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Banater Post

Kulturinstitutionen als Bewahrer der Identität (Teil 1)

Mit rund siebzig Teilnehmern war die seit über fünf Jahrzehnten vom Landesverband Baden-Württemberg veranstaltete Kulturtagung im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen wieder gut besucht. Foto: Jürgen Schneider

Radegunde Täuber präsentiert die der Germanistin und Hochschullehrerin Dr. Maria Pechtol gewidmete Ausstellung. Foto: Jürgen Schneider

Nach der weitgehenden Entrechtung, Verfolgung und Enteignung der Deutschen in Rumänien in den unmittelbaren Nachkriegsjahren sind in der Zeit des Stalinismus ein deutschsprachiges Schulwesen und eine Reihe von Kultureinrichtungen unter weitgehender Einbindung in das monolithische Herrschaftssystem und Anbindung an die kommunistische Ideologie geschaffen worden. Diese kulturellen Institutionen haben im Lebensalltag und in der Wahrung der kollektiven Identität der Deutschen in Rumänien eine maßgebliche Rolle gespielt. Ihre Wirkungsmöglichkeiten hingen von den jeweils herrschenden politischen Verhältnissen und insbesondere von den minderheiten- und kulturpolitischen Rahmenbedingungen ab, wurden aber auch von dem immer weiter um sich greifenden Aussiedlungsprozess der Deutschen aus Rumänien entscheidend beeinflusst.

Die Frage nach der Bedeutung deutscher Kulturinstitutionen und der kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten der Banater Schwaben im kommunistischen Rumänien stand im Mittelpunkt der 54. Kulturtagung des Landesverbandes Baden-Württemberg der Landsmannschaft der Banater Schwaben, die am 10. und 11. November 2018 im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen stattfand. Die inhaltliche Konzeption der Tagung oblag der Germanistin und Volkskundlerin Halrun Reinholz, der es gelungen ist, einerseits thematisch ein breites Spektrum abzudecken und andererseits für die insgesamt acht auf dem Programm stehenden Vorträge kompetente Referenten zu gewinnen – fast durchweg ehemalige wie auch gegenwärtige Akteure des kulturellen Lebens im Banat.

Seitens des Veranstalters begrüßte der Landesvorsitzende Josef Prunkl die rund siebzig Teilnehmer der Tagung, darunter auch mehrere Ehrengäste: Henriette Mojem, Geschäftsführerin des Vereins Haus der Donauschwaben, Dr. Swantje Volkmann, Kulturreferentin für den Donauraum am Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm (DZM), Cornelia Thiele, wissenschaftliche Mitarbeiterin am DZM, Harald Schlapansky, stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Banater Schwaben, Dr. Hans Dama, Obmann der Banater Schwaben Österreichs, Günther Friedmann, Bundesvorsitzender des Heimatverbandes der Banater Berglanddeutschen, Dr. Walter Engel, langjähriger Leiter der Kulturtagungen. Willkommen hieß er auch die Landesvorstandsmitglieder Herbert Volk und Dr. Siegfried Heber sowie die anwesenden Kreis- und HOG-Vorsitzenden.

Im Laufe des Nachmittags konnte Prunkl zwei weitere Ehrengäste begrüßen: Raimund Haser, Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg und Sprecher der CDU-Fraktion für die Angelegenheiten der Vertriebenen sowie der Deutschen aus Russland, und die stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft Christine Neu.

Der Landesvorsitzende dankte Halrun Reinholz für die Gestaltung der Tagung, den Referenten für ihre Bereitschaft, ihr Wissen an das interessierte Publikum weiterzugeben, sowie Gudrun Reitz von der Landesgeschäftsstelle in Stuttgart für die organisatorischen Vorarbeiten.

„Kultur festigt und bereichert den Menschen, Kultur schafft Lebensfreude, stiftet Identität und prägt
unseren Alltag in allen Lebensbereichen. Kultur hat Einfluss auf den Zusammenhalt einer Gruppe und die persönliche Entwicklung eines jeden Einzelnen“, sagte die Gastgeberin Henriette Mojem in ihrem Grußwort. Sie sei froh und dankbar, dass die Kulturtagung der Banater Schwaben schon seit vielen Jahren im Haus der Donauschwaben stattfindet, eine Einrichtung, die als donauschwäbisches Kulturzentrum und als internationale donauschwäbische Forschungsstätte weltweit einen guten Ruf genieße und im Bewusstsein der Öffentlichkeit fest verankert sei. Hier entfalte sich seit fast 50 Jahren reges donauschwäbisches Leben in Form von hauseigenen kulturellen Veranstaltungen und Aktivitäten der Mitgliedsorganisationen, so Mojem. Die Spezialbibliothek mit ihren einmaligen Beständen weise das Haus als international gefragte Forschungsstätte aus und auch der Arbeitskreis donauschwäbischer Familienforscher (AKdFF) habe hier seinen Sitz. Trotz einer äußerst dünnen Personaldecke komme das Haus der Donauschwaben, auch dank der Förderung durch das Land Baden-Württemberg und die Stadt Sindelfingen, seiner Aufgabe nach, den Donauschwaben eine geistige und kulturelle Heimat zu bieten, versicherte Henriette Mojem.

