Das Erstlingswerk der aus Glogowatz stammenden jungen Autorin Betty Boras ist unter dem Titel „Das schönste aller Leben“ am 17. Februar im hanserblau-Verlag Berlin erschienen. Betty Boras wurde 1984 in Arad geboren und kam 1990 mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie studierte Geschichte, Philosophie und Spanisch in Tübingen, arbeitet als Gymnasiallehrerin und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in der Nähe von Stuttgart. In ihrem Buch verwebt sie die Erinnerungen an Glogowatz mit ihren Erfahrungen als Kind und Jugendliche in einem Land, das – obwohl Heimat ihrer Vorfahren – viel von ihr, ihren Eltern und Großeltern abverlangt, um akzeptiert zu werden, um dazu zu gehören. Sie erfindet eine Geschichte, die gleichzeitig beeindruckend und ergreifend ist. Sie erzählt über Erfahrungen, die viele von uns gemacht haben, spricht über Gefühle, die viele von uns kennen. Die Buchpremiere fand am 2. März in der Georg Büchner Buchhandlung am Kollwitzplatz in Berlin statt. Der hanserblau-Verlag hat uns Informationen zum Buch, ein kurzes Interview mit der Autorin und deren Bericht zu ihrer Rumänienreise im Jahr 2025 zur Verfügung gestellt.
"Ich möchte eine schöne Tochter"
Für Vio ist Schönheit ein Versprechen von Glück und Aufstieg. Doch als ihre zweijährige Tochter bei einem Unfall Narben davonträgt, ringt die junge Mutter um das eigene moralische Selbst und fragt sich, was ihr Wunsch nach Perfektion über sie aussagt. Seit der Flucht aus dem rumänischen Banat kurz nach dem Sturz der Diktatur hat sie gelernt, was es heißt, sich anzupassen – fleißiger, schöner, stiller zu sein als die anderen. Fleiß und Schönheit waren die Währungen, mit denen Zugehörigkeit bezahlt wurde. Doch was passiert, wenn das Äußere, das all dies tragen soll, plötzlich beschädigt ist? Und welche Spuren hinterlässt das Streben nach Perfektion über Generationen hinweg? Mit „Das schönste aller Leben“ gelingt Betty Boras ein vielstimmiger Debütroman über Schönheit als soziale Währung, Mutterschaft, Schuld und Herkunft. Boras verwebt Gegenwart und Vergangenheit, intime Frauenporträts und europäische Zeitläufe – von den Banater Siedlungen bis zur bundesdeutschen Gegenwart.
Vios Leben ist gut, ihre Ehe mit Daniel glücklich und die Liebe zu ihrer Tochter Sophie überlebensgroß. Doch als ein Unglück passiert und Vio einen Unfall verursacht, der ihre Tochter fortan körperlich zeichnet, nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die tief in die Seele einer Frau und Mutter blicken lässt. Unfähig, ihre Schuld zu relativieren, stellt sich Vio unbarmherzig den eigenen, zutiefst verankerten Prägungen: dem Glauben, dass Schönheit eine Währung ist und einer Frau den Platz in der Gesellschaft sichert. Vio ist überzeugt, die Zukunft ihrer Tochter, aber auch das eigene Bild einer „guten Mutter“ zerstört zu haben. Während sie in Schuld und Scham zu versinken droht, wird deutlich, welchen Stellenwert Perfektion schon immer in ihrer Familie eingenommen hat: Vios Mutter Rosalia, die nach dem Zusammenbruch des Ceaușescu-Regimes mit ihrer Familie aus dem rumänischen Banat nach Deutschland floh, verkörpert den Anpassungswillen einer Generation, für die Schönheit und Fleiß die Eintrittskarten in ein neues Leben, eine andere Welt waren. Ein Erbe, das Vio weiterträgt, ohne es zu wollen. Parallel dazu entfaltet sich die Geschichte Theresias, die im 18. Jahrhundert als begehrenswerte junge Frau im Wiener Umland lebt, dann von der Keuschheitskommission entrechtet und in ein Arbeitslager im Banat verschleppt wird. Schönheit wird ihr wiederum zum Verhängnis – und doch bleibt sie der Ursprung einer Kraft, die über die Jahrhunderte hinweg weiterwirkt.
