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Ludwig Schwarz: Von der Dorfgemeinschaft geprägt

Am Kulturheim von Dolatz wurde eine zweisprachige Gedenktafel angebracht, die an den berühmten Sohn des Dorfes erinnern soll. Fotos: Archiv der Diözese Temeswar

Auch an dem Haus in Neupetsch, in dem die Familie Schwarz gelebt hatte, wurde eine Gedenktafel angebracht. Der Neupetscher Bürgermeister Gabriel Răzvan Drăgan enthüllte diese gemeinsam mit Helmut Schwarz (5. von li.), dem Sohn des Schriftstellers.

Am Grab des Schriftstellers im Friedhof von Neupetsch hielten Generalvikar Msgr. Johann Dirschl mit Pfarrer Simon Ciubotaru aus Freidorf und dem griechisch-katholischen Seelsorger von Neupetsch Vasile Chindriș eine Andacht.

Gedenkfeier zum 100. Geburtstag in Dolatz und Neupetsch - Die Tage des 8. und 9. Dezember 2025 waren im Banat dem Gedenken an den Schriftsteller Ludwig Schwarz zu dessen 100. Geburtstag gewidmet. Der Dramatiker, Dichter, Romancier, Journalist und Übersetzer ist vor allem als Autor von Theaterstücken, von literarischen Texten in deutscher Hochsprache, besonders aber in banatschwäbischer Mundart, in Erinnerung geblieben. 

Am 22. August 1925 wurde Schwarz in Dolatz (Gemeinde Tolwad/Livezile) in der Nähe von Detta geboren. Sein Leben führte ihn an unterschiedliche Orte und brachte ihn teilweise in schwierigste Situationen. Er studierte Architektur und Bauwesen in Berlin, war Soldat an der Front, wurde mehrfach verwundet und zuletzt in Budapest gefangen genommen.

Nach der Entlassung und schwierigen Jahren in Dolatz wurde er 1951 mit seiner 1948 im Geburtsort begründete Familie in den Bărăgan deportiert. 1956 zog die Familie nach Neupetsch. Als Schriftsteller debütierte Schwarz 1958 mit dem Prosawerk „Das Schlüsselbrett“, in der deutschen Literaturgeschichte des Banats setzte er sich aber vor allem mit dem einzigen in Buchform erschienen Mundartroman „De Kaule Baschtl“ ein bleibendes Denkmal. Von dem einzigartigen Roman sind nur zwei von drei veröffentlichen Bänden zu seinen Lebzeiten erschienen. 

Ludwig Schwarz schrieb selbst in deutscher Sprache, übersetzte aber auch literarische Werke rumänisch- und ungarischsprachiger Autoren ins Deutsche. 1978 erhielt er als Mitglied des rumänischen Schriftstellerverbandes den Preis der Temeswarer Filiale des Verbandes. Er verstarb plötzlich am 3. Juli 1981 in Bukarest, wo er eine Rede vor dem Kongress des Rumänischen Schriftstellerverbandes halten sollte.

Festakt in der Dolatzer Taufkirche

Am 8. Dezember, dem Festtag der Unbefleckten Empfängnis, war die römisch-katholische Kirche in Dolatz, die dem „Heiligen Namen Mariens“ geweiht ist, Treffpunkt für mehrere Generationen von Menschen aus verschiedenen Gegenden. Einige ehemalige Dorfbewohner waren gekommen, aber auch solche, die erst seit einigen Jahrzehnten hier ansässig sind. Die Feier zum hundertsten Geburtstag von Ludwig Schwarz war für viele ein Moment des Wiedersehens, des Gebets, des Gesangs, aber vor allem der (Wieder-)Entdeckung eines berühmten Sohnes des Dorfes, eines Schriftstellers, der heute im Banat vielleicht zu wenig bekannt ist infolge der unglücklichen Prozesse und Veränderungen, die die Region und ihre Bevölkerung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts durchgemacht haben. Der Initiator der Veranstaltung Dorin Imbrescu betonte aber, dass es besonders wichtig sei, heute solche Gedenkfeiern zu organisieren, um den Menschen, die kein Deutsch sprechen und keine Schwaben sind, die Kultur und den Glauben der früheren Bewohner näherzubringen.

