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Auf den Spuren verschwundener Orte: Sonderausstellung im Donauschwäbischen Zentralmuseum

Was bleibt, wenn Menschen gehen? Die Aufnahme entstand 2024 in Lindenfeld. Foto: DZM © Frank Gaudlitz

Dem „Atlantis der Donau“, der in den Fluten des Stromes versunkenen Insel Ada Kaleh, ist in der Ausstellung eine eigene Sektion gewidmet. Foto: Walter Tonţa

„Atlantis – Versunkene Welten“ – so heißt die Ausstellung, die derzeit im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm gezeigt wird. Atlantis, das von dem griechischen Philosophen Platon um 360 v. Chr. beschriebene mythische Inselreich, das infolge einer Naturkatastrophe im Meer versunken ist, steht als Metapher für verschwundene Orte, für untergegangene Welten. Im Gegensatz zu Atlantis, das nicht wirklich existiert hat, sondern reine Fiktion ist, widerspiegelt die Ausstellung eine historische Realität: die Entvölkerung und Aufgabe tausender Siedlungen in Europa seit dem 20. Jahrhundert. 

„Atlantis – Versunkene Welten“ ist Teil einer von der Koordinierung Ostmittel- und Südosteuropa am Museum Europäischer Kulturen in Berlin erarbeiteten Ausstellungsreihe, die im Rahmen eines internationalen Projekts den Spuren verschwundener Orte in Südosteuropa nachgeht. Eingebunden in das von Andrea Vándor geleitete Projekt waren Forschungsinstitutionen, Museen und Wissenschaftler aus Ungarn, Rumänien, Serbien, Kroatien und Slowenien. Von den 24 untersuchten Siedlungen stellt die Ausstellung in Ulm neun vor. Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Geschichten haben die verschwundenen Dörfer und Gemeinschaften eines gemeinsam: Sie waren einst von einer nationalen Minderheit bewohnt.

Die Ausstellung rückt die Geschichte dieser Siedlungen, den Alltag der Menschen, die Gründe ihres Verschwindens und das Schicksal ihrer ehemaligen Bewohner in den Mittelpunkt. Zudem spürt sie den verbliebenen Spuren dieser Orte nach und zeigt auf, welche Formen der Erinnerungskultur sich entwickelt haben. Die Schau erzählt emotionsgeladene Geschichten von versunkenen „kleinen Welten“ anhand von Texten, Interviews mit ehemaligen Bewohnern oder deren Nachkommen, Objekten, historischen Aufnahmen, aktuellen Fotografien und Klanginstallationen. Besonders beeindruckend sind die im Jahr 2024 entstandenen großformatigen Aufnahmen des Fotokünstlers Frank Gaudlitz.

Die Gründe für das Verschwinden von Ortschaften sind vielfältig und unterscheiden sich je nach Region und Epoche. Wie die Ausstellung verdeutlicht, waren von Minderheiten bewohnte Siedlungen infolge von Kriegen und Grenzveränderungen und den damit verbundenen Fluchtbewegungen und Zwangsumsiedlungen, aber auch infolge ihrer ungünstigen Lage und fehlender Perspektiven besonders betroffen. Auch große Industrieprojekte haben immer wieder zur Aufgabe von Siedlungen geführt.
Als Beispiel dafür gilt die ehemals türkisch-muslimisch besiedelte Donauinsel Ada Kaleh. „Im Strome des Christentums liegt sie da, eine Insel des Islam“ – so beschrieb Egon Erwin Kisch die kleine Insel. Das malerische Dorf mit Festungsanlage, Moschee und Basar, durch dessen Gassen der Duft von Rosen wehte und das Leben pulsierte, versprühte orientalisches Flair. Es zog Besucher in seinen Bann und inspirierte Schriftsteller, Künstler und Fotografen. Mitte der 1960er Jahre, mit dem Bau des Kraftwerks Eisernes Tor, musste die exotische Insel wirtschaftlichen Interessen weichen. Die Bewohner mussten ihre Habseligkeiten packen, die meisten von ihnen übersiedelten in die Türkei. 1971 wurde die Insel schließlich vollständig von der Donau überflutet. Ada Kaleh ereilte das gleiche Schicksal wie das sagenumwobene Atlantis.

