Martin Josef Nováček gehört zu den zahlreichen Namen von jenen Musikern, die sich im 19. Jahrhundert aus Böhmen kommend, im Banat niedergelassen hatten. Die Musikgeschichte im heutigen Rumänien wäre heute um vieles ärmer, wenn diese nicht so strebsam die einheimische Musikkultur beeinflusst hätten. Diese Tradition hielt sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.
Martin Josef Nováček kam am 10. November 1834 in Horaždovice (Böhmen) in einer musikalischen Familie zur Welt. Damals bestand dieser Ort aus 243 Häusern mit 1997 Einwohnern. Vermutlich wurde Martin Josef Nováček in der Dekanatskirche St. Peter und Paul getauft. Violine und Klavier spielen lernte er bei dem Musikpädagogen Ševčík in seinem Heimatort (bis 1852). Damals wirkte in Horaždovice als Lehrer František Václav Karlík (1811-1889), wo er auch Musikunterricht erteilte. Da er Absolvent der Prager Orgelschule war (1833-1835) ist anzunehmen, dass er seinem Schüler Martin Josef Nováček nahegelegt hat, seine Studien ebenfalls an dieser Musikinstitution fortzuführen. Dies geschah in den Jahren etwa um 1853-1855. Ab 1855 wird er sogar als Assistent des Direktors dieser Einrichtung, Karl Franz Pitsch (1786-1858), tätig sein, der in den Jahren 1842-1858 dieses Institut geleitet hat. Nováček wird gleichzeitig als ein sehr geschätztes Mitglied des Prager Orchesters unter Karl Komzák (1823-1893) wirken, der selbst ein Absolvent der Prager Orgelschule 1849-1840 war und der in den Jahren 1864-1865 dieses Orchester geleitet hat. Zu den Mitgliedern dieses Ensembles zählte auch Antonín Dvořák, der in dieser Kapelle als Bratschist mitgewirkt hat.
In Prag. Die korrigierte Messe
Über die Tätigkeit Martin J. Nováčeks in Prag veröffentlichte Jan Skohoutil im Jahre 1933 in der tschechischen Musikzeitschrift „Hudebník“ folgenden interessanten Artikel. Er gibt Aufschluss über die Beziehungen zu bedeutenden Musikerpersönlichkeiten jener Zeit in der Hauptstadt Böhmens, so zu Karl Komzák, Karl Franz Pitsch, Franz Lehár Vater und Antonín Dvořák. Der Text dieses tschechischen Artikels wurde unwesentlich gekürzt. Die Handlung spielt im Jahre 1863.
Vor sechzig Jahren hatte Wien den Lanner und Strauss, Karlsbad den Labitzky und Prag den Komzák, vielseitiger Musiker und Komponist, gründete 1854 in Prag eine hervorragende Kapelle, in der der junge Antonín Dvořák als Bratschist wirkte. Komzák wurde später Militärkapellmeister der Regimenter 11, 74 und 88. Er war ein Gönner von Martin Josef Nováček... Karl Komzák, ein Mann von imponierender Gestalt, war ursprünglich Musiklehrer in Prag und gründete im 19. Jahrhundert ein Orchester, das in kürzester Zeit die Gunst und Bewunderung des musikliebenden Publikums gewonnen hat. Komzák war nicht nur ein energischer Dirigent, sondern auch ein gütiger Freund der Orchestermitglieder, welche aufmerksamst jeden Wink seines Taktstockes verfolgten. Unter den vorzüglichen Musikern der Kapelle ragte besonders Martin J. Nováček hervor (Vater von Rudolf Nováček, ehemaliger Kapellmeister des Infanterie-Regiments 28, dem Komponisten des Castaldo-Marsches) geboren in Strakonice, Assistent des Direktors der Orgelschule Karl Franz Pitsch, in welchem Komzák einen hervorragenden Geiger gewonnen hat. Die Prager Orgelschule wurde 1830 vom Verein der Kunstfreunde für Kirchenmusik in Böhmen gegründet und wurde 1890 mit dem Prager Konservatorium zusammengelegt. Ihr prominentester Absolvent war Antonín Dvořák. Karl Franz Pitsch war 1842-1858 Direktor der Prager Orgelschule.