Die Deutschen im kommunistischen Rumänien

Nach einer kurzen Einführung in das Tagungsthema skizzierte der Historiker Dr. Jens-Peter Müller (Tübingen) die Lage der Deutschen in Rumänien in der Zeit zwischen dem politischen Systemwechsel 1945/ 1948 und der Massenauswanderung Anfang der 1990er Jahre. Die Transformation Rumäniens in eine sozialistische Gesellschaft nach sowjetischem Muster habe innerhalb der deutschen Minderheit „einen tiefgreifenden, komplexen und leider auch irreversiblen Wandel“ ausgelöst und zu „einer maßgeblichen strukturellen Umgestaltung“ geführt. Der Referent legte dar, wie sich dieser Prozess zeitlich vollzog und wie die sich ändernden minderheitenpolitischen Rahmenbedingungen auf die Situation der Deutschen in Rumänien auswirkten.

Die Besitzenteignung, die Kollektivierung der Landwirtschaft und die forcierte Industrialisierung des Landes im Zuge der sozialistischen Transformation wie auch der Ausbau des Bildungssystems hätten zu einer grundlegenden Veränderung der bestehenden Sozialstrukturen geführt, so Dr. Jens-Peter Müller. Besonders tiefgreifend seien die Einschnitte im ländlichen Raum gewesen, wo gesellschaftliche Strukturen und örtliche Hierarchien „sich sehr stark über das Vermögen der Bauern definierten“. Die urbane Schicht habe sich hingegen dank ihrer bürgerlichen Berufe und ihres höheren Bildungsgrades leichter in den sozialistischen Alltag integrieren können.

Ausführlicher ging der Referent auf die Herausbildung einer Bildungs- und Funktionselite innerhalb der Gruppe der Banater Schwaben ein. Bei vielen der dörflich sozialisierten Deutschen, die ein Studium absolvierten und danach verschiedene Berufswege einschlugen, habe dies zu einem sozialen Aufstieg außerhalb der Dorfgemeinschaft, zu einer Entfernung aus dem dörflichen Milieu und zur Entstehung ethnischer Netzwerke im neuen urbanen Umfeld geführt. Daraus leitete Dr. Müller eine Reihe von konkreten Fragen ab, die er als Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung empfahl.

Nach einem Blick auf die 1980er Jahre, die in kultureller Hinsicht – infolge der allgemein restriktiven Kulturpolitik des Staates und der massiv einsetzenden Auswanderungswelle – von einem Verfall der deutschen Kulturinstitutionen und des kulturellen Lebens der Deutschen gekennzeichnet waren, formulierte Dr. Jens-Peter Müller als Fazit: Die Minderheitenpolitik Rumäniens habe ungewollt für jene Voraussetzungen gesorgt, welche die schnelle Integration der Deutschen aus Rumänien in die bundesrepublikanische Gesellschaft ermöglichten. Und dies sei im Grunde genommen nichts anderes als ein Treppenwitz.

Blick in die Schatzkiste des Pechtol-Nachlasses

Radegunde Täuber, von 1970 bis 1980 wissenschaftliche Assistentin mit Lehrauftrag am Germanistiklehrstuhl der Universität Temeswar, würdigte aus Anlass ihres 100. Geburtstags die Banater Germanistin und Hochschullehrerin Dr. Maria Pechtol, geborene Schütz (1918-2003). Dabei gewährte sie mittels einer kleinen Ausstellung und einer Bildpräsentation Einblicke in die Schatzkiste des Schütz/Pechtol-Nachlasses. Vor ihrem Umzug in ein Stuttgarter Seniorenheim hatte Maria Pechtol das, „was sie als besonders wichtig erachtet und gehütet hat“, Radegunde Täuber zur Aufbewahrung anvertraut. Das ausgestellte Material umfasste Fotos, persönliche Dokumente, einen Familienstammbaum, Zeitungsausschnitte, Publikationen usw.