Im Falle von Lindenfeld führten anders geartete Gründe – Abgeschiedenheit, schlechte Erreichbarkeit, harte Lebensbedingungen – zur Entvölkerung und schließlich zur vollständigen Auflassung des im Banater Bergland gelegenen Dorfes, das 1828 von Deutschen aus Böhmen gegründet worden war. Die Einwohner lebten vor allem von Viehzucht, Holzfällen und Köhlerei. Zwar verfügte Lindenfeld über eine Kirche, eine Schule und ein Wirtshaus, doch die Anbindung an die Umgebung war sehr schlecht, weil es keinen ausgebauten Verkehrsweg gab. Immer mehr Menschen verließen das isolierte Dorf und zogen in größere umliegende Siedlungen und später nach Deutschland. In den 1990er-Jahren war Lindenfeld schließlich nahezu menschenleer. Der letzte Einwohner starb 1998. Die Häuser sind mittlerweile verfallen und die Natur holt sich in rasantem Tempo zurück, was ihr die Menschen mühevoll abgestritten haben. Einzig die Kirche ist äußerlich einigermaßen gut erhalten – und dies dank der Initiative von Helmuth Kierer, der das Gotteshaus in jahrelanger Eigenarbeit instandgesetzt hat.

Wie Lindenfeld war auch das ehemalige Dorf Dolina im Südwesten Ungarns von Deutschen bewohnt. Mit deren Vertreibung begann 1946 der Niedergang des kleinen Dorfes. Obwohl der Ort neu besiedelt wurde, verödete er zusehends aufgrund fehlender Straßenanbindung. Die letzten Bewohner verließen Dolina 1974. Das Dorfgelände wurde in Ackerland umgewandelt. Das verschwundene Dorf rückte 2022 ins öffentliche Bewusstsein, als die Glocke der Kapelle gefunden wurde. Im benachbarten Städtchen Bátaszék aufgestellt, hält sie die Erinnerung an Dolina wach.

Das im Norden Ungarns gelegene einstige Dorf Derenk war die südlichste polnische Sprachinsel. Aufgrund der abgeschiedenen Lage und des Zusammenhalts der Bevölkerung bewahrte sich die kleine Gemeinschaft ihre sprachlichen und kulturellen Besonderheiten. Anfang der 1940er Jahre wurde das Gebiet in ein Jagdreservat umgewandelt, weshalb die Bewohner umgesiedelt wurden. Die Kirche und die Häuser wurden abgerissen. Die in den 1990er Jahren an der Stelle der Kirche errichtete Kapelle ist Pilgerziel und das ehemalige Dorf ein wichtiger Erinnerungsort der polnischen Minderheit in Ungarn.

Die beiden im Nordwesten Serbiens gelegenen Dörfer Gakowa/Gakovo und Kruschiwl/Kruševlje stehen in der Ausstellung exemplarisch für das Verschwinden der deutschen Minderheit im ehemaligen Jugoslawien. Im Herbst 1944 wurden in beiden Dörfern, die seit dem 18. Jahrhundert von Deutschen bewohnt waren, Internierungslager für die schwäbische Bevölkerung eingerichtet. Mehrere Tausend Menschen kamen hier ums Leben. Während Gakowa bis heute als mehrheitlich serbisches Dorf weiterbesteht, gibt es das Dorf Kruschiwl offiziell nicht mehr. An die einst hier lebenden Donauschwaben und an die verstorbenen Lagerinsassen erinnern Gedenkstätten.

Das Schicksal der beiden von Gottscheern bewohnten kleinen Dörfer Neulag/Novi Log und Alttabor/Stari Tabor wurde im Zweiten Weltkrieg besiegelt. Das Gottscheer Land, eine deutsche Sprachinsel im Südosten Sloweniens, bestand über 600 Jahre – bis zum Winter 1941/1942, als dessen Bewohner unter der Parole „Heim ins Reich“ in die Untersteiermark umgesiedelt wurden. Von dort mussten die Gottscheer nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Österreich flüchten. Später zogen viele nach Deutschland oder wanderten nach Übersee aus. Die verlassenen Dörfer wurden 1942 von der italienischen Armee niedergebrannt. Wo einst Menschen lebten, hat heute die Natur die Oberhand gewonnen. Das Gelände des ehemaligen Dorfes Alttabor, von dem noch wenige Ruinen erhalten sind, zählt zum Kulturerbe Sloweniens.

Piemonte d'Istria/Završje war einst ein von Italienern bewohntes Städtchen im Norden Istriens im heutigen Kroatien. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Region an Jugoslawien fiel, floh der Großteil der Bevölkerung, viele ließen sich in Triest nieder. Der malerische Ort wirkt heute völlig ausgestorben, nur wenige Häuser sind noch dauerhaft bewohnt. Die Erinnerung an das einstige Leben dort wird von den Nachkommen der ehemaligen Bewohner gepflegt: Jedes Jahr kehren sie zurück, um gemeinsam das Fest des heiligen Franziskus zu feiern.

Die Ausstellung setzt ein Zeichen gegen das Vergessen. Sie macht das Schicksal von Menschen, die ihre angestammte Heimat aus verschiedenen Gründen verlassen mussten, erfahrbar. Und sie zeigt eindrücklich was bleibt, wenn Siedlungen und Gemeinschaften verschwinden. Bestenfalls hält sie Erinnerungskultur lebendig. Sie kann bis zum 20. September besichtigt werden.