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Banater Post

Vieles verbindet Ulm mit den Banater Schwaben

Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch mit dem Temeswarer Vizebürgermeister Dan Diaconu

Bei einem Stadtrundgang in Temeswar besichtigte die Ulmer Delegation auch die römisch-katholische St.-Georgs-Kathedrale.

Mit dem Lenauheimer Bürgermeister Ilie Suciu vor dem Lenau-Denkmal und dem Rathaus der Gemeinde

„Herzlichkeit“ und „Verbundenheit“ waren die beiden Begriffe, die der Oberbürgermeister der Stadt Ulm Gunter Czisch als Resümee seines Besuches im Banat mehrmals verwendete. In der Tat war die Atmosphäre bei vielen Gesprächen und Begegnungen mit ganz verschiedenen Menschen in unterschiedlicher Funktion immer sehr herzlich, waren sich die Gesprächspartner aufgrund vieler historischer Bezüge und gemeinsamer Überzeugungen verbunden.

Oberbürgermeister Gunter Czisch war schon mehrmals in Rumänien aber noch nie in Temeswar, weshalb er die beim Heimattag in Ulm ausgesprochene Einladung der Landsmannschaft zu einem Besuch in das Banat gleich annahm und vier Monate später umsetzte. Begleitet wurde die elfköpfige Delegation vom Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft der Banater Schwaben Peter-Dietmar Leber und dem Konsul der Bundesrepublik Deutschland in Temeswar Ralf Krautkrämer. Neben dem Oberbürgermeister gehörte ihr der Erste Bürgermeister Martin Bendel und Vertreter der fünf Fraktionen im Ulmer Gemeinderat an: Winfried Walter von der CDU, Dorothee Kühne von der SPD, Ralf Milde von der FDP, Annette Weinreich von den Grünen und Helga Malischewski von den Freien Wählern. Aber auch die Vertreter von drei wichtigen Institutionen in Ulm, die sich mit Geschichte, Kultur und Wirtschaft des Donauraums befassen, waren zugegen: Christian Glass, der Direktor des Donauschwäbischen Zentralmuseums Ulm, Dr. Swantje Volkmann, Kulturreferentin für den Donauraum am DZM, und Veronika Wierer vom Donaubüro der Stadt Ulm.

Im Mittelpunkt des Besuches standen Begegnungen mit den Vertretern des Demokratischen Forums der Deutschen, der Stadt Temeswar, der römisch-katholischen Kirche, eine Ausfahrt nach Lenauheim und Billed sowie eine Begegnung mit den wichtigsten deutschsprachigen Institutionen und Einrichtungen der Stadt Temeswar – und es sind wahrlich nicht wenige.

Einen ersten Eindruck von Temeswar erhielten die Gäste bei einem Stadtrundgang. Diözesanarchivar Claudiu Călin wies auf die wechselvolle Geschichte der Stadt in den letzten 300 Jahren hin, die man auch gut an der baulichen Architektur ablesen kann. Beeindruckt waren die Ulmer von der Großzügigkeit mancher Bauten, den vielen großzügigen Plätzen im Zentrum der Stadt, aber irritiert von der Sorglosigkeit im Umgang mit mancher historischer Substanz.

Begegnung mit Vertretern des Deutschen Forums

Interessant gestaltete sich die Begegnung mit den Vertretern des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat im Adam Müller-Guttenbrunn-Haus in Temeswar. Bei einem Rundgang durch das Haus sprach Forumsvorsitzender Dr. Johann Fernbach – schon mehrmals bei Veranstaltungen in Ulm gewesen – über die kulturelle Arbeit des Deutschen Forums, Helmut Weinschrott, Direktor der Adam Müller-Guttenbrunn-Stiftung (sie ist Träger der deutschen Sozialeinrichtungen im Banat), berichtete über die Versorgung der alten und bedürftigen Landsleute. Die Ausstellungen über Bărăgan- und Russlanddeportation im Obergeschoss des Hauses ergänzten so manche Aussage, warfen aber auch wieder Fragen auf. Die konnte Ignaz Bernhard Fischer recht anschaulich beantworten. Er berichtete über den Alltag im Lager, über die Rückkehr, über die Schwierigkeiten des Umgangs mit diesem Teil ihrer Geschichte für viele Betroffenen, weil es ihnen im kommunistischen Rumänien nicht erlaubt war, darüber zu reden. Am Denkmal für die Opfer der Deportation legte die Delegation einen Kranz nieder und betete ein Vater unser.

