Die Anthologie „Legst du dich in Schrift. Ilse Hehn. Zeit der Ebbe“ vereint Gedichte und Bilder der Banater Künstlerin aus sechs Jahrzehnten und lädt zu einer literarischen Reise durch die Zeit ein. Die Auswahl der Gedichte, Kunstbilder, Rezensionen, Notizen, Texten und Eigenbetrachtungen aus sechzig Jahren ihres Schaffens zeigt die künstlerische Entwicklung von Ilse Hehn von ihren frühen bis zu aktuellen Arbeiten. Die 2025 im Pop-Verlag, Ludwigsburg erschienene chronologisch strukturierte Sammlung von Betrachtungen zum literarischen und künstlerischen Werk über mehrere Jahrhunderte hinweg liest sich wie ein Lebenslauf, in dem das Alltägliche, Unerklärliche und Schöpferische als selbstverständlicher Bestandteil von Poesie und Kunst dargestellt wird. Auf 624 Seiten enthält die Publikation eine sorgfältig ausgewählte Zusammenstellung von Texten und Bildern aus den Jahren 1965 bis 2025. Hehns umfassendes literarisches und künstlerisches Schaffen, das mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt wurde und mehrere Jahrzehnte umspannt, wirft die Frage auf, wie man einer so vielseitigen Autorin und Künstlerin gerecht werdende Worte finden kann.
Die vorliegende Sammlung von Gedichten, Collagen, Bildtexten, bibliografischen Hinweisen, Rezensionen, Vorworten – darunter auch zweisprachige Werke – lässt sich treffend als „biografische Anthologie“ bezeichnen. Während manche Menschen Biografien oder Autobiografien verfassen, bündeln andere ihre Veröffentlichungen in Büchern, die ebenfalls eine persönliche Lebensgeschichte spiegeln. Die Bücher von Ilse Hehn bestechen durch stilistische Vielfalt: Sie sind eigenwillig, künstlerisch verfremdet, ironisch gebrochen, selbstbewusst, verspielt, aufmerksam, poetisch, einfühlsam und mitunter humorvoll – so lauten einige der Charakterisierungen, die Rezensenten ihren Werken zuschreiben.
Ilse Hehn, eine Banater Schriftstellerin und bildende Künstlerin, in Lowrin geboren, schloss 1964 ihr Studium an der Fakultät für Bildende Kunst der Universität Temeswar ab. Bis zu ihrer Ausreise nach Deutschland im Jahr 1992 arbeitete sie als Kunst- und Kunstgeschichtslehrerin an zwei Gymnasien in Mediasch, Siebenbürgen. Ihr literarisches Debüt gab sie 1973 mit dem Gedichtband „Soweit der Weg nach Ninive“. Seitdem hat sie zahlreiche Bücher veröffentlicht, vor allem in deutschsprachigen Publikationen in Rumänien und Deutschland. Heute lebt sie als Autorin und Künstlerin in Ulm und widmet sich hauptsächlich der Veröffentlichung von Kunstbüchern, Lyrik und Prosa, wobei ihre Prosatexte oft von einem lyrischen Ton geprägt sind. Ihre Gedichte wurden bereits in viele Sprachen – Französisch, Englisch, Russisch, Rumänisch, Serbisch, Ungarisch und Japanisch – übersetzt. Zu ihren wichtigsten Auszeichnungen zählen der Literaturpreis für Lyrik der Künstlergilde Esslingen 2012, der Literaturpreis des rumänischen Schriftstellerverbandes (Lyrik) 2014 oder der Donauschwäbische Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg 2017. Über all die Jahre wurde Ilse Hehn von ihren Lesern als selbstbewusst, spielerisch, aufmerksam, aufgeschlossen, humorvoll und einfühlsam erlebt – Eigenschaften, die sich auch in ihren Werken widerspiegeln.
Der Begriff „Anthologie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich „Blütenlese“. Ilse Hehns aktuelle Veröffentlichung greift diese Ursprungsbedeutung auf: Die Anthologie bietet eine Blütenlese mit Einsichten durch Rezensionen bekannter deutscher Literaturwissenschaftler und Philologen wie Ingmar Brantsch, Eva Filip, Franz Heinz, Katharina Kilzer, Edith Ottschofski, Halrun Reinholz, Christina Rossi, Wolfgang Schlott, Eduard Schneider, Walter Tonța, Balthasar Waitz, und weiteren. Wenn Ingmar Brantsch betont, dass die Autorin versuche, „… der Wirklichkeit im totalitären System Ceaușescus sowie der vereinheitlichenden Konsumwelt des Westens lebenswerte und besonders liebenswerte Seiten abzugewinnen“, so ist das die Brücke, die die Künstlerin zwischen beiden Welten, Systemen und Ansichten baut. Eduard Schneider analysiert etwa die Vielfalt ihres künstlerischen Ausdrucks von „lyrischen Impressionen über Liebes- und Trauergedichte“ bis hin zu Erzählgedichten, kurzen poetischen Beschreibungen und Collagen mit Lyrik, die „sich stilistisch zusammenfügen“. Häufig muss man in den veröffentlichten Rezensionen oder deren Auszügen nach dem Titel und Erscheinungsjahr der Gedichtbände oder Anthologien suchen, da diese Informationen meist nur als Fußnote angegeben werden.
