Als Krönung langjähriger und zäher Forschungsarbeit zeigt Kuratorin Helga Korodi bis zum 20. Februar 2026 im Wiener „Museum Neubau“ eine Sonderausstellung über das Leben und Schaffen des Banater Schriftstellers und Dichters Otto Alscher (1880-1944), die von einem umfangreichen Begleit- und Exkursionsprogramm flankiert wird.
Die aus Temeswar stammende Lenauschule- und Universitäts-Absolventin Helga Prokopetz-Gantner, verheiratete Korodi, beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Geschichte der Familie Alscher und dem umfangreichen Werk des von vielen als „Sonderling“ unter den Banater deutschen Autoren betrachteten Schriftstellers, der in Deutschland aber schon früh als Erzähler als einer der bedeutendsten Vertreter des modernen Genres von Tiergeschichten der deutschen Literatur überhaupt eingeschätzt wurde. Die Kriegs- und Nachkriegsereignisse in Rumänien, die schließlich zum Hungertod Alschers im Internierungslager Târgu Jiu geführt haben, bedeuteten einen Bruch in der Beschäftigung mit dem Werk und eine Zäsur beim Zugang zu erhaltenen Manuskripten und Publikationen der Vorkriegszeit. Wieder aufgenommen wurde die Würdigung des literarischen Schaffens dann doch in Rumänien durch Veröffentlichungen von Alschers Prosa in Zeitungen, in Buchform und ab den 70er Jahren sogar in den Schulbüchern für die deutschen Klassen.
Mit der Wiener Sonderausstellung – die erste über den Autor überhaupt – bietet die in Würzburg lebende Gymnasiallehrerin Helga Korodi eine einzigartige und originelle neue Präsentation und Sichtweise, um Alscher wieder in die Gegenwart zu bringen. Und das in einem breiten, bisher weniger beachteten frühen Inspirations- und Kulturkontext, der dazu geführt hatte, dass der Banater Schriftsteller sowohl als deutscher wie auch als österreichischer, ungarischer und rumäniendeutscher Autor in Nachschlagewerken geführt wurde und wird. Leider werden nur wenige unserer Landsleute die Expo in Wien besuchen können.
Erhältlich ist jedoch ein reich illustrierter, umfangreicher und sehr interessanter Begleitkatalog, den die Alscher-Expertin mit dem Museum herausgebracht und im November des Vorjahres vor Ort vorgestellt hat. Er erschien unter dem Titel „Otto Alscher - Von der Westbahnstraße in die Wiener Moderne“. Dieser Titel ist sowohl eine Anspielung auf die Ausbildung Alschers als Porträtfotograf an der „Graphischen“ in der Westbahnstraße, als auch auf seine Prägung durch die Wiener Secession und Moderne. In späteren Schaffensperioden hat sich der Autor wiederholt in der Wiener Secession positioniert. Der Untertitel verweist auf den von Korodi bewirkten „Neustart für Otto Alschers Geltung in der Literaturgeschichte“. Kapitelüberschriften - wie beispielsweise Alscher „im Publikum der Philosophie“, der „Medizin“, der „Jurisprudenz“ etc - deuten auf neue Aspekte der Betrachtungen zur frühen Schaffenszeit. Als „Begleiterscheinung“ brachte das Museum zudem in der „Edition Hosentasche“ ein neues „Museums-Pixibuch“ heraus mit einer Textauswahl aus dem Werk Alschers unter dem Titel „Otto und die wilden Tiere“ mit Illustrationen von Monika Grußmann.
Damit hat die Kuratorin, die von Deutschland aus viele Archive, Bibliotheken und Zeitungsbestände, vor allem in Wien, durchforschen konnte, ein Echo erzielt, das weit über den kleinen Teller des Banater Interessentenkreises und der donauschwäbischen Institutionen hinaus reicht, wobei vor Ort im Banat noch manches zu recherchieren bleibt. Vor allem auch, was dazu führte, dass einer der besten Kenner der damaligen Banater Kulturszene und Kulturförderer Eugen von Angerbauer Alscher als den „größten Hungerleider“ unter den Banater Autoren bezeichnete.
Ein Vorwort zum Ausstellungskatalog schrieb Dr. Ernst Gierlich, der Vorsitzende der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, der die Forschungsarbeit von Helga Korodi würdigt, aber auch darauf hinweist, dass eine „Wiederentdeckung“ von Alschers Jagd- und Tiergeschichten „sich auf jeden Fall lohnt“. In dem Sinne hat die Berliner Kulturstiftung schon 2016 digital die Monographie „Ein Augenblick und eine Seele. Im Werk Otto Alschers“ von Helga Korodi veröffentlicht. Der Katalog ist beim Bezirksmuseum Wien Neubau als Heft 1/1. Jahrgang für 18,50 Euro erhältlich.









