Adelheit Szekeresch, in Lugosch geboren und aufgewachsen, hat 1976 ihr Abitur an der deutschen Abteilung des Brediceanu-Lyzeums in Lugosch gemacht, hat danach bis 1982 in Temeswar Medizin studiert und war anschließend als Ärztin in einer Banater Dorfpraxis tätig. Im Mai 1989 ist sie aus dem damals noch sozialistischen Rumänien geflüchtet und war in Deutschland als Ärztin tätig, zuletzt am Klinikum Stuttgart.
Anlässlich der Veröffentlichung von „Regentränen“ über die Geschichte eines jungen Paares in der Ceauşescu-Zeit, sprach ich mit Adelheit Szekeres über ihren Roman. Bereits der Titel ist so angelegt, dass er uns durch das gesamte Werk begleitet: „Regen, das sind die Tränen, die man nicht weinen kann. Wenn du nicht weinen kannst, dann weint der Regen für dich…“
Der Roman erzählt die Geschichte von Alina und Paul, zwei jungen Leuten, die nichts anderes wollen, als miteinander glücklich sein. Aber es ist ihnen nicht gestattet: Die Eltern erlauben es nicht, die äußeren Umstände erlauben es nicht, das System erlaubt es nicht. „... und die Fesseln, die sie mir damals angelegt haben, die habe ich nie wieder abgelegt. Nie wieder ...“
„Regentränen ist ein Roman, der uns zurückführt ins Rumänien der 70-er und 80-er Jahre“, sagt die Autorin zur Entstehungsgeschichte. „Jahre, die ich als jüngere Ausgabe meiner selbst dort verbracht habe, und in denen ich die Daumenschrauben, die Maulkörbe und die Gitterstäbe des sozialistischen Stacheldrahtkäfigs zur Genüge kennenlernen konnte, und notgedrungen ja auch kennenlernen musste. Es ist ein Liebes- und Abenteuerroman mit historisch-politischem Hintergrund, der sich an all diejenigen richtet, die sich daran erinnern wollen, wie wir mit den Fesseln des Eisernen Vorhangs und den Auswirkungen seiner Gesetzlichkeiten gelebt und unter ihnen gelitten haben. Es gab unter meinen damaligen Landsleuten großartige Menschen, die den Mut hatten, sich dagegen aufzulehnen und aufzubegehren. Die meisten von uns hatten diesen jedoch eher nicht.
Ich selbst gehöre zu Zweiteren. Meine einzige Auflehnung war, dass ich im Mai 1989 zusammen mit meinem Mann geflüchtet bin, über die Donau nach Jugoslawien und von dort nach Deutschland. Und, ich muss gestehen: Wenn ich geahnt hätte, dass nur ein halbes Jahr später eine Revolution ins Haus steht, hätte ich vermutlich auch das nicht getan, sondern abgewartet.
Aber so bin ich kurz vor der Revolution noch schnell geflüchtet, und habe dabei als ganz normaler nicht sonderlich mutiger Mensch Erfahrungen gemacht, die ich nie vergessen werde.
Und das war auch eines der Anliegen in meinen beiden Büchern: Schicksale von ganz gewöhnlichen Normalbürgern zu schildern, die bei der Bewältigung ihrer mehr oder weniger schwierigen Alltagsprobleme an die Gitterstäbe des sozialistischen Käfigs geraten und sich die Stirn an ihnen und ihren Auswirkungen blutig stoßen.
Aber ich hatte auch noch ein weiteres, sehr viel größeres Anliegen: Und zwar die zum Teil äußerst gefährlichen Wege zu schildern, die die Rumäniendeutschen bei ihrer Ausreise oder auch Flucht aus Rumänien gegangen sind.
Es gab und gibt unendlich viele Fluchtgeschichten auf der Welt, bedingt durch Krieg, bedingt durch menschenverachtende politische Systeme, durch Naturkatastrophen und Hungersnöte. Die Wege der Rumäniendeutschen von damals sind nur ein verschwindend geringer Teil davon, und sie gehören zum Glück ja auch längst der Vergangenheit an.
Aber: die rumänische Grenze war die blutigste Grenze Osteuropas. Johann Steiner und Doina Magheți haben dies in ihren beiden Büchern anhand von Tatsachenberichten sehr eindrucksvoll zusammengetragen. Und die Schicksale, die sich dort abgespielt haben, sollten nicht komplett in Vergessenheit geraten. Sie verdienen es, gewürdigt zu werden. Auf welche Weise auch immer. Dazu wollte ich einen, wenn auch verschwindend geringen Beitrag leisten.
Meine Protagonisten sind fiktiv und auch die Handlung ist frei erfunden. Aber sie sind eng angelehnt an Tatsachen, an Schilderungen, an Erinnerungen, die mir Landsleute in ihren Erzählungen offenbart und anvertraut haben.
Und, na ja … da ich eine hoffnungslose Romantikerin bin, habe ich das Ganze natürlich in eine Liebesgeschichte eingebettet“.
Der Debütroman von Adelheit Szekeres, „Papierflugzeug“, erschienen 2013 im Pop Verlag, spielt ebenfalls vor dem Hintergrund des sozialistischen Rumänien unter dem Diktator Ceauşescu, und handelt von der Liebes- und Fluchtgeschichte des jungen Paars Lia und Jan. Dieses Thema hat die Autorin nicht losgelassen und so erzählt sie in ihrem neuen Roman „Regentränen“ dreizehn Jahre später von einem weiteren Paar, das sich ebenfalls nichts anderes wünscht, als zusammen ein Leben nach seinen Vorstellungen zu führen.