Pfarrer Attila Lokodi begrüßte die Gäste und sprach mit ihnen ein „Vater unser“ in rumänischer und deutscher Sprache. Der Priester zeigte sich erfreut über die zahlreichen Teilnehmer, zumal er noch nie so viele Menschen hier in der Kirche versammelt gesehen hat. Eine weitere Begrüßungsrede hielt Daniel Lungu, der Bürgermeister der Gemeinde Tolwadin, zu der das Dorf Dolatz gehört, als begeisterter Unterstützer der Veranstaltung. Diözesanarchivar Dr. Claudiu-Sergiu Călin übernahm zusammen mit Amalia Takács, Lehrerin an der Grundschule in Dolatz, die Moderation. 

„Krieg ist, wenn der Mensch kein Mensch mehr ist. Wenn alles, was zum Leben gehörte, keinen Wert mehr hat“, lautet ein Zitat aus dem Roman „De Kaule Baschtl“ von Ludwig Schwarz, das Henrike Brădiceanu-Persem, Mitglied des Temeswarer Literaturkreises „Stafette“, im Dolatzer schwäbischen Dialekt und auch in rumänischer Sprache erläuterte. Die Referentin hat Auszüge aus diesem Roman übersetzt, einige davon sind in der Anthologie „Deutsche Erzähler aus Rumänien nach 1945“ (in deutscher und rumänischer Ausgabe) erschienen. Auch stellte sie dem Publikum den Literaturkreis, der zum Demokratischen Forum der Deutschen in Banat gehört, als Fortführer der literarischen Tätigkeit in deutscher Sprache im Banat vor.
Heidi und Josef Dolvig überbrachten von der Heimatortsgemeinschaft Dolatz aus Deutschland eine Grußbotschaft (in deutscher und rumänischer Sprache) im Namen aller ausgewanderten Dolatzer, im Namen all derer, die den Ort im Laufe der Jahrzehnte verlassen haben. Der Moment war auch deswegen bewegend, weil heute die Behörden und die neuen Einwohner eine Persönlichkeit der deutschen Minderheit von gestern würdigten. Tochter Stefanie Dolvig ist Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft und führt als Vertreterin der nachgeborenen Generation die Dolatzer Gemeinschaft weiter.

Die Schülerin Alexandra Bușcă (6. Klasse), von einer engagierten Lehrerin vorbereitet, las den Text „Dolatz gestern und heute“ auf Rumänisch vor, teilweise inspiriert aus der Monografie der Gemeinde Livezile von Prof. Cornel Vițan. Anschließend erzählte der achtzigjährige Dolatzer Jakob Friedmann, der Ludwig Schwarz noch persönlich gekannt hat, aus seinen Erinnerungen an den Schriftsteller.

Für Überraschung sorgte der pensionierte rumänisch-orthodoxen Pfarrer Petru Achim, der den Chor „Dor bun“ („Gutes Sehnen“) aus Tolwadin wiederbelebt hat. Dieser Chor aus Jugendlichen und Erwachsenen präsentierte ein Programm mit Weihnachtsliedern in rumänischer und deutscher Sprache. Pfarrer Petru Achim richtete zum Fest der Geburt Christi auch einige Worte an die Anwesenden.

Das Schlusswort sprach der Initiator Dorin Imbrescu. Er bedankte sich bei allen, die zur guten Organisation der Veranstaltung beigetragen haben, besondere beim Deutschen Staatstheater Temeswar, das durch seinen Intendanten Lucian Vărșăndan vertreten war. Dank der Unterstützung des Theaters konnten Daten aus dem Leben und Werk des Schriftstellers und Plakate seiner Stücke präsentiert werden, die vor Jahrzehnten in Temeswar  und in vielen Banater Ortschaften aufgeführt worden sind.
Dr. Claudiu-Sergiu Călin dankte in seiner Moderation auch dem heute in Deutschland lebenden Journalisten Luzian Geier für die Unterstützung der Veranstaltung. Der frühere Banater NBZ-Redakteur und Redaktionskollege des Schriftstellers hatte gründlich recherchiert und den Veranstaltern Kopien von Artikeln aus der Presse und weitere Dokumente großzügig zur Verfügung gestellt. Ein Dank ging auch an die Landsmannschaft der Banater Schwaben, die aus der Dubletten-Sammlung des Kulturzentrums in Ulm einige Exemplare der Werke von Ludwig Schwarz ins Banat geschickt hatte.

