Mit seinem neuen Buch „Nováček. Die Geschichte einer Temeswarer Musikerfamilie“ hat der Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz nicht nur an die Temeswarer Musikerfamilie erinnert, sondern auch viele neue Fakten und Erkenntnisse zum Banater Musikleben des 19. Jahrhunderts geliefert.
Bereits der ehemalige Temeswarer Domkapellmeister Desiderius Braun lieferte in seinem Buch „Banater Rhapsodie“ im Jahre 1939 einige Daten zum Wirken von Martin Josef Nováček, gefolgt von Josef Brandeisz in seinem beim Kriterion-Verlag Bukarest erschienenen Büchlein zum Temeswarer Musikleben. Durch die Entdeckung des Archivs des Temeswarer Philharmonischen Vereins im Jahre 1980 konnten weitere wichtige Dokumente zur Geschichte und zum Wirken und Werk der Musikerfamilie gesichert und erforscht werden. Nach der Wende von 1989 wurden Recherchen in mehreren bedeutenden nationalen Musikbibliotheken Europas unternommen und somit vervollständigte sich das Gesamtbild über das musikalische Wirken der Temeswarer Musikerfamilie Nováček. Prag, Wien, Budapest, Weißkirchen, Temeswar, Sofia, Bukarest, Sankt Petersburg, Berlin, Belgien, Holland, Peterwardein, Eger, Leipzig, Boston, New York, Krakau, Helsinki sind nur einige der Wirkungsorte dieser Musikerfamilie, die zu erwähnen wären.
Vater Martin Josef Nováček hat mit seinen vier Söhnen Rudolf, Ottokar, Karl und Victor Musikgeschichte geschrieben. Die Musikstadt Temeswar gilt als ihr familiärer Drehpunkt und gleichzeitig als Startpunkt für ihr vielseitiges Wirken in der halben Welt.
Da nur Vater Martin Josef die tschechische Sprache fließend beherrschte, unterhielt man sich in familiären Kreisen in deutscher Sprache. Trotzdem fühlten sich alle Mitglieder der Familie Nováček zeitlebens mit ihrer böhmischen Heimat eng verbunden. Leider endete diese Zugehörigkeit für Rudolf Nováček in trauriger Weise: Nach der Gründung der Tschechoslowakei sollte er zum Leiter der neugegründeten Militärmusikakademie in Prag ernannt werden, doch wegen ungenügender tschechischer Sprachkenntnisse musste er wieder zurück nach Temeswar.
Sowohl Vater Martin Josef als auch Sohn Rudolf standen in Prag in engsten Verbindungen mit bedeutenden Musikpersönlichkeiten ihrer Zeit: Antonin Dvořák, Karl Komzák, Karl Franz Pitsch, Franz Lehár (Vater), František Blažek, Eduard Nápravník, Josef Leopold Zvonař u.v.a. Im Zentrum der Ausbildung von Martin Josef Nováček stand wohl die berühmte Prager Orgelschule, wo viele dieser Musiker ihr musikalisches Handwerk erlernten. Die im Jahre 1830 gegründete Musikinstitution wurde von vielen zukünftigen Musikern besucht, die ihre hier gesammelten Kenntnisse in die Welt hinaustrugen, so auch in viele Musikzentren Südosteuropas.
Ohne das erfolgreiche Wirken der zahlreichen tschechischen oder deutschen Musiker aus Böhmen im heutigen Rumänien, Serbien oder Ungarn, wären diese Musiklandschaften um vieles ärmer. Sie leiteten deutsche, serbische, rumänische oder ungarische Gesangsvereine, wirkten in katholischen, orthodoxen und evangelischen Kirchen wie auch in Synagogen, waren erfolgreiche Militärkapellmeister, Domkapellmeister oder Pädagogen.
Dieses Buch rückt auch zwei der bedeutendsten Kurorte des Banats ins Rampenlicht: Bad Busiasch und Herkulesbad. Hier gab es im 19. Jahrhundert jeweils einen Konzertsaal im Kurpavillon, wo regelmäßig Konzerte abgehalten wurden. Dort traten bedeutende Sängerinnen der Wiener Hofoper auf, der Chor des Temeswarer Philharmonischen Vereins oder der junge Cellist Karl Nováček. Von Temeswar aus wurde 1882 ein Sonderzug nach Herkulesbad zum Konzert des Temeswarer Philharmonischen Vereins mit dem jungen Karl Nováček und Martin Josef Nováček als Dirigent. Welch ein Unterschied zwischen damals und heute…
Spricht man heute über Nováček, so denkt man in erster Linie an den berühmten „Castaldo-Marsch“, komponiert von Rudolf Nováček, oder an das virtuose Violinstück „Perpetuum mobile“ von Ottokar Nováček. Der „Castaldo-Marsch“ gehört zu den bedeutendsten Kompositionen der Militärmusik der Habsburger Monarchie und ist heute noch (im 21. Jahrhundert!) das Paradestück der Prager Garnisonsmusik. Das „Perpetuum mobile“ gehört noch immer zum Repertoire jedes konzertierenden Violinisten und wurde auch für das Orchester bearbeitet.
