Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Ein Mann erfuhr, dass Gott zu ihm kommen wollte. „Zu mir?“, schrie er. „In mein Haus?“ Er rannte durch alle Zimmer, er lief die Stiegen auf und ab, er kletterte zum Dachboden hinauf, er stieg in den Keller hinunter. Er sah sein Haus mit anderen Augen. „Unmöglich!“, schrie er. „In diesem Sauhaufen kann man keinen Besuch empfangen. Alles verdreckt. Alles voller Gerümpel. Kein Platz zum Ausruhen. Keine Luft zum Atmen.“ Er riss Fenster und Türen auf. „Brüder! Freunde!“, rief er, „Helft mir aufräumen! Aber schnell!“ Er begann, sein Haus zu kehren. Durch dicke Staubwolken sah er, dass ihm einer zu Hilfe gekommen war.
Sie schleppten das Gerümpel vors Haus, schlugen es klein und verbrannten es. Sie schrubbten Stiegen und Böden. Sie brauchten viele Kübel Wasser, um die Fenster zu putzen. Und immer noch klebte der Dreck an allen Ecken und Enden. „Das schaffen wir nie!“, schnaufte der Mann. „Das schaffen wir!“, sagte der andere. Sie plagten sich den ganzen Tag. Als es Abend geworden war, gingen sie in die Küche und deckten den Tisch. „So“, sagte der Mann, „jetzt kann er kommen, mein Besuch! Jetzt kann Gott kommen. Wo er nur bleibt?“ „Aber ich bin ja da!“, sagte der andere und setzte sich an den Tisch. „Komm und iss mit mir!“
Gerade zu Weihnachten spüren viele Menschen eine große Sehnsucht nach Geborgenheit, Frieden und Harmonie. Die Familien kommen an den Weihnachtsfeiertagen zusammen, mehr als zu anderen Gelegenheiten im Jahr. Die Kinder erhoffen sich Geschenke und erwarten dieses Fest mit großer Sehnsucht. Enttäuschte Sehnsucht, nicht erfüllte Erwartungen oder Trauer von Menschen, die einen lieben Verwandten verloren haben, erlebt man an Weihnachten besonders schmerzlich. Die Sehnsucht nach einer geborgenen Familienatmosphäre ist trotz der vielen gebrochenen Situationen in den Familien groß.
Woher kommt dieses Bedürfnis nach Geborgenheit und Frieden, nach Harmonie und menschlicher Nähe?
Sie ist ein Teil des Menschen. Tief im Innern verlangt jeder Mensch danach, angenommen zu werden, geliebt zu werden und im Schoß des Friedens zu ruhen. Diese Sehnsucht im Menschen kann nicht trügerisch sein. Um das zu belegen, nehmen wir einmal das Gegenteil an:
Nehmen wir einmal an, der Mensch würde sich vergebens nach Harmonie sehnen. Er würde sich also nach etwas sehnen, was es überhaupt nicht gäbe. Er würde umsonst nach Frieden und Harmonie suchen. – Das wäre so, als ob jemand behaupten würde, dass wir zwar eine Nase haben, es aber keine Düfte und keine duftenden Blumen gibt. Es wäre so, als ob jemand behaupten würde, dass wir zwar Ohren haben, es aber keine Klänge gibt. Letztlich wäre der Mensch eine Fehlkonstruktion. – Das kann nicht sein.
Wir hören mit unseren Ohren und nehmen damit tatsächlich existierende harmonische Klänge wahr. Wir sehen mit unseren Augen und bestaunen die Kunstwerke der Natur. Wir sehnen uns nach Frieden und glauben, dass diese Sehnsucht einmal erfüllt werden wird. Die Sehnsucht nach Frieden, Geborgenheit und Harmonie sagt uns, dass es eben auch Frieden gibt. Dass der Mensch nach Geborgenheit und Liebe sucht, zeigt, dass es auch Geborgenheit und Liebe gibt.
Das Suchen im Menschen zielt nicht ins Leere.
Jesus Christus legt diese Sehnsucht bloß und erfüllt sie. Das Kind von Bethlehem enthüllt in uns die Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden. Es zeigt uns unser Urverlangen nach Heilung, nach einem Leben ohne Unheil, das nie endet.
Gerade an Weihnachten werden wir uns bewusst, was eigentlich Heil bedeutet. Das Kind in Bethlehem liegt in den Armen seiner Mutter und ruft in uns nach Frieden und Harmonie. Dieses Kind bleibt aber nicht dabei, diese Sehnsucht nur zu wecken. Es deckt nicht nur unsere verborgenen Wunden auf: Nein, es heilt die Wunden auch. Es bringt auch tatsächlich den Frieden. Christus heilt uns von der Wurzel her. Es ist Gott selbst, der Kind wird. Durch dieses Kind heilt er die Menschen guten Willens.
