Walter Andreas Kirchner war noch Student an der Kunstfakultät Temeswar, als er 1967 zusammen mit Peter Schweg Bildhauerarbeiten in einer ersten Ausstellung dem Publikum vorstellte. Inzwischen sind fast 60 Jahre vergangen, in denen der rastlose, unermüdliche Künstler Walter Andreas Kirchner ein großes, vielfältiges und wunderbares Werk geschaffen hat. Mittlerweile sind es viele Ausstellungen geworden in über 30 Städten in Deutschland, aber auch in Frankreich, Italien, Lettland, Rumänien, Schweiz oder Ungarn.
Bereits in den Anfängen erhielten die Arbeiten von Walter Andreas Kirchner große Aufmerksamkeit, es gibt in der Presse im Laufe der Jahre viele Berichte und Artikel zu seinen Werken und Ausstellungen, aber auch drei Bücher die Kirchners Leben und Werk sehr eingehend, einfühlsam und kompetent vorstellen.
Gefragt von einem Journalisten der Zeitschrift „The Fine Arts Magazin“, warum er das tut, also unaufhörlich schaffen, geradezu in der Kunst leben, gab er die Antwort: „Ich höre gerade einen Vogel zwitschern, soll ich ihn fragen, warum er zwitschert? Ich kann es nicht beantworten, aber eins kann ich sagen: Es ist eine innere Notwendigkeit“.
Dramatische Kindheit
Geboren wurde Walter Andreas Kirchner am 25. April 1941 in Perjamosch im Banat als Sohn des Schuhmachermeisters Josef Kirchner und der Katharina, geborene Stefan, aus Semlak. Der Vater, dessen Familie in Österreich lebte, wollte 1941 zusammen mit dem Schwager nach Österreich, aber es war Krieg, sie wurden zunächst an der österreichischen Grenze als kommunistische Spione aus Rumänien verhaftet. Nach kurzer Gefangenschaft trennten sich die Wege der beiden. Kirchners Vater Josef konnte durch die Intervention seines Bruders (noch im Status eines Überwachten), zu ihm nach Österreich gelangen, wo sie gemeinsam in einem Schuhmacheratelier der Wehrmacht arbeiten konnten. Der Schwager aber zog in den Krieg und kehrte nie wieder heim. Nachdem genügend Geld verdient war, wollte Josef seine Familie zu sich nehmen. Er riet seiner Frau, ihr Perjamoscher Haus zu verkaufen, um mit dem Erlös die Grenzschmuggler zu bezahlen, damit sie die Mutter mit den beiden Kindern bis Agram (heute Zagreb) bringen sollten. Doch schon an der Grenze wurde ihr das Geld abgenommen und nur der Weg Richtung Zug angedeutet. So musste sie sich allein bis zum Agramer Bahnhof durchschlagen, wo der Vater auf seine Familie wartete. Kaum eine kurze Strecke mit dem Militärzug Richtung Wien gefahren, wurde dieser von den Partisanen in die Luft gesprengt. Nur die letzten zwei Waggons, in denen sich die Zivilbevölkerung befand, blieben unversehrt.
Es sollte nicht bei der ersten Flucht bleiben. 1944 flüchteten die Großeltern mütterlicherseits vor der Sowjetarmee und kamen auch nach Österreich, wo das Leben nach dem Krieg alles andere als leicht war. Im Banat hatten sie Haus, Weingarten und einige Joch Feld zurückgelassen, und hofften, daheim wieder ein normales Leben führen zu können. So kam es, dass die ganze Familie 1945 den Weg zurück in die Heimat antrat. Doch welche Enttäuschung! Bereits auf dem Weg wurden sie von serbischen Partisanen ausgeraubt, sogar die Schuhe wurden dem Vater von den Füßen abgenommen. Zuhause war alles enteignet, in den Häusern waren rumänische Kolonisten einquartiert. Drei Tage nach der Ankunft in Perjamosch wurden die Eltern verhaftet und nach Temeswar gebracht, die Kinder blieben allein zurück. Es gelang den Eltern mit Hilfe eines wohlgesinnten Bekannten zu flüchten, und sich mit den Kindern in dem recht abgelegenen Semlak zu verstecken. Erst als die Situation sich beruhigt hatte, kehrte die Familie nach Perjamosch zurück. Trotz dieser dramatischen Ereignisse spricht Walter Andreas Kirchner auch von schöner Kindheit, von den Spielen mit Freunden verschiedener Ethnien, von Schlittschuhlaufen, Fahrradtouren, vom Schwimmen in der Marosch und den „Buwestickle“ in den Lausbubenjahren. All das findet sich später in seinem Werk wieder.