Es war eine wahre Freude Martin J. Nováček beim Spielen zuzusehen. Sein warmer und gefühlvoller Vortrag hat die anderen Musiker mitgerissen und es war kein Wunder, dass die mit Herz und Seele vorgetragene Musik zum stürmischen Beifall der dankbaren Zuhörer führte. Das war auch so am Donnerstag, den 8. Juni 1856 im Koppmanns Gartenrestaurant. (…)
„Wie finden Sie den neuen Walzer von Komzák?“ fragte er. „Ausgezeichnet, doch ziehe ich seine Polkas vor, obwohl seine Walzer jenen von Strauss ähneln. Seine Polkas sind wie Fasanen unter dem Geflügel, welches die Feder verloren hat.“ „Und Ihre Muse ruht?“ frage ich Nováček. „Oh, keinesfalls“ erwiderte er, „Ich habe eine größere Messe in A-Dur komponiert.“ „Da haben Sie aber eine fromme Tonleiter gewählt.“ „Wie meinen Sie das“, fragt der Komponist. „Sie mussten schließlich drei Kreuze machen...“ „Das allerdings“ lächelte Nováček „aber ich habe mein Kreuz mit Direktor Pitsch. Ich habe ihm anvertraut, dass ich eine größere Messe komponierte und er gab nicht eher Ruhe, bis ich ihm diese zur Ansicht gab. Gestern gab er mir diese zurück, voll mit vermutlichen Korrekturen bekritzelt. Fast auf jedem Blatt wimmelt es von Korrekturen von Pitsch. Aber es sind keine Harmoniefehler, sondern vermutlich, seiner Ansicht nach, falsche Schritte bei den Akkorden, die Pitsch mit Bleistift ersetzte. Dabei hat er mir geraten, seine Korrekturen aufzunehmen, die Messe umzuschreiben und ihm diese erneut vorzulegen.“ „Das gibt aber viel Arbeit“ erwiderte ich. „Keinesfalls, es fällt mir nicht einmal im Traum ein, die Messe umzuschreiben und dann sich mit den Federn von Pitsch zu schmücken. Ich habe sie in den Schrank gelegt, wo sie ruhig liegen bleibt. Abschreiben will ich sie nicht, das habe ich mir geschworen.“ (…)
Ich wollte Nováček noch etwas fragen, aber das Abklopfen des Taktstockes von Komzák unterbrach unser Gespräch. Etwa vier Wochen später traf ich Martin Nováček in Koppmanns Gartenrestaurant wieder, wo gerade die Kapelle eine frische Polka vom Dirigenten soeben beendet hat und auf allgemeinen Wunsch diese wiederholen musste. Nováček kam schnell zu mir: „Wissen Sie, was es Neues gibt?“ sprach er mich an. „Etwas Erfreuliches?“ fragte ich. „Ich habe die Stelle als Regenschori in Weißkirchen angenommen und werde gleich nach den Ferien Prag und das Vaterland verlassen.“ Das ist aber wirklich schade, dass Sie abreisen werden, aber ich nehme an, Sie werden sich finanziell verbessern? Nehmen Sie bitte deshalb meinen Glückwunsch entgegen. Und wie sieht es mit Ihrer Messe aus?“ „Gegen jede Erwartung. An jenem Tag, als ich zur Orgelschule für den praktischen Unterricht kam, erschien auch Herr Direktor Pitsch mit der Frage, ob ich die Messe mit Korrekturen neu geschrieben habe. Diese Frage stellte er mir die ganzen vier Wochen an jedem Tag. Endlich entschied ich mich zu einem energischen Schritt. Da ich geschworen habe, diese Messe nicht abzuschreiben, habe ich sie aus dem Schrank herausgeholt und sorgfältig alle Korrekturen von Pitsch wegradiert, ließ die Messe beim Buchbinder einbinden und gab sie dem Direktor. Am dritten Tag brachte der Direktor meine Messe zur Schule und mit dem Ausdruck voller Zufriedenheit trat er an mich heran. „Sehen Sie, Herr Assistent, nun sieht ihre Messe anders aus, nur weiter so.“ Wir beide haben gelacht. Ich wegen dem klugen Einfall Nováčeks und er des glücklichen Ausgangs wegen. Seit der Zeit habe ich den neu gewählten Regenschori nicht mehr gesehen, habe aber gehört, dass es ihm in Weißkirchen gut geht.
