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Banater Post

Ausstellung „Temeswar 1716: Die Anfänge einer europäischen Stadt“

Jacob van Schuppen: Prinz Eugen von Savoyen, Öl auf Leinwand, 1718

Siegel der Königlichen Freistadt Temeswar, 1781

Im Jahr 2016 jährte sich die Eroberung der Festung Temeswar durch die kaiserliche Armee zum 300. Mal. Prinz Eugen von Savoyen zog am 18. Oktober 1716 durch das Forforoser Tor in Temeswar ein – mit diesem symbolischen Akt wurde die Stadt mit ihrer Umgebung ein Teil des Habsburger Reiches. Als neue habsburgische Provinz vollzog die Region einen Identitätswandel und Temeswar als zentraler Ort wurde zu einer europäischen Stadt. Dies geschah zunächst durch die grundlegenden Maßnahmen der neuen österreichischen Verwaltung: Der Bau einer neuen Festung, die Parzellierung des städtischen Baugrunds, die Anlage eines modernen Straßennetzes sowie die Schiffbarmachung des Flusses Bega gaben der Stadt, die über 163 Jahre osmanisch gewesen war, eine mitteleuropäische Prägung. Zuwanderungen in die Residenz- und Festungsstadt veränderten die Bevölkerungsstruktur, die auch in den nachfolgenden Jahrhunderten einem steten Wandel unterlag. Denn die Region gehörte im Laufe der Geschichte zu unterschiedlichen Staatsverbänden und die Bevölkerung erlebte Veränderungen durch wechselnde politische Konstellationen, Kriege, Industrialisierung und Migrationsprozesse. Dennoch oder gerade deshalb kann Temeswar heute als europäische Stadt wahrgenommen werden.

Die habsburgische Landesadministration begünstigte durch ihre Einwanderungspolitik die Herausbildung einer multiethnischen Gesellschaft. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen – Rumänen, Deutsche, Ungarn, Serben, Juden, Bulgaren, Tschechen, Italiener, Spanier und andere, die verschiedenen Konfessionen angehörten und das multikulturelle Habsburger Großreich
widerspiegelten, verliehen der Stadt einen spezifischen Charakter von Vielsprachigkeit, ethnischer und kultureller Diversität und gegenseitiger Toleranz. Ein Erbe, das über das Jubiläumsjahr hinaus wirkt und mit der Ernennung Temeswars zur europäischen Kulturhauptstadt 2021 seine konsequente Würdigung findet.

In Temeswar gedachte man der Ereignisse von 1716 im Jubiläumsjahr mit einer Ausstellung, die den europäischen Charakter der Stadt und ihre kulturelle Vielfalt beleuchtet. Die Landsmannschaft der Banater Schwaben war als Mitveranstalterin in deren Entstehung mit einbezogen und hat diese nun in eine deutsche Fassung überführt. Als Wanderausstellung zeigt sie das kulturelle Erbe Temeswars für ein deutsches Publikum und für all die ehemaligen Temeswarer und Banater (oder ihre Nachkommen), die heute in Deutschland (nicht selten in den ehemaligen Auswanderungsregionen ihrer Vorfahren) leben und Teil dieses Erbes sind.

Die beiden Hauptveranstalter der Ausstellung nähern sich jeweils auf ihre Weise dem Thema. Das Banater Nationalmuseum thematisiert die historischen Fakten und Belege, zunächst ausgehend von der Zeit vor der habsburgischen Eroberung. Zeugnisse des osmanischen Reisenden Ewlija Tschelebi und des Österreichers Henrik von Ottendorf geben Einblick in die osmanische Festungsstadt, die wegen der umgebenden Sümpfe als uneinnehmbar galt, aber, zumindest vom Eindruck her, „auf gutem grünem Boden“ stand, „umgeben von Parks und Rosengärten“. Dokumente zur Eroberung und den Modalitäten des Abzugs der Osmanen aus Temeswar, ebenso wie zu den ersten Maßnahmen zur Gestaltung und Verwaltung der Stadt (die vor allem mit dem Namen des Gouverneurs Mercy verbunden sind, aber auch mit den namentlich erwähnten Bürgermeistern von Temeswar) geben einen detailreichen Einblick in die Zeit. Der historische Teil endet mit der Darstellung der Großen Pest, die in den Jahren 1738-1739 verheerende Spuren in der Stadt hinterließ. Noch heute erinnern Denkmäler im Stadtbild (nicht nur, aber auch die Pestsäule) an dieses traumatische Ereignis.

Mit dem architektonischen Stadtbild sowie der ethnischen und konfessionellen Vielfalt der Stadt befasst sich der zweite Teil der Ausstellung, für den das Römisch-Katholische Bistum von Temeswar verantwortlich zeichnet. Architekt Mihai Botescu beschreibt die ersten Gebäude, die in der neuen habsburgischen Stadt entstanden sind, aber auch den Ausbau der Festung, von der sich noch heute die Theresienbastion ins Stadtbild einfügt.

Unter Mitwirkung der jeweiligen konfessionellen Vertretungen entstanden die Ausstellungsteile, welche die religiöse Vielfalt schon der Anfangszeit dokumentieren. Die Rumänisch-Orthodoxe Metropolie des
Banats, das Serbisch-Orthodoxe Bistum Temeswar, die Griechisch-Katholische Eparchie Lugosch und die Jüdische Gemeinde Temeswar geben Einblick in ihre jeweiligen Entwicklungslinien in Temeswar und im
Banat.

Mitbeteiligt an der Ausstellung waren auch Institutionen wir die Kreisbibliothek Temeswar, die Kreisfiliale Temesch des Rumänischen Nationalarchivs, das Kulturzentrum der Stadt Temeswar, das Studio Temeswar des Rumänischen Fernsehens, der Verband der Serben in Rumänien und das Hilfswerk der Banater Schwaben. Auch hier zeigt sich eine Vielfalt, die sich dem gemeinsamen Erbe verpflichtet fühlt.
Die Schau lässt demnach das Gesamtbild einer Stadt entstehen, die sich zu Recht als modern und
europäisch versteht. Auch in schwierigen Zeiten, so die Botschaft, bewahrte Temeswar stets sein eigenes Lokalkolorit im Schnittpunkt der Kulturen, geprägt von der bunten Mischung von Denk- und Gefühlswelten, die hier aufeinander treffen.

Die Ausstellung „Temeswar 1716. Die Anfänge einer europäischen Stadt“ wird in ihrer deutschen Fassung erstmals beim Heimattag der Banater Schwaben in der Ulmer Donauhalle gezeigt. Die praktischen Rollups zu diesem zeitlosen Thema können problemlos und in wechselnder Auswahl an anderen Ausstellungsorten und bei Veranstaltungen präsentiert werden, gerade im Hinblick auf die Kulturhauptstadt.

Zur Vertiefung der Ausstellungsinformationen entsteht ein illustriertes Begleitheft.