Dem Abgeordneten der deutschen Minderheit im rumänischen Parlament Ovidiu Ganţ blieb es überlassen, über Entwicklungen der rumänischen Politik nach dem Regierungsantritt der PSD/ALDE-Koalition und deren Folgen für die deutsche Minderheit zu berichten. Ovidiu Ganţ tat es in gewohnt offener Manier und blieb keine Antwort schuldig. Das Klima habe sich verschlechtert, auch weil aus den Reihen der Regierungsparteien mit versteckten oder offenen Angriffen aus der zweiten Reihe gegen die deutsche Minderheit und Staatspräsident Klaus Johannis Stimmung gemacht werde. Wichtige Amtsinhaber der PSD würden ihr politisches Handeln ihrer persönlichen Situation unterordnen und dadurch den Rechtsstaat und die europäischen Werte in Gefahr bringen. Aus diesem Grund werde die gegenwärtige Regierung auch von der deutschen Minderheit nicht unterstützt. Unabhängig davon sei die finanzielle Unterstützung der deutschen Minderheit im Staatshaushalt abgesichert.

OB Czisch bestärkte seine Gesprächspartner, indem er daran erinnerte, dass aufrechte Demokraten für Europa immer kämpfen müssten. Es gebe sehr viel, was Ulm mit den Banater Schwaben und den gesamten Donauraum verbinde, dies sei „Teil unserer Identität.“ Forumsvorsitzender Dr. Fernbach informierte über die Pläne seines Verbandes im Jahr 2021, das Jahr, in dem Temeswar Kulturhauptstadt Europas ist. Ausstellungen, Symposien, Trachtenfestzüge sollen über eine ganze Woche im Rahmen der dann wieder stattfindenden Heimattage der Deutschen im Banat den Fokus auf Geschichte und Gegenwart der deutschen Minderheit lenken.

2021: Temeswar − Kulturhauptstadt Europas

Über Temeswar als Kulturhauptstadt Europas 2021 wird überall geredet und geschrieben, aber kaum jemand weiß konkret, was denn nun alles geplant sei. Insofern war es naheliegend, dass dies eine der ersten Fragen der Ulmer Delegation im Gespräch mit Vizebürgermeister Dan Diaconu war, der seitens der Stadt auch der Ansprechpartner in Sachen Kulturhauptstadt ist. Bürgermeister Nicolae Robu konnte nicht zugegen sein, er weilte in London. „Ulm ist für uns ein Synonym für die Banater Schwaben“, sagte der Bürgermeister, es gebe viele gemeinsame Punkte für eine Zusammenarbeit, die Gemeinschaft der Banater Schwaben bleibe weiterhin wichtig für die Stadt, auch wenn ihre Zahl gesunken sei. Deutschsprachige Schulen, ein deutschsprachiges Theater, ein deutschsprachiger Rundfunkt und eine deutschsprachige Zeitung seien Beleg für die Bedeutung dieser Geschichte und Kultur. Weil die Beziehungen zu den Banater Schwaben auch für Ulm wichtig sind, schlug OB Gunter Czisch einen Beitrag seiner Stadt zum Programm Temeswar Kulturhauptstadt Europas vor. Als Hermannstadt Kulturhauptstadt Europas gewesen sei, habe die Stadt Ulm den Beitrag des Landes Baden-Württemberg zu diesem Ereignis geleistet. Es gebe ferner sehr viele kleine Partnerschaften und Initiativen seitens Ulmer Schulen, Chören, des Donauschwäbischen Zentralmuseums oder in der Jugendarbeit durch die Kulturreferentin für den Donauraum Dr. Swantje Volkmann. Gleiches gelte für die Landsmannschaft mit ihren Aktivitäten im Banat, dem Engagement der Heimatortsgemeinschaften, dem Jugendaustausch der Deutschen Banater Jugend- und Trachtengruppen. Bürgermeister Diaconu verwies darauf, dass „das Gedächtnis der Stadt und der Region“ ein wichtiges Thema in der Ausschreibung zur Kulturhauptstadt darstellte. Hier haben auch die Banater Schwaben ihren Platz und könnten sich einbringen. Im Jahre 2019 sei der 50. Jahrestag des Falls des Kommunismus ein wichtiges Thema für die Stadt. Hier könnten sich auch die Banater Schwaben einbringen, da entsprechende Veranstaltungen mit politischen Stiftungen für Schüler und Studenten geplant seien.