Lehrjahre im Banat
1956 ging Kirchner nach Temeswar, wo er die Berufsschule für Metallverarbeitung besuchte, die mit einer dreijährigen Ausbildung zum Eisendreher verbunden war. Ab 1958 bis 1962 besuchte er auch das Abendlyzeum am heutigen „Lenau-Lyzeum“ in Temeswar. Es war die Zeit, wo er sich immer mehr zur Literatur hingezogen fühlte, hauptsächlich zur Lyrik von Hölderlin, Rilke, Baudelaire und Rimbaud. Bis 1962 arbeitete er als Eisendreher in Temeswar. Nach Beendigung des Lyzeums arbeitete er ein Jahr als Hilfslehrer in Knees, worauf er ernstlich daran dachte, Philologie zu studieren. Im Folgejahr jedoch erhielt er eine Stelle als Laborangestellter an der Fakultät für Industriechemie in Temeswar, eine schicksalhafte Zeit, denn hier wurde sein Talent für bildende Kunst erkannt. Es war der rumänische Künstler Leon Vreme, der ihm dringend zum Kunststudium riet. Das war die richtige Entscheidung. Trotz einer sehr kurzen Vorbereitungszeit schaffte er die Aufnahmeprüfung an der Fakultät für bildende Kunst Temeswar. Zusätzlich lernte er bei dem bekannten Temeswarer Maler und Grafiker Julius Podlipny. In diese Zeit fallen schon erste bedeutende Arbeiten, von denen Walter Andreas Kirchner in einem Gespräch die Skulptur „Ballade“ erwähnt. Diese entstand, während eine Musikstudentin, die ihm Modell stehen sollte, Ciprian Porumbescus „Ballade“ spielte. Es ist eine besondere Skulptur in Hol – halb Gesicht, halb Geige – eine Arbeit, die wegweisend für das zukünftige Werk wurde. Kirchners Skulpturen, seine Grafiken und Malereien sind durchdrungen von Gefühlen, manchmal ungestüm, aufbrausend, und dann auch wieder zart und sanft.
In Siebenbürgen
Nach Abschluss seines Kunststudiums 1967 arbeitete Kirchner als Kunsterzieher und Sozialpädagoge in Heltau. Aus dem Flachland der Pannonischen Ebene kommend, war er beeindruckt von der Gebirgslandschaft Siebenbürgens und der gotischen Architektur der Kirchenburgen. Sehr schnell knüpfte er Kontakte zur nahen Hermannstädter Kulturszene. Die geistige Auseinandersetzung mit einer Reihe von Intellektuellen und Künstlern – wie der Maler und Grafiker Hans Hermann, der in Kunstgeschichte bewandte Rolf Schuller, der Kunstkritiker Gerhard Eike oder die Dichterin Astrid Connerth – waren sehr wichtig für die Entwicklung des jungen Künstlers. Bald war er mit Ausstellungen in der Siebenbürger Kunstszene präsent. 1968 beteiligte sich Walter Andreas Kirchner mit Skulpturen, Gemälden und Grafiken an einer Gruppenausstellung im Brukenthalmuseum, wo seine Arbeiten großen Zuspruch fanden. Die Holzskulptur „Undine“ sowie ein Aquarell wurden sogleich vom Museum aufgekauft – eine schöne Bestätigung, dass seine Arbeit gefiel und verstanden wurde.
