Die Widmung „von Kollege zu Kollege“ in meiner Ausgabe des letzten Lyrikbands von Franz Hodjak, „Ehrenplatz im Jenseits“, stammte von Ende Januar dieses Jahres. Aber in den Buchhandel kam dieser erst im Sommer, kurz bevor der Dichter Anfang Juli verstarb. Auch ein Aphorismenband, der noch zu seinen Lebzeiten gedruckt wurde, ist noch nicht im Buchhandel erhältlich. Im Pop-Verlag veröffentlicht, mit 11 anrührenden Illustrationen der Künstlerin Astrid Hodjak, der Tochter des Autors, und einem Porträt von Franz Hodjak als Titelbild, einer aquarellierten Zeichnung des Grafikers und Malers Hubertus Giebe, ist der Band editorisch wirklich gelungen. Im Nachhinein fällt einem auf, dass das weiße Cover sich gleichsam wie ein Leichentuch unter die graugrünschwarze Grafik schmiegt. Mit insgesamt 93 Gedichten, versehen mit einem Nachwort von Horst Samson, bietet er viel Stoff, um nochmal tief in die Gedankenwelt des gebürtigen Hermannstädter Dichters einzutauchen, der seit den 1990er Jahren in Usingen wohnte und wirkte.
Wie es der Titel vermuten lässt, der wie eine Grabrede anmutet, sind die Gedanken über die letzten Dinge das Hauptthema. Franz Hodjak hat sich wie kein anderer auseinandergesetzt mit dem nahenden Tod. Dazu muss man sagen, dass der Dichter den „Ehrenplatz“ nicht für sein lyrisches Ich reklamierte, sondern dass den Einheimischen in der libanesischen Fischerstadt Sidon der Glaube daran zugeschrieben wird: „Esel tragen/ auf ihren Rücken/ vergangene Jahrhunderte, in/ denen kostbare Ware verpackt/ ist und der Glaube an einen/ Ehrenplatz im Jenseits.“ (20)
Obwohl der Dichter manchmal auch verschiedene Rollen einnimmt in seinen Gedichten, fungiert sein lyrisches Ich oft als Alter Ego. Der Tod scheint für den Autor, der stets Gott in Frage stellte, und für dieses Alter Ego nicht das Ende zu sein, wie es im elegischen Schlussvers des wunderschönen Abschiedsgedichts „Zeiten“, gewidmet Hodjaks Ehefrau Juli, heißt: „Doch es wird eine Zeit/ kommen, da wirst du,/ wenn ich dich rufe,/ nicht wissen, woher/ ich dich rufe“ (72) Nicht, dass er ihn bang erwartete, den Tod. Für das lyrische Ich gilt unverbrüchlich das Prinzip der Hoffnung: „Und immer wieder/ lasse ich mich fallen ins Gras,/ völlig erschöpft vor Hoffnung.“ (8), wie es bezeichnenderweise im Gedicht „Erschöpft“ in einem Oxymoron behauptet, denn eigentlich schließen sich diese beiden Begriffe ja aus. Aber das lyrische Ich in diesem Buch bejaht vor allem das Leben: „Ich will nicht erlöst werden./ Ich will von niemandem und nichts erlöst werden.“ (47) So kommt es immer wieder vor, dass es humorvoll über den Gevatter Tod im Anmarsch schreibt: „jeder schickt täglich aufs neue/ Träume auf Reisen und hofft, so spät/ wie möglich beim anderen Teil der/ Familie anzukommen, [der] unter/ der Erde liegt.“ (34) Redundant vielleicht, wie ein anderer Rezensent einmal bemängelte, und dennoch immer wieder mit anderen Worten: „Lieber bin ich zu früh als zu spät dran,/ nur beim Tod würde ich eine Ausnahme machen.“ (47)
Die Lebensfreude des Alter Egos ist aber nicht hohl, es weiß um die Schwierigkeiten, das Leid im Leben und in der Welt: „Es ist, als würden wir/ alle Brücken/ hinter uns in die Luft jagen./ Es ist als hätten wir/ einige Ideale zu viel.“ (9), heißt es in „Falten im Gesicht“. Es ist abgeklärt: „Und wer an Wunder glaubt, sucht ein Leben lang/ nach Türen, die es nicht gibt.“ (20), und gleichzeitig auch kämpferisch: „und eine Freiheit, die/ uns nichts gibt, ist immer eine Freiheit,/ der wir nichts gegeben haben.“ (19)
