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Banater Post

Temeschburger Heimatblatt: inhaltlich ausgewogen, ansprechend gestaltet

Das Temeschburger Heimatblatt 2018 präsentiert sich in der wohlbekannten Form, attraktiv und hochwertig. Auf gut 100 Seiten findet der interessierte Leser viel Informatives, von Alt-Temeswarern erlebte und gefühlte Geschichte, Aktuelles aus der Stadt an der Bega und aus Rumänien. Abgerundet wird das wie immer inhaltlich ausgewogene und überschaubar gegliederte Heft mit Lyrik, Gaumenfreuden, den immer wieder betroffen machenden Nachrufen und den Geburtstagen der Mitglieder. Zahlreiche Leserbriefe beweisen die breite Beachtung und Wertschätzung, derer sich das Blatt erfreut.

Das unermüdliche Bemühen des engagierten Herausgebers Dr. Waldemar A. Zawadzki, den immer älter werdenden Zeitzeugen eine Stimme zu geben, sie zum Festhalten des Erlebten zu animieren, zeigt im diesjährigen Heft besonders gute Ergebnisse. Durch diese wertvollen und unersetzlichen Erlebnisberichte trägt das Temeschburger Heimatblatt wesentlich zum Verstehen, Aufarbeiten und Einordnen der sozialen, politischen und ökonomischen Prozesse im sozialistischen Rumänien bei und wird mit Sicherheit eine wertvolle Informationsquelle für künftige Generationen sein.

Das Temeschburger Heimatblatt 2018 eröffnet mit dem von Dr. Zawadzki präsentierten Jahresmotto „200 Jahre seit der Geburt von Karl Marx“. Ein Essay, das in einer emotional-explosiven Gratwanderung den Bogen spannt von der Geburt des theoretischen Konzeptes des Kommunismus über dessen –  von seinen gedanklichen Vätern Marx und Engels sicher weder erwünschten noch geahnten – realsozialistische Folgen bis hin zum sehr zeit-gemäßen Aufruf zu Toleranz, Bildung und gegenseitiger Achtung und ein Zeile für Zeile lesenswerter Auftakt dieser Ausgabe.

Es folgt die Rubrik „Geschichtliches“, an deren Anfang der dritte Teil des Beitrags „Interethnisches Zusammenleben“ von Hans Gehl steht – hervorragend recherchiert und in zugänglichen Beispielen veranschaulicht. Diese Beiträge verdienen eine besondere Würdigung, da sie sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse gut gegliedert, verständlich und kurzweilig präsentieren. In dem Fragment „Aufbruch“ aus Franz Marschangs Banat-Tetralogie „Am Wegrand der Geschichte“ wird eine mehr oder weniger typische Ausreise von Rumäniendeutschen geschildert. Besondere Hervorhebung verdient der dritte Teil der Studie von Hans Fink „Ein Mosaik des rumäniendeutschen Kulturlebens nach dem Zweiten Weltkrieg“, in dem es um „Die Unterstützung aus der Bevölkerung“ geht. Der Beitrag ist bestens dokumentiert und bei aller Sachlichkeit nicht ohne Humor, Empathie und Dankbarkeit in einer glasklaren Sprache verfasst. Der Autor beschreibt die kreative Vorgehensweise der Verantwortlichen für deutsches Kulturgeschehen, um ambitionierte, häufig avantgardistische oder zeitkritische Werke an der rumänischen Zensur vorbei aufzuführen oder zu publizieren. Es folgen Dan Cărămidarius kritische Präsentation des Bildbandes „Timişoara socialistă“ und ein Versuch von Peter Mildenberger, die Kunstbegriffe „Banater Heide“ und „Banater Hecke“ zu erläutern. Franziska Grafs Bericht „Gedenkfeier zur Russlanddeportation im Seniorenzentrum Josef Nischbach in Ingolstadt“ erfreut den Leser mit einer Fülle von gut strukturierten, konkreten Daten und Erlebnisberichten in einer warmherzigen und verständlichen Formulierung.

In dem Kapitel „Temeschburger Persönlichkeiten“ mit Nachrufen auf Maria Huschitt (Helga Korodi), Dr. Helene Venturini-Aubermann (Franziska Graf), Hans Bohn (Fred Zawadzki), dem Bericht von Josef Lutz über die Initiative des Nobelpreisträgers Prof. Dr. Stefan Hell, in Heidelberg das Forschungsnetzwerk „Biologie auf der Nanoskala“ ins Leben zu rufen, sowie der Pressemitteilung über die Ernennung von József-Csaba Pál zum neuen Bischof der Diö-zese Temeswar werden verdiente Landsleute aus Vergangenheit und Gegenwart gewürdigt. Ebenfalls zu diesem Kapitel gehört der gut recherchierte Bericht von Anita Hockl-Ungar „Souvenir de Herkulesbad“, gewidmet dem lange Zeit vergessenen Walzerkönig Josef Pazeller, der Temeswar zwar nur mit einem kurzen Besuch beehrt hat, dafür jedoch ein Musterprotagonist der sinkenden k. u. k. Monarchie war, deren Schicksal Auswirkungen auch auf die Banater Deutschen hatte.

Helga Korodi widmet sich dem in Temeswar geborenen Maler Adolf Hirémy-Hirschl, dessen Bild „Die Seelen am Acheron“ in der in Salzburg gezeigten Ausstellung „einmal unterwelt und zurück. die erfindung des jenseits“ zu sehen war. Der literaturphilosophische Exkurs der Autorin, ihre Korrespondenz mit dem Kurator sowie kunsthistorisch offene Fragen sprengen etwas den Rahmen dieses Heftes und wären in einer Fachpublikation besser aufgehoben gewesen. Es bleibt zu hoffen, dass dem Leser der Schlusssatz mit der Frage, ob jemand wisse, wo und ob überhaupt Hirémy-Hirschls Geburtshaus in Temeswar noch stehe, nicht entgeht.

