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Banater Post

100 Jahre Rekascher Kirche

Die Reisegruppe wurde am 7. September im Rekascher Heimatmuseum, dem ehemaligen Stitzlschen Haus, freundlich empfangen.

Der amtierende Vorsitzende der HOG Rekasch, Erwin Lehretter, mit seinen Vorgängern im Amt, den Ehrenvorsitzenden (von links) Nikolaus Lutz, Andreas Stark und Emil Frekot Foto: Franz Tasch

Die Gruppe der aus Deutschland angereisten Landsleute vor der vor 100 Jahren geweihten katholischen Kirche in Rekasch Fotos: Stefan Lehretter

In der Osterausgabe der „Banater Post“ luden wir zur anstehenden Busfahrt im September 2018 ein. Zum Erntedank im Oktober wollen wir uns bei allen, die dazu beigetragen haben, eine unvergessliche Reise zu erleben, bedanken.

Für einige Mitreisende war der Tag der Anreise recht lang, wenn man bedenkt, dass sie aus Freiburg, Bergisch-Gladbach, Stuttgart, Nürnberg, Kirchheim, Ulm und Aalen erstmals nach Karlsruhe und paar Stunden später nach Augsburg fahren mussten. Doch nachdem wir dann vollzählig am Abend des 5. September mit einem Bus des Reiseunternehmens Feil Augsburg verließen, begann der eigentliche Urlaub. Der Sektbegrüßung und den reisetechnischen Erläuterungen des HOG-Vorsitzenden Erwin Lehretter folgte ein Imbiss, bei dem auch die obligatorischen Salzkipferl nicht fehlen durften. Und so hielten wir bis weit hinter Budapest die Nachtfahrt gut durch, wo es dann eine weitere Verpflegung seitens des Busunternehmens gab. Obwohl die ältesten Teilnehmer bereits einiges über achtzig waren, klagte keiner über steife Beine oder Schlaflosigkeit, zu groß war die Vorfreude auf die anstehenden Ereignisse. So blickte man denn auch voller Neugierde auf die unbekannten Grenzübergänge, die nunmehr fertiggestellte Autobahn, die nicht mehr die alten Orte passiert, sondern daran vorbeiführt. Bei der Ausfahrt „Remetea Mare“ war dann schließlich jeder aufgeregt, befand man sich doch schon auf Heimatterritorium – und dennoch war es vielen fremd, was man da erblickte. Die Reisegruppe verteilte sich anschließend auf die beiden Hotels „Central“ und „Timişoara“, der Nachmittag wurde mit Geldwechseln, ersten Besorgungen und Besuchen verbracht und mit dem gemeinsamen Abendessen in der Gaststätte „Curtea berarilor“ abgeschlossen.

Unser eigentliches Reiseprogramm begann am Freitag, dem 7. September, als der Rekasch-Tag angesagt war. Emotionsgeladen stiegen wir an der katholischen (unserer) Kirche aus und begaben uns auf erste Wiedererkennungs-Touren, trafen die ersten Bekannten, sahen die ersten Veränderungen und erkannten doch das meiste wieder, obwohl für viele Mitreisende Jahrzehnte seit der Ausreise dazwischen lagen. Der Empfang im Heimatmuseum war überwältigend und war auch der Moment, als kein Auge trocken blieb: Der Bürgermeister der Stadt Rekasch, Pavel Teodor, begrüßte uns offiziell und freundschaftlich. Doch richtig in der alten Heimat willkommen hießen uns Veronica Andruseac und Silvia Müller-Harhata, die ehemalige und gegenwärtige Leiterin des Museums, die unsere Anreise und die organisatorischen Vorbereitungen auch im Vorfeld bereits unterstützt hatten. Beim Rundgang durch das „Stitzlsche Haus“, ehemals Wohnsitz  und Praxis des Arztes Dr. Josef Stitzl, der auch eine erste Ortschronik zu Rekasch verfasst hat, konnten wir nicht nur Exponate wiedererkennen, sondern auch Bilder zu allen wichtigen Eckpunkten finden (kirchliche Ereignisse, Feierlichkeiten, Schule, Vereinsleben, Sport, Arbeitswelt, Musik, Weinkellerei usw.), die liebevoll gesammelt und thematisch geordnet sind und immer wieder auf die kulturelle Vielfalt des Ortes mit den unterschiedlichen Ethnien (Schokatzen, Deutsche, Ungarn, Rumänen und Roma) hinweisen. Das Haus ist für viele auch der tatsächliche Geburtsort, da sich in diesen Räumen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren die Entbindungsklinik befand.

