Wir leben in einer anspruchsvollen und bewegten Zeit. Die Ereignisse überschlagen sich täglich – ob nah oder fern – man wird von ihnen unwillkürlich berührt, denn die Bilder in den medialen Nachrichten überfluten uns bis an die Grenzen unserer Wahrnehmung. Ratlos blickt man um sich, ohne innere Bereitschaft, sich dem scheinbar Unabänderlichen beugen zu wollen. Offenbar sind unsere Seherfahrungen schon längst von gewieften Programmgestaltern geprägt, und oft geht es nur noch um schrille Aufmerksamkeit. Der verzweifelte Versuch, durch Selbstentzug der drängenden Informationsflut zu entrinnen, kann allerdings auch nicht die Rettung sein. Als Fluchtpunkte des Seins bleiben lediglich die Kunst, Literatur, Gestaltung und Musik. Falls man aber nicht in der Lage ist, sich damit zu beschäftigen, sucht man beständig nach Vorbildern oder nach Büchern, wie man dies schon als Kind gelernt hat.
Die derzeitige Bücherflut zwingt jedoch zum tastenden Suchen. So war es auch mit dem von Walther Konschitzky herausgegebenen und im Banat Verlag Erding erschienenen Band über den Maler Helmut Scheibling, mit dem ich vor Jahren als Künstler gemeinsam ausgestellt habe. Doch kaum hatte ich die ersten Bilder gesehen, wurde meine Neugier wach, denn es war geradezu unheimlich, mit welch tiefem Empfinden er den Wechsel von der einen, der östlichen, Lebensseite zur anderen, der westlichen, bildlich nachvollziehbar gestaltet. Der Künstler hat dabei etwas erreicht, was wir durch die bekannten Fluchtgeschichten zwar zu vermitteln versuchen, was uns aber meistens nur unzulänglich gelingt. In diesen werden Umstände und Tatsachen erzählt, aber die geistigen Spuren, die Verletzungen und Traumata der agierenden Menschen gehen dabei meistens verloren.
Von den Bildern dieses Künstlers aber werden wir seelisch berührt, man wird nachdenklich. Auch wenn die gestische oder farbliche Behandlung der Szenen abstrahiert und gelegentlich stark reduziert wird, es stimmt geradezu alles. Man wird in den Sog des Geschehens einbezogen, man meint, den Atem des Künstlers im Nacken zu spüren: Ja, das ist der Kreuzweg des Lebens, man kann es nicht beschönigen, es war sehr schmerzvoll, diesen Abschied aus der angestammten Landschaft zu vollziehen, für viele überdies durch den unwürdigen sogenannten „Freikauf“ zusätzlich belastend!
Durch die aufhellende Beigabe der flüchtigen Skizzen, der Vorstudien und vagen, lediglich im Ansatz erkennbaren Ideen des Künstlers, eröffnet sich uns ein seltsamer Weg zu seinen Bildern. Was in ihnen anklingt, macht uns immer noch betroffen: Der Abschied von Mensch zu Mensch, von Tieren und Landschaft, von Sprache, Gestik und sozialem Verhalten, war ein äußerst schmerzvoller Umbruch, auch dort, wo man versteckte Zuneigung verspürte. Ein offener Blick in die hinterlassenen Künstlermappen des Malers ist ja schon an und für sich ein einmaliges Erlebnis, denn sie ebnen den Zugang zum geschaffenen Bildwerk. Insbesondere war ich von der tiefen Religiosität des Künstlers berührt, von der selbstverständlichen Einbettung der Themen in das christliche Menschenbild. Auch ich habe von der Utopie einer neuen Welt geträumt, gehofft und mich innerlich gequält. Wie hätte man sonst die zerrissene Kindheit, die Jugend und Studienzeit überlebt? Wenn man sich nicht seelisch gegen die Fratzen der Lügen und des Betrugs, welche uns beständig und unausweichlich umgaben, gewehrt hätte, wäre man auch nicht bereit gewesen, den Kreuzweg zu gehen, bevor wir in das „Narrenschiff“ eingestiegen sind, wie es der Maler bildhaft-eindringlich dargestellt hat. Es ist eine stille, verborgene Botschaft des Künstlers.
Helmut Scheibling hat den inneren Umbruch der Menschen seiner Herkunftsgruppe mit Stift und Pinsel erfasst und mit seinen sehr persönlichen Stilmitteln die passende Sprache gefunden: die Sprache des Leids. Beim Betrachten seiner Bilder entsteht eine intime Nähe, welche für viele leiderfahrenen Menschen äußerst kostbar sein kann. Gelingt es ihm doch durch das Zurückkehren zur Ursprache der Kunst, uns durch die Gestik, Farbe und durch Zeichen, die wie Schreie durch die Nacht hallen, zu fesseln. Allerdings sind es vornehmlich die Skizzen und Ideen, welche die Autoren scheinbar aus der Versenkung hervorgeholt haben, aber auch Fotografien und Originale aus den Sammelmappen seines Nachlasses, auf die der Band aufbaut. Verlagstechnisch ist es ein seltenes Meisterstück, nahezu nur aus den erhaltenen Fotos und den Aufnahmen des Künstlers von seinen eigenen Arbeiten einen Bildband seines gesamten Schaffens grafisch so stimmig und ansprechend zu gestalten. Von vielen seiner Bilder fehlt jede Spur, sie sind weithin verstreut, viele vom Winde verweht. Na ja, so wie die Menschen, über deren Schicksal dort berichtet wird, vom Wind in die weite Welt geweht wurden.