Obwohl die Referentin sich vor allem Pechtols leistungsstärksten Jahren zuwandte, das waren die 15 Jahre als Hochschullehrerin (1958-1973), versäumte sie es nicht, einerseits auch ihr familiäres Umfeld, die Entfaltung ihrer Persönlichkeit, ihren Werdegang und ihre ersten Berufsjahre vor allem anhand von Fotos und Unterlagen aus dem Nachlass zu beleuchten, andererseits die Zeit nach ihrer Aussiedlung in die Bundesrepublik Deutschland (1978) zu streifen. Maria Pechtol arbeitete nach dem Abitur am Notre-Dame-Lyzeum als Sekretärin an der Banatia und nahm 1941 ein Germanistikstudium an der Universität Wien auf, das sie mit dem Doktordiplom abschloss. Ihre Dissertationsschrift über „Die Geschichte des Temeswarer deutschen Theaters im 18. und 19. Jahrhundert“ veröffentlichte sie fast drei Jahrzehnte später (1972) unter dem Titel „Thalia in Temeswar“. 1945 wurde sie zur Wiederaufbauarbeit in die Sowjetunion deportiert, wonach sie als Lehrerin an der Deutschen Pädagogischen Lehranstalt und als Bürokraft in einem Temeswarer Unternehmen tätig war, ehe sie 1958 an den Germanistiklehrstuhl wechselte.

Dr. Maria Pechtol gehörte zu den Hochschullehrern der Gründerjahre. Die Referentin würdigte ihre Verdienste, ihre Persönlichkeit, ihr nachhaltiges Wirken. Pechtol habe zum einen wesentlich zur starken Gewichtung der sprachwissenschaftlichen Ausbildung an der Temeswarer Germanistik beigetragen und in ihrer Lehrtätigkeit – sie unterrichtete Vergleichende Grammatik der germanischen Sprachen und Geschichte der deutschen Sprache – „für Aha-Effekte gesorgt“. Zum anderen habe sie einen wesentlichen Beitrag zur Erfassung und Erforschung der Banater deutschen Mundarten geleistet, indem sie unter anderem eine Vorlesung über die Banater deutschen Mundarten einführte, Abschlussarbeiten zu mundartlichen Themen betreute und eine Vielzahl von Artikeln zu Mundart und Volkskunde veröffentlichte. Täuber unterstrich Pechtols bedeutenden Anteil am Zustandekommen einer erstaunlichen Bewegung, die die Mundart auch in Presse, Literatur und Theater wieder „salonfähig“ machte. Zudem habe sich die Hochschullehrerin um die Erforschung der gesprochenen deutschen Sprache im Banat unter Einbeziehung der Umgangssprache verdient gemacht.

„Sie lebte vor, was sie von ihren Schülern und Studenten einforderte, an Haltung erwartete“, fasste die Referentin das Berufsethos und Persönlichkeitsbild von Maria Pechtol zusammen. Ihr gesamtes Wirken könne unter das Motto gestellt werden: „Bewahren – Sammeln – Forschen – Weiterreichen, Bildung und Formung junger Menschen“.

Leistungen Banater deutscher Lehrkräfte

Mehr als 25 Jahre, von 1965 bis 1991, arbeitete Hans Fink als Redakteur der Tageszeitung „Neuer Weg“, wo er eine lange Zeit für den Bereich „Erziehung, Schule, Unterricht“ verantwortlich war. „Die Redaktion des ‚Neuen Wegs‘ legte großen Wert auf den Unterricht in der Muttersprache, weil dem gesamten Kollektiv klar war, dass die Kontinuität der deutschen Minderheit davon abhängt, wie dieses Recht wahrgenommen wird.“ Mit dieser Behauptung leitete Hans Fink seinen Vortrag zum Thema „Herausragende Leistungen Banater deutscher Lehrkräfte aus der Perspektive des Neuen Wegs“ ein. Er hatte immer wieder anerkannt gute Lehrer besucht und über sie berichtet, „damit andere sich ein Stück von ihrer Kunst abschneiden können“.

Anhand ausgewählter Beispiele belegte Fink anschließend einige von deutschen Lehrkräften erbrachten herausragenden Leistungen. So machte Nikolaus Schauermann, Grundschullehrer in Lovrin, in zwei Studien auf Ursachen für den Leistungsabfall beim Übergang vom vierten zum fünften Schuljahr aufmerksam; Dorothea Götz, Deutsch-Lehrerin in Großsanktnikolaus, erarbeitete die erste deutsche Methodik für den Aufsatzunterricht in den Klassen V-VIII. Etliche Lehrer haben sich durch die Einrichtung von Fachunterrichtsräumen hervorgetan: Nikolaus Horn richtete an der Hatzfelder Allgemeinschule den landesweit ersten Fachunterrichtsraum für Deutsch-Muttersprache ein; seinem Beispiel ist Wendel Orner in Billed gefolgt. Andere Lehrkräfte wiederum entwickelten neuartige Lehrmittel. Beispielsweise tüftelte Franz Pretz, Physiklehrer in Glogowatz, eine Lehrmitteltruhe mit sogenannten Aufbauteilen aus, die es ermöglichten, alle für die Allgemeinschule vorgesehenen Experimente durchzuführen. Elisabeth Maurer, Mathematik-Lehrerin in Neuarad, entwickelte eine sogenannte Kugelbrücke, die die Zehnerüberschreitung in der Grundschule anschaulich machte.