Zwischen den Frauenschicksalen der Gegenwart und Vergangenheit entsteht ein Resonanzraum, geprägt durch Herkunft, Mutterschaft und Schönheitsideale. Beiden Frauen ist die Banater Erde eingeschrieben, die zwischen den Jahrhunderten ein Band aus Schmerz und Scham spinnt. „Das schönste aller Leben“ ist ein kraftvolles Debüt über das Frausein in Vergangenheit und Gegenwart, über das Erbe von Migration, über Körper, Schuld und Liebe – und über die Erkenntnis, dass sich Schönheit erst zeigt, wo Verletzlichkeit erlaubt ist.
Interview: Die Autorin über ihren Roman
Wovon handelt „Das schönste aller Leben“ im Kern – und wie spiegeln sich darin die drei Frauenfiguren?
Es geht um Herkunft, Mutterschaft und Schönheitsideale. Vio ist als Kind aus dem rumänischen Banat nach Deutschland gekommen und hat gelernt, dass sie angepasster, fleißiger und schöner als andere sein muss, um dazuzugehören. Sie findet ihren Platz in der Gesellschaft, aber als sie später eine Tochter hat, die nach einem Unfall Narben davonträgt, an denen Vio sich die Schuld gibt, droht sie an ihren Selbstvorwürfen zu zerbrechen. Im Wiener Umland des 18. Jahrhunderts gilt Theresia als begehrenswerte Frau und gerät dadurch ins Visier der Keuschheitskommission. Sie verliert ihr Zuhause, wird entrechtet und in ein Arbeitslager im Banat verschleppt. Vio als Kind sowie als Erwachsene und Theresia sind die Protagonistinnen eines suchenden Romans, der unseren Blick auf Schönheit und Zugehörigkeit infrage stellt.
Welche der Frauenfiguren liegt dir persönlich am nächsten – und warum?
Vios Geschichte als Kind und Jugendliche ist am stärksten mit meiner eigenen Biographie verbunden. Auch ich kam als Sechsjährige aus dem rumänischen Teil des Banats nach Deutschland. Was Vio als Mutter geschieht und Theresia durch die Keuschheitskommission erleidet, habe ich glücklicherweise nicht erlebt. Aber ich kenne die Ängste als Mutter, dass dem eigenen Kind etwas zustößt, und das Gefühl, sein Zuhause zu verlieren. Insofern liegen mir alle drei Frauenfiguren gleichermaßen am Herzen.
Warum spielt das Thema Schönheit im Roman so eine große Rolle?
Weil ich Frauen in den Mittelpunkt stellen wollte und weil es ein Kriterium ist, durch das Frauen seit jeher bewertet werden. Schönheit ist eine Währung, sie kann Macht verleihen, aber auch gefährlich sein. Die meisten Frauen haben zu viel davon oder zu wenig, können es scheinbar nur falsch machen. Die richtige Dosierung ist ein schmaler Grat und liegt nur teilweise in unserer Hand. Und selbst, wenn wir aufgeklärt sind und vor allem auf innere Werte achten wollen, zeigt uns der Erfolg der Schönheitsindustrie, wie präsent der Wunsch nach gutem Aussehen ist (was auch immer man darunter verstehen mag). Eines der drei Frauenschicksale spielt im 18. Jahrhundert.
Wie verwebt sich diese Geschichte mit den Frauenleben der Gegenwart?
Die Themen Herkunft, Mutterschaft und zu erfüllende Schönheitsansprüche sind dieselben, weil gerade die letzten beiden Motive Frauen schon immer betroffen haben. Darüber hinaus gibt es aber auch symbolische und verwandtschaftliche Verknüpfungen, welche die Figuren in Bezug zueinander stellen und zeigen, dass sich einiges bereits geändert hat, viele Grundthemen im Leben von Frauen aber immer noch dieselben sind.
Was hat dich am Schicksal der Banater Schwaben besonders beschäftigt – gerade im Hinblick auf Herkunft, Migration und Mutterschaft?
Mich beeindruckt der Mut, den sie vor Jahrhunderten schon aufbrachten, als sie aus Deutschland in die Fremde gingen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie wussten nicht, was sie erwartet, und sollten eine Region aus dem Nichts aufbauen. Und mich beeindruckt der Mut, den sie Jahrhunderte später aufbrachten, als sie zurückkehrten. Das ist der Mut meiner Eltern und Großeltern. Auch sie mussten ganz von vorne beginnen. Ich habe lange geglaubt, dass meine eigene Migration in meinem Leben keine große Rolle spielen sollte. Ich kam als Kind, ich konnte die deutsche Sprache, wenn auch in Abwandlung. Durch meine eigene Mutterschaft wurde mir erst richtig klar, wie groß der Unterschied ist, ob man an einen Ort und eine Kultur hineingeboren wird und sich ganz selbstverständlich darin bewegt oder ob man erst lernen muss, sich darin zurechtzufinden.
