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„Das Gedicht – die höchste Form der Sprachkunst“ - 36. Literaturtage in Reschitza

Die Teilnehmer der „Deutschen Literaturtage in Reschitza“ nach intensiven Lesungen und Gesprächen im Saal der Vinzenz-Gemeinschaft. Foto: Werner Kremm

Horst Samson und Traian Pop mit Adelheit Szekeresch (li.) bei der Präsentation ihres neuen Romans. Foto: Katharina Kilzer

Der Preisträger des Rolf-Bossert-Gedenkpreises 2026 Tobias Pagel. Foto: Werner Kremm

Angesichts der Vielzahl an Gedichtvorträgen hätte dieses Zitat perfekt zu den diesjährigen Lesungen gepasst. Wie jedes Frühjahr wurden die „Deutschen Literaturtage in Reschitza“ veranstaltet, eine mittlerweile fest etablierte Tradition. Erwin Josef Țigla, Vorsitzender des Deutschen Forums der Berglanddeutschen, sorgte wie jedes Jahr dafür, dass diese Veranstaltung gepflegt wird. Er begrüßte zur Eröffnung die Gäste und Referenten in der Alexander-Tietz-Bibliothek. Die 36. Auflage wurde eröffnet mit der Präsentation des Zeitzeugen-Buches „Die Banater Deutschen und ihre Geschichten“ mit Katharina Kilzer und der Kulturethnologin Smaranda Vultur aus Temeswar, Herausgeberin des Buches in rumänischer Sprache: „Germanii din Banat prin povestirile lor“ (Jassy, 2018). Zu den weiteren Buchvorstellungen gehörten: „Vorindustrielles und industrielles Erbe in Rumänien“ von Dr. Volker Wollmann (2025 im „Honterus“-Verlag Hermannstadt) sowie „Das Brauwesen im Großfürstentum Siebenbürgen im Spiegel der k.k. Hofkammerakten zur Zeit Maria Theresias“ von Traian Popescu (2025 im Eigenverlag). Ana Kremm präsentierte Passagen aus ihrem Buch „Wenn das Staatsvolk zur Minderheit wird. Die Wochenzeitung ‚Primăvara‘ aus Großsanktnikolaus zu Beginn der Epoche Großrumäniens (1921–1928)“, das in rumänischer Sprache erschienen ist. Werner Kremm aus Großsanktnikolaus stellte das neu veröffentlichte Buch „Großsanktnikolaus, Stadt- und Kirchengeschichte vor“ (hrsg. von Werner Kremm, Dietlinde Huhn und Anton Sterbling, CosmopolitanArt-Verlag Temeswar) vor. Horst Samson und Verleger Traian Pop präsentierten gemeinsam die dem siebenbürgischen Autor Franz Hodjak gewidmete Ausgabe der Literaturzeitschrift „Matrix“ des Pop-Verlags. Adelheit Szekeresch las aus ihrem Buch „Regentränen“, eingeführt von Barbara Zeizinger aus Darmstadt. Der Abend endete mit einer Dokumentation filmischer Porträts „LiterATitudini. Archive des Schreibens“, entstanden im Rahmen des Österreichischen Kulturforums Bukarest, des ORF und der Österreichischen Gesellschaft für Literatur. Dort wurden die bekannten österreichischen Autoren Bettina Balàka, Valerie Fritsch, Susanne Gregor, Karin Peschka, Robert Prosser und Ferdinand Schmalz vorgestellt.

