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Banater Post

Literarischer Gedenkstein für das Heimatdorf

„Das Buch ist eine Sammlung von Geschichten, die in den vergangenen zehn Jahren entstanden sind. Sie erinnern an Orte, Ereignisse, Menschen und Erfahrungen, die nach 56 Jahren immer noch in meiner Erinnerung weiterleben. […] Einige der Geschichten sind humorvoll, andere ernst oder nostalgisch. Sie wurden mit Liebe geschrieben und natürlich auch in der Hoffnung, dass sie ein positives Echo in der Seele mancher Leser finden werden. […] Dass ich die in diesem Buch versammelten Geschichten (…) im schwäbischen Dialekt von Alexanderhausen schreiben konnte, unterstreicht eben jenes warme Gefühl, jenes Engagement für das Stückchen Erde meiner Geburt und meine Wertschätzung für die Menschen meiner Kindheit und Jugend.“ Das schreibt Nikolaus Tullius in einer Dankesbotschaft zur Vorstellung seines Buches „Gschichte vun drhem“, die am 22. Oktober in Temeswar stattfand. Der 82-jährige, seit fast sechs Jahrzehnten in Kanada lebende Autor ließ sich bei der Veranstaltung im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus (siehe Bericht weiter oben) durch seinen Sohn Raimond vertreten.

Das Buch wurde vom Demokratischen Forum der Deutschen in Temeswar mit tatkräftiger Unterstützung durch Helen Alba-Kling und Dagmar Şiclovan herausgegeben. Es versammelt Mundarttexte, die zum Teil in der „Banater Post“ und in der „Pipatsch“-Beilage der „Banater Zeitung“ erschienen sind. Es sind meistens von Nostalgie durchdrungene Geschichten, die eine untergangene Welt (s)eines Banater Dorfes gefühlvoll, aber auch heiter aus seiner wie auch aus den Erinnerungen vieler Leser vergegenwärtigt.

Natürlich ist die Textsammlung von autobiografischen Erlebnissen geprägt: Nach der Deportation seiner Mutter in die Sowjetunion (sie wird dort an Typhus sterben) und der Gefangenschaft seines Vaters wächst der junge Schwabe bei der Großmutter auf und besucht nach der Volksschule im Heimatort als Pendler das Gymnasium in Temeswar, wo er auch sein Elektrotechnikstudium am Polytechnikum erfolgreich abschließen konnte. Doch ein weiterer Schicksalsschlag – der Tod der Großmutter – veranlasste Nikolaus Tullius, die Ausreise zu seinem Vater nach Kanada anzustreben, was ihm 1961 auch gelungen ist. Nach anfänglichen Eingliederungsschwierigkeiten in der neuen Heimat stellten sich die beruflichen Erfolge ein (Tullius arbeitete 40 Jahre lang in einem kanadischen Telekommunikationskonzern), zudem begründete er eine Familie, die ihm Geborgenheit und Sicherheit gab. Nach seiner Pensionierung begann er sich auch literarisch zu betätigen. Der Roman seines Lebens „Vom Banat nach Kanada. Aus dem Leben eines Migranten“ (2011) ist inzwischen auch in englischer und rumänischer Sprache erschienen.

In seiner Einführung zu Tullius’ neuem Buch unterstreicht der Mundartforscher Hans Gehl unter anderem: „Es war eine gute Entscheidung des Autors, eine Auswahl seiner Mundarttexte in einem Sammelband zu vereinigen und seinen Lesern vorzulegen. Es ist der Höhepunkt in seiner schriftstellerischen Arbeit und kommt seinen Lesern in Deutschland, Rumänien und anderswo entgegen. Zudem ist es ein literarischer Gedenkstein für sein Heimatdorf.“

Die Entstehung des Dorfes, verschiedene lokalhistorische Aspekte, die Dorfkirche – das sind Themen, denen sich Nikolaus Tullius in Texten wie „Die Wiener Stroß“, „Pakatz“, „Die Schanderhaaser Dorfbrunne“, „Die Miehl“, „Soldatengräber an der Hanfkaul“, „Die Kerch im Rondel“, „Wie der Hutt uf die Kerch kumm is“, „Ratsche in der Karwuch“ widmet. Dabei greift er auf manche überlieferte Geschichten zurück.