Die Rezensionen in der Anthologie sprechen für sich und ergänzen den Lebenslauf der Künstlerin mit ihren Veröffentlichungen vom Debütband „So weit der Weg nach Ninive“, Bukarest 1973, bis zu dem 2022 erschienenen Prosa- und Lyrik-Band „Diese Tage ohne Datum“, Ludwigsburg 2022. Der Titel der Anthologie ist dem Gedicht „Schreiben (Palimpsest II)“, S. 538 entnommen: „Zwischen bezeugendem Bleistift und / Unaussprechlichem / legst du dich in Schrift…“.
Ein eigenes Kapitel mit dem Titel „Bleistiftskizzen“ (S. 491) enthält Porträts verschiedener Schriftstellerkolleginnen und -kollegen der Autorin aus ihrer Mediascher Zeit (1966–1987) sowie späteren Wiederbegegnungen. Die Kurzporträts – etwa von Edmund Höfer, Alfred Kittner, Frieder Schuller, Ingmar Brantsch, Helga Reiter, Franz Storch, Wolf von Aichelburg, Richard Wagner, Herta Müller, Dieter Schlesak und Werner Söllner – zeigen intime Eindrücke und persönliche Einschätzungen, die nicht immer schmeichelhaft sind. Da viele dieser Autoren inzwischen verstorben sind, werden Reaktionen darauf nicht erwartet. Laut Georg Aescht, der drei Leseoptionen vorschlägt, lassen sich die Texte als historisch, subjektiv oder poetisch lesen. („…eine historische mit Klarnamen und biografischen Bezügen, eine subjektive mit sensiblen psychoanalytischen Eindrücken und eine poetische mit gelungenen metaphorischen Akzenten.“, S. 490). Die Herkunft des Zitats wird nicht angegeben.
Eduard Schneider bescheinigt dem 1988 erschienenen Gedichtband „Das Wort ist keine Münze“ (Kriterion, Bukarest, 1988) „einen Wandel im Duktus der Sprache, die die Emotionen dabei nicht unterdrückt“. Er sieht in der „Verhaltenheit im Ausdruck“ Ilse Hehns keine „Unterdrückung des Gefühlhaften, sondern zur Intensivierung einer Sensibilität, die aufgrund einer Summe von Erfahrungen umfassender sich selbst und die UM-Welt darzustellen trachtet.“ („Eindringliches poetisches Sprechen“, S. 91). Schriftstellerkollege Balthasar Waitz aus Nitzkydorf nennt in der Banater Zeitung vom 10. Juli 2013 den zweisprachigen Lyrikband „Irrlichter. Kopfpolizei Securitate“ (Bad Schussenried 2013) ein Buch „nach dem Prinzip Spiegel und Zerrspiegel in Gedichten, Notaten, Collagen, Malerei – eine poetische Auseinandersetzung mit einem tristen Erfahrungsbereich, dem dogmatischen und gewalttätigen Ceaușescu-Regime und dem auch von ihr durchlebten Irrsinn der alles beherrschenden Kopfpolizei Securitate. („… und achtsam ortet man das Wort“, S. 124).
Weitere Rezensionen sind wohlwollend, kaum kritische Töne oder Bemerkungen sind nachzulesen, was der Dichterin schmeichelt und bestimmt auch entspricht. Für diejenigen, die Ilse Hehn noch nicht kennen, empfiehlt es sich, ihre „Blüten(aus)lese“ als Überblick ihres literarischen und künstlerischen Werks zu lesen. Insbesondere gilt sie als bedeutende Seelendichterin der Banater.
Legst du dich in Schrift. Ilse Hehn. Zeit der Ebbe. Eine Text und Bild-Auswahl von 1965 – 2025. Reihe Lesezeichen, Band 5, 624 Seiten, ISBN 978-3-86356-425-4, 39,50 €[D]