Doch schon der Titel des Romans verrät, dass dieser Wunsch aus vielerlei Gründen kaum erfüllbar scheint.
„Das Foto lag noch immer auf dem Tisch.“ Mit diesem Satz beginnt die spannende und gleichsam berührende Geschichte von Paul und der Lini genannten Alina, deren Leben wir mit all seinen unglaublichen Wendungen mehr als fünfhundert Seiten lang atemlos verfolgen.
Paul betrachtet im Jahr 1989 ein Urlaubsfoto seines Sohnes Frank, auf dem dessen rumänische Ferienbekanntschaft Corina zu sehen ist. Und dieses Mädchen sieht seiner großen Liebe Lini verblüffend ähnlich.
„Es ist nicht sie! Es ist irgendein Mädchen“, versucht Paul sich immer wieder einzureden. „Vielleicht einfach nur ein junges Mädchen, das die gleichen Haare hat. Die gleichen Augen. Den gleichen Mund. Die gleichen Gesichtszüge. Die gleiche zierliche Figur ...“ Aber bereits während er das denkt, spürt er, dass es nicht stimmt. „Es ist nicht irgendein Mädchen …“
Warum jetzt, fragt er sich, jetzt, da er sein Leben endlich wieder im Griff, seinen Dämonen entsagt und sein Lebensziel erreicht hat. Wo er ein angesehener Oberarzt in einer Münchner Klinik ist.
„Sie muss ihre Tochter sein!“, weiß Paul in seinem Innersten, und auch, dass er herausfinden will und muss, wie es Lini geht und was nach ihrer unfreiwilligen Trennung vor vielen Jahren wirklich geschehen ist. Er braucht endlich eine Antwort auf die Frage, warum sie nie auf seine Briefe reagiert, warum sie ihn aufgegeben hat.
Er beschließt, nach Temeswar zu fahren, sein Sohn begleitet ihn dabei, und im Verlauf dieser Reise erfährt er und mit ihm auch die Leserinnen und Leser von Linis dramatischem Leben.
Die Story fängt 1970 an, als sich die beiden bei der Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium kennenlernen. Sie verlieben sich, aber von Beginn an ist klar, dass die Beziehung keine Chance hat. Lini stammt aus einer der angesehensten Familien Temeswars, ihr Vater ist ein bekannter Professor der Medizin. Pauls Eltern hingegen leben in prekären Verhältnissen, Pauls Vater ist ein stadtbekannter Säufer.
Da der Herr Professor hochtrabende Pläne mit seiner Tochter hat, passt natürlich so jemand wie Paul nicht in sein Welt- und Lebensbild. Allerdings trügt der Schein, denn hinter der Fassade hat Lini es mit einem äußerst brutalen Vater und Bruder zu tun, die nicht davor zurückschrecken, Paul Gewalt anzutun und auch in Linis Leben gewalttätig einzugreifen.
Paul und Lini gelingt es anfangs, sich immer wieder heimlich zu treffen und sogar zwei Wochen lang zusammen zu verreisen. Doch es ist nur die Ruhe vor dem Sturm.
Es ist Pauls Bruder, der ihm den Ansatz zu einer Lösung liefert: „Mensch, willst du nicht weg hier? Raus aus dieser ganzen, elenden Scheiße?“
Es ist also eher Zufall, dass Paul und Lini sich auf ein unglaubliches Abenteuer einlassen. Ein Zufall, der für den gesamten Weitergang verantwortlich ist. Die mehr als dreißig Seiten, auf denen Adelheit Szekeresch die Flucht beschreibt, sind durch ihre Spannung und Dichte einer der Höhepunkte des Romans. Man fiebert mit, hofft, dass die jungen Leute ihr Ziel erreichen. Es gelingt ihnen wider Erwarten auch, ans Ziel ihrer Träume zu kommen. Zumindest scheinbar. „Paul spürte … fast das Herz in die Hose rutschen“, heißt es schließlich. „Wir sind gerettet! Lini, wir sind gerettet“, stammelt er. Doch das sind die letzten Worte, die er zu Lini sagen kann, und das ist gleichzeitig der Wendepunkt des Romans, denn ab diesem Zeitpunkt geht alles einen komplett anderen Gang als geplant, und ihrer beider Leben verläuft während der nächsten achtzehn Jahre in völlig unterschiedlichen Bahnen.
Wie die Handlung weitergeht, wird nicht chronologisch erzählt, sondern die Kapitel wechseln zwischen 1970 und 1989 ab, und so erfahren wir Linis dramatische Geschichte erst nach und nach.
Dies ist einer der Gründe, weshalb es Adelheit Szekeresch gelingt, über 540 Seiten den Spannungsbogen hochzuhalten. Hinzu kommt ihre dichte Erzählweise mit vielen Details und Dialogen, die vor allem bei der Beschreibung gefährlicher Situationen mit den unterschiedlichsten Personen stets den richtigen Ton treffen.
Am Ende des Romans steht schließlich im Dezember 1989 die Revolution von Temeswar gefolgt vom Sturz Ceauşescus. So gesehen klingt der Roman historisch korrekt und authentisch aus. Doch auch diese nicht zu unterschätzende Hürde muss von den beiden irgendwie genommen werden …
Adelheit Szekeresch, „Regentränen“, Roman, Pop Verlag Ludwigsburg 2026, 29,90 Euro, ISBN 978-3-86356-430-8. Bestellbar beim Verlag, bei Amazon, oder, gern auch mit Widmung, falls gewünscht, bei der Autorin selbst unter adelheit.szekeresch@gmx.de)