Leider sind fast etliche Kompositionen Martin J. Nováčeks aus der Prager Zeit bisher verschollen geblieben, so auch seine Messe in A-Dur. Folgende seiner Werke sind uns bekannt: eine mehrbändige Sammlung tschechischer Volkslieder, bearbeitet für zwei Violinen „Pokladnice mladých houslistu. Sbirska 30 nejobliběnješich českých národních písní“ (Fundgrube junger Geiger. Sammlung der 30 beliebtesten tschechischen Volkslieder. 3 Bände. Verlag Wetzler, Pra)]; zwei Lieder ohne Worte, für Violine und Klavier (1866) und „Skola na housle pro mládez“ (Violinschule für Anfänger).
Martin Josef Nováček wird bis zu seinem Lebensende die Verbindung zu seiner böhmischen Heimat wach halten und diese Gesinnung an seine Kinder weitergeben.
An der Prager Orgelschule
Martin Josef Nováček besuchte die Kurse der Prager Orgelschule in den Jahren 1853-1855. Er zählt zu den über 800 Absolventen dieser zwischen 1830-1890 existierenden Institution, die schon durch ihre Gründung Musikgeschichte geschrieben hat. So berichtete die deutschsprachige Zeitschrift „Bohemia“ im Jahre 1847 über diese Musikinstitution:
… Ohne tausend Worte: die Orgelschule ist eines der trefflichsten praktisch nützlichsten Institute. Wer den erbärmlichen Zustand der Kirchenmusik in sehr vielen Landkirchen (und auch wohl in mancher Kirche der Hauptstadt) kennt, wie ein Chaos von Missklängen weniger dazu dient, den Herrn zu loben, als seine Geschöpfe zu ärgern, dieses geschmacklose Herumtappen auf der Orgel, wie man es nur zu oft zu hören bekommt, der wird das Institut erst recht schätzen, wenn er bedenkt, dass es die jungen Leute zu gründlichen, tüchtigen Musikern bildet, denen gleich von Haus aus Widerwillen gegen alles Schlechte eingeflößt wird, dass die Zöglinge die technischen Schwierigkeiten der Orgel ganz bewältigen lernen, und dass sich so eine kleine Armee braver Organisten bildet, die nach und nach sich im ganzen Land vertheilen wird…
Nicht nur im ganzen Lande verteilten sich diese Absolventen, sondern über die ganze Welt: von China über Russland, den Vereinigten Staaten von Amerika, Indien und in ganz Europa finden wir die Absolventen der Prager Orgelschule. Und besonders im Banat. Hier nur einige Namen solcher Absolventen: Josef Cee (1841-1897), Maximilian Chotaš, Heinrich Hartl (1856 Alt-Palanka - 1900 Großkikinda), Adalbert Hlaváč (1849-1911), Karel Horejšek (1839-1874), Karl Rudolf Karrasz (Kárrász, Karas) (1846-1912 Temeswar), Johann Lohr (*Eger, +?), Josef Marinkovič (1851-1931), Ludwig Milde (1849-1913), Emanuel František Pichert (1860-1902), Antonin Sequens (1865-1938 Karansebesch), Wilhelm Franz Speer (1823-1898), Ignaz Tomáš (1861-1956), Josef Weikert (1837-1907), Andreas Zsasskovszky (Žaškovsky) (1824-1882), Franz Zsasskovszky (Žaškovsky) (1819-1887).
