„Der Fremde ging in meinem Kopf / Breitbeinig die Hauptgasse runter, er kam/ Aus dem Exil, sprach mit/ Niemandem, denn keiner war da. Seine Augen/ Glitzerten im Brillantschliff, suchten/ Die gefällten Akazienbäume, den Dorfbrunnen,/ Verschwundene/ Häuser, vergeblich auch die/ Gänse in den Gräben entlang der Gassen,/ In denen während seiner Kindheit noch/ Honig floss …“ (EX ORIENTE LUX)
Der Lyriker Horst Samson, 1954 im Bărăgan geboren (wo seine aus Albrechtsflor stammenden Eltern deportiert waren), hat in den letzten Jahren einige Gedichtbände herausgebracht. „Vom Auftauchen und Verschwinden der Landschaft“ ist der bislang letzte, 2025 im Pop-Verlag Ludwigsburg erschienen. Wie in den vorhergehenden setzt sich der Dichter mit Fragen auseinander, die sich dem eigenen Selbst nach einer Reihe von Lebensjahren und mannigfaltigen Erfahrungen stellen: Fragen nach der Herkunft, den erfüllten und unerfüllten Sehnsüchten, den bedauerten oder nicht bedauerten Handlungen oder den Betrachtungen zum Lauf der Welt.
Samson ist Journalist und als solcher ein aufmerksamer Beobachter des Geschehens um ihn herum. Schon als junger Redakteur in Temeswar stand er den Schriftstellerkollegen der Aktionsgruppe Banat nahe, war im AMG-Literaturkreis aktiv und wurde zum Wortführer einer gegen das Regime gerichteten Protestaktion junger Autoren, die zu Schreibverbot und Verfolgung durch die Securitate führte. Auch nach der Emigration in die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1987 richtete er als Journalist und langjähriger Chefredakteur des Bad Vilbeler Anzeigers seinen kritischen Blick auf die Geschehnisse in seinem Umfeld. Im Pop-Verlag gab er 2013 auch den Sammelband „Heimat – gerettete Zunge“ heraus, eine Anthologie rumäniendeutscher Literatur in der Bundesrepublik Deutschland.
Samsons Lyrik ist schon aus dieser Biografie heraus keine reine Introspektion seines Inneren oder seiner Empfindungen, sondern enthält immer die Beschreibung und Bewertung der Wahrnehmung seiner Umwelt. Auch der Beobachtungen an sich selbst, im Rückblick auf Erfahrungen und Erlebnisse: „Ich zerlege die Zeit / in ihre Bestandteile – das Jetzt ist / Schon vergangen. Wohin ist die Landschaft / Meiner Jugend / Verschwunden,/ wo wollten wir alle hin und warum / hat sie sich aufgelöst, …“ (Im offenen Gelände, S. 27).
„Die Zeit ist verdorben. Sie hat Angst,/ sich zu erkennen, ist ein sich selbst verratender Freund,/ Der dich verrät, dir nachgeht. Ich weiß es / Aus der vom Geheimdienst angelegten Akte. …“ (Erbe und Resignation, S. 65) – resümiert er schonungs- und illusionslos. Und dennoch sind die Gedichte Samsons kein Rückblick im Zorn, auch keine Abrechnung mit einem feindlich gesinnten Schicksal. Mit wacher Sachlichkeit und feiner Ironie richtet er seinen Blick auf die menschlichen und politischen Unzulänglichkeiten aller Zeiten und Couleurs: „Ich besaufe mich an der unendlichen Poesie,/ an erlittenen Niederlagen, am Exil, an Phantasmagorien,/ An der verratenen Sprache, Erinnerungen,/ An meiner Idee über die Ewigkeit des Gedichts,/ Als Ort künftiger Unvergänglichkeiten,...“ (Nächtliche Felder, S. 66)
Wie immer ist Samsons Gedichtband in Kapitel gegliedert, deren Titelzeilen neugierig machen: „Vertieft in ein leises Gespräch“; „Als der Wind keinen Schlaf fand“; „Geschäfte mit der Zeit“; „Träumerei für Cello und Klavier“ oder „Über Gott, das Ende und die Grammatik.“ Die fantasievollen Überschriften zitieren Gedichtzeilen, erweisen sich aber nicht als programmatisch und die Kapitel folgen keiner Chronologie. Gedichte älteren und neueren Datums stehen nebeneinander, wechseln sich ab. Dadurch ist die Lektüre in jeder Hinsicht überraschend, nötigt die Leser zu Gedankensprüngen zwischen Familiengeschichte, Beschreibung eigenen Befindlichkeiten, sprachlichen Reflexionen oder philosophischen Betrachtungen.
