Im März 2026 fand in Bad Kissingen die Tagung „Die Banater Schwaben und Temeswar 1716 - 1867 – Siedlung, Verwaltung und Identität“ statt. Astrid Ziegler organisierte das Treffen mit Unterstützung des Kulturwerks der Banater Schwaben Bayern und Gustav Binder im „Heiligenhof“. Die Vorträge behandelten die Entwicklung von Siedlung, Verwaltung und Identität sowie ethno-kulturelle, politische und wirtschaftliche Aspekte Temeswars nach dem Ende der osmanischen Zeit.
Architektur und Geschichte
Nach der Begrüßung eröffnete Astrid Ziegler die Vortragsreihe mit einem historischen Überblick über Temeswar anhand von Baudenkmälern aus der Zeit der Habsburger. Unterstützt von Hans Rothgerbers Bildmaterial wurde deutlich, dass viele dieser Denkmäler heute nur noch durch Grundmauern oder alte Fotografien nachvollziehbar sind. Diese Relikte dokumentieren politische und kulturelle Veränderungen und machen Verluste sichtbar. Selbst Kirchenreste oder einzelne Denkmäler können wichtige Hinweise für die Geschichtsforschung liefern. In der Präsentation wurden fünf verschwundene Bauwerke mit Plänen und Quellen vorgestellt, um deren Bedeutung im historischen Kontext zu verdeutlichen und im kollektiven Gedächtnis zu bewahren.
Am nächsten Seminartag referierte Professor Dr. Anton Sterbling zum Thema „Temeswar und das Banat. Zur Herausbildung früher lokaler und regionaler Identitätsvorstellungen“. Ausgehend von den Habsburger Rückeroberungen und der Ansiedlung deutscher Bevölkerung im Banat, präsentierte Sterbling, angelehnt an sein Werk „Fragen der kulturellen Identität“ (2026), theoretische Ansätze zu kultureller und kollektiver Identität. Er analysierte die Entwicklung spezifischer Identitätsbilder und lokale Identitätskonzepte. Die dorfgemeinschaftlichen Strukturen im Banat, häufig geprägt von wirtschaftlicher Notlage, bildeten erst im Verlauf mehrerer Generationen geschlossene Gemeinschaften aus, die neue Heimatorte schufen und mythische Erzählungen, etwa um Prinz Eugen und Maria Theresia, entwickelten. Die Modernisierung urbaner Räume wurde durch Individualisierung und Pluralisierung gefördert. Es erfolgte eine Analyse wirtschaftlicher, sozialstruktureller und kultureller Differenzen zwischen dörflichen und städtischen Gemeinschaften sowie deren Auswirkungen auf kollektive Identitätskonzepte im Kontext von Tradition und Moderne.
Temeswar im aufgeklärten Absolutismus
Dr. Josef Wolf (Böblingen) beleuchtete in seinem Vortrag „Temeswar im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus. Demografische Entwicklung, baulicher Wandel und Zentralitätsfunktionen“ die Stadtentwicklung im 19. Jahrhundert und ihre demografischen Veränderungen. In der frühen Besiedlungsphase galten merkantilistische Grundsätze: Handels- und Bankenzentren entstanden, die erste Hochschule wurde gegründet, und Temeswar avancierte zum wichtigen Umschlagplatz für Tabakwaren, Agrarprodukte sowie Metalle und Erze aus dem Banater Bergland. Mozarts Zauberflöte wurde 1791 aufgeführt und das kulturelle Leben trug zur Herausbildung eines modernen Bürgertums bei. Wolf, ein renommierter Historiker und Experte für die Geschichte des Banats und Temeswars und Autor zahlreicher Publikationen, untersuchte die Bevölkerungsentwicklung und betonte die Vielfalt der Nationalitäten, darunter Raizen, Juden, Ungarn, Griechen, Armenier, Rumänen und deutsche Siedler. Epidemien – die Pest von 1738-1740 und die Cholera 1873 – beeinflussten die Entwicklung der Stadt entscheidend. Ursprünglich als Festungsstadt angelegt, erlebte Temeswar nach der Öffnung des Festungsumfelds 1849 und der Entfestung 1891 einen Urbanisierungsschub. Das Bürgerhospital war eine der ersten medizinischen Einrichtungen vor Ort, sogar noch vor den vergleichbaren Häusern in Pest und Wien eröffnet.