Was Menschen sich in ihren kühnsten Träumen nicht erhoffen konnten, hat er getan.
Er wurde nicht Kind, weil er es nötig gehabt hätte. Er wurde Kind allein für uns. Damit wir immer mehr so leben können, wie er gelebt hat. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu ermöglichen, wie Gott zu sein. Er wurde in der Grotte geboren und will auch heute und hier in der Grotte unseres Herzens geboren werden.
Gottesgeburt im Menschen
Christus wird zu Dir kommen und Dir zeigen, wie er Dich trösten kann. Bereite Du ihm eine würdige Wohnung. Seine ganze Größe und Herrichkeit strahlt aus dem Inneren. Dort im Inneren gefällt es ihm. Er braucht nicht viel. Er braucht keine weiche Wiege, er braucht nur Liebe und Zuneigung. Er gab sich mit einer armen Grotte zufrieden, drum wird er auch mit Deinem Herzen zufrieden sein. Dort im Inneren Deines Herzens weiß er dann zu plaudern. Er schenkt Dir tiefen Frieden und Du wirst Staunen über sein Vertrauen zu Dir. Er streckt Dir seine Ärmchen entgegen, und will, dass Du ihn aufnimmst, ihn in den Arm nimmst. (vgl. Nachfolge Christi II.1.1)
Gott wurde Mensch und was wurdest Du?
Jesus Christus wurde Mensch und – genauer gesagt – vollkommener Mensch. Was ist damit gemeint? Menschsein, was bedeutet das?
Wir haben in unseren Vorstellungen ein Bild vom Menschen, das stark von unserer Kultur und Zeit geprägt ist. Unsere Gesellschaft hat die Freiheit des Menschen entdeckt wie keine Zeit vor uns.
Auf der untersten Ebene haben wir uns emanzipiert von den Naturkräften. In den reichen Ländern bedeuten Missernten nicht, dass man hungern wird. Wir haben uns emanzipiert auf dem Gebiet der Informationen. Wir hängen nicht mehr ab vom Hörensagen. Wir haben Zugang zu einer nie dagewesenen Informationsfülle. (Bücher, Bibliotheken, Fernsehen, Internet ...)
Wir haben eine so große Bewegungsfreiheit wie nie zuvor. Mit dem Flugzeug können wir innerhalb von Stunden bis zum anderen Ende der Welt fliegen.
Wir leben immer unabhängiger von gesellschaftlichen Rollen. Die Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen sind heute so groß wie nie zuvor.
Bei der Gestaltung unseres Lebens stehen uns, zumindest theoretisch, zahllose Möglichkeiten offen.
Diese Errungenschaften unserer Zeit haben ihre guten und schlechten Seiten. Doch sind wir deshalb mehr Mensch? Was ist der Mensch? Wer sind wir eigentlich? Oder was haben andere aus uns gemacht? Viele Fragen eröffnen sich, ohne dass man darauf antworten kann.
Christus wurde Mensch und hat damit auch das Menschsein verändert. Vor Christus waren die Menschen Gottes Geschöpfe, sie hingen von ihm ab und erwarteten von ihm Erbarmen. Gott war der allmächtige, der König des Himmels und der Erde, vor dem man sich niederzuwerfen hatte. Mit der Geburt Christi begann eine neue Ära im Verhältnis zwischen Mensch und Gott. Er wird einer von uns. Er verweilt neun Monate im Schoß einer Frau unerkannt und unbekannt. Geboren wird er in einem Viehstall. Damit stellt er alles auf den Kopf. Er macht sich klein und lässt uns groß sein. Er kommt als Kind, um uns näher zu sein als je zuvor. Er möchte in den Armen seiner Eltern liegen. Maria und Josef vertreten dabei uns alle. Christus möchte in den Armen der Menschen liegen. Er liefert sich uns aus und baut auf unsere Liebe zu ihm. Kann man einem Kind Zuneigung verweigern? Gibt es eine Mutter, die ihr Kind in den Armen hält und es als unangenehm empfindet?