Anlässlich einer Einzelausstellung in der Volkshochschule Hermannstadt 1969 schrieb der bekannte Schriftsteller Wolf von Aichelburg in seinem Beitrag „Innenschau und Dynamik“ („Neuer Weg“ vom 30.01.1969): „Schon in der Hermannstädter Kreisausstellung im vergangenen Herbst fielen die Arbeiten des jungen Banaters Walter Andreas Kirchner auf, dessen Schaffen aus den letzten drei Jahren in der Einzelausstellung, die in Hermannstadt eröffnet wurde, nun ein besseres Eindringen in die Pläne, das Temperament und Können des jungen, aber offensichtlich ernst strebenden Künstlers erlauben… Der erste Gesamteindruck beim Betreten der Ausstellungshalle ist der eines sucherisch erregten, romantisch-expressiven Temperaments, eine Persönlichkeit, die – etwas hart gesagt – auf Biegen und Brechen zum Ausdruck kommen will. Das Gegenständliche ist meist nur Ausgangspunkt, Vorwand, um eine geistige Dynamik, einen plastisch unaussprechlichen Wert vor der Erstarrung im sinnlichen Außen zu bannen. Es ist irgendwie ein Kampf mit den Mitteln des Sichtbaren gegen das Sichtbare, ein Verbrennungsprozess, dessen jeweiliges Gelingen oder auch Misslingen Kraft und Grenzen des starken schöpferischen Willen Kirchners markieren…“ Weiterhin schreibt Wolf von Aichelburg über die ausgestellte Holzplastik „Das Paar“: „Überall pulst es hier unter der weichen schwarzen Holzoberfläche, jedoch sensitiv und leise. Eine fühlende Hand ging gleichsam in höchster Spannung über die wachsenden Formen hin. Da ist nirgends eine stagnierende Fläche. Alles ist ununterbrochener Fluss. Der Drang zur Musik, zur Auflösung des Sichtbaren, hält sich hier an der sensiblen Grenze, wo Form und Volumen noch voll wirken. Eine reife Plastik.“
Kirchner wurde aber auch mit der wachsenden Unfreiheit und mit der Einengung des künstlerischen Schaffens in der kommunistischen Diktatur konfrontiert, die nach einer kurzen sogenannten Tau-Phase im Rumänien der 1970er Jahre immer mehr spürbar wurden. Der Geheimpolizei Securitate war nicht entgangen, dass der Künstler ein ruheloser, kritischer Geist war, in dessen Werken Metaphern der Freiheit lauern. Auch nicht, dass die Familie seit Jahren den Antrag zur Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland gestellt hatte. Als der Druck unerträglich wurde, und man Walter Andreas Kirchner aufforderte, Parteimitglied zu werden und den Ausreiseantrag zurückzuziehen, entschied er sich, Hermannstadt zu verlassen.
Zeit der Entscheidungen
1974 kehrte Kirchner zurück ins Banat, wo ihm Dr. Ing. Josef Pitzer, Direktor der Temeswarer Maschinenbaufabrik „6 Martie“, ermöglichte, dort als Designer angestellt zu werden. Hier konnte er seine erlernten Fertigkeiten als Eisendreher, aber auch seine künstlerischen Fähigkeiten einsetzen. Trotz der prekären Lage des Ausreisewilligen, den die Securitate im Visier hatte, war diese Periode eine künstlerisch sehr produktive. In dieser zweiten Banater Phase widmete sich der Künstler den Techniken der Druckgrafik, doch auch der Malerei, die er erst in Siebenbürgen zur Reife gebracht hatte. Er malte Aquarelle und Ölbilder und schuf weiterhin Skulpturen aus verschiedenen Materialien. Kirchners Landschaftsbilder halten nicht nur Orte fest, sondern auch sein aufgewühltes Inneres. Die Marosch ist ein beliebtes Motiv, aber auch die weite Banater Landschaft. In ihrem Beitrag zu Walter Andreas Kirchners Aquarell-Ausstellung in der „Neuen Banater Zeitung“ vom 18.01.1977 schreibt Herta Müller, die spätere Nobelpreisträgerin für Literatur: „Das beherrschende Thema seiner Bilder ist die stete Verwandlung in der Natur. Kirchner stellt diese in brennenden Farben und gewellten Linien dar. Das Zarte, Zerbrechliche spielt mit dem unaufhaltsamen Mächtigen zusammen … Der Maler bietet uns eine lyrische, verinnerlichte Bewältigung der Natur. Er spricht unaufdringlich, ohne etwas starr begrenzen zu wollen. In der Farbe schimmert noch das Wasser, das sie gelöst und getragen hat. Und überall hat sie den gleichen Wunsch: die Dinge bis auf die kleinste Ader zu erschließen.“
