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Banater Post

Erinnern und Gedenken als Mahnung

Der Landesverband Bayern und der Kreisverband Nürnberg gedachten mit einer Feierstunde am Denkmal „Flucht und Vertreibung“ auf dem Hallplatz in Nürnberg an die Opfer der Russlanddeportation. Foto: KV

Der Gedenkveranstaltung wohnten neben Vertretern der Stadt Nürnberg, des Landesverbandes Bayern, der Kreisverbände Nürnberg, Erlangen, Fürth und Schwabach sowie den Fahnenabordnungen des Kreisverbandes Nürnberg und der Heimatortsgemeinschaft Sanktanna auch ehemalige Russlanddeportierte bei. Fotos: KV Nürnberg

An der Gedenkfeier zum Jahrestag der Russlanddeportation in Nürnberg nahmen auch die ehemalige Deportierte teil (von rechts): Katharina Feil, geb. 1926 in Deutschsanktpeter, Anna Müller, geb.1923 in Albrechtsflor und Eva Kreiter, geb.1925 in Deutschsanktpeter sowie die in Russland geborene Gertrud Klein, geb. Schicht, aus Sackelhausen. Foto: KV Nürnberg

Gedenkkranz und -kerze der Banater Schwaben am Denkmal „Flucht und Vertreibung“ in Nürnberg

Es gibt Ereignisse in der Geschichte der Menschheit, die wie uralte Eichen ihren Schatten Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte auf die Erinnerung der Betroffenen und deren Nachkommen wie auch auf die kollektive Erinnerung einer Gruppe werfen. Werden derart langlebige Eindrücke reflektiert, drängt sich die Feststellung auf, dass sich diese selten auf Glück, Liebe und Eintracht beziehen, sondern vielmehr auf Schmerz, Leid, Elend, Not und Tod. Mahnen die Betroffenen das Erlebte und Erduldete an, klingen Schmerz, Wut und nicht selten auch Rachegelüste mit – Gefühle, die selbst für Außenstehende nachfühlbar sind. Mit der Zeit, je größer der Abstand zu dem Ereignis und je geringer die Zahl der direkt Betroffenen wird, verblassen die scharfen Konturen des Ereignisses, aber die Erinnerungen selbst, deren mahnende Bilder, haben sich längst in die Seelen eingebrannt.

Und wenngleich einige wenige nach Sinn und Recht des Gedenkens fragen, wird selbst in deren Seelentiefe ein mahnender Finger darauf hinweisen: Halte die Erinnerung aufrecht, wenn nicht aus Respekt vor den Betroffenen, so wenigstens zum Heil der jetzt und zukünftig Lebenden, damit es allen zur Lehre und Mahnung gereiche und sich sowas nicht wiederholen möge.

Das größte Übel und der schlimmste Feind der Menschheit sind nicht Krankheiten und Naturkatastrophen, sondern der Mensch selbst. Nichts in der Natur kann der Menschheit das antun, was der Mensch selbst seinen Mitmenschen anzutun fähig ist. Die Liste der Schrecken ist lang: Krieg, Folter, Vergewaltigung, Unterdrückung, Ausbeutung, Verschleppung, Vertreibung. All diese Übel scheinen aus der Büchse der Pandora in die Welt entwichen zu sein. Und allen davon Betroffenen gebührt ein Mahnmal als Zeichen des Gedenkens und als Warnung vor jeglicher Wiederkehr, denn – wie Bürgermeister Dr. Klemens Gsell in seiner Rede treffend sagte – „es gibt kein menschliches Gen der automatischen Einsicht“.

Wenn vor mehr als sieben Jahrzehnten unsere Großeltern in der Blüte ihres Lebens, aus der  Mitte ihrer Lieben, von der Seite ihrer Angetrauten und Kindern gerissen, in Viehwaggons gepfercht, tausende Kilometer gegen Osten gekarrt und dort unter Obhut des „Hungerengels“ – eine Wortschöpfung von Herta Müller in ihrem Roman „Atemschaukel“ –  versklavt, ausgebeutet, ermordet und um Jahre ihres Lebens beraubt wurden, dann gehört diese Missetat auch noch heute an den Pranger gestellt, besonders und vor allem, weil die  Auswahl der Betroffenen nicht nach Schuld und Unschuld, nicht nach guten oder schlechten Taten erfolgte, sondern einzig auf Grund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit, als Vergeltungsmaßnahme für das Leid, das der Sowjetunion zugefügt worden war. Leid damit zu bekämpfen, indem man anderen ebenfalls Leiden auferlegt, ist seit Menschengedenken ein bewährtes Mittel um Rachegelüste und Machtansprüche zu befriedigen, führte aber noch nie – ganz gleich ob es im Namen einer Nation oder zu „Ehren Gottes“ (wie makaber das klingt) geschah – zu wahrer Befriedigung, sondern erzeugte immer eine neue Spirale des Leidens, der Marter und des Unfriedens.

Die Betroffenen selbst auf beiden Seiten erfahren dabei  lediglich, dass es zu nichts als zu Elend, Not und Bitternis führt: Den einen macht es die Toten nicht wieder lebendig und heilt auch keine erlittenen Wunden, den anderen fügt es neue Wunden hinzu, sodass die Gräben über Generationen hinweg nicht zugeschüttet, sondern tiefer werden. Groß ist nur, „wer verzeiht, vergibt und statt auf Rache auf Frieden aus ist“, schlussfolgerte Lucian Mot in seiner kurzen Gedenkansprache am Denkmal für Flucht und Vertreibung im Stadtzentrum von Nürnberg.