Jüdisches Leben und Emanzipation
Marionela Wolf aus Böblingen sprach „Von der Toleranz zur Emanzipation – Juden in Temeswar (1716-1867)“. Dabei thematisierte sie die Entstehung des jüdischen Ghettos in der Fabrikstadt sowie das „Judenkarree“, das 1767 geplant wurde, und schilderte verschiedene Aspekte des jüdischen Lebens. Mit dem Namenserlass von Joseph II. im Jahr 1781 bekamen jüdische Bürger erstmals feste Familiennamen. Im Jahr 1867 lebten rund 4000 Juden in Temeswar und viele unterstützten 1848 die ungarischen Rebellen, was zum Ausbruch der Revolution von 1848-49 beitrug. Heute prägt vor allem die neologische, also modernisierte Richtung das jüdische Leben in Temeswar.
Literatur und Landschaftserfahrung
Dr. Walter Engel stellte Karl Wilhelm von Martini (1821-1885) und dessen ersten Banat-Roman „Pflanzer und Soldat. Bilder und Gestalten aus dem Banat“ (1854) vor. Martini gilt als Begründer der banatdeutschen Literatur und war als Erzähler und als Journalist tätig. Er wurde in Lugosch geboren und wuchs im Banater Bergland auf. Laut Engel hatten prägende Landschaftserfahrungen bei Herkulesbad, wo Martinis Vater als Arzt arbeitete, sowie die fundierte Ausbildung am Temeswarer Piaristengymnasium einen nachhaltigen Einfluss auf sein literarisches und publizistisches Wirken. Zu Beginn verwies der Referent zudem auf die Freundschaft zwischen Martini und Georg Klapka, dem Revolutionsgeneral der Jahre 1848/49. Seine Tätigkeit als Lehrer an der Grenz-Cadettenschule in Karansebesch bis 1847 sowie seine Offizierslaufbahn bis 1850 spiegeln sich in seinen Werken wider. Im Roman zeichnet Martini das ethnische und landschaftliche Panorama des Banats nach und beschreibt den Wandel durch die habsburgische Kolonisation aus der Perspektive eines jungen Mannes.
Temeswarer Legenden und Geschichten
Katharina Kilzer (Wiesbaden) präsentierte in ihrem Vortrag „Temeswarer Geschichten und urbane Legenden aus der Habsburgerzeit“ eine Auswahl historischer Legenden und Erzählungen aus der Habsburgerherrschaft in Temeswar. Zu Beginn erläuterte sie die Definition von „urbanen Legenden“ und zeigte anhand visueller Beispiele deren Einfluss auf das kollektive Gedächtnis der Stadt. Mehrere bedeutende Bauwerke dieser Epoche sind von solchen Erzählungen geprägt, darunter das „Türkische Haus“, eines der ältesten Gebäude mit osmanischem Ursprung, dem gemäß Überlieferung ein geheimer Tunnel zugeschrieben wird. Weitere markante Bauwerke wie das „Efeuhaus“, das „Atlantenhaus“ sowie das „Pfauenhaus“ verfügen jeweils über ihre eigenen Erzählungen. Zeitungen wie die Temeswarer Nachrichten und die Temeswarer Zeitung (TZ) waren für das gebildete Bürgertum wichtige Informationsquellen. Besonders hervorzuheben ist Franz Xaver Kappus, ein renommierter Redakteur der TZ, der durch seine literarischen Werke und seinen Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke überregionale Bekanntheit erlangte.
Bedeutung der Banater Bergstädte
Professor Dr. Rudolf Gräf (Klausenburg) referierte über die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der Banater Bergstädte, darunter Wolfsberg, Anina, Dognatschka und Franzdorf, sowie weiterer Siedlungen im Banater Bergland. Im Rahmen seines Vortrags hob er die Vielzahl verschiedener Vereine in der Region hervor, wie den „Totenverein“ in Reschitza oder bergarbeiterbezogene Vereinigungen in Franzdorf und Anina. Die Bahnstrecke in Anina zählt zu den ältesten des Landes und wird heute für touristische Zwecke genutzt. Bereits 1899 ist ein erster Reiseführer für diese Region erschien.
