Wie angekündigt, ist im August 2025 im dtv-Verlag mit dem Titel „Die Freiheit so weit“ der zweite Teil von Theresa Kerns Familiensaga erschienen, die in Temeswar, im Banat, ihren Ursprung hat. Dieser knüpft nahtlos an den ersten Teil an und löst die Spannung des dramatischen Endes des ersten Teils auf. Nachdem die verwandten Seelen Emma und Elias auf dem Vulkanberg von Maui zueinander gefunden und sich der Unendlichkeit so nah gefühlt hatten, ereignete sich der folgenschwere Unfall, mit dem der erste Teil abschloss. Diese Episode wird im Prolog zum zweiten Teil aus Elias‘ Perspektive wiederholt. Im ersten Kapitel erwacht Emma im August 2022 in einem Krankenhaus auf Hawaii und versucht, sich an die Ereignisse zu erinnern, die zu dem Unfall geführt haben. So sehr sie sich auch bemüht, gelingt es ihr nicht, den letzten Teil zu rekonstruieren. Von Elias‘ Schwester Jane erfährt sie, dass er wegen seinen schweren Verletzungen ins künstliche Koma versetzt wurde.
Gleichzeitig wird im zweiten Handlungsstrang die Geschichte von Marie, die 1915 in New York lebt und von Susanna, die, um der Schande eines unehelichen Kindes zu entgehen, Emil geheiratet hat und mit ihm im Gasthaus der Schwiegereltern in Ludwigskirchen wohnt, weitererzählt.
Sichtlich besorgt kommt Emmas Ex-Freund Michael nach Hawaii, um sie abzuholen und nach Deutschland zurück zu bringen. Als er von ihrer Schwangerschaft erfährt, kümmert er sich unerwartet fürsorglich um Emma und ist bereit, sich der Verantwortung zu stellen. Emma ist weiterhin hin- und hergerissen zwischen der Entscheidung für das Kind und der Verwirklichung ihres Traumes, Astronautin zu werden. Bei einem Besuch bei den Eltern kommt es zu einer unerwartet offenen Aussprache mit ihrer Mutter, die ihr deren Handlungsweise in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt. Ihr wird bewusst, wie sehr die Vergangenheit ihrer Familie sich auf ihre aktuelle Situation auswirkt. Sie zieht Parallelen und begreift, dass sie in einer Zeit lebt, die ihr – im Vergleich zum ihrer Urgroßmutter Susanna – eine privilegierte Position bietet. Selbst wenn sie sich entscheidet, ihr Kind alleine ohne Michael zu erziehen, kann sie dennoch ihr Berufsziel weiter verfolgen. Von ihrer Familie verstoßen, und gehasst von der Schwiegermutter, musste ihre Urgroßmutter Susanna um ihr kleines Familienglück kämpfen. Dabei zeigte sie Entschiedenheit und entwickelte Durchsetzungsvermögen. Aus dem verwöhnten Teenager wird eine entschlossene Frau, die sich mutig für andere einsetzt, die die von ihren Eltern und Schwiegereltern verstoßene schwangere Freundin Paula bei sich aufnimmt und sich aufopfernd um ihren kriegsversehrten Vater kümmert. Zeitgleich stößt auch Marie in New York auf die Ablehnung der streng katholischen Familie ihrer neuen Liebe Enrico und muss ihres deutschen Namens wegen – trotz ihrer erfolgreichen Ausbildung zur Lehrerin – mit Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche kämpfen.
Elias bemüht sich, sein verlorenes Gedächtnis wiederzufinden und wird dabei von seinem hawaiianischen Freund Kaleo unterstützt.
Behilflich bei der Suche nach der Vergangenheit erweist sich auch Emmas Oma Viktória, der es gelingt, die von Paula aufbewahrten Tagebücher Susannas und an diese gerichtete, ungeöffnete Briefe von Marie aus Amerika aufzutreiben. Aus diesen sowie aus Erzählungen von Paulas Tochter Ava vervollständigt sich das Bild Susannas. Auch für Emmas Großmutter Viktória wird so manches deutlich.
Um Susannas Mut und ihre Tatkraft zu unterstreichen, bedient sich Theresa Kern geschichtlicher Ereignisse wie des Anschlags der Nationalisten der Eisernen Garde am 26. November 1938 auf Sidy Thal während ihrer Gastvorstellung im Deutschen Staatstheater Temeswar. Solche prägen auch den Lebensweg von Marie, so wird sie Zeugin der Black Tom Explosion am 30. Juli 1916 in New York und im Oktober 1916 erlebt sie die große Polio-Epidemie an der Westküste, die sie auf den Gedanken bringt, sich im Krankenhaus zu bewerben. Die Arbeit im Krankenhaus bietet ihr eine unerwartete Möglichkeit, die ihr und ihrer zukünftigen Familie neue Perspektiven eröffnet. Am Ende wird alles gut, Emma und Elias finden wieder zusammen.
Beide Handlungsstränge – die Geschichten von Susanna und Marie einerseits und die ihrer Urenkel Emma und Elias – entwickeln sich auf tragische, aber auch spannende Weise zu einer über mehrere Generationen erzählten Geschichte beider Familien, die sich in den beiden Protagonisten Emma und Elias wieder vereint.
Leider werden die Ereignisse ab dem Zweiten Weltkrieg – die Deportation des Urgroßvaters Anton in die Sowjetunion und die Zeit des Kommunismus in Rumänien, die Oma Viktória mit ihrer Tochter Moni zur Flucht bewegt hat – nur kurz erwähnt. Diese hätten zusammen in der Parallelgeschichte von Marie Stoff für einen dritten Band geboten. Durch diesen Zeitraffer entstehen Ungereimtheiten und Lücken, die einem aufmerksamen Leser und Kenner der geschichtlichen Ereignisse auffallen. So bleiben die Fragen offen, warum Anton erst Anfang der fünfziger Jahre aus der Verschleppung zurückkehrt oder wann, wie und warum Oma Viktória und Moni geflüchtet sind. Ein dritter Band wäre wünschenswert.
Dennoch ist das Buch eine Reise durch die Geschichte zweier Familien, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Temeswar begann und ihr glückliches Ende auf Hawaii findet. Theresa Kern verbindet gekonnt die Erzählstränge und entführt den Leser mit spannenden Geschichten und viel Detailwissen über geschichtliche Ereignisse in eine Welt, in der in einen Spannungsbogen über mehr als ein Jahrhundert dessen wechselvollen Ereignisse eingebettet sind. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinden sich zu einer lesenswerten Erzählung, die vor allem vermittelt, dass trotz aller Schicksalsschläge des Lebens, trotz Liebe und Verrat, das Wichtigste im Leben die Zeit ist, die man mit den Menschen verbringen kann, die man liebt. Denn, wie Maries Vater ihr ans Herz legt: „Die Zeit, die wir mit denen verbringen dürfen, die wir lieben, ist oft viel kürzer, als wir glauben.“ (Seite 141)
Da der zweite Band „Die Freiheit so weit“ die Erzählungen des ersten Teils „Die Unendlichkeit so nah“ ergänzt und weiterführt, ist es empfehlenswert, beide zusammen zu lesen – vielleicht als spannende Lektüre an kalten Winterabenden.
Theresa Kern, Die Freiheit so weit. dtv-Verlag, München, 2024, 416 S. 17 Euro. ISBN: 978-3-423-26427-3