Auch in Temeswar findet Kirchner wieder schnell Kontakt zu Künstlerkollegen, Publizisten, Schriftstellern, zu alten und neuen Freunden. In den Ausstellungen finden seine Werke große Wertschätzung. 1976 wird er in den Fachverband der bildenden Künstler Rumäniens aufgenommen. Im gleichen Jahr hatte Walter Andreas Kirchner drei bedeutende Ausstellungen in Temeswar: eine Einzelausstellung im Banater Museum ( Studio Arte), eine im Herbstsalon der bildenden Künstler und eine Einzelausstellung mit Holzschnitten im Foyer des Musiklyzeums. 1976 war auch privat ein besonderes Jahr: Walter Andreas Kirchner heiratete Hedi Andree, Lehrerin für Deutsch und Englisch.
Die achtzehn Holzschnittillustrationen, die Kirchner zu Banater Sprichwörtern entworfen hatte, ergaben sich aus der Zusammenarbeit mit Walther Konschitzky, damals Journalist bei der Zeitung „Neuer Weg“. Bereits seit 1972 hatte dieser über die Zeitung eine Sammelaktion von Banater Volksgut ins Leben gerufen. Gesammelt wurden Märchen, Sagen, Schwänke, Texte zu Brauchtum, Kinderreime und Kinderspiele, Sprichwörter, Redensarten, Vergleiche. Die Ausstellung war der Anfang einer Rettung des Banater Volksguts vor dem sich immer klarer abzeichnenden Untergang. 1979 erschien im Kriterion-Verlag das Buch „Märchen, Sagen, Schwänke“, herausgegeben von Walther Konschitzky und Hugo Hausl, illustriert von Walter Andreas Kirchner mit dreizehn Radierungen. Ein zweites Buch mit dem Titel „Reime, Rätsel, Kinderspiele“ konnte nur mehr unter Pseudonym (Horst Wichland) und ohne Illustrationen erscheinen. Der Illustrator Kirchner war 1981 ausgereist, der Herausgeber Konschitzky stand kurz davor. Durch die bis heute anhaltende Freundschaft von Kirchner und Konschitzky geschah noch einmal ein kleines Wunder: 2023 erschien im Banat-Verlag Erding das Buch „Ich sin e kleene Keenich“, für das Walther Konschitzky als Herausgeber zeichnet, mit nun sämtlichen Volksgut-Illustrationen von Walter Andreas Kirchner.
Die lang ersehnte Ausreise aus der Unfreiheit der kommunistischen Diktatur in Rumänien gelang Walter Andreas Kirchner mit seiner Familie – seiner Frau Hedi und Sohn Ralf-Armin – schließlich 1981. Hinter ihm lagen sechzehn Jahre künstlerischer Arbeit unter dem Druck und Zwang der Zensur, der Unsicherheit und allgemeinen Angst, die in der Diktatur allgegenwärtig war. Die kleinen Triumphe – wenn es gelang, durch ein Kunstwerk zu vermitteln, dass der Kampf für Freiheit nicht unterzukriegen ist – waren Lichtblicke im wahrlich in der Dunkelheit versinkenden Land. Nur wer in einer Diktatur gelebt hat, wird den Wert eines Spruchs wie „Kummt`r uf`s Ross, dr Bettlmann, / reit´r ärger wie dr Edelmann“ verstehen. Walter Andreas Kirchners Holzschnitte als Illustrationen verbreiteter Redensarten und Bauernregeln, die Interpretationsvielfalt zuließen, waren Mutmacher in einer Zeit des völligen Verbots des individuellen Denkens. Von all seinen Arbeiten konnte Kirchner fast nichts mitnehmen. Zwei wichtige Werke waren aber dabei: die Holzplastiken „Das Paar“ und bezeichnenderweise der „Sieger“.