Wer die Geschichte des Professors Jean-Paul und der schwarzen Katze noch nicht kannte, konnte Anton Sterbling bei seinen Erzählungen über diese Geschichten, veröffentlicht in seinem Prosaband „Das vergebliche Warten Lenaus auf Kafka in Temeswar und die merkwürdige Weiterreise in das Banater Bergland“ (erschienen im Pop-Verlag, Ludwigsburg) aufmerksam folgen. Wertvolle Beiträge des Literaturseminars umfassten auch fotografische Präsentationen, wie jene von Éva Seiler-Iszlai, die die historischen Entwicklungen im Banat und in Siebenbürgen dokumentiert und mit Versen von Hellmut Seiler ergänzt hat. Die Fotografien aus Temeswar, Herkulesbad, Hamruden, Hermannstadt und weiteren Orten bieten eine künstlerisch anspruchsvolle Darstellung jener Städte und Regionen, die einst von Deutschen in Rumänien bewohnt waren. Horst Samson las anschließend Gedichte aus dem von ihm übersetzten Gedichtband eines Freundes aus Bukarest, Nicolae Tzone. Mit den gesammelten Beiträgen in „Ansichten eines kritischen Bürgers in turbulenten Zeiten. Momentaufnahmen“ erläuterte Werner Kremm die politischen Bezüge zu Gegenwartpersonen der Politik (die Prosa erschien im „CosmopolitanArt“-Verlag Temeswar, 2025). 

Eine andere Ebene beleuchtete die von Professor András F. Balogh aus Klausenburg herausgegebene Anthologie „Deutsche Lyrik aus dem Donau-Karpatenraum“, eine Sammlung und ein Übungsbuch, in der bekannte deutschsprachige Lyriker vertreten sind. Etwa auch Edith Ottschofski, die nachmittags ihr Buch „Der Traum der Gurke. Ein literarisches KI-Experiment“ vorstellte. 

Am Nachmittag nahm die Lesung ihren Fortgang im Sozialzentrum „Frédéric Ozanam“ mit der Moderation von Hellmut Seiler. Die Fotografien von Erhard Berwanger der Stadt Reschitza aus den 70er und 80er Jahren, als die Hochöfen noch rauchten, wurden von Katharina Kilzer vorgestellt. Anschließend schlug sie einen Bogen nach Temeswar, deren historische Plätze und Geschichten sie exemplarisch herausgriff – eine Vorschau auf das (im Noack und Block Verlag Berlin) demnächst erscheinende  Buch der Geschichten und Legenden Temeswars (hrsg. von Anita Maurer und Katharina Kilzer). 

Ein Höhepunkt der Reschitzaer Tage sind jedes Jahr die Präsentationen der Deutschen aus Ungarn. Gábor Ruda, Vorsitzender des Kulturvereins „Freundeskreis Murgebiet“ in Werischwar, ist ein regelmäßiger Teilnehmer. Er stellte ein Buch mit Werken von Künstlern aus dem Murgebiet vor. Auch das Rosarium für 2025, herausgegeben von Győrffy Sándor, war ein zentrales Thema. Christina Arnold aus Nadasch, Leiterin der Deutschen Redaktion Fünfkirchen, las Geschichten aus ihrem Buch „Neues Kapitel“, zudem sorgte ihre Mundartprosa für große Begeisterung. Die von Erwin Țigla eröffnete Wandschoner-Ausstellung präsentierte Stücke aus der Sammlung des Kultur- und Erwachsenenbildungsvereins „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“. Bei vielen Gästen wurden Erinnerungen an vergangene Zeiten im Banat geweckt, als in den Eltern- oder Großelternhäusern Wandschoner mit bekannten Sprüchen zum Nachdenken anregten. (Beispiele: „Der Winter soll der Kukuk holen. Das ganze Geld braucht man für Kohlen!“; „Hast du ein Weh zur Mutter geh / Und sag es ihr / So hilft sie dir.“) 

Zwei besondere Beiträge folgten von Christel Wollmann-Fiedler aus Berlin, die ihren Band „Judaica und Israelia. Biographisches, Dichtung, Feste, Interviews, Kunst, Reiseberichte, Rezensionen“ (Hartung-Gorre-Verlag, 2024), die über Begegnungen mit Juden aus Czernowitz schreibt. Manfred Winkler, der von Hans Bergel verehrte Dichter, mit dem zusammen er ein Buch veröffentlicht hat („Die Verweigerung der Negativität. Gespräch über Hiob und Apollon“, Noack & Block, Berlin 2019) war auch dabei. Barbara Zeizinger, Mitglied der Jury des Rolf-Bossert-Preises in Reschitza, die ein treuer Gast der Literaturtage ist, las unveröffentlichte Gedichte zu: „Wie viele Herzen braucht ein Mensch?“