Hodjaks lyrisches Ich hat sich die Kraft der Überraschung und der Neugier bewahrt: „Noch weiß ich nicht, was dieser Tag bringt./ Noch weiß ich nicht, was ich von mir will.“ (25). Es erkundet sich jeden Tag aufs Neue. Musik ist dabei eine große Stütze: „Musik trug mich/ wie eine Brücke/ auf die unsichtbare Seite/ der Gedanken“ (65), so weit, dass sie den Weg aus der Verirrung weist: Musik, „die den Weg ins Labyrinth und den Weg aus dem Labyrinth weist“. (73). Vielleicht kann sie sogar den Tod aufhalten: „denn dort, wo ich bin, ist/ immer auch Musik. Ein wenig gestorben wird/ erst nachher“. (86)
Eine lyrische Biografie verpackt der Dichter denkwürdig in der „Ballade vom Fliegen“: „Du/ wolltest nie ankommen in Ithaka. Doch/ irgendwann kommt jeder/ irgendwo an.“ (17) Das Nicht-Ankommen, die Ankunft im Konjunktiv, die angenommene Heimatlosigkeit war zeitlebens Hodjaks Thema. In diesem Band finden sich einige Gedichte, mit Erinnerungen an Siebenbürgen, etwa die „Heltauergasse“, „Altes Gehöft“, „An den Kokeln“. Auch Erinnerungen von seinen Reisen „Sidon“, „Venedig“, „Besançon“ – „die Heimaten wechseln“, schreibt er andernorts. Ernüchternd fällt im autobiografischen Gedicht der Schlussakkord aus: „Seither bist du/ nur noch eine Nummer,/ die zwischen anderen Nummer[n]/ liebt und lebt.“ (17) Elegien durchziehen den Band, „Sommerelegie“, „Herbstelegie“ oder das Gedicht „So wie“: „so wie der Sinn nach einem Punkt/ nichts endet/ und in jedem Weizenkorn immer auch/ ein wenig Tod steckt“ (…) „so wie die Weltkugel sich nicht kümmert/ um unsere Befindlichkeit/ und die ewige Nacht einmal jeden von uns/ zudeckt,“ (55) Und auch das Gedicht „27. September“ (der Geburtstag der Autors) hat eine melancholische Grundstimmung: „Was ich sehe, sieht mich nicht,/ alles ist so, als wäre ich gegangen.“ (128).
Es überwiegt aber die kämpferische Natur des Autors, der die Herausforderung des Lebens annimmt, wie er im Anfangsgedicht schreibt, anschaulich: „Kletterflächen“ benannt: „Die Seele übt an Kletterflächen, sich/ schwindelfrei von da nach dort zu bewegen/ und in jedes Wort schlüpfen zu können.“ (7) So liest man auch dieses Buch als ein zutiefst persönliches Vermächtnis. Zuweilen klingt es auch so an: „und meine Worte werden die/ empfangen, die mich suchen, wenn/ ich nicht mehr bin.“ (10) Doch diese morbide Ernsthaftigkeit wird gleich wieder durchbrochen, indem sich der Autor auf die Schippe nimmt: „Es gehört inzwischen zum guten/ Ton, dass man das, was man/ nicht weiß, weiter gibt.“ (134)
Dieses Buch fügt sich nahtlos in Franz Hodjaks gewaltiges Werk ein, das in den letzten Jahren seiner Krankheit immer rasanter wuchs, als würde ihm die Zeit davonrinnen. Und dennoch ist es kein schwerfälliges und kein in Stein gemeißeltes Werk, sondern immer durchzogen von existenziellen Zweifeln und vom lebensbejahenden Galgenhumor. Auch in diesem Buch lässt er uns an seinen Meditationen über das Leben und den Tod teilhaben, an seinen Widersprüchen, und verhüllt sie so anmutig und formvollendet, dass man ihm in seinen Mäandern folgt, sich gerne mit ihm verirrt und doch wieder zurückfindet – zur Hoffnung, zur Liebe und zur Selbstironie.
Es ist ihm zu wünschen, dass sich noch viele Interessierte mit seinen Büchern beschäftigen, denn auch dieses ist ein Schmuckstück geworden. Chapeau!
Franz Hodjak: Ehrenplatz im Jenseits. Gedichte. Mit Illustrationen von Astrid Hodjak. Ludwigsburg: Pop Verlag, 2025, ISBN: 978-3-86356-361-5, 21,50 Euro.
Franz Hodjak: Ewig ist das Vorläufige, Würzburg, Gedichte, Eröffnung der Reihe Gravity, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2025, ISBN: 978-3-8260-9017-2, 17,00 Euro.
Franz Hodjak: Wäre es gegangen, wäre es anders gelaufen. Aphorismen, Leipzig: sisifo//Leipziger Literaturverlag, ISBN: 978-3-86660-313-4, zum Subskriptionspreis von 16,96 Euro nur beim Verlag erhältlich.