Asociația Bastion-Várbástya
Honorarkonsul Péter Tamás (Temeswar) präsentierte einen detaillierten Bericht zur Geschichte sowie zum aktuellen Status der „Asociatia Bastion-Várbástya“. Er erläuterte, dass das Ungarische Haus in Temeswar – gegenüber der ehemaligen Banatia gelegen – mithilfe finanzieller Unterstützung des ungarischen Staates für 2,3 Millionen Euro zurückerworben werden konnte. Das Gebäude wurde vom renommierten Temeswarer Architekten Lászlo Székely konzipiert. Temeswar ist eine multikulturelle Stadt, in der gemäß der jüngsten Volkszählung etwa 3500 Deutsche und 7000 Ungarn leben. Der Konsul informierte über das Ungarische Haus sowie die damit verbundenen Veranstaltungen und strukturellen Veränderungen. Im Jahr 2015 gründeten die ersten 28 Mitglieder nach erfolgreichem Einsatz für die Rückgabe des Hauses den Verein Bastion-Várbástya. Das Objekt ist eines von mehr als achtzig Werken des Stararchitekten Lászlo Szekely. Zu den Aktivitäten des Vereins zählen unter anderem Radtouren bis nach Ungarn sowie die jährlich organisierten Ungarischen Tage Temeswars, die auf großes öffentliches Interesse stoßen. Abschließend lässt sich feststellen, dass Temeswar seine Entwicklung als mehrsprachige europäische Stadt konsequent fortführt.
Handel und Herausforderungen
Dr. Sandra Hirsch (Rumänische Akademie, West Universität Temeswar) analysierte den Handel sowie die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen in Temeswar während des 18. Jahrhunderts unter habsburgischer Herrschaft. Im Fokus standen die wirtschaftlichen Strukturen des Banats, die berufliche Vielfalt in Temeswar sowie der Alltag von Kaufleuten und Gastwirten. Die Region wurde systematisch erschlossen; Temeswar entwickelte sich zu einem bedeutenden Handelszentrum mit breiter Produktion und einer vielfältigen Berufs-, Ethnie- und Konfessionsstruktur. Neben einheimischen Akteuren waren deutschsprachige Kolonisten und Zuwanderer aus dem Osmanischen Reich und weiteren Regionen am Handel beteiligt. Orthodoxe Christen und Juden wirkten ebenfalls mit, mussten jedoch rechtliche Restriktionen hinnehmen. Händler und Gastwirte waren zahlreichen Vorschriften und moralischen Anforderungen unterworfen. Fallstudien belegen, dass wirtschaftlicher Erfolg eng mit sozialem Status und normkonformem Verhalten verknüpft war, während alltägliche Unsicherheiten bestanden. Zwischen ethnischen und religiösen Gruppen entstanden soziale Spannungen und Identitätskonflikte. Die Konkurrenz um wirtschaftliche Ressourcen und urbanen Raum führte sowohl zu Abgrenzung als auch Integration. Das Banat entwickelte sich im 18. Jahrhundert zu einer wirtschaftlich dynamischen und diversen Region. Die Herausforderungen spiegeln die strukturellen Bedingungen, die soziale Kontrolle, die Modernisierung sowie die individuellen Anpassungsleistungen und Erfahrungen hinter den wirtschaftlichen Entwicklungen wider.
Kunst trifft Alt-Temeswarer Barock
Abschließend präsentierte Dr. Alfred Zawadzi seine eigenen Kunstwerke in einem bebilderten Vortrag zum Alt-Temeswarer Barock. Die Barockzeit wurde gemäß Walter Benjamin als Beginn der Moderne charakterisiert. Zawadzi stellte ausgewählte Beispiele aus Temeswar vor, erläuterte die Entwicklung des Barocks von seinen Ursprüngen über die Kunst bis hin zum Kultstatus und präsentierte charakteristische Details, dekorative Elemente sowie bedeutende Bauwerke wie den Festungsbau, das Alte Rathaus, die Nepomuksäule, die Kirche des Ordens der Barmherzigen Brüder, den Barockpalast, die Dreifaltigkeitssäule und die Domkirche auf seinen expressionistischen Malereien, die er im Laufe der Zeit von der Stadt gemalt hat. Mit den kräftigen Farben der barocken Bauwerke und informativen Erläuterungen zur Vauban-Festung, dem Zentralpark (Scudier-Park) sowie dem Barockstil in der Domkirche hinterließ der Künstler nachhaltige Eindrücke von Temeswar – eine Stadt, die nicht nur attraktiv ist, sondern auch ständig Neues zu entdecken bietet. Die Kunst hat zudem die Umgebung des Theaters in Temeswar geprägt und insbesondere die Szenerie der Gegenwart gestaltet.