Am dritten Tag der Lesungen standen die ehemaligen Bossert-Preisträger im Mittelpunkt. Bastian Kienitz, Gewinner des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises 2022, stellte seine bildhaften Blankosonette vor, die – ganz im Sinne von Marcel Reich-Ranicki – dem Prinzip folgten, dass Literatur unterhalten soll. Dietrich Machmer, ausgezeichnet im Jahr 2023, präsentierte Gedichte, die durch ihre bildhafte Sprache und Reflexion beeindrucken und von Rolf Bossert inspiriert sind. Christian Klein, Preisträger 2024, las ebenfalls unveröffentlichte Texte, die trotz ihrer sprachlichen Reduktion eine meditative Wirkung entfalten und durch Körperlichkeit faszinieren. Auch I. J. Melodia, der Gast aus Freiburg, las Gedichte aus seinem Band „Polaritäten“ (Vechta 2024).
Der im Bărăgan geborene Autor Horst Samson eröffnete die Lesung seiner Gedichte aus dem Band „Vom Auftauchen und Verschwinden der Landschaft“ (erschienen im Pop-Verlag Ludwigsburg, 2025) mit dem Spruch, dass das Gedicht die Heimat der Menschheit sei. Während in Rumänien Lyrik im kommunistischen System hochgehalten wurde, als die Auflagen noch hoch und der Verkauf (aber auch die Leser) hohe Zahlen aufwiesen, ist das Lyrik-Leseverhalten heutiger Leser gering. Trotzdem stellte Anton Sterbling den Dichter Samson als den letzten „Spätromantiker aus dem Banat“ vor, dessen Gedichte nun auch von dem Münchner Musiker Winfried Michl teilweise vertont wurden. Das Publikum konnte eine Probeaufnahme anhören. Samson las einige der 98 Gedichte aus 5 Kapiteln. 

Anton Sterbling präsentierte sein Buch über „Donauschwäbische Kultur und die Schriftsteller in der Ferne. Nachdenkliche Essays über Relevanz der Sprache und der Pluralität der Anerkennung von Schriftstellern mit multiplen Identitäten“. Er las auch Auszüge aus dem Buch: „Donauschwäbische Kultur, Schriftsteller in der Fremde, Relevanz der Sprache“ (Pop-Verlag 2026).

Eine besondere Ehre wurde dem Gast aus Hermannstadt zuteil: Dr. Paul Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, erhielt die Auszeichnung „Europäer des Jahres 2026 innerhalb der deutschen Gemeinschaft im Banater Bergland“. Die Laudatio hielt Erwin Josef Țigla. Der Ausgezeichnete bedankte sich und erhielt Schützenhilfe vom Parlamentsabgeordneten Ovidiu Ganț, der ihn als „besten Vorsitzenden der deutschen Minderheit“ in Rumänien bezeichnete. Auch Fragen des Publikums nach der Zukunft der Minderheit in Rumänien oder dem Stellenwert der Kirchenburgen in Siebenbürgen wurden von Herrn Porr positiv beantwortet. Bei 27 Ländern der EU, in der es viele Minderheiten gibt, hält das DFDR gute Beziehungen auch zu anderen Gruppen von Minderheiten in Ungarn und pflegt Erfahrungsaustausch mit Schlesischen Minderheiten. Leider mussten beide Vertreter schon wieder weiter zu den nächsten Terminen im Land. 

Der wieder in Hermannstadt lebende und schreibende Autor Heinrich Heini Höchstmann (Autor des Buches: „Einmal Deutschland und zurück“) belebte die Sitzung am Nachmittag mit der humoristischen Farce einer Pressekonferenz von Donald J. Trump, was zur Erheiterung der Gäste beitrug. Auch die Gedichte von Hellmut Seiler, übersetzt von der ungarischen Philologin Eszter Benö und vorgestellt von András F. Balogh im Band „A szavakat felszippantja a csend“ (Die Stille saugt die Worte auf, 2024 im Verlag Exit, Klausenburg) überzeugten im Klang der Sprache und in der Präzision der Wortschöpfungen. 