Zu Besuch in Lenauheim und in Billed

Eine Ausfahrt nach Lenauheim und Billed sollte der Delegation das ländliche Banat näher bringen. Über das Banat von einst berichtete im Bus Swantje Volkmann, das Banat von heute zog an den Fensterscheiben vorbei. Endlose Weite, gerade Straßen, erntende Landmaschinen, neue Häuser am Dorfrande, verlassene Häuser in der Dorfmitte, ja das Bild der Dörfer auf der Heide wandelt sich nach wie vor und es wird immer schwieriger, das Visuelle mit dem Auditiven in Einklang zu bringen. Dafür kann man dann aber in Lenauheim in das Museum gehen, welches sich sowohl dem bedeutenden hier geborenen Dichter des Vormärz Nikolaus Lenau widmet, als auch eine bedeutende Trachtenpuppenausstellung und eine kleine volkskundliche Ausstellung mit Brauchtumsgegenständen der Banater Schwaben beheimatet. Elfriede Klein betreut die Ausstellungen, sie ist Gemeindeangestellte. Bürgermeister Ilie Suciu empfing die Delegation mit zwei rumänischen Trachtenpaaren vor dem Rathaus, begrüßte in deutscher Sprache und blieb dabei auch. Er hat die Mundart der Banater Schwaben als Kind im deutschen Kindergarten in Johannisfeld erlernt, weil er eines der wenigen rumänischen Kinder im Ort war. Heute spricht er sie mangels kundiger Gesprächspartner nur noch selten, die Überraschung darüber ist auf Seite der Ulmer, die Freude darüber auf beiden Seiten. Gemeinsam wird die katholische Kirche besichtigt, für deren Erhalt auch die HOG Lenauheim immer wieder eintritt. HOG-Vorsitzender Werner Griebel war deshalb auch an diesem Tag über unsere Schritte in Lenauheim informiert und hatte aus der Ferne mitorganisiert. Es ist gut, wenn das so funktioniert. An diesem Tag stand in der Kirche die orthodoxe Taufe eines Kindes an – einer entsprechenden Bitte der orthodoxen Kirche wurde durch die katholische Kirche entsprochen, man lebt zusammen, man rückt näher, der Pfarrer kam hinzu und begrüßte die Gäste. Vor der Kirche stand ein schwarzes Kreuz, auf dem mit weißer Kreide das Ableben einer ehemaligen Lenauheimerin in Deutschland vermerkt war. Das Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege ist in gutem Zustand, zu Ehren der Toten liegen Kränze der Gemeinde davor. Vor der Abfahrt ließ es sich der Bürgermeister nicht nehmen, zu einem Imbiss einzuladen und er berichtete ausführlich über das Lenauheim von einst und jetzt.