Als einer, der selbst das Geigenspiel erlernt hatte, behandelt der Verfasser in einigen Texte das Thema Musik im Dorf – einst und jetzt: „Musich mache“, „Heimatmusich“. Und wie sich in jedem Dorf auch lustige Begebenheiten zugetragen haben, spart Tullius auch diese nicht aus, wenn er in Texten wie „Gummiflinte un Schandare“, „Ufm Maulbierebaam“, „Ufm Mischthaufe“ auf solche näher eingeht oder wenn er die Bubenstreiche aus seiner Kindheit mit viel Humor erzählt: „Maikäfer fange“, „Fisch fange“, „Wachtle fange“, „Neschter aushewe“, „`s Johr mit de Kritsche“.

Als Diplomingenieur beschreibt der Autor „Dreschmaschine, Dampfmaschine un Traktore“ und, aufgrund seiner Erfahrungen in den Schulferien, den Druschvorgang: „Wie ich Delegierter beim Dresche war“. Vom Obst und seiner mannigfachen Verwertung handeln die Texte „Obstbeem“, „Iwer’s Rakibrenne“, „Die beschti Quitt“ u.a. Auch auf Familienbegebenheiten und Bräuche geht Tullius ein: „In der Familje“, „Im Vorbhalt“, „Sauwerkeit muss sin“.

In weiteren Geschichten wie „Priefunge in Temeschwar“ oder „De goldene Hirsch“ lässt der Autor Erinnerungen an seine Jugendzeit im Banat aufleben. Auch traurige Begebenheiten spart er nicht aus: „Sich erre is leicht, vrzeihe is schwer“ oder „So jung wie heit… Trinke mer noch eene!“.

Es sind Geschichten, wie sie das Leben schreibt, wie sie sich in vielen Banater Dörfern zugetragen haben könnten. Tullius hat sie in einer sprachlichen Lebendigkeit anschaulich gestaltet, so, als würde ein Dokumentarfilm vor den Augen des Lesers abrollen und diesen an ähnliche, selbst erlebte Begebenheiten erinnern.

Wehmut klingt aus dem Text „Wie’s war und net hätt kenne bleiwe“; der Autor trauert einer unter-
gegangenen Welt nach und stellt fest: „Wann mer jung is, is mer reich, sogar in arme Zeite. Mer muss awwr alt werre, for des so richtich zu begreife“. Manche Texte enden mit einer nostalgischen Feststellung, wie etwa: „Mir Alde denke awwr gere an die alde Zeite, wu alles eenfacher war und die Mensche villeicht doch mehr zufriede ware wie heit.“ So erscheint es fast logisch, dass der Band mit einer Mundartversion des „Hobelliedes“ nach Ferdinand Raimund abschließt: „Un kummt am End der Sensemann/ Un saat: ‚Dei Zeit ist rum!‘,/ Dann stell ich mich am Anfang dumm,/ Weil ich nix heere kann./ Doch saat er: ‚Lieber Nikolaus,/ mach doch ke Umständ, geh!‘/ Dann schmeiß ich gleich mei Howwel hin/ Un saa dere Welt: Adje!“

Obwohl die gebrauchte Sprache einfach und allgemein verständlich ist, sollte man auch einiges zwischen den Zeilen nicht übersehen: Viele Weisheiten, gutgemeinte Ratschläge, aber auch philosophisch anmutende Äußerungen werden behutsam an den Leser herangetragen, denn der Verfasser möchte seine reichlichen Lebenserfahrungen nicht für sich behalten. Dergestalt ergibt sich eine scheinbar leichte Lektüre, die im Hintergrund jedoch tiefsinnige, anregende Gedanken vermittelt sowie eine interessante historische Führung durch ein Banater Dorf gestaltet und dessen Menschen ein bescheidenes Denkmal setzt, das Jahrzehnte überdauern wird.   

Nikolaus Tullius: Gschichte vun drhem. Mit  einem Geleitwort von Herwig Stefan und einer Einleitung von Hans Gehl. Nachwort von Helen Alba. Temeswar: Cosmopolitan Art Verlag, 2017. 108 Seiten