Natürlich wurden die nach Russland Verschleppten irgendwann von der Geschichte rehabilitiert, ihre Leiden gewürdigt und auch finanziell entschädigt, aber wer kann erlittenes Unrecht, verlorene Leben und Jahre wieder gut oder gar vergessen machen? Das einzige Mittel gegen solches Leid ist die Vermeidung neuen Unrechts. Und damit dieses einzig effiziente Antidot zum Einsatz kommt, muss der mahnende Finger immer auf schon Geschehenes hinweisen, denn nichts gereicht bekanntlich mehr zu einer guten Erziehung als das gute Beispiel. Keine der drei bei der Gedenkveranstaltung anwesenden ehemals deportierten Frauen, weder Eva Kräuter noch Katharina Feil oder Anna Müller, hob drohend ihren Gehstock Richtung Osten oder stieß düstere Flüche Richtung ihrer einstigen Peiniger aus. Keine. Ruhig und in sich gekehrt standen alle drei da, wahrscheinlich mit grauen Erinnerungsbildern vor ihrem inneren Auge, aber gefasst und ohne Anzeichen von Wut oder Bitterkeit in ihren vom hohen Alter gezeichneten Gesichtern. Sie, so zumindest schien es, sind mit sich und der Geschichte im Reinen und sinnen längst nicht mehr nach Vergeltung.

Trotzdem müssen Gedenkfeiern wie diese am 13. Januar in Nürnberg, vom Landesverband Bayern der Landsmannschaft der Banater Schwaben veranstaltet, auch in Zukunft stattfinden, nicht als Mittel der Rache, nicht zum Zweck der Anklageerhebung gegen die Verursacher, sondern als Werkzeug der Mahnung aller, damit Ähnliches auch dem oder den Geringsten unter uns, im Namen wessen auch immer und unter keinerlei Vorwand niemals mehr angetan werde.

Darauf wies die stellvertretende Landesvorsitzende und Nürnberger Stadträtin Helmine Buchsbaum in ihrer Begrüßungsansprache mehrmals hin und untermauerte dies mit Zitaten aus dem bereits erwähnten Buch „Atemschaukel“ von Herta Müller. Unter den, trotz windiger Kälte – aber was waren diese mickrigen Temperaturen schon gegen jene, die die Opfer in der Tiefe Russlands erdulden mussten –, zahlreich anwesenden Teilnehmern konnte Helmine Buchsbaum auch Ehrengäste aus den Reihen der Politik und der landsmannschaftlichen Gliederungen begrüßen. Gekommen waren Dr. Klemens Gsell, Dritter Bürgermeister der Stadt Nürnberg, sowie Aliki Alesik und Rita Heinemann seitens der CSU-Stadtratsfraktion, ebenso der stellvertretende bayerische Landes- und Münchner Kreisvorsitzende der Landsmannschaft, Bernhard Fackelmann, die Kreisvorsitzenden Barbara Hehn (Erlangen), Angela Schmidt (Schwabach), Peter Stöckl (Fürth) und Lucian Mot (Nürnberg), die Schöndorfer HOG-Vorsitzende Anita Maurer sowie die Ehrenvorsitzenden der Heimatortsgemeinschaften Tschanad, Pauline Huschitt, und Sanktanna, Josef Lutz.

Im Schatten des Denkmals – ein offenes Tor, durch welches jeder, der gewillt ist, frei schreiten kann – stand zur Versinnbildlichung des Ereignisses eine leuchtende Kerze hinter Stacheldraht (gestaltet von Barbara Hehn), als Zeichen, dass die Hoffnung gleich einem Saatkorn, das auf kargstem Boden keimt, auch hinter Stacheldraht nicht stirbt. Daneben lag der Gedenkkranz für die Opfer der Russlanddeportation, gestiftet von der Landsmannschaft der Banater Schwaben und am Ende der Veranstaltung am Fuße des Denkmals niedergelegt. Ein imposantes Szenarium, das der Veranstaltung einen würdigen Rahmen verlieh und zu einer fesselnden Atmosphäre beitrug, untermalt von dem Anlass angemessenen Musikstücken eines Bläsertrios (Hans Eichinger, Werner Hehn und Jakob Wolfzun).

Alle ans Mikrofon getretene Redner wiesen auf die Wichtigkeit dieser Veranstaltung hin, gedachten der Opfer und waren sich vor allem in einem einig: Nie wieder! Bürgermeister Dr. Gsell verwies in seiner Rede zudem noch auf die wieder erstarkten nationalistischen Tendenzen hin zu einem Nationalbewusstsein, das darauf ausgerichtet sei, sich selbst zu erhöhen, indem es andere ausgrenzt – eine Tendenz, die bedrohliche Schatten auf die Zukunft Europas werfe und die nur durch ein gefestigtes und auf gemeinschaftliche Ziele, auf Frieden und Wohlstand aller Nationen ausgerichtetes Europa bekämpft werden könne.

Mit Dankesworten von Helmine Buchsbaum an alle Beteiligten endete diese Gedenkveranstaltung, die jedem Teilnehmer vergegenwärtigte, dass Vergebung und Vergessen grundverschiedene Größen sind. Indem jeder für sich, aber auch ganze Völker Vergebung praktizieren ohne zu vergessen, vermag aus dem Übel wenigstens die Saat der Hoffnung zu sprießen. Und jenen Beteiligten, denen Literatur am Herzen liegt, werden noch auf dem Nachhauseweg die Verse des anonymen Lagerdichters, rezitiert von Angela Schmidt, im Ohr nachgeklungen haben: „Wen nie die Willkür ausgespielt / aufs  dampfende Schafott, / von tausend Ängsten angerührt, / den Satan im Genick gespürt, / was weiß denn der von Gott?“