Wahlheimat Pforzheim
Wenn die Heimat zur Fremde wird, ist man zunächst überall fremd. Die Ankunft in einer neuen Welt gestaltet sich für jeden schwierig, doch für den Künstler, der auf Öffentlichkeit angewiesen ist, wird das Ankommen doppelt schwer. Die junge Familie Kirchner bezeichnete sich als glücklich, in Pforzheim eine Wohnung mit Atelier gefunden zu haben. Neben seiner Arbeit als Kunst- und Sozialpädagoge beim Stadtjugendring erteilte Kirchner Zeichenunterricht an der Volkshochschule und arbeitete in seinem Atelier für eine baldige Ausstellung. Nachdem ein Onkel – versteckt in seinem Ausreisegepäck – einen ganzen Karton mit Aquarellen und Ölbildern aus Rumänien mitbringen konnte, stellte Kirchner bereits wenige Monate nach der Ankunft in der Pforzheimer Galerie „Liberta“ Landschaftsbilder, Holzschnitte, Radierungen und einige Skulpturen aus. Es sollte nicht bei einer Ausstellung bleiben, die Welt war nun offen. Der Künstler erkannte aber bald, dass die Kunst in Freiheit auch ein anderes Publikum hat, viele seiner kritischen Werke aus Rumänien wurden nicht verstanden. Mit dem Wechsel in eine andere Welt vollzog sich auch ein Wechsel seiner Kunst vom Heimatlichen ins Universelle. In einem Gespräch mit seinem langjährigen Freund, dem Journalisten, Schriftsteller und Kunstkritiker Franz Heinz, sagte Kirchner: „Freiheit ist die Möglichkeit, die Welt zu verändern“. Und das tat und tut der Künstler bis heute durch sein Werk. Mit dem Erwerb des Hauses in der Friedenstraße 196, im Pforzheimer Ortsteil Dillweißenstein, nahe der Nagold, eröffneten sich Kirchner neue Möglichkeiten. Schritt für Schritt verwandelte er das alte Gebäude, das mal ein Wirtshaus war, in ein wahres Kunsthaus, das neben Wohnraum und Atelier Platz für Kunst in Schauräumen, im Flur, im Hof und Garten bietet. 1985 wurde Sohn Rai-Hilmar geboren. Damit war Kirchner wohl in Deutschland und Pforzheim angekommen. Auch in einer neuen Heimat?
In einem Interview im Rahmen des Zeitzeugenprojekts von Christine Neu und Brunhilde Forro (26. März 2024) antwortete Kirchner auf die Frage, was für ihn Heimat ist: „Heimat erwirbt man nur einmal, wenn man sie wieder sucht, wird man sie nicht wieder finden“. Wer Ausstellungen des Künstlers besucht oder an Tagen der „Offenen Ateliers Pforzheim“ die Kunstwerke im Haus in der Friedenstraße besichtigt, wird mit einem großen Werk konfrontiert, vielseitig, universelle Themen behandelnd, aber auch immer mit Werken, welche die Banater Heimat in sich tragen und die Erinnerung an die verlorene Heimat wachhalten. Davon zeugen Werke wie das große Ölbild „Adam Müller-Guttenbrunn und seine Zeit“, die Porträtbüste „Adam Müller-Guttenbrunn“ (Bronze) im Adam Müller-Guttenbrunn-Haus in Temeswar, die Porträtbüste „Stefan Jäger“ (Bronze) in der Gedenk- und Begegnungsstätte Hatzfeld oder das große Holzrelief „Josef Nischbach und seine Zeit“ im Seniorenzentrum in Ingolstadt. Unzählige Landschaftsbilder führen den Betrachter ins Banat, ganz zu schweigen von den bereits erwähnten Holztafeln und Illustrationen, die das Banater Volksgut so treffend einfangen und der Nachwelt als lebensnahe Banater Welt präsentieren. Unvergessen bleibt bestimmt für alle Besucher der Banater Heimattage in Ulm an Pfingsten 2024 die Ausstellung mit Banater Volksgut von Walter Andreas Kirchner im Foyer der Donauhalle. Und dann gibt es auch noch Bilder wie „Der Letzte sperrt die Tür zu“ (Öl auf Leinwand), ein berührendes Bild, mit dem sich Astrid Ziegler eingehend in ihrem Blog „banat-tour“ (vom 17. Februar 2026) auseinandergesetzt hat.
