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Banater Post

Eigene Kompetenz in und für Europa einbringen

Beim Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen im Augsburger Haus der Begegnung (von links): BdV-Landesvorsitzender Christian Knauer, BdV-Kreisvorsitzender Juri Heiser, Helmut Schwarz, Kreisvorsitzender der Siebenbürger Sachsen, Karl Kromer, Geschäftsführer des Fördervereins der Deutschen aus Russland, Dr. h.c. Bernd Posselt, Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, Andreas Jäckel MdL, Dr. Hella Gerber, Kreisvorsitzende der Banater Schwaben, Johannes Hintersberger MdL, Staatssekretär a.D. Foto: Nikolaus Dornstauder

Juri Heiser, BdV-Vorsitzender des Augsburger Kreisverbandes, hatte zum Jahresempfang ins Haus der Begegnung eingeladen. Ein Haus, das sich in Augsburg Russlanddeutsche, Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben teilen und das, wie Heiser bei der Begrüßung sagte, „aus allen Nähten platzt“. Besonders, seit die Banater dabei sind, fügte er hinzu, denn der aufstrebende Kreisverband in Augsburg ist sehr aktiv und zeigt Platzbedarf. Entsprechend war auch nahezu der gesamte Vorstand des Kreisverbandes der Banater Schwaben Augsburg mit Familien und Gästen bei der Feierstunde anwesend.

Jede Gruppe ist im Eingangsbereich des Hauses jeweils mit einer Pinnwand vertreten, die ihre vielfältigen Aktivitäten dokumentiert. Das Haus wird von der Stadt Augsburg gefördert, doch wegen der regen Nutzung wird mit Unterstützung der lokalen Landtagsabgeordneten Johannes Hintersberger und Andreas Jäckel gerade auch eine institutionelle Förderung  vom Freistaat beantragt. Die Einladung in dieses Haus war also gezielt an die zahlreichen anwesenden Politiker von Stadt, Bezirk und Freistaat gerichtet, die sich vor Ort von den Gegebenheiten überzeugen sollten. Die Einstimmung in die Thematik kam vom russlanddeutschen Gesangsensemble „Rudemus“, das ein Potpourri von populären Heimatliedern der unterschiedlichen Vertriebenengruppen zum Besten gab. Spätestens beim „Böhmerwald“ sang das Publikum mit.

Motto der Veranstaltung war, angesichts der anstehenden Europawahl, die Rolle der Vertriebenengruppen für die Zukunft Europas. Der BdV-Landesvorsitzende Christian Knauer stieg bereits ins Thema ein: Eindringlich erinnerte er daran, dass die Vertriebenen als Leidtragende von Krieg und Nationalismus dazu prädestiniert seien, sich zu Europa zu bekennen. Auch so viele Jahre nach Kriegsende sei es die Aufgabe des BdV, Mahner zu sein und dazu beizutragen, dass Flucht und Vertreibung als politische Mittel nicht mehr passieren. Eine weitere Aufgabe des BdV sei es, zur Bewahrung der Identität der Vertriebenen beizutragen. In diesem Zusammenhang erinnerte er an die kulturellen Leistungen der Deutschen im Osten, die Teil der deutschen Kultur sind und nicht vergessen werden dürfen. Auch deshalb sei der Zusammenhalt der Vertriebenenverbände wichtig, denn nur durch gemeinsames Auftreten könne auch gegen Ungerechtigkeiten wie aktuell bei der Spätaussiedlerbenachteiligung im Rentenrecht vorgegangen werden.

Der Augsburger Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl begrüßte den Nachfragedruck für das Haus der Begegnung, dessen räumliche Enge bei der Veranstaltung offenbar wurde. Er würdigte die Präsenz der Vertriebenen und Aussiedler in der Stadt-gesellschaft – nicht nur bei ihren jeweils eigenen Aktivitäten, sondern auch in ihren Berufen oder in der Stadtpolitik. Augsburg sei eine Stadt, die auch geographisch mitten in Europa liegt. Das sei mehr als ein Auftrag, einen Beitrag für dieses Gebilde Europa zu leisten. Die Vertriebenen und Aussiedler tragen ihre Heimat im Herzen und damit einen Teil von Europa. Auch er bekräftigte, dass Krieg, Flucht und Vertreibung keine Instrumente für politisches Gestalten sein können, deshalb müsse das „Herz der Vernunft“ das Zusammenleben regeln.

Festredner Dr. h.c. Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Präsident der Paneuropa-Union, wurde, wie er angab, von einem Journalisten als „Handlungsreisender in Sachen Völkerverständigung“ bezeichnet. Diese Bezeichnung ehre ihn, denn die Völkerverständigung und die europäische Idee seien ihm bereits in die (sudetendeutsche) Wiege gelegt worden. Als Vertreter der zweiten Generation, die bereits hier geboren wurde, erhielt er im Elternhaus eine Prägung der Weltoffenheit und des Antinationalismus. Erkenntnisse, die in mehrsprachiger Umgebung zwangsläufig sind, aber an die immer wieder erinnert werden muss. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sei vieles selbstverständlich geworden und auch die europäische Einigung werde von vielen nicht mehr als
Errungenschaft gesehen. Franz Josef Strauß, berichtet er, habe im Gespräch mit Vertriebenen bereits vor Jahren prophezeit, dass die europäische Einigung vernachlässigt werden wird, wenn die Kriegs- und Vertreibungsgeneration nicht mehr da sei. Dieser Moment scheint nun gekommen, man müsse mit Sorge erkennen, dass vielerorts der Nationalismus wieder „sein Haupt erhebt“. Es sei deshalb unerlässlich, die jungen Leute anzusprechen und auf die Errungenschaften eines friedlichen und demokratischen Miteinanders hinzuweisen. Leider seien Dinge wie Krieg und Vertreibung nach wie vor der „Normalzustand“ auf der Welt, deshalb müsse der Frieden erkämpft und dauerhaft bewahrt werden. Posselt warb deshalb dringend dafür, die Europawahl als existenziell und nicht als müde Pflichtübung zu betrachten. Europa werde gebraucht für die Durchsetzung unserer Interessen in einer immer gefährlicheren Welt, es sei ein schützendes Dach gegen Globalisierung und ein Garant für die Bewahrung der Einzelidentitäten der Regionen, auch der Regionen der Vertriebenen. Ein Plädoyer für ein starkes Europa sei keineswegs ein Aufruf zum Zentralismus. Die europäische Idee sei immer föderativ gewesen. Der tschechische Schriftsteller. Menschenrechtler und Politiker Václav Havel habe als Schlüsselformel dafür den Ausdruck „Heimat der Heimaten“ verwendet. Die kleinräumige Verwurzelung in einer Heimat brauche eine Ergänzung über den Einzelstaat hinaus, denn die aktuellen globalen Probleme wie Terrorismus, Flüchtlingsproblematik oder die Gesamtwirtschaft können nur gemeinsam gelöst werden, so der Festredner. Mit ihrer „Wurzelheimat“ können die Vertriebenen einen Beitrag dazu leisten und ihre Kompetenz für Europa einbringen.

Darüber tauschte man sich danach in gemeinsamer gemütlicher Runde noch im Haus der Begegnung aus. Banater Frauen hatten für den Empfang über 300 belegte Brötchen in verschiedenen Variationen zubereitet.