bis heute zeigt, wirkt sie selbst über die Zeit hinaus, als sie noch hauptsächlich eine Schule der Minderheit war: Die heutige Lenauschule hat fast keine muttersprachlichen Schüler oder Lehrer mehr, pflegt aber mit 1600 Schülern in vier Gebäuden nach wie vor eine Tradition, die vor 150 Jahren in der deutschen Gemeinschaft der Stadt entstanden ist.

Das Bild der Stadt in der „Temesvarer Zeitung“

Einen Blick von „außen“ warf Dr. Eszter János von der Christlichen Universität „Partium“ in Großwardein auf das Temeswar des 19. Jahrhunderts. Die Germanistin untersuchte die „Temesvarer Zeitung“ auf deren Rolle für die Kulturvermittlung und den interethnischen Dialog. In dieser Zeitung bot sich ihr
eine „Inszenierung“ des Banats und der kosmopolitischen Stadt Temeswar, die sich an den Metropolen Wien und Budapest orientierte und auch aus dortigen Publikationen einiges abdruckte. Die Redaktion war vom jüdischen Bürgertum geprägt, das sowohl deutsch als auch ungarisch sprach, gut vernetzt war und den „gebildeten Geist der Stadt“ repräsentierte. Die Stadt verstand sich als „keine gewöhnliche Provinzstadt“, sondern zeigte sich modern und europäisch, ohne den lokalen Bezug und die Themen des Alltags außer Acht zu lassen.

Musik und Gesang im multiethnischen Temeswar

Auch der Musikhistoriker Dr. Franz Metz arbeitete in seinem Referat zum Musikleben im multiethnischen Temeswar die Eingebundenheit der Stadt ins europäische „Kulturnetz“ heraus. Die Banater Metropole wurde im Laufe der Geschichte nicht nur von Imperien und kriegerischen Eroberern umworben, sondern war auch bei renommierten Virtuosen und Kapellmeistern begehrt, die auf ihrer Reise von Wien nach Konstantinopel hier gerne konzertierten. Selbst den Herrschern war die musikalische Entwicklung dieser Landschaft ein Anliegen: Kaiserin Maria Theresia förderte von Wien aus die Temeswarer Domkapelle, Kaiser Franz Joseph I. widmete dem Philharmonischen Verein einen goldenen Pokal. Michael Haydns erstes großes Werk erklang hier, Franz Liszt wurde mit einem Triumphbogen empfangen und Béla Bartók im nahen Großsanktnikolaus geboren. Mit vielen biografischen Details von
Temeswarer (Musik-)Persönlichkeiten zeichnete der Referent das reiche Musikleben in der Stadt weit weg, aber doch am Puls der großen europäischen Metropolen auf.

Das Bistum Tschanad/Temeswar

Dr. Claudiu Călin, Archivar des Bistums Temeswar, spannte einen historischen Bogen von der Gründung des Bistums Tschanad vor rund 1000 Jahren bis zur heute noch funktionierenden Diözese Temeswar, die ihre Publikationen in drei Sprachen herausgibt. Mit der Gründung des Bistums durch den hl. Stephan, König von Ungarn, wurde Gerhard von Sagredo Bischof. Der heute in ganz Ungarn verehrte hl. Gerhard gilt als Schutzheiliger des Banats. Dennoch wird der Neuanfang des Bistums erst mit dem Ende der Türkenherrschaft im 18. Jahrhundert angesetzt. Es durchlief eine wechselvolle Zeit, die durch die politischen Veränderungen in der Region bestimmt wurde. Auch das Bistum wurde, wie das Territorium, nach dem Ersten Weltkrieg auf die drei Folgeländer Rumänien, Ungarn und Serbien aufgeteilt. Der größte Teil des Banats blieb bei Rumänien, auch der Bischofssitz Temeswar. Eine besonders schwere Zeit brachte die kommunistische Herrschaft nach dem Zweiten Weltkrieg mit sich, als der amtierende Bischof Augustin Pacha ein Opfer der Verfolgung und in einem Schauprozess zu langjähriger Haft verurteilt wurde. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen sind im Bistum bis heute noch nicht verwunden, erläuterte der Referent.