Gott möchte uns nahe sein. Da es ihm auf andere Weise nicht gelingt, wird er Kind. Zunächst einmal ist es ihm wichtig, dass wir bei ihm sind und uns um ihn kümmern. Er fordert nicht viel. Er wurde in einem verlassenen Viehstall geboren, um uns zu sagen: „Schaut, ich war mir nicht zu schade dort geboren zu werden. Sollte ich mir zu schade sein, bei dir zu sein?“
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir, auch wenn wir viel von uns halten, uns selbst nicht schätzen. Wären wir nicht sehr verwirrt, wenn wir eines Tages Maria begegnen würden und sie uns darum bitten würde, ihr Kind für eine Weile in unseren Armen zu halten. Ich zumindest wäre verunsichert. Ich würde mich fragen, wie ich mich verhalten soll. Zunächst einmal würde dieses Kind all das benötigen, was jedes Baby braucht: Zuwendung und Pflege. Hinzu käme aber noch, dass es eben kein gewöhnliches Kind ist, sondern der Sohn des lebendigen Gottes. Was erwartet sich der Sohn Gottes von mir? Ich glaube, dass er nicht einmal viel von mir erwartet, sondern einfach nur viel anbietet. Zunächst einmal möchte er nur, dass ich ihm nahe bin und dass er mir nahe ist. Das klingt einfach, in der Praxis ist dies aber das Schwierigste. Menschen können jahrelang miteinander leben, ohne sich gut zu kennen. Man kann jahrelang Christ sein, ohne Christus zu kennen. Mir hat einmal eine Frau gesagt, die schon jahrelang verheiratet ist: „Ich entdecke immer wieder neue Seiten an meinem Mann.“ Damit meinte sie, dass sie ihren Mann noch nicht ganz kennt. In positivem Sinne erlebt sie ihren Mann immer wieder neu. Jeder Mensch ist ein Geheimnis und prinzipiell unendlich. Wenn das schon für Menschen gilt, wie sehr muss es erst für den Sohn Gottes gelten?
So kann es auch mit Jesus gehen. Als unendliche Person, in der die Fülle der ganzen Menschheit und Gottheit wohnt, bleibt er immer interessant. Es kann nicht langweilig werden mit ihm, da er lebt. Die Geschichte seiner Geburt spielte sich in Bethlehem vor 2000 Jahren ab. Aber wer sagt, dass er nur dort geboren werden will? Wäre das nicht zu wenig?
Er möchte in den Herzen der Menschen geboren werden. Kann er erst einmal dort wohnen, werden wir auch besser uns selbst erkennen, wer wir selbst sind. Wir leben unser Mensch-Sein voll aus, wenn wir mit ihm in Verbindung leben. Er erfüllt unser Menschsein. Wird er in uns geboren, leben wir nicht mehr nur für uns selbst, sondern für ihn. Damit verändert sich unser Leben. Jede Familie weiß, wie stark sich ihr Leben durch die Geburt eines Kindes verändert. Vater und Mutter und Geschwister stellen sich auf den Neuankömmling ein. So kann es auch sein, wenn Christus in unser Leben tritt. Wir stellen uns darauf ein, ohne viel befürchten zu müssen. Unser Leben wird sich verändern durch ihn und mit ihm.
Und was, wenn nicht?
Wie versöhnlich ist es, wenn menschliche Zuwendung und der Friede mit sich selbst und dem Nächsten sich einstellen. Im Weihnachtsevangelium hören wir schließlich davon und wünschen uns zu Recht, dass auch wir daran Anteil haben.
Doch diese Besinnlichkeit und dieser Friede sind nichts Selbstverständliches. Die Weihnacht Jesu war gewiss alles andere als „besinnlich“ und „friedvoll“.
Maria, Joseph, die Hirten, die Weisen, Herodes… werden eher Stress gehabt haben. Doch in all den Stress bringenden Unwägbarkeiten der Menschwerdung SEINES Sohnes begegnet ER dem Menschen, um ihn zur Besinnung zu bringen – und um ihm Frieden anzubieten. Damals und heute!
Darum – was immer wir an Friedlichem und Besinnlichem planen mögen: am Ende wirkt es sich wirklich befriedend aus, wenn wir mit GOTT rechnen und uns auf IHN besinnen – gerade auch bis in unsere Friedlosigkeit hinein.
Wenn du Freunde hast, besuche sie. Denn das Geschenk von Weihnachten ist Gemeinschaft!
Wenn du Feinde hast, versöhne dich mit ihnen. Denn das Geschenk von Weihnachten ist Friede!
Wenn du Arme an deiner Seite hast, hilf ihnen. Denn das Geschenk von Weihnachten ist Gabe!
Wenn du Hochmut hast, überwinde ihn. Denn das Geschenk von Weihnachten ist Bescheidenheit!
Wenn du jemandem etwas schuldig bist, gib es ihm. Denn das Geschenk von Weihnachten ist Gerechtigkeit!
Wenn du Sünden hast, kehre um. Denn das Geschenk von Weihnachten ist Gnade!
Wenn du Finsternis hast, zünde dein Licht an. Denn das Geschenk von Weihnachten ist Licht!
Wenn du traurig bist, belebe deine Freude. Denn das Geschenk von Weihnachten ist Freude!
Wenn du im Irrtum bist, besinne dich. Denn das Geschenk von Weihnachten ist Wahrheit!
Wenn du Hass spürst, vergiss ihn. Denn das Geschenk von Weihnachten ist Liebe!
In diesem Sinne, wünsche ich ein gnaden- und segensreiches Fest der Geburt Christi, ganz erfüllt vom Frieden des Neugeborenen sowie ein gesundes und frohmachendes Jahr 2026.
Ihr Heimatpfarrer Josef Hell