Das Kapitel „Kulturelles“ bietet des Weiteren eine von Helga Korodi verfasste Rezension des vom St. Gerhardswerk Stuttgart herausgegebenen „Donauschwäbisches Martyrologiums“. Halrun Reinholz berichtet über die Wanderausstellung „Temeswar 1716. Die Anfänge einer europäischen Stadt“, die von Ines Reeb Gische gleich nach ihrer Eröffnung 2016 in Temeswar bereits ausführlich präsentiert wurde und nun in deutscher Fassung im Ulmer Kultur- und Dokumentationszentrum der Banater Schwaben ausgeliehen werden kann. Es folgen der aus der ADZ übernommene Bericht von Dan Cărămidariu über ein geplantes Reiterstandbild des Prinzen Eugen in Temeswar sowie Kommentare zu den zahlreichen öffentlichen Statuen in Temeswar. Hans Dama beschreibt seine „Banater Eindrücke im April 2018“ und Helga Korodi schildert in „Chiffren-Entwicklungen in der europäischen Kulturhauptstadt Temeswar 2021“ eigene Eindrücke anlässlich der Abendveranstaltung der Wiener Stadtbücherei zum Thema „Temeswar in Europa: Licht der Laternen, Licht der Freiheit“. Eine gut strukturierte Kurzmonografie von Sackelhausen und eine Rückschau auf 60 Jahre Sackelhausener Kirchweih bietet der Beitrag von Michael Koppi. Helga Korodi veröffentlicht den ersten Teil ihres Werkes „Sprachen in der Lenauschule“. Anfänglich meint der Leser, einen kurzweiligen, zum Schmunzeln und Nachdenken anregenden Schüleraufsatz (fast eine Monografie der Pfaff-Ära) vor sich zu haben, der richtig Freude bereitet und bei vielen längst Vergessenes aufleben lässt. Die sprachwissenschaftlich versierte Autorin rechnet mit viel Verständnis und Hintergrundwissen der Leser für ihre theoretischen Betrachtungen, die den Lesefluss immer wieder unterbrechen. Franziska Graf lässt das kul-turelle Jahr mit ihrem einfühlsamen, optimistischen Bericht über die „Vorweihnacht im Seniorenzentrum Josef Nischbach in Ingolstadt“ ausklingen.

Der Bericht von Balthasar Waitz „Rotkäppchen im Banater Wald“ über die unkontrollierten Abholzungen im Banat hat weniger mit Kultur zu tun, ebenso wie Fred Zawadzkis Beitrag „Na dann, gib‘ ihm Koks,
Kary“ etwas mit erlebtem Temeswar gemein hat. Letzterer ist zumindest Banat-nostalgisch und realistisch zugleich, beschreibt er doch das unerklärliche Verschwinden der Schmalspurbahn im idyllischen und bei Temeswarern so beliebten Poiana Rusca-Gebirge. Jedenfalls gehen beide Beiträge auf folgenschwere Missstände und die Unfähigkeit der Verwaltung in Rumänien ein.  Was wäre die Stadt an der Bega ohne „ihren“ Fußballclub Poli. Das weiß auch Ernst Meinhardt und versorgt den interessierten Leser mit „Emotionalem über POLI Temeswar“.

Die Rubrik „Gaumenschmaus“ bietet sachlich-fachlich interessante Wein- und Käsekunde, knapp und suggestiv serviert vom geschätzten Mitarbeiter Arnold Töckelt. Dazu gibt es ein Pörkölt-Rezept von Brigitte Ina Kuchar und ein militantes Genießer-Statement zum Thema Gesundes und Experimentelles in der modernen Gastronomie mit dem Titel „Das Gegenteil von vernünftig“ von Fred Zawadzki. Etwa in dieselbe Kerbe schlägt auch dessen weiterer kulinarischer Exkurs „Ein Temeswarer Caesar Salat“ im Kapitel „Erlebtes Temeswar“.

Das „Lyrische Eck“ überrascht wieder mit guter, reifer, tiefgründiger und abwechslungsreicher Dichtung bekannter und unbekannter Autoren.

Das Kapitel „Erlebtes Temeswar“, zu Unrecht am Ende des Heftes platziert, hat eine neue, erfreuliche Ebene der schriftstellerischen Leistung, aber auch der inhaltlichen Qualität erreicht. In gut strukturierten, zum Teil erbarmungslos offenen, herzlichen und ehrlichen Zeitzeugenberichten beschreiben Franziska Graf, Hans Bohn, Victoria Seibert und Anita Hockl-Ungar in ihren Texten „Unser schönster Heiligabend“, „Ein verhängnisvoller Sommertag“, „Schmerzhaftes Einzelschicksal“ und „Dornenweg“ sowie „Hortensien aus meinem Garten“ authentische historische oder emotionale Erlebnisse, die in keinem Geschichtsbuch zu finden sind. Der Leser erfährt viel über die Denkweise und Lebensphilosophie der Banater Deutschen, aber auch über den Zeitgeist des Sozialismus: Schlichtweg das, was den Alt-Temeswarer ausmacht und selbst den Jüngeren, die in der Stadt geboren und aufgewachsen sind, als vertraut Gefühltes mit in die Wiege gelegt wurde.

Diese Ausgabe des Temeschburger Heimatblattes ist insgesamt eine Spitzenleistung der Redaktion und der Autoren. Empfehlenswert wäre für die kommenden Ausgaben eine größere Sorgfalt bei der typographischen Überprüfung sowie beim Lektorat.