Schon vierzig Jahre ist es her, seit der sprachgewandte Lyriker und Mitbegründer der Aktionsgruppe Banat Rolf Bossert am Leben zerbrach, das er so geliebt hatte. Zwei Monate nach seiner Ausreise sprang er in Frankfurt am Main aus einem Wohnblockfenster in den Tod. Das Deutsche Kulturforum Osteuropa und die Bundesstiftung Aufarbeitung nahmen dies zum Anlass, am Tag genau, dem 17. Februar 2026, gemeinsam einen Themenabend für ihn zu organisieren. Der Moderator des Abends, Autor, Übersetzer und Drehbuchautor Jan Koneffke hatte eine Zeile aus einem Bossert-Gedicht als Titel ausgewählt: „Wo sind wir, was wir sind“. Existieren und Schreiben in der kommunistischen Diktatur.
Die gut besuchte Veranstaltung – im Publikum saßen so manche Schriftstellerinnen und Zeitzeugen –, begann mit einem Grußwort des stellvertretenden Direktors der Bundesstiftung, Dr. Robert Grünbaum. Dieser fragte sich, wie sich Menschen durch Freiheit eine innere Freiheit bewahren können, wenn die äußere Freiheit fehlt, wie Literatur Wahrheit aussprechen kann, wenn die Wahrheit selbst gefährlich ist? Damit würde sich der Themenabend beschäftigen.
Mit leiser und eindringlicher Stimme begann Herta Müller ihren Vortrag, bei dem allein schon der Titel funkelte: „Das kleingewürfelte Glück“. Und während man noch über die Möglichkeit des Kleinwürfelns des Glücks grübelte, betonte Dr. Grünbaum, dass es neben der Freude auch eine Ehre sei, sie dabei zu haben. Die Nobelpreisträgerin hatte den Reschitzaer Autor gut gekannt und war mit ihm befreundet. Ein weiterer Zeitzeuge, Ernest Wichner, Mitbegründer der Aktionsgruppe Banat, würde nachher auf dem Podium sitzen. Mit Rolf Bossert und Richard Wagner, dem früheren Ehemann Müllers, verlor die legendäre Schriftstellervereinigung, die 1972 gegründet und schon 1975 verboten wurde, bereits zwei ihrer früheren Mitglieder.
Wie sich langsam und immer poetischer das Porträt Rolf Bosserts aus den Worten Herta Müllers herausschälte, bekam man eine Ahnung von dem, was den Banater Autor ausmachte, „wie er tickte“, würde man unbekümmert sagen. Man bekam vor allem eine Ahnung davon, was eine Diktatur aus Freigeistern macht. Müller sprach von einem Übermut im Bewusstsein der eigenen Nichtigkeit, wobei sie den Größenwahn bei den Machthabern verortete: „Die Nichtigkeit tobte sich aus, überschätzt haben sich nur die, mit der Macht in den Händen, sie besaßen den Größenwahn, der unser Leben kontrollierte.“
Der 1952 in der Hüttenstadt Reschitza geborene Rolf Bossert, einer Stadt, „in der der Himmel nicht weiter nach oben reichte als die Seilbahn“, so die Rednerin, in einer Gegend, „in der die Industrie die Landschaft frisst,“ ging mit zwanzig Jahren nach Bukarest, um dort Germanistik und Anglistik zu studieren. Nach einer kurzen Zeit als Lehrer in Buşteni, kehrte er nach Bukarest zurück, war dort zeitweise wohnungslos und kam zusammen mit seiner Frau bei Freunden, manchmal in unterschiedlichen Wohnungen unter. Schließlich bekam das Paar eine Wohnung und konnte seine Kinder nachholen. Ein einschneidendes Erlebnis war jedoch, dass Bossert nicht nur von der Securitate verhört, sondern im März 1981 zusammen mit Klaus Hensel auf offener Straße zusammengeschlagen wurde – wahrscheinlich auch von deren Handlangern. Dabei zog er sich einen doppelten Kieferbruch zu und verbrachte längere Zeit im Krankenhaus, in der Chirurgie und später in der Psychiatrie. 1984 stellte er einen Ausreiseantrag, verlor prompt seine Arbeitsstelle und konnte nicht mehr veröffentlichen. Kurz vor der Ausreise, Weihnachten 1985, beschlagnahmte die Securitate all seine Manuskripte. Sechs Wochen später wurde er tot aufgefunden, die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt.
Herta Müller beschrieb den Freund als lebenshungrigen Menschen, „der in den Augenblick hineinsprang“ und sich das „kleingewürfelte Glück“ schnappte, „das nicht zu halten war“. Sie machte die Schlagfertigkeit aus im Wort in seinen Gedichten.
Bossert debütierte 1979 in Rumänien mit dem Gedichtband Siebensachen, schrieb und übersetzte auch Kinderbücher. In Deutschland erschien 1986 Auf der Milchstraße wieder kein Licht und 2006 eine gesammelte Ausgabe seiner Gedichte, herausgegeben von Gerhardt Csejka Ich steh auf den Treppen des Winds.