Entstanden ist die Prager Orgelschule auf Initiative des Vereins der Kunstfreunde für Kirchenmusik in Böhmen, gegründet 1826. Das Hauptziel dieses Vereins war: „...um aus den Kirchen der Hauptstadt, wie aus den Landkirchen die oft sehr ärmliche, noch öfter durchaus unpassende und häufig ganztriviale Kirchenmusik zu verbannen.“ Ab 1830 wird diese Orgelschule unzählige Kirchenmusiker, Organisten, Chorleiter und sogar Militärkapellmeister hervorbringen. Auch Martin Josef Nováček genoss über zwei Jahre hindurch hier den Unterricht. In seiner späteren Tätigkeit als Kirchenmusiker in Weißkirchen wie auch in Temeswar wird er voll aus diesen Kenntnissen schöpfen können: ob als Chorleiter, Domorganist, Kammermusiker oder als Pädagoge.
Karl Franz Pitsch war als ein guter Organist, Virtuose seines Musikinstruments und talentierter Improvisator, der besonders auf das korrekte Pedalspiel achtete und der besonders die Werke Johann Sebastian Bachs schätzte. Dessen Orgelwerke durften bei keiner Prüfung fehlen. So ist auch das Wirken von Martin Josef Nováček als Dirigent des Temeswarer Philharmonischen Vereins und als Kammermusiker besser zu verstehen, der in seine Konzertprogramme oft weniger bekannte ältere Musikwerke integrierte, die aber vom Publikum mit großem Interesse angenommen wurden.
Der Nachfolger von Direktor Karl Franz Pitsch war Josef Krejči (1822-1881), der 1838-1839 die Prager Orgelschule besuchte und 1858 zu deren Direktor ernannt wurde. Zu dessen ersten Absolventen gehörte 1859 auch Antonín Dvořák. Danach waren die Tage der Prager Orgelschule gezählt. Im Jahre 1889 wurde zwischen den beiden Vereinen Verein zur Beförderung der Tonkunst in Böhmen und dem Verein der Kunstfreunde für Kirchenmusik in Böhmen beschlossen, die Prager Orgelschule mit dem Konservatorium zu vereinen. Im Jahre 1903 wurde der Verein der Kunstfreunde für Kirchenmusik in Böhmen aufgelöst.
Kirchenmusiker in Weißkirchen
Im Alter von etwa 18 Jahren wird Martin J. Nováček Organist und danach Chorleiter der römisch-katholischen St. Anna-Kirche in Weißkirchen (Fehér Templom, Bela Crkva), eine Banater Ortschaft, die heute Serbien angehört. Mit diesem Kirchenchor wird er auch in anderen Ortschaften auftreten, wie z.B. in Werschetz / Vršac (1859), Zemun (1861), Fünfkirchen / Pécs (1862), Pantschowa / Pančevo (1864), Dresden (1865). Die meisten Kirchenmusiker dieser Gemeinde stammten aus Böhmen oder aus anderen slawischen Ländern: Vincens Maschek, Eduard Maschek, Martin J. Nováček, Franz Seraphin Vilhar, Joseph Weikert, Otto Weikert, Joseph Neuderth. Das Inventar des Weißkirchner Kirchenchores ist sehr reichhaltig, davon sind uns bis heute 409 Kirchenmusikwerke aus den verschiedensten Epochen erhalten geblieben, leider aber keine Kompositionen von Martin Nováček. Vermutlich hat er diese bei seinem Umzug nach Temeswar mitgenommen.
(Fortsetzung folgt)