Bereits an dieser Stelle, dann aber auch zum Hauptereignis am Sonntag, bei der Festmesse, wurde unsere ca. 40-köpfige Reisegruppe von Redakteuren deutscher und rumänischer Zeitungen begleitet. Raluca Nelepcu von der Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien (ADZ) und Dumitru Oprişor von der „Renaşterea bănăţeană“ führten Interviews mit einigen Mitreisenden, den älteren wie auch dem jüngsten Teilnehmer, der mit gerade mal 40 Jahren die Ereignisse als Neuland empfand. Gleichzeitig wurde auch auf die vollzählige Präsenz der Vorsitzenden der HOG seit deren Gründung 1985 hingewiesen: Der Gemeinschaft der Rekascher in der Bundesrepublik standen zunächst Emil Frekot, danach Andreas Stark (jeweils vier Jahre) und Nikolaus Lutz (16 Jahre) vor, heute alle Ehrenvorsitzende. Seit neun Jahren wird sie von Erwin Lehretter geleitet. Die Presse hatte unsere Reise nicht nur angekündigt, sondern veröffentlichte auch detaillierte Berichte dazu (ADZ vom 15. September).

Feierlich ging es weiter mit der Kranzniederlegung und Einsegnung im katholischen Friedhof. Gemeinsam mit Pfarrer Anton Butnaru gedachten wir aller Verstorbenen in der alten wie auch in der neuen Heimat. Jeder suchte die Gräber von Familienangehörigen auf, zündete Kerzen an und legte Blumen nieder.

Und gleich anschließend folgte auch schon der nächste Programmpunkt: Die Besichtigung der Weinkellerei „Cramele Recaş“. Wir alle wussten schon immer, dass es dort guten Wein gab, aber wie spitzfindig der gute Boden, die Exposition, die klimatischen Verhältnisse und letztendlich auch die Spezialkenntnisse der Önologen dann mit den entsprechenden technischen und marktwirtschaftlichen Faktoren zusammenspielen, konnten wir während einer Führung erfahren. Zunächst begrüßte uns der Direktor Gheorghe Iova, der nicht vergaß, unsere Vorfahren als die Wegbereiter des Weinbaus auf den Hängen nördlich des Dorfes zu erwähnen, der aber auch auf ältere Dokumentationen zu dieser landwirtschaftlichen Nutzungsart aus dem Jahre 1447 hinwies. Detailliertere Informationen zum Anpflanzen, Pflegen, Ernten und Weiterverarbeiten der Weinreben erhielten wir von Marius Paşca, der uns durch Press-, Lager- und Kühlanlagen führte und dabei die Modernität und Größe des bedeutendsten Exporteurs an Flaschenweinen aus Rumänien hervorhob, die letztendlich durch weltweite Investoren und Önologen sowie modernste Technologie und Abfüllanlagen beständig aufgewertet werden. Wir konnten uns bei einer Weinverkostung in schön gestalteten Räumen mit dazugehörigem fünfgängigem Menü von Andrea Trezak im wahrsten Sinne „berauschen“ lassen. Entsprechend locker saß dann bei jedem der Geldbeutel, als es durch den sehr gut sortierten Verkaufsraum wieder hinausging. Ein Trost für Daheimgebliebene: Ab nächstem Jahr wird es nicht nur über den bekannten Weinversand, sondern auch in unseren Supermärkten vermehrt Rekascher Weine geben.

Die Abende verbrachte unsere Reisegruppe individuell, und trotzdem traf man immer wieder den ein oder anderen Bekannten in den vielen „Terrassen“, wie man in Temeswar die Außenanlagen der Gaststätten auf dem „Korso“ nennt. Erwähnenswert ist aber vor allem auch das Domviertel, vielmehr der gesamte Bereich um den sehr schön restaurierten Domplatz mit sämtlichen Seitenstraßen, die zur Fußgängerzone umgebaut worden sind, wo es zahlreiche Cafés, Bier- und Weinstuben, Restaurants, Imbisse und feinste Konditoreien gibt. Noch dazu hatten wir die Gunst, herrlichstes Septemberwetter zu genießen, was im Banat immer noch paar Grad mehr sind als hierzulande.

Unter religiösem Vorzeichen stand der nächste Tag: Mariä Geburt war nicht der Tag der deutschen, sondern seit jeher jener der ungarischen Wallfahrer nach Maria Radna. Und unsere Reise führte denn auch über nicht mehr wiederzuerkennende Orte wie Dumbrăviţa, Bruckenau, Aliosch und Blumenthal über die Marosch zur imposanten, renovierten Basilika. An Verkaufsständen unterhalb des Kirchengeländes wurden neben Baumkuchen, Alawitschka und Hausschokolade auch Grillspezialitäten sowie Marienbildnisse und andere Devotionalien zum Kauf angeboten. Das Hochamt wurde um 11 Uhr in ungarischer Sprache zelebriert, doch haben sich im Gottesdienst erstaunlich viele lateinische Passagen erhalten, wie sie bei uns nicht mehr zu hören sind. Der Einzug der Wallfahrtsgruppen, aber vor allem der zahlreichen Priester war überwältigend. Die vom Bistum Temeswar mit Unterstützung der EU durchgeführten Sanierungsarbeiten ermöglichen es, dass im ehemaligen Franziskanerkloster auch Seminar- und Veranstaltungsräume genutzt werden können. Ein noch junges Museum veranschaulicht die Geschichte des Ortes, die Besiegung und Vertreibung der osmanischen Besatzer, verewigt den sogenannten „Türkenstein“ und gibt einen Überblick über das religiöse Geschehen im Banat der letzten dreihundert Jahre. Wer wollte, konnte die 14 Kreuzwegstationen besichtigen, die sich allerdings in einem schlechten Zustand befinden. Die von uns überreichte Spende soll deren Restaurierung zugutekommen. Anschließend konnten wir im Speisesaal des Veranstaltungstraktes zu Mittag essen und den Abend in Temeswar wieder ausklingen lassen.

