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Gnädig sein – kein Leichtes - Ein berührender Roman von Nadine Schneider über Abbruch, Aufbruch und Ankunft

Spätsommer, doch die unerträgliche Hitze will nicht weichen. Die Trauben aus dem Garten von Großmutter Anni können bald geerntet werden, überlegt Enkelin Christine, doch diesmal werden sie „reifen und herunterfallen und verfaulen“ und „in ihrem vergorenen Saft werden die letzten Wespen und Fliegen hocken“. Denn Anni ist vor kurzem gestorben. Die 75-Jährige war aus dem Krankenhaus, in dem sie sich einem Bypass-Routineeingriff unterziehen sollte, nicht mehr in ihr Haus zurückgekehrt. Dafür wird ihre Enkelin von Berlin an den Stadtrand von Nürnberg ins Haus der Großmutter zurückkommen und das Leben der Großmutter, von der sie das „Pflichtbewusstsein gegenüber den Toten“ geerbt hat, Revue passieren lassen. Dabei verwebt Christine das Schicksal der Großmutter mit jenem ihrer Urgroßmutter, die vor langer Zeit im rumänischen Banat allein gestoben war, sowie mit dem Lebenslauf ihrer Mutter Helene.

Trotz der schmerzhaften Woche, in der sie die Frage nach dem Sinn der Rückkehr ins Haus der Großmutter quält, wird Christine aus ihrer Rückschau seelisch gestärkt hervorgehen. Die Erinnerungsarbeit wird die Enkelin mit ihrem eigenen Schicksal versöhnen. Mit einem Trieb vom Weinstock aus Großmutter Annis Garten im Gepäck wird die Enkelin einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Wie der kleine Rebsetzling, von dem es im letzten Satz des Romans heißt: „Irgendwie wird er schon wachsen“, wird auch die Ich-Erzählerin Christine ihren eigenen Weg finden – und die Trauer über den Verlust der wichtigsten Bezugsperson in ihrem bisherigen Leben überwinden.

Schmerzhaft war einst der plötzliche Weggang ihrer Mutter Helene nach New York, aber dank der großmütterlichen Zuwendung hatte Christine ihn verwinden können. Mit Großmutter Anni ist sie durch dick und dünn gegangen, ja sogar bis ins Banat nach Rumänien gekommen, wo sie ihre Urgroßmutter kennenlernte. Auch dort gab es nicht nur eitel Sonnenschein, doch waren die friedlichen Stunden wie das Kartoffelkäfer-Einsammeln im Garten eine Entschädigung für alle Turbulenzen des Alltags.
Mit Anni teilte Christine die kleinen Freuden des Lebens. Großmutter und Enkelin wurden zu einer Schicksalsgemeinschaft. Sie schauten sich gemeinsam Filme an, wobei die Enkelin immer bedacht war, Lieblingsfilme von Anni auszuwählen. Aus den Katalogen von Quelle, dem Arbeitgeber ihrer Oma, bestellten sie an hellen Tagen einiges, was sie sich seit längerer Zeit wünschten. Kummer und Sorgen blieben nicht gänzlich aus, doch geteiltes Leid ist halbes Leid: „In manchen Nächten schlafen wir ruhig. Und in einigen liegen wir wach und hören unseren Ängsten zu.“ Tochter Helene hat eine Ahnung davon, woher Annis Ängste kommen könnten – „du hast deine komischen Ängste aus Rumänien bis hierher geschleppt“. Doch auch ihren Mut und ihre Tatkraft hat die junge schwangere Schwäbin aus dem Banat mitgebracht. Ohne Mutter und ohne Mann wagte sie den Absprung aus dem stalinistisch verseuchten Rumänien. Zwar hatte Anfang der 1960er Jahre ein neuer kommunistischer Machthaber das Ruder übernommen, doch als Hoffnungsträger konnte ihn die junge, aufbruchswillige Anni mitnichten sehen. Nichts wie weg – je früher, umso besser. Das war ihre Devise, obwohl sie wusste, dass ihr weder ihre Mutter noch der Vater des Kindes, dessen Bewegungen sie tagtäglich im Bauch spürte, folgen würden. Doch sie hat es allein gemeistert – fern der Heimat sich und ihr Kind durchgebracht. Es gab Tage, an denen der Schmerz über die Unfähigkeit, ein Kind zu lieben, sie fast umbringen wollte, aber sie konnte sich dennoch jedes Mal wieder aufrichten – der Pragmatismus obsiegte. Der Umgang zwischen einer Mutter und einem Kind war in solch rauen Gegenden wie dem Banat seit jeher von Härte geprägt. Daran änderte sich im Wirtschaftswunderland nichts: Die Härte aus dem Banat blieb und wurde in die nächste Generation gespült. Mutter Helene und Tochter Christine können diese auch nicht abstreifen und sich zu einer wohltuenden Milde im Umgang miteinander durchringen, obwohl der Wunsch da ist: „Wir könnten uns ja umarmen (…). Wir könnten einander ja etwas sagen, etwas, das sie jeweils andere tröstet.“ Denn Großmutter Anni ist ja schließlich gestorben und Trost wäre bitter nötig. „Wir könnten ja einmal gnädig miteinander sein, wir könnten einander nur dieses eine Mal schonen, aber wir stehen unter dem grausamen Licht der Deckenleuchten wie zwei Vogelscheuchen aus einem sturmgepeitschten Feld, und es interessiert uns nicht, ob der Wind der jeweils anderen gerade einen Arm abreißt oder den Kopf fortweht.“ 

Männer, die etwas Barmherzigkeit walten lassen könnten, fehlen oder verkümmern zu Randfiguren, die lediglich das Leiden der Frauen beschleunigen. Schon die Urgroßmutter musste ohne Mann zurechtkommen – nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er sich als deutscher Soldat nicht mehr getraut, ins Banat zu seiner Frau und seinen zwei Kindern zurückzukehren. „Dass ein Kind keinen Vater braucht“, davon sind die Frauen in diesem Roman überzeugt. Sie tragen mit Stolz die Konsequenz ihres Handelns. Anni verließ einst das Land, den „Nicht-Ort“, der ihr keine Entfaltungsfreiheit ermöglichte, und landete in einem Land, von dem sie sich „ein gutes Leben“ versprach, doch in dem sie letztlich nie angekommen war. In ihrem Inneren blieb es kalt und nur im Herbst vermochten die banatschwäbischen Trauben aus ihrem neuen Garten am Nürnberger Stadtrand ihr Gemüt etwas aufzuhellen.
Nach „Drei Kilometer“ und „Wohin ich immer gehe“ überrascht Nadine Schneider mit einem weiteren Prosatext, der um Abbruch, Aufbruch und Ankunft kreist und an Sensibilität den ersten beiden Romanen in nichts nachsteht.   

Nadine Schneider: Das gute Leben. Roman, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026, 304 Seiten, ISBN: 978-3-10-397713-4