Das Leid seiner Landsleute hat Kirchner in Stein gemeißelt. In Landshut steht die Monumentalplastik „Tor zur Freiheit“, die der Künstler 2001 fertiggestellt hat. Sie besteht aus zwei sich öffnenden Torflügeln, davor eine flüchtende Frau mit ihrem Kind. Auf den Torflügeln sind zwei schlimme Ereignisse aus der Geschichte der Banater Schwaben wiedergegeben: die Russlanddeportation und die Bărăgan-Verschleppung. Auf der Rückseite sind die Verbannungsorte, der Text der „Charta der Vertriebenen“ und ein sich umarmendes Paar als Schatten im Flachrelief abgebildet. Ein weiteres Monumentalwerk mit dem Titel „Schicksalswege“ steht seit 2016 auf dem Kommunalfriedhof in Salzburg. Es ist allen Donauschwaben gewidmet, die durch Krieg, Flucht, Vertreibung und Deportation umgekommen sind. Bei aller Heimatverbundenheit ist das Werk von Walter Andreas Kirchner ein universelles. Themen wie Liebe, Leidenschaft, Gewalt, Sein und Vergänglichkeit, Mythologie, Religion, Natur, oder soziale und politische Probleme in der Gesellschaft haben ihn immer beschäftigt. Ganz wichtig ist auch die Rolle der Kunst, die bei Kirchner nie beliebig oder gar dekorativ ist. In einem Interview mit Walter Tonţa (Banater Post vom 15. Juni 2016) sagt Kirchner: „Meine Arbeiten sind Reflexionen, Hinterfragungen wesentlicher Themen gesellschaftlicher und existentieller Natur. Ihre Visualisierung mit ästhetischen Mitteln betrachte ich als eines meiner wesentlichen Anliegen… Jedes Thema drängt in anderer Weise zur Gestaltung, es diktiert die Wahl der Technik wie auch des Materials. Nur dem Künstler steht die Entscheidung zu, nicht dem Handwerker im Künstler … Der Künstler aber erkennt … auch die große Möglichkeit, in Freiheit des Geistes zu gestalten. … Was ist Kunst? – Ich weiß es nicht. Das Gegenteil zu behaupten, wäre Anmaßung. Das ehrliche Bemühen um Kunst aber verdient Aufmerksamkeit und eingehende Betrachtung.“
Liebe und Leidenschaft
Das Thema Liebe in all ihren Facetten – von schüchterner Annäherung, gegenseitiger Bewunderung, Liebesgewissheit, Erfüllung, Triumph bis zum Liebesrausch und Leidenschaft, die in Gewalt münden kann – hält Walter Andreas Kirchner in vielen Skizzen, Zeichnungen, Radierungen, Siebdrucken, Aquarellen, Gemälden und Plastiken fest. Ein Höhepunkt seiner Beschäftigung mit dem Thema Liebe ist gewiss der Grafikzyklus „Hohes Lied“, an dem er sich – man kann es so sagen – abgearbeitet hat. Er hat entworfen, gearbeitet, verworfen und neu gestaltet, bis er nach drei Jahren endlich zufrieden war, die Grafiken 1992, im „Jahr der Bibel“, vollendete, und zum ersten Mal ausstellte. Auch heute steht man fasziniert und staunend davor vor allem, wenn man das Glück hat, vom Künstler durch das Hohelied geleitet zu werden. Immer, wenn er darüber spricht, kann man noch die Faszination spüren, die der Tausende Jahre alte Text in ihm auslöst, und man versteht vielleicht den langen Entstehungsprozess, in dem Dutzende Bleistiftzeichnungen, Skizzen und Detailstudien, Gravüren in mehreren Varianten entstanden, um sich schließlich auf zwei junge, ihre Liebe bekennende Menschen zu konzentrieren. In seinem Artikel „Grafikzyklus zum Hohelied“ schreibt Thomas Kurtz in der „Pforzheimer Zeitung“ (17. Juni 1992): „Walter Andreas Kirchner war vor allem von der lebendigen, blumigen Sprache des Hohelieds fasziniert, von deren tief erotischen Wirkung. Der Künstler erkannte, wie sehr in den Liedern die Liebe als eine besondere menschliche Kraft, als lebensgestaltendes Element geschildert wird“.