Der eigentlich feierlichste Tag stand am Sonntag, dem 9. September, an. Zwar wurde die in den Wirren des Ersten Weltkrieges errichtete neue katholische Kirche bereits am Gründonnerstag des Jahres 1918 geweiht, doch durch unsere Reise bedingt, einigte sich die Kirchengemeinde darauf, die Festmesse zum Kirchenjubiläum an diesem Sonntag zu feiern. Etwas aufgewühlt und voller Erwartungen fuhren wir am Morgen nach Rekasch, waren auch sehr früh schon vor Ort und konnten unsere Kirche auf uns wirken lassen. In der von unserer HOG gestalteten viersprachigen Broschüre sind grundlegende Informationen hierzu zu finden, auf die jedoch erst im zweiten Teil des Reiseberichts eingegangen werden soll, der sich vertieft mit der Kirche und ihren Besonderheiten beschäftigen wird. Man erkannte die liebevolle Gestaltung des sakralen Raumes sofort beim Betreten des noch menschenleeren Gotteshauses: der Blumenschmuck an den Bänken und an den Altären, eine Bildersammlung aller gewesenen Seelsorger im Eingangsbereich, die von der HOG gestiftete Votivtafel in allen vier Sprachen, in denen die Gottesdienste in dieser Kirche gehalten werden. Zur absoluten Steigerung kam es, als die Rekascher Blasmusikkapelle vom Rathaus zur Kirche zog, wobei der Zug von zahlreichen Kindern in ungarischer, rumänischer, kroatischer und schwäbischer Tracht angeführt wurde, gefolgt von Bürgermeister, Honoratioren sowie den an der Organisation Beteiligten. Die Kirche war bis auf den letzten Stehplatz besetzt.

Zusammen mit Pfarrer Anton Butnaru zelebrierte der Generalvikar der Diözese Temeswar, Monsignore Johann Dirschl, in allen vier Sprachen der Gläubigen und es war beeindruckend, wie jede einzelne Ethnie ihre Gebete sprach, ihre Lieder sang, die Fürbitten las und schließlich zur Kommunion antrat. Nach den offiziellen Begrüßungsreden, Danksagungen, der Segnung der Votivtafel sowie eines speziellen Gedenk-Banners, den die Stadt schenkte, erfolgte der Austausch der Gastgeschenke: Anstecknadeln mit der Aufschrift des Ereignisses, Heiligenbildchen sowie die von uns mitgebrachte Festschrift. Auf den Kirchentreppen, wo zahlreiche Kommunions-, Kirchweih- und Hochzeitsbilder über das Jahrhundert hinweg entstanden sind, war nicht Platz für alle, die am Gottesdienst teilgenommen hatten, sodass sich nur nach und nach die Gäste auf dem Kirchenvorplatz einfanden und freudig alte Bekannte, Nachbarn und Freunde begrüßten.

Die Blasmusik spielte ein Lied nach dem anderen, bis wir in den Bus einstiegen und zum Mittagessen ins Nachbardorf Herneacova fuhren, eigentlich in den Ortsteil Simei, der als Naherholungsgebiet mit Freizeit- und Gastronomieangeboten aufwartet. Als Eingeladene des Rathauses verbrachten wir einen angenehmen Nachmittag, tauschten Gastgeschenke und Danksagungen aus, besuchten noch ein letztes Mal Friedhof, Verwandte und Bekannte und zehrten von den Ereignissen dieses wundervollen Tages.

Getoppt konnte dieser nicht mehr werden, und dennoch gab es noch eine Fortsetzung: Am Tag der Abreise bot uns Diözesanarchivar Claudiu Călin eine Führung durch das Diö-zesanmuseum an. Er führte uns anschließend in die Krypta und zeigte uns dann die Kathedrale zum heiligen Georg, sprach über Geschichte und Gegenwart dieser besonderen Stadt Temeswar und sorgte in dieser ohnehin sehr aufgeladenen Stimmung, nach all dem, was jeder von uns hier erlebt hatte, für ein starkes Heimwehgefühl.

Manche blieben noch für paar Tage, andere flogen zurück, der Kern der Gruppe jedoch trat die Rückfahrt mit dem Reisebus an, alle mit gefüllten Herzen und guten Gedanken, frischem Schafskäse und Wein im Gepäck, unzähligen Bildern auf den Handykameras und dank der vielen Fotografen auch zum Vorzeigen, was wir bei unserem nächsten Treffen, dem Jubiläumstreffen am 13. Oktober 2018 in Karlsruhe, auch tun werden.