Einige Gedichte haben Widmungen – an Vater oder Mutter, „Mutters Bruder Ferri“, an seine Frau und häufige Reisegefährtin Edda („Bretagne“), aber auch an Schriftstellerkollegen wie Franz Hodjak, Hellmut Seiler oder Rolf Bossert („In memoriam an viele majestätisch durchzechte Nächte“). Andere setzen sich mit Persönlichkeiten (Vorbildern?) auseinander – E.M. Cioran, Paul Celan, Günter Eich, Peter Handke, Heine oder Nietzsche. Zuweilen ist die (politische) Gegenwart Ziel seiner Betrachtungen – etwa beim „Nachdenken über Europa“ („Neugierig höre ich / Den Nachrichten zu, horche / In die Welt und frage mich, was geschieht / Im Krieg, was ist dort los, in Wahrheit / Geschehen, wo sich Menschen umbringen / Und was passiert im Himmel,/ Wo Gott schläft,…“).
Immer wieder kreisen seine Gedanken um die Fragen zu Leben und Tod, um Bleibendes und Vergänglichkeit: „Ich habe alles / Mitgenommen. Nichts, / Nur mein Schatten wandert / In die Geschichte, flieht / Durch die Vaterländer, die Zeit / Vergeht. Zurück bleiben die Asche,/ Der Verrat, verblutende / Freunde, auf die man dennoch / Zugeht, um etwas / Nicht zu verlieren, das Vertrauen,/ Die Sprache, meine / Enge Welt – ein Zündholz,/ Das nachts Feuer legt.“ (Angst vor Feuer, S. 130)
Wie Sonnenreflexe blitzen in Horst Samsons Gedichten die Erfahrungswelten seiner Generation auf: Diktatur, Verfolgung, aber auch jugendlicher Idealismus, Unbeschwertheit und Freundschaft. Die für seine Lyrik typischen Enjambements sprengen die Verszeilen, sind sprachlich meisterhaft konstruiert und lenken die Leserinnen und Leser in die Gedankenstruktur des Dichters. Der ist sich der Endlichkeit allen Strebens ernüchtert bewusst: „Keiner überlebt. Die Helden sind / Am Ende immer / Am Ende, und heulen / Mit den Wölfen im himmlischen / Chor. Die einen kehren nach Sibirien / Zurück, die anderen bleiben / Als Reflex in den Disteln des Baragans / Hängen, im Krieg fest oder in der Liebe, / Sehen Gott zu beim Schlachten / Der uns heiligen Kühe.“ (Tödliches Spiel, S. 59). Diese Desillusion ist nicht aus der Jetztzeit, sie tauchte schon 1986 in dem Gedicht „Gebot“ auf, das in den Gedichtband Eingang fand: „Du sollst Vater, Mutter / Und den Schmerz / Ehren. Das Land / Und die Freiheit, sie landet / Auf dem Misthaufen / Der Geschichte./ Dort ist inzwischen viel los.“
Horst Samson: Vom Auftauchen und Verschwinden der Landschaft. Gedichte. Pop-Verlag Ludwigsburg, 2025. 155 Seiten, 19,90 €, ISBN 978-3-86356-419-3.