Liest man dieses neue Buch von Dr. Franz Metz, so stößt man auf einige der wichtigsten Namen von Musikern jener Zeit: Antonin Dvořák, Jean Sibelius, Ferrucio Busoni, Arthur Nikisch u.a. Gleichzeitig wird der Name Nováček in Verbindung mit bedeutenden Musikinstitutionen der Welt genannt, wie z.B. den Berliner Philharmonikern, dem Philharmonischen Orchester von New York oder der erstklassigen Musikszene von Sankt Petersburg, in denen im 19. Jahrhundert jeder bedeutende Musiker der Welt aufgetreten ist.
An die Musikerfamilie Nováček erinnert in Temeswar nur noch das Familiengrab am Temeswarer Friedhof in der Inneren Stadt, das auch bald in Vergessenheit geraten wird, wenn die Stadt nichts zu dessen Rettung unternimmt. Vieles verdanken die Temeswarer katholische Domkirche und die serbisch-orthodoxen Kathedrale dem Wirken Martin Josef Nováčeks als Chorleiter, Domkapellmeister und als Domorganist. Doch das meiste verdankt Temeswar seinem Wirken als Chormeister des Temeswarer Philharmonischen Vereins und als Begründer der Kammermusiktradition in dieser Kulturmetropole. Seine vielseitigen musikalischen Talente hat er an seine vier Söhne wie auch an seine zahlreichen Schüler weitergegeben.
Durch die zahlreichen Kompositionen lebt die Musik der Familie Nováček in der Musikgeschichte dieser Stadt weiter, auch wenn diese in vielen europäischen Nationalbibliotheken aus Unkenntnis bisher kaum Beachtung gefunden hat. Erst in der letzten Zeit konnten einige ihrer Werke wieder zusammengetragen werden. Dank sei deshalb besonders dem ehemaligen Temeswarer Musikwissenschaftler Ioan Tomi (1941-2017), der sich besonders um die Biografien von Karl und Victor Nováček bemüht hat und Bohumil Pešek (1932-2012 Prag), einem versierter Kenner der Geschichte der tschechischen Militärmusik. Ihnen wurde deshalb auch dieses Buch gewidmet. Auch Dr. Zoran Maksimović aus Novi Sad (Serbien), Zivan Istvanic aus Weisskirchen (Bela Crkva), Prof. Dr. Jiři Sehnal aus Brünn (Brno), Dr. Peter Vasicek aus Prag, Dr. Ozana Alexandrescu aus Bukarest u.v.a. haben einige wichtige Daten zum Wirken der Familie Nováček beigetragen.
Das von Dr. Franz Metz erstellte Gesamtbild der Familie Nováček legt den Grundstein für zukünftige Forschungen und stellt eine große Hilfe für künftige Generationen von Musikwissenschaftlern dar. Weitere Recherchen bezüglich der Tätigkeit von Ottokar Nováček in New York, über das kompositorische Schaffen von Victor Nováček in Helsinki, über jenes von Karl Nováček in Budapest oder das Wirken von Rudolf Nováček in Sankt Petersburg stehen noch aus.
Denn trotz vielseitiger Recherchen zur Geschichte der Temeswarer Musikerfamilie Nováček in der letzten Zeit bleiben noch viele Fragen offen und zahlreiche bisher verschollene Kompositionen müssen noch geborgen werden. All dies und noch viel mehr sind wir dieser besonderen Musikerfamilie noch schuldig geblieben. Doch das Fundament dafür hat Dr. Franz Metz mit seinem neuen Buch geschaffen.
Franz Metz: Nováček. Die Geschichte einer Temeswarer Musikerfamilie. Edition Musik Südost, München, ISBN 978 3 939041 44 3. Preis: 15, € zuzügl. Versandkosten. Zu beziehen in jeder Buchhandlung oder per E-Mail: franzmetz@aol.com