Kirchner verschließt die Augen nicht vor den Missständen unserer Zeit, das hat er nicht in Rumänien in der Zeit der kommunistischen Diktatur getan, und nicht in der übersättigten kapitalistischen Gesellschaft. „Opfer“, „Gefesselter“, „Gestürzter“ sind Titel einer Reihe von Plastiken in Holz, rotem Sandstein, Keramik und Marmor. Die Titel sprechen von Gewalt und Willkür. Es entstehen Bilder, welche die Banalität und Erstarrung einer gesättigten Gesellschaft anprangern, wie in „Alltäglicher Wahnsinn“, „Nur der Erste zählt“ „Wieviel darf´s denn sein?“. Die geschundene Schöpfung schreit auf in Bildern wie „Aufschrei“, „Rufer in der Wüste“, „Zuflüsterer“. Die Umweltprobleme werden subtil in scheinbar idyllischen Naturbildern angesprochen, wie in „Olivenhain“, wo in schöner Landschaft zertrümmerte Baumstrünke den aufmerksamen Betrachter stutzig machen.
Biblische Themen werden bei Kirchner oft mit einem kritischen Blick auf die aktuelle Gesellschaft behandelt. Bereits in Heltau entstand die Holzskulptur „Der Mann mit dem Fisch“, in dem Fachkundige bestimmt Jesus erkannt haben. In der Freiheit waren den religiösen Themen keine Grenzen mehr gesetzt. Für das Seniorenheim in Ingolstadt schuf Kirchner die Granitplastik „Segnender Christus“. Es entstanden Bilder wie „Die Verspottung Christi“, „Die Anbetung“, „Der gute Hirte“. Ein beeindruckendes Gemälde ist „Das letzte Abendmahl“: Maria Magdalena steht abseits und allein, während die Jünger mit Jesus speisen. Noch klarer sieht man die sozialkritische Seite im Bild „Die Auferstehung“, wo das Wunder vor einer uninteressierten und unbeteiligten Gesellschaft geschieht.