Billed, das einstige Musterdorf, steht auch oft auf der Liste der Besuchsorte von Delegationen aus Deutschland. Das liegt daran, dass im Ort nicht nur eine Sozialstation der Adam Müller-Guttenbrunn-Stiftung für die verbliebenen Deutschen funktioniert, sondern vom Ehepaar Roswitha und Adam Csonti ein kleines Dorfmuseum aufgebaut worden ist, in welchem sich viele Exponate finden, die den Besuchern einen guten Einblick in das Leben der Billeder im vergangenen Jahrhundert vermitteln. Manche Gegenstände waren auch den Ulmern vertraut, die Bilder und Statistiken, die von einer einst bedeutenden schwäbischen Dorfgemeinschaft berichten, erstaunten die Gäste, und sie wollten so recht nicht zum aktuellen Dorfbild passen.

Bei einem Abendessen im Haus, zu dem die Adam Müller-Guttenbrunn-Stiftung mit Direktor Helmut Weinschrott und das Ehepaar Csonti eingeladen hatten, konnten die Ulmer Gäste viel über die Banater Schwaben und ihren Alltag erfahren. Und spätestens beim servierten Selbstgebrannten und dem Fachsimpeln darüber war man sich einig, dass Ulmer und Banater Schwaben mehr gemeinsam haben als nur eine Geschichte.

Die katholische Kirche im Banat

Dass im Dom zu Temeswar jeden Sonntag eine heilige Messe in deutscher Sprache gefeiert wird, ist nicht allen Gästen Temeswars bekannt. Einige Ulmer freuten sich diese mitfeiern zu dürfen. Mit ihnen und weiteren sechzig Gläubigen freute sich Kanzleidirektor Nikola Lauš als Zelebrant des Gottesdienstes. Dass noch weitere Ulmer der heiligen Messe beiwohnten, war nicht auf Anhieb zu erkennen. Und trotzdem war es so. Heinrich Karrer, ein Ulmer, der sieben Jahre lang als Seniorexperte in Kooperation mit dem Technischen Kolleg „Regele Ferdinand I.“ beim Aufbau eines Ausbildungssystem mit dem Deutschsprachigen Wirtschaftsclub Banat und den aus Deutschland ansässigen Firmen in Temeswar aktiv war, hatte eine Chorpartnerschaft Chorpartnerschaft zwischen der Chorgemeinschaft St. Elisabeth/St. Maria Suso in Ulm und dem Domchor in Temeswar initiiert. Die feierliche Unterzeichnung sollte an diesem Sonntag im bischöflichen Palais durch Domkantor Robert Bajkai aus Temeswar und Kantor Tobias Schmid und Chorvorstand Wilhelm Matus aus Ulm stattfinden.

Bischof József Csaba Pál und OB Gunter Czisch bekräftigen mit ihrer Unterschrift die Partnerschaft, ein weiterer kleiner Baustein in den Beziehungen zwischen Temeswar und Ulm. Dabei versäumte es das neue Oberhaupt der Diözese Temeswar nicht, auf seine vielen ganz persönlichen Beziehungen zu den Banater Schwaben hinzuweisen, die er noch als junger Priester in Bakowa und Nitzydorf in großer Zahl erlebt hatte. Die sprachliche Vielfalt der Diözese und die konfessionelle Vielfalt im Banat waren Thema mancher Fragen, die Bischof Pál geduldig beantwortete. Eine Einladung zum Heimattag nach Ulm wurde ausgesprochen und herzlich befürwortet.

Seinen Abschluss fand der Besuch bei einem Treffen mit Vertretern deutscher Kultureinrichtungen und der deutschen Wirtschaft der Stadt. Alle Einrichtungen waren sich einig, dass der Austausch verstärkt werden solle, deshalb werden diese Einrichtungen ab Februar in der Banater Post vorgestellt. Zuvor wurde aber auch noch das Revolutionsmuseum besucht, wo Traian Orban, er wurde 1989 verwundet, in bewegenden Worten und begleitet von eindringlichen Bildern und historischen Filmaufnahmen über die Ereignisse im Dezember 1989 sprach. Es bleibt unerklärlich, dass weder Stadt noch Kreis oder das Kulturministerium bald 30 Jahre nach der Revolution es nicht geschafft haben, aus dem Provisorium ein ordentliches Museum oder eine Bildungsstätte zu gestalten.