Zum Abschluss des Festaktes enthüllten die beiden Bürgermeister Daniel Lungu (Tolwad) und Gabriel Răzvan Drăgan (Neupetsch) eine zweisprachige Gedenktafel mit dem Namen des geehrten Schriftstellers am Kulturheim von Dolatz, die vom Dettaer Pfarrer Lokodi gesegnet wurde. Im Namen der HOG Dolatz wurde neben der Gedenktafel ein Blumenstrauß niedergelegt. Danach hatten die Teilnehmer der Festveranstaltung im Saal des Kulturhauses noch etwas Zeit für Gespräche.

Feier im Heimatort Neupetsch

Am nächsten Tag, dem 9. Dezember, gedachte die Gemeinde Neupetsch des Schriftstellers. Hier hatte Ludwig Schwarz mehrere Jahrzehnte lang gelebt und geschrieben. Die Teilnehmer versammelten sich im Neupetscher Kulturheim, um gemeinsam zum Friedhof zu gehen. Seitens der römisch-katholischen Diözese Temeswar nahm Generalvikar Msgr. Johann Dirschl in Begleitung von Pfarrer Simon Ciubotaru aus Freidorf und dem griechisch-katholischen Seelsorger in Neupetsch Vasile Chindriș teil. Für die Seelen der Verstorbenen wurden Gebete gesprochen und Lieder gesungen. Anschließend legten die Bürgermeister Daniel Lungu (Tolwadin) und Gabriel Răzvan Drăgan (Neupetsch) zusammen mit Florin Stoica, der derzeit in dem früheren Haus der Familie Schwarz wohnt, Kränze nieder. Die Heimatortsgemeinschaft Dolatz, vertreten durch Heidi und Josef Dolvig, steuerte wieder einen Blumenstrauß bei. Auf Initiative von Bürgermeister Lungu wurde auf das Grab von Ludwig Schwarz eine Handvoll Erde seines Geburtsortes Dolatz gestreut. Das einstige Geburtshaus existiert heute nicht mehr. An dem bewegenden Gedenkereignis in Neupetsch nahm auch der Sohn des Schriftstellers Helmut Schwarz teil, der mit seiner Frau Gerlinde aus Deutschland angereist war.

Der zweite Teil der Gedenkfeier fand vor dem Haus statt, wo die Familie Schwarz gelebt und gewirkt hat. Auch hier wurde eine Gedenktafel angebracht. Msgr. Johann Dirschl sprach einen Segen in rumänischer und deutscher Sprache und der heutige Eigentümer des Hauses Florin Stoica richtete einige Worte an die Anwesenden. Nach einer dem Jubiläum angemessenen Andacht, die Msgr. Johann Dirschl zelebrierte, enthüllte der Neupetscher Bürgermeister Gabriel Răzvan Drăgan gemeinsam mit Helmut Schwarz die Gedenktafel, die den Namen des Autors trägt.  Sowohl die Tafel in Dolatz als auch die in Neupetsch waren von Marmosim Craiova nach den Entwürfen von Dorin Imbrescu angefertigt worden.

Anschließend fand im Kulturhaus von Neupetsch der literarische Teil der Veranstaltung statt. Die beiden Bürgermeister Gabriel Răzvan Drăgan (Neupetsch) und Daniel Lungu (Tolwadin) eröffneten mit Grußworten. Auch zeigte die örtliche Schule Engagement:  Die Gymnasiastin Alexandra Tănase sprach mit rhetorischem Talent über die Multikulturalität im Banat. Für den Literaturkreis „Stafette“ aus Temeswar sprach Benjamin Neurohr, der mehrfach auf den geehrten Autor, aber auch allgemein auf die Deutschen in Banat Bezug nahm – eine Gemeinschaft, in der Ludwig Schwarz aufgewachsen war und die ihn in seinem Schreiben und seiner Kultur und Sozialisation entscheidend geprägt hat. 

Weitere Referate hielten Delia Glück, Deutschlehrerin in Gier, sowie Ioan Hațegan, Banater Historiker und Vertreter des Instituts „Titu Maiorescu“, einer Filiale der Rumänischen Akademie in Temeswar. Sichtlich bewegt beendete die Familie Helmut und Gerlinde Schwarz die Veranstaltung mit ihren Dankesworten.