Carrara – Traum in Weiß
1999 erfüllte sich Walter Andreas Kirchner einen Traum: Es gelang ihm, in Montignoso in Italien, unweit der berühmten Marmorbrüche von Carrara, ein Haus zu erwerben. Hier richtete er eine Freilichtwerkstatt ein, wo er jeden Sommer bis in den Herbst den edlen Stein bearbeitet. Der langjährige Freund Walther Konschitzky, schreibt in seinem Buch (S. 32): „Er wollte die legendären Marmorbrüche am Rand der Toskana kennen lernen, es zog ihn schon lange nach Carrara und nach Pietrasanta, wo Michelangelo so großes in Marmor geschaffen hat. … Hier hat er sich eine Eigenwelt geschaffen und in einer Waldlichtung unter Dutzenden Edelkastanien eine Freilichtwerkstätte eingerichtet. Marmor, nichts als Marmor ringsum, große Blöcke, kleine Blöcke, und in jedem, so weiß er, ruht eine edle Form, die er finden und befreien muss. Schönstes Werkmaterial und selbst gestellter Auftrag für viele Jahre“. Auch in Italien suchte und fand Kirchner Anschluss zu Künstlern und zum Kunstbetrieb. Schon im Sommer 2000 stellte er Arbeiten in Gruppenausstellungen im „Museum des Marmors“ in Carrara und in Marina di Carrara aus. Was aus der jahrelangen Arbeit aus dem edelsten der Steine entstanden ist, kann im Atelier in Montignoso, aber auch im Garten des Hauses in Pforzheim bewundert werden. Walter Andreas Kirchner machte unmittelbar nach seiner ersten Ausstellung in Temeswar eine Aussage, die bis heute gültig geblieben ist, und die Walther Konschitzky in seinem Buch (Seite 14) festgehalten hat: „Ich glaube, dass auch in unserer Zeit das Bestreben nach Formreinheit im klassischen Sinn anspricht, und dass heutige Thematik in diesen Formen große Wirkung haben kann.“
Die aus dem weißen Marmor gehauenen Skulpturen entsprechen diesem Bestreben voll und ganz, und sie erzählen Geschichten. Da kauert Hiob am Boden, die ganze Tragik der Welt im Gesicht tragend. Prometheus, der in seiner Naivität den Menschen das Feuer brachte, das wärmt, aber auch zerstört, stürzt ab in einem Flammenmeer. Jakob, der mit dem Engel ringt, geht hinkend aus dem Kampf hervor. Kirchner hat in viele seiner Werke die Einheit von Gut und Böse eingebracht: Es liegt an dem Menschen, was er wählt. Da gibt es aber auch die Skulpturen, die durch ihre Schönheit beeindrucken, wie „Anmut“ oder „Herausforderung“. Bemerkenswert sind auch die kleineren Werke aus Marmor und Porzellan und die filigran gearbeiteten Skulpturen, die in den Räumen zur Schau gestellt werden. Zu den neuesten Werken zählen das Bild „Abschied“ und die Skulptur „Quo vadis?“. Das Bild zeigt eine untergehende Sonne, am Himmel erscheint eine Feuerwolke. Dr. Walter Engel sagt dazu: „Apokalypse!! Ein erschütterndes Bild: … als ob der liebe Gott gestorben wär!“ Die Skulptur besteht aus einer Gruppe Suchender. Kirchner schreibt dazu in seinem Gedicht „Wohin gehst du, Mensch?“: „Sage mir: Wo finden wir einen Platz des Friedens, / wo wir unsere Bleibezeit leben können, / wo niemand vertrieben wird und ich sagen kann: / Ich bin angekommen“.
Sein Credo hat Walter Andreas Kirchner in dem Gedicht Prophet dargelegt, das er zur gleichnamigen Skulptur geschrieben hat. Es ist ein Zwiegespräch zwischen Künstler und Stein, in welchem der Stein sagt: „Jetzt hast du mich verewigt! ... / Und was hast du davon?“ Die Antwort des Künstlers ist: „Ich habe mich abgearbeitet, / an mir und den Menschen, / um nicht zu verzweifeln. Ich WUSSTE es nicht anders.“
Herzlichen Glückwunsch zum 85. Geburtstag, lieber Walter Andreas Kirchner!
Walter Andreas Kirchner
Preise und Auszeichnungen
Internationale Triennale für Bildhauerei (Bordeaux 1982)
Salon des Nations im Centre International d`Art Contemporain (Paris 1985)
Donauschwäbischer Kulturpreis des Landes Baden Württemberg (2005),
Auszeichnung mit der Adam-Müller Guttenbrunn-Medaille unserer Landsmannschaft (2022).
Bücher über Kirchner
Walther Konschitzky: Walter Andreas Kirchner, Maler Grafiker, Bildhauer, Banat Verlag Erding, 2008.
Franz Heinz: Walter Andreas Kirchner, Maler, Grafiker, Bildhauer, Eigenverlag Hedi Kirchner 2020.
Walther Konschitzky (Hg.): "Ich sin e kleene Keenich." Banater deutsches Volksgut illustriert von Walter Andreas Kirchner, Banat-Verlag Erding, 2023.