Temeswar und das Banat in Reiseberichten

Das literarische Schmankerl nach dem Abendessen bot in Vertretung der erkrankten Referentin Katharina Kilzer Dr. János Szabolcs, Germanistik-Dozent an der Christlichen Universität „Partium“ in Großwardein. Sein Augenmerk galt historischen Reiseberichten zum Banat und zu Temeswar, die diese „Terra Incognita“ ab dem 18. Jahrhundert beschrieben. Die Berichte sind sehr subjektiv, daher auch widersprüchlich und im Rückblick oft amüsant. So erfahren wir von dem Reisenden Christoph Ludwig Seipp, der als Theaterdirektor in Hermannstadt und Temeswar wirkte, dass im Banat „muntere, starke, schöne Menschen, besonders vom weiblichen Geschlecht“ zu finden seien. Neben Stereotypen ergibt die Auswertung der Reiseberichte – die aus unterschiedlichen Beweggründen und daher auch mit entsprechendem Fokus verfasst wurden – aber auch etliche differenzierte und wissenschaftliche Beschreibungen der Lebensumstände und Tätigkeiten der verschiedenen Banater Bevölkerungsgruppen.

Spuren jüdischen Lebens in Temeswar

Mit großem Interesse verfolgten die Teilnehmer der Tagung das Referat von Getta Neumann, Tochter des langjährigen Temeswarer Oberrabiners Dr. Ernst Neumann. Ihre Suche nach jüdischen Spuren in Temeswar hat sie erst kürzlich zu einem Nostalgie-Reiseführer in rumänischer Sprache verarbeitet. In ihrem Referat ergaben die Bilder von wichtigen jüdischen Gebetsstätten oder den Häusern und Geschäften von angesehenen jüdischen Familien ein lebendiges Bild der Gemeinschaft, die heute genauso Vergangenheit ist wie die deutsche Gemeinschaft in Temeswar. Vor dem Zweiten Weltkrieg stellte sie noch 12 Prozent der Temeswarer Bevölkerung, heute einen verschwindend geringen Anteil von 0,2 Prozent. Dabei waren, im Gegensatz zu anderen Teilen Europas (oder von Teilen Rumäniens), die Temeswarer Juden in der glücklichen Lage, niemals Pogrome oder Deportationen erdulden zu müssen. Fotos und persönliche Erinnerungen der Referentin zeichneten das Bild einer Gemeinschaft, die sich in den Kosmos der Stadt mit einbrachte und ihren Beitrag zum städtischen Leben leistete. „Leben und leben lassen“, hatte die heute in der Schweiz lebende Getta Neumann von ihren Eltern als Grundsatz für ein friedliches Zusammenleben mitbekommen. „Das hat in Temeswar funktioniert, denn da war eine ganz spezielle Atmosphäre“, resümierte sie in ihrem Vortrag. Das Foto einer an einem hohen Feiertag gut besetzten Temeswarer Synagoge in den 1970er Jahren zeigt unter den Gästen sowohl den rumänisch-orthodoxen als auch den katholischen „Amtsbruder“ des Oberrabiners.

Touristisches Potenzial der Stadt

Die Tagung schloss mit einem Bogen ins gegenwärtige Temeswar, das 2021 Kulturhauptstadt werden soll. Aber auch unabhängig davon hat die Stadt und ihre Region ein touristisches Potenzial, das es auszuschöpfen gilt. Ramona Lambing, eine als Kind ausgewanderte und seit 2016 wieder in Temeswar ansässige Banater Schwäbin, trägt mit ihrem Reisebüro dazu bei, dass Touristen und Geschäftsreisenden nichts von dem Charme der Stadt und der Region entgeht. Da in Temeswar 160 größere und kleinere Firmen mit deutschem oder österreichischem Kapital ihren Sitz haben, gibt es schon von dieser Seite ein Potenzial an Interessenten. Ramona Lambing hat sich auf maßgeschneiderte Gruppenreisen spezialisiert, die immer auch die Begegnung mit Menschen und Institutionen zum Ziel haben.

Während der Tagungspausen konnte die Ausstellung „Temeswar 1716 – Die Anfänge einer europäischen Stadt“ besichtigt werden. Bücher und Publikationen über Temeswar lagen während der Tagung zur Ansicht aus, einige konnten auch erworben werden. Die Landsmannschaft der Banater Schwaben wird als Mitveranstalterin der Tagung die hoch interessanten und für die Kulturgeschichte Temeswars wertvollen Tagungsbeiträge demnächst in einem Sammelband publizieren.