Hans Fink erwähnte noch das von Geschichtslehrer Julius Szöcs mit Hilfe seiner Schüler eingerichtete Schulmuseum in Großsanktnikolaus oder das von Deutsch-Lehrer Oscar Bleiziffer 1975 konzipierte und eingerichtete Pionierhaus in Sanktanna. Darüber hinaus würdigte er das engagierte Wirken von Lehrerpersönlichkeiten, wie Alexander Tietz in Reschitza, Erich Pfaff, unter dessen langjähriger Leitung die Temeswarer Lenau-Schule Mittelpunkt des Banater deutschsprachigen Kulturlebens wurde, oder Franz Straub, erster Direktor der 1972 in Neuarad ins Leben gerufenen selbstständigen deutschen Zwölf-Klassen-Schule, die sich in kürzester Zeit zu einem Zentrum des kulturellen Lebens der deutschen Bevölkerung entwickelte.

Zum Schluss vermerkte Hans Fink die Mitarbeit vieler Banater Lehrer an der vom „Neuen Weg“ 1972 initiierten und über vier Jahre durchgeführten Sammelaktion „Banater Volksgut“. Hunderte Personen haben sich am Sammeln von sprachlichem Volksgut beteiligt, mehr als 10000 Texte wurden eingesandt. „Damals haben sich die Banater Deutschen als eine große Familie gefühlt“, so Fink.

Die Bedeutung des DSTT für die Deutschen im Banat

Über den Stellenwert des Deutschen Staatstheaters Temeswar (DSTT) im Temeswarer und Banater Kulturleben referierte Andrea Wolfer, die heute bei dieser Institution als Dramaturgin arbeitet. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, die Spielpläne der Temeswarer deutschen Bühne – die im gegebenen historischen Kontext als „Spiegel der durchlebten Zeiten“ gelten können – aus der Perspektive der Kanonbildung zu untersuchen.

Nachdem sie die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichende deutsche Theatertradition im Banat kurz umrissen hatte, beleuchtete Wolfer die Gründung des deutschen Berufstheaters in Temeswar im Jahr 1953 im damaligen geschichtlichen Kontext und wies auf das Selbstverständnis dieser Kulturinstitution hin, die sich – so ihr erster Direktor Johann Szekler – als „eine Bühne für die Deutschen des Banats“ verstand, eine Bühne, „wo anspruchsvolle Stücke der deutschen und der Weltliteratur gespielt wurden, wo Volkskunst aber auch Unterhaltung und Frohsinn geboten wurden“. Dem DSTT kam, wie es der Schauspieler und Dramatiker Stefan Heinz-Kehrer formulierte, „eine ungeheure identitätserhaltende und -stärkende Funktion“ zu.

Die Spielplangestaltung des DSTT lasse Konstanten erkennen, die auf eine Kanon-Pluralität deuten, so die Referentin. Die Kanonbildung sei unter dem Einfluss verschiedener Faktoren ständig dem Nicht-Kanon gegenübergestanden. Obwohl von einer „rezeptartigen“ Zusammensetzung der Spielpläne gesprochen werden könne, die Theaterstücke von deutschen und österreichischen Dramatikern wie auch von großen Dramatikern der Weltliteratur, Bühnenwerke sowjetischer Autoren (insbesondere in den 1950er und Anfang der 1960er Jahre), rumänische Dramatik in deutscher Übersetzung, Werke von Banater deutschen Autoren, einschließlich in schwäbischer Mundart (verstärkt ab den 1960er Jahren), Märchenstücke und Unterhaltungsprogramme umfassten, seien thematische Variationen möglich gewesen, Theaterstücke von in- und ausländischen Gastregisseuren inszeniert worden, vereinzelt Kooperationen mit in- und ausländischen Bühnen entstanden. Bei der Betrachtung der Spielplangestaltung gelte es auch zu bedenken, dass diese einerseits den ideologischen Vorgaben entsprechen musste und sich andererseits am Geschmack des Publikums zu orientieren hatte.