Reise ins Banat im Juni 2025
1990, nach dem Sturz des kommunistischen Diktators Ceaușescu, kam ich als Sechsjährige mit meinen Eltern aus Rumänien nach Deutschland. Nach mehr als zweihundert Jahren kehrten wir in die Heimat unserer Vorfahren zurück. Zuerst gab es noch Besuche in der alten Heimat, diese wurden aber weniger und blieben schließlich aus. Es gab dort keine Verwandten mehr, kaum Freunden, das Leben spielte sich in Deutschland ab. Nach mehr als zwanzig Jahren Pause unternahm ich gegen Ende der Arbeit an meinem Roman eine Reise mit meiner Familie zu meinen Wurzeln und einigen der Romanschauplätze. Die dortige Handlung liegt zwar in der Vergangenheit, in die ich natürlich nicht reisen konnte, dennoch war ich neugierig, wie viel sich verändert hatte und ob sich meine Erinnerungen mit der Gegenwart in Einklang bringen ließen. Auch war ich aufgeregt, meinem Mann und unseren Kindern zu zeigen, wo ich aufgewachsen bin. Meine Eltern begleiteten uns. Ein bisschen wie im Roman.
In Ungarn hielten wir in Gyula, dem Ort, an dem Theresia die Kranken pflegt und an dem sie den rettenden Lindenblütentee kocht. Wie bezaubernd, dass Gyula dann auch tatsächlich voller Lindenbäume war!
In Glogowatz, dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin und aus dem auch meine Protagonistin Vio stammt, hatte ich besonders viele Anknüpfungspunkte an mein altes Leben. Unser ehemaliges Haus und besonders den dazugehörigen Garten hatte ich viel größer und schöner in Erinnerung. Beide schienen die Pflege meiner Eltern und Großeltern zu vermissen, ein wenig wie aus der Zeit gefallen standen sie da. Auch das Haus meiner anderen Großeltern hatte gelitten, die Zementplatten im Innenhof hatten Risse gesammelt wie Bäume Jahresringe. In der Kirche, in der meine Eltern geheiratet hatten und ich getauft worden war, trafen wir den Küster, ein alter Freund meiner Eltern, der uns herumführte. Auf der Orgelempore fand ich uralte deutsche Liederbücher, auch wenn die Hauptsprache im Ort schon lange Rumänisch ist. Bis in die 1980er Jahre waren Dreiviertel der Einwohner von Glogowatz Deutsche, jetzt gibt es sie dort nur noch vereinzelt. In Glogowatz, das schon lange nur noch seinen rumänischen Namen Valdimirescu führt, kam kein Heimatgefühl mehr auf. Wohl aber ein Gefühl dafür, dass hier alles seinen Anfang genommen hatte. Wie viel Zeit vergangen war, wie viel Mühe nötig gewesen war und wie viel Einleben in der Ferne stattgefunden hatte.
In der ehemaligen Hauptstadt des Banats, Temeswar, der Ort, an den Theresia deportiert wird, fanden während unseres Aufenthalts die Banater Heimattage statt. Die ganze Stadt war voll von Nachkommen in alter Banater Tracht, die auf dem großen Platz vor der Oper tanzten. Viele waren aus Deutschland angereist, manche lebten in Rumänien und konnten die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr sprechen, aber zu jeder Zeit war eine starke Gemeinschaft zu spüren, die mich gleichermaßen erstaunte wie berührte.
Auf der Rückreise lief ich auf Theresias Spuren durch Wien, bewunderte mit ihren Augen den Vermählungsbrunnen, spürte die Ehrfurcht vor dem Stephansdom, ging die Wipplingergasse entlang zum Hohen Markt, wo sich in der Schranne das Keuschheitsgericht befand. Das Museum Wien klärt über die unter Maria Theresia gegründete Keuschheitskommission auf und zeigt auf imposanten beleuchteten Tafeln den Grundriss Wiens zu jener Zeit, als das Himmelpfortkloster noch stand. Eine Reise in die Vergangenheit, eine Reise durch meinen Roman und das Gefühl, von Orten, Landstrichen und Figuren zu erzählen, die vergangen wie gegenwärtig sind und damals wie heute etwas zu sagen haben.
Betty Boras ist beim Heimattag in Ulm am 23. Mai 2026 Gast auf dem „Grünen Sofa“ und wird aus ihrem Roman lesen.
Betty Boras: „Das schönste aller Leben“, 240 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-446-28451-7 22 €, hanserblau Verlag Berlin 2026.