Herta Müller erwähnte an diesem Abend die Zeilenbrüche, die einen das Unausgesprochene weiterdenken lassen in Bosserts Gedichten, aber vor allem einen gelebten Widerspruch, eine „Zerrissenheit“, die das Fröhliche und die Trauer gleichzeitig erfasste: „Die Trauer schlägt um ins Lachen und das Lachen trauert, das ist vielleicht die Gleichheit der Zerrissenheit: Sich den Knoten machen im eigenen Hals und das, was sich gegenseitig nicht aushält, aneinander ausprobieren.“
Nach diesem berührenden Vortrag moderierte Jan Koneffke die Diskussionsrunde, in der neben Ernest Wichner die sowohl rumänische als auch deutsche Autorin Carmen Francesca Banciu, der gebürtige Ost-Berliner Lyriker Uwe Kolbe und die ungarische Autorin und Dozentin Dr. Noémi Kiss zu Gast waren. Sie alle hatten einen Bezug zu Rolf Bossert, sei es ein lebensverändernder, wie bei Banciu, oder ein literarischer, wie bei Kiss. Rolf Bossert hatte eine Erzählung von Banciu ins Deutsche übersetzt, die später – in Deutschland ausgezeichnet – ein Publikationsverbot für die damals noch in Rumänien lebende Autorin als Folge hatte. Auch Uwe Kolbe hatte in der DDR ein Publikationsverbot bekommen; in der Runde beschrieb er seinen jugendlichen Übermut, mit dem er einen rebellischen Text verfasst hatte, der wider Erwarten gedruckt wurde. Danach schlug der Staat zurück. Noémi Kiss‘ Verbindung zu Bossert ist eine ästhetische, sie trug Auszüge eines Poems des ungarischen Dichters György Petri vor, dem bekanntesten ungarischen Lyriker der 1980er Jahre, das dieser dem damals bereits verstorbenen Bossert gewidmet hatte. Er war ihm in einer Kneipe in Berlin begegnet und hat später seine Gedichte ins Ungarische übersetzt. Bei beiden Dichtern, so wie insgesamt in den 1980er Jahren in sozialistischen Ländern, sei Alkohol tragischerweise bestimmend gewesen.
So saßen die Menschen aus den drei „Bruderländern“ zusammen und die Erfahrungen mit Unterdrückung und Diktaturen ähnelten sich auf traurige Weise, nicht nur in der Grausamkeit der Täter, sondern auch in den Schicksalen der Literaten.
Ernest Wichner, der Weggefährte, der viel früher ausgereist war, brachte zwei Briefe Rolf Bosserts mit, von 1979 und 1982, die dieser dem Weimarer Dichter Wulf Kirsten geschrieben hatte, der einen engen Bezug zu Rumänien hatte. Bossert fand dessen knappe Situationsbeschreibung der rumäniendeutschen Literatur so treffend. Wichner zitierte sie aus dem Werk „Der Schreibtisch“: „wo alle auf einer untergehenden Sprachinsel ausharren und nicht wissen, für wen noch das Schweigen aufreißen Monat um Monat, mit Lettern, wenn längst alle auf gepackten Koffern sitzen und danach trachten landesabständig zu werden“. In den Briefen kam ein junger Autor zu Wort, der sich für die Aufmerksamkeit gegenüber seinen Texten bedankt, sich über den sozialistischen Alltag beklagt – jemand, der das „kleingewürfelte Glück“ suchte.
Mit einem Gedicht von Rolf Bossert beendete Koneffke die Diskussionsrunde, um zu m Film überzuleiten, dessen Drehbuch er geschrieben hatte: „Mein Bukarest – Jan Koneffke über Rolf Bossert“. Im Dokumentarfilm, der an Originalschauplätzen gedreht wurde, von Reschitza bis zum Literarischen Colloquium in Berlin, wo Rolf Bossert kurze Zeit vor seinem Tod eingeladen war, waren auch viele O-Töne des Lyrikers zu hören, die zuweilen sarkastisch aneinander montiert waren, „damit es nicht zu traurig wird“. Der Film, der in der deutschen Sendung „Akzente“ in Rumänien ausgestrahlt wurde, ist gut recherchiert und einfühlsam. Koneffke sah in der Wohnungslosigkeit Bosserts ein existenzielles Problem: „Wo war der Platz Rolf Bosserts in Bukarest?“
Auch Herta Müller spürte der entscheidenden Frage nach, was die Menschen hinterlassen, nachdem sie freiwillig gehen. Rolf Bossert „wollte ankommen mit einer Frau und beiden zwei kleinen Söhnen, er kam an“, stellte sie fest, „die Freiheit aber stand Kopf und der Himmel war unten.“ War es nun der rumänische Geheimdienst, an dem der junge Dichter zerbrochen ist, oder die unerträgliche Freiheit der westlichen Gesellschaft? Rolf Bossert hat seine Freunde ratlos zurückgelassen und berührt die junge Leserschaft bis heute. Jährlich bewerben sich viele junge Autoren für den Gedenkpreis, der seinen Namen trägt. Aber, das sagte auch Herta Müller, „der Sprung hat gezeigt, wie gerne er gelebt hat“.
Die Veranstaltung kann auf dem Youtube-Kanal der Bundesstiftung Aufarbeitung unter: https://www.youtube.com/watch?v=s3_iIzPUZRU. angesehen werden.