Das Frühwerk Scheiblings steht im Zeichen des Suchens nach der eigenen Bildsprache, es ist statuarisch, streng geometrisch orthogonal und flächig stilisiert, das Spätwerk hingegen (etwa „Wider das Vergessen“,1992-1994) eher expressiv surrealistisch mit Anklängen an naive Malerei – eine erzählerische Zusammenfassung der Geschichte und des traumatischen Abschieds der Deutschen aus dem Banat. Beide Schaffensperioden des Künstlers spiegeln facettenreich, tiefgründig und verantwortungsvoll das Leben seiner Landsleute im Banat und in Deutschland in Zeiten des Umbruchs, des Exodus und des Aufbruchs gleichermaßen.
Das Buch schließt eine tiefe Lücke in unseren doch langsam eindämmernden Erinnerungen. Es ist den Studien- und Künstlerfreunden Joseph Ed. Krämer und Walter Andreas Kirchner sowie dem zähen und unermüdlichem Herausgeber Dr. Walther Konschitzky zu verdanken, dass sie dem Maler ein so würdiges Denkmal gesetzt haben. Vielleicht gelingt es ihnen auch, ein spätes Licht auf ein Hauptwerk des Künstlers zu lenken, auf das monumentale Triptychon „Wider das Vergessen“ – drei Tafeln, insgesamt 150 x 510 cm und nicht zufällig mit den gleichen Maßen wie Stefan Jägers „Einwanderungsbild“ aufgebaut. Scheiblings Dreitafelbild wurde 1994 beim Banater Heimattag in Ulm zum ersten Mal ausgestellt. Wie Jägers Triptychon Jahre lang im Banater Museum sozusagen verborgen schlummerte, so ist auch das Scheibling-Bild in einem Archiv abgestellt. Aber in Berlin ist man derzeit bemüht, neue Aspekte der Migration darzustellen – wir allerdings nennen sie „Heimkehr“ oder Rückwanderung. Dort wäre meines Erachtens der richtige Ort, um so monumentale Werke wie dieses aber auch Julius Stürmers Gemälde zur Banater Geschichte einem breiten Publikum zu erschließen.
Wir sind eine gespaltene Generation, gezeichnet durch Verlust und Verdrängung aus einem Land, in welchem wir die Kindheit und einen Teil unseres weiteren Lebens in der inneren Emigration verbracht haben. Unsere Sehnsucht nach geistiger Freiheit aber hat ihren sichtbaren Ausdruck in unserer Flucht und Auswanderung in den Westen gefunden. Viele Bilder Helmut Scheiblings bestätigen dies in eindrucksvoller Weise. Sie sprechen vom Abschied aus dem Herkunftsgebiet, aber viel mehr noch vom Ringen um Selbstbehauptung und Akzeptanz im Land unserer Ankunft.
Ich empfehle allen Menschen, welche die Abschiedstränen miterlebt haben, einen Blick auf das Schaffen dieses Künstlers zu werfen, wie es in diesem Buch ausgebreitet wird. Der Band ist nicht allein als ein bibliophiles Ereignis zu werten, er ist auch ein Dokument, in welchem eigene Erlebnisse vieler einzelner Menschen und das Schicksal unserer Gruppe glaubhaft bildlich dargestellt und festgeschrieben sind.
Ich schreibe diese Zeilen aus innerem Antrieb, ja auch aus einem gewissen Zwang heraus: Wie ich entstammt Gertrud Kummer, die Ehefrau des Künstlers, einer Salpeterer-Sippe aus dem Hotzenwald. Aber auch Helmut Scheiblings Vorfahren „Schübling“ waren Alemannen, wie er erst sehr spät aus dem Mormonen-Archiv erfahren konnte. So versteht man auch, woher die Fratzen und Masken, welche in vielen seiner Bilder auftauchen, herkommen könnten… (Was soll ein alter Alemanne dazu sagen.)
Helmut Scheibling, Bilder voll Leben und Kraft, 200 Seiten, Kunstdruckpapier, Hartdeckel, Banat Verlag, Zugspitzstraße 64, 85435 Erding, Tel. 08122-2293422, banatverlag@gmx.de Preis 30 Euro (zuzüglich Versand)