Andrea Wolfer wies auf die krisenhaften Zeiten der 1980er und 1990er Jahre hin, als die massive Auswanderung der Deutschen aus dem Banat das DSTT vor existentielle Schwierigkeiten stellte und ums Überleben kämpfen musste. Es habe nun gegolten, sich auf die neue Realität zu besinnen und nach Lösungen zu suchen, um eine weitere Existenz des Theaterbetriebs in deutscher Sprache zu sichern. Unter der geschickten und mutigen Intendanz von Ildiko Jarcsek-Zamfirescu sei dies durch die Gründung der deutschen Schauspielschule (1992), durch ein neues Konzept der Repertoirepolitik und verschiedene Projekte gelungen. Das DSTT habe sich künstlerisch-ästhetisch neu profiliert, seine neue Rolle im multikulturellen Umfeld gefunden und neue Zielgruppen erschlossen.

„Eine Hand wäscht die andere“

Dr. Hans Dama, Schriftsteller und vormals Rumänist am Institut für Romanistik und am Dolmetsch-Institut der Universität Wien, beleuchtete die Rolle des Humors als Ventil für die Repression im kommunistischen Alltag mit entsprechenden Text-Kostproben. Zwei der vorgetragenen Texte hatten autobiografischen Charakter, ein dritter Text schilderte „Sonderbares von Dr. K.s Reisen“, wobei sich hinter dem Kürzel der bekannte Banat-Forscher Dr. Alexander Krischan (1921-2009) verbirgt, der im Hauptberuf in führender Stellung beim Weltkonzern Hoechst tätig war.

„Mein vermeintlicher Fehltritt als Junglehrer“ nannte sich der erste Text, in dem Dama eine Ende der 1960er Jahre zugetragene Episode schildert. Er war damals Rumänisch-Lehrer in seiner Heimatstadt Großsanktnikolaus. An einem Montagmorgen sei er zum Direktor zitiert worden, der ihm eine Standpauke hielt, weil er am Wochenende im Restaurant mit der Zigeunerkapelle als Saxofonist gespielt hatte. Er habe damit den Lehrerstand befleckt, warf ihm der Schulleiter vor. Dama wies jede Schuld von sich, indem er die marxistisch-leninistische Lehre als Argument heranzog. Diese lehne jede Art von Rassismus, Chauvinismus und Nationalismus ab. Zudem habe er in besagtem Lokal zur Entspannung der Werktätigen gespielt. Wortlos sei er aus dem Direktionszimmer entlassen worden. Nie wieder habe man sich über seinen Einsatz als Saxofonist mokiert.

Die von Dr. Krischan überlieferte Erzählung handelt von dessen Erlebnissen in Bukarest im Jahr 1960 anlässlich einer Dienstreise im Auftrag seines Konzerns. Er kannte das Land, die Gepflogenheiten, beherrschte exzellent die Landessprache und war daher geradezu prädestiniert, mit Rumänien Verträge auszuhandeln. Da ihm die Überwachungspraktiken keinesfalls fremd waren, nahm er die Unterlagen in zweifacher Ausfertigung mit: Die Papiere mit den gefälschten Zahlen blieben im Hotelzimmer, wohl wissend, dass diese vom Geheimdienst fotografiert und an das zuständige Ministerium weitergeleitet werden, jene mit den veritablen Zahlen trug er ständig bei sich. Die sich in Überlegenheit wähnenden ministeriellen Verhandlungspartner waren im Zuge der Gespräche höchst erstaunt, als Dr. K. völlig neue Zahlen auf den Tisch legte, was dazu führte, dass der Vertrag seitens des Ministeriums nicht unterzeichnet wurde. Erst am Folgetag, als Dr. K. bereits im Flugzeug saß, sollte es doch noch dazu kommen.

„Bier in der Teekanne“, der dritte Text, den Hans Dama zum Besten gab, handelt von dem durch die Mangelwirtschaft im kommunistischen Rumänien weit verbreiteten Bakschischwesen, was dazu führte, dass ganz gewöhnliche Dienstleistungen nur noch mit einem Aufgeld zu haben waren. Dama schildert, wie er als Ausländer ein Flugticket von Bukarest nach Temeswar ergatterte, nachdem er bei der Schalterdame mit einem Päckchen „Kent“ und einer Strumpfhose nachgeholfen hatte, oder wie er im Bukarester Restaurant „Berlin“ doch noch zu seinem Radeberger kam, weil der gezückte Geldschein Wunder gewirkt hatte. Das eiskalte Bier wurde ihm zur Tarnung in einer Teekanne serviert.