Über die Kunst der Übersetzung wurde anschließend mit den Gästen diskutiert und festgestellt, dass Sinnebene und Sinnmuster wichtig sind, um die kulturellen Bezüge dieser Gedichte zu bewahren. Obwohl Professor Balogh sagte, dass das Gedicht die höchste Form der Sprachkunst ist, bestätigte er, dass bei den heutigen Studenten das Interesse am Gedichte-Lesen gering sei, da sie eher Influencer, Blogger oder Webseiten-Besucher sind. „Sie stürmen nicht die Bibliotheken!“
Nach einer legendären Straßenbahnfahrt bei Regen durch die einstige Industriestadt der Hochöfen bis zu einem neuerrichteten Straßenbahndepot, wo uns Bürgermeister Ioan Pop und der Leiter des Straßenbahnfirma erwarteten, folgte der Höhepunkt der Literaturtage: die Verleihung des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises an Thomas Pagel aus Konstanz, dem Gewinner der Gedichte-Ausschreibung. Der anwesende Thomas Pagel dankte erfreut dem Gründer des Preises, Hellmut Seiler, dem Laudator Dietmar Machmer und natürlich allen Beteiligten und Helfern der Veranstaltung. Als Gast in Rumänien zeigte er sich beeindruckt von der Gastfreundlichkeit und der Vielfalt der Kulturen in diesem Land. Er las seine sieben Gedichte mit dem Titel „surroundings“ vor, die er zum Wettbewerb eingeschickt hatte. 

Zu den Reschitzaer Literaturtagen gehört auch die Tradition, dass am letzten Tag Mitglieder des Temeswarer Literaturkreises „Stafette“ aus ihren Werken vorlesen. So waren auch diesmal junge Autorinnen und Autoren mit ihren Gedichten und Prosastücken präsent, die an Wettbewerben und Ausschreibungen für Literatur teilnahmen: Eva Bancea, Zara Chișevescu, Inke Iozsa, Isabela Lupșe und Daria Moți. Auch Benjamin Burghardt und Arthur Funk trugen eigene Gedichte vor. Davor kamen die Gäste noch in den Genuss eines Essays von Dr. Kurt Thomas Ziegler aus Hermannstadt „Eine kurze Fußnote zu dem eben verflossenen Thomas Mann-Gedenkjahr, ein Rückblick über die zahlreichen prominenten Gäste im Hause Ziegler vor vielen Jahren“. 

Sowohl die Mundart der Banater Schwaben, die Edith Ottschofski in ihrem Gedichtband als „ich bin net vun da/ich bin net von dart“ verewigte, als auch das Temeswarer Deutsch in ihren Versen hinterließen einen heiteren Eindruck. Balthasar Waitz schätzte die Temeswarer Dialekt-Gedichte und präsentierte zudem eigene Kurzprosa sowie Lyrik. 

Besonders spannend war die Präsentation der Kärnten-Dokumentation 2025, Band 40: „Dialog und Kultur. Beiträge zum Europäischen Volksgruppenkongress 2024 und Sonderthemen“, die Udo Peter Puschnig vom Amt der Kärntner Landesregierung (Klagenfurt am Wörthersee) vorstellte. Die Sammlung enthält vielseitige literatur- und geschichtsbezogene Arbeiten zur Region Südosteuropa, darunter auch Beiträge aus Rumänien. 
Am Nachmittag endete das Seminar mit einer literarischen Reise nach Franzdorf im Banater Bergland, wo einst die Böhmendeutschen als Teil der deutschen Minderheit Rumäniens lebten und bis zu ihrer Auswanderung ihre Traditionen und ihr Erbe pflegten. Zum Abschluss lud Erwin Țigla alle Anwesenden herzlich ein, auch im kommenden Jahr an den Literaturtagen teilzunehmen, die vom 11. bis zum 14. März zum 37. Mal in Reschitza stattfinden werden.