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Hollywood, mir kumma! Interview mit dem Schauspieler Ralph Kinkel

Ralph Kinkel Copyright: Sarah Mikeleitis

Ralph Kinkel mit Anja Signitzer als "Leonce und Lena" am Braunschweiger Staatstheater. Copyright: Volker Beinhorn

Der Schauspieler Ralph Kinkel ist seit Anfang September als Hauptrolle in der ZDF Neo Serie „The Drag and us“ zu sehen. Damit gibt er sein Debüt in der deutschen Fernsehlandschaft, ist aber schon seit mehreren Jahren an Theatern in Deutschland und Österreich engagiert. Sandra Keller sprach mit Ralph Kinkel über seine Herkunft und seinen für einen Banater Schwaben eher ungewöhnlichen Beruf.

Hallo Ralph. Schön, dass du Zeit gefunden hast, mit mir dieses Interview zu führen.
Hallo, ich freu mich auch.

Du bist als erstes Kind deiner Familie in Deutschland geboren, richtig? 
Ja genau! Meine Eltern sind 1989 nach Regensburg gekommen, ein Jahr später bin ich dann geboren worden. Meine Mutter, Hilde Mayer, kommt aus Giseladorf und war Lehrerin an der Lenauschule in Temeswar. Mein Vater, William Kinkel, war Einkäufer bei Faem und IJ Pips , seine Familie kommt aus Sankt Andres. Und ich bin eben in Regensburg geboren.

Aha, das heißt du bist also ein waschechter Schwob!
Auf jeden Fall! Meine gesamte Familie kommt aus dem Banat und deshalb hab ich, obwohl ich in Bayern geboren bin, die volle Breitseite abbekommen (Lacht).

(Lacht auch) Ich weiß, was du meinst. Die Mundart und die Küche und die Ausflüge in das Banat. Sprichst du noch Banater Schwäbisch?
Na sicher! Auf Anraten einer Kinderärztin wurde ich anfangs komplett hochdeutsch erzogen, aber durch meine Verwandten habe ich natürlich immer Schwowisch mitbekommen und verstanden. Selbst gesprochen hab‘ ich es aber erst als Jugendlicher, um vor meinen Freund*innen meine Familie besser nachahmen zu können. Und das war so, als wäre ein Schalter umgelegt worden - alles war sofort abrufbar. Seitdem sprech ich es natürlich auch mit meiner Familie.

Ah ja, du hast also schon immer gerne andere imitiert? Bist du deshalb Schauspieler geworden?
Bestimmt auch! Ich war immer sehr verspielt und fantasievoll und bin bis heute auch ein großes Spielkind geblieben. 

Wie kam es denn dazu dieses Spiel zum Ernst im Beruf zu machen?
Puh…die lange Geschichte?

Die lange Geschichte! 
Als Kind der 90er haben mich meine Eltern natürlich zur musikalischen Früherziehung geschickt. Dort sollte ich herausfinden, welches Musikinstrument mich am meisten interessieren würde. Schlussendlich konnte ich mich nur für die Triangel erwärmen… Daraufhin hat die Musiklehrerin meiner Mutter empfohlen, mich ins Kindertheater zu stecken, weil ich mehr Freude daran hatte, über die Musikinstrumente zu plappern, als auf ihnen zu spielen. Von da an war ich in der Kindertheatergruppe, dann im Schultheater und im Jugendclub vom Regensburger Stadttheater. Mit 18 Jahren war ich passioniertes Mitglied in drei Theatergruppen und super schlecht in Mathe - natürlich war damit der Berufswunsch „Schauspieler“
längst klar (Lacht). Aber das ist viel leichter gesagt, als getan…

Das kann ich mir gut vorstellen. Einen Platz an einer Schauspielschule zu bekommen soll ja wirklich nicht einfach sein, denn auf durchschnittlich 10 Studienplätze gibt es hunderte Bewerber*innen.

Genau und die werden in mehreren Runden ausgesiebt. Das war für alle Beteiligten sehr nervenaufreibend und ich bin bis heute dankbar, dass ich so schnell einen Platz bekommen habe. Ich habe dann an der Universität Mozarteum in Salzburg studiert - vier Jahre lang auf Diplom.

Und wie sieht so ein Schauspielstudium aus? Was lernt man da eigentlich?

Hauptsächlich natürlich Schauspiel, in sogenannten Szenen- und Monologstudien. Ein besonderes Augenmerk wird auch auf die Stimme gelegt, sowohl im Sprechen als auch im Gesang. Dann noch Akrobatik, Tanz, Bühnenkampf und Clownerie. Ein normaler Tag am Mozarteum ging von 8:00 bis 21:00 Uhr, manchmal auch sechs bis sieben Tage die Woche - je nach Unterrichtseinheit und Pensum.

Das klingt echt anstrengend.
Ja das ist es auch!

Wie hat deine Familie eigentlich deinen Berufsweg aufgenommen?
Einige waren zuerst geschockt, aber nur ganz kurz. Danach haben mich aber alle auf eine fast schon rührende Art und Weise unterstützt und das ist bis heute so. Besonders meinen Großeltern war wichtig, dass ich eines Tages nicht, wie sie, „mit den Händen“ arbeiten muss. Naja, und jetzt arbeite ich halt mit allem, was ich hab (lacht).

(Lacht) Stimmt. Mit Körper, Stimme, Und wie ging es weiter, als die ausgebildet waren? Ich kann mir vorstellen, dass einem die Aufträge als frischer Absolvent nicht einfach zufliegen.
Stimmt. Dann ging es wieder ans Vorsprechen, das ist ein großer Teil unseres Berufs und besonders als Absolvent sehr nervenaufreibend. 

Und das sind dann Vorsprechen an Theatern im gesamten deutschsprachigen Raum?
Deshalb bin ich schon viel umgezogen.

Wo warst du denn bisher überall engagiert?
Die lange oder die kurze Variante?

Wieder die lange!
Puh! Meine bisherigen Engagements waren am Salzburger Landestheater, am Staatstheater Stuttgart, am Theater der Jugend in Wien, am Braunschweiger Staatstheater, am Erlanger Stadttheater, an den Freilichtspielen Schwäbisch Hall und am Anhaltischen Theater in Dessau.

Das sind viele und vor allem quer durch die Republik und sogar darüber hinaus! Würde es dich denn auch interessieren am deutschen Theater in Temeswar zu spielen?
Darüber habe ich sogar meine Diplomarbeit geschrieben! Im Rahmen der Recherche habe ich dort auch vorgesprochen und hätte mir gut vorstellen können als Gast für ein Stück kurzzeitig engagiert zu werden. Aber dann gab es einen langwierigen Rechtsstreit zwischen der Intendanz und der Stadt Temeswar, wodurch das deutsche Theater praktisch zum Stillstand kam. Ich war aber froh zu hören, dass sich das inzwischen wohl geklärt hat.

Das heißt, du hättest dafür eine Zeit lang in der Heimat deiner Eltern gelebt.
Das war auch der ausschlaggebende Punkt. Ich liebe es, die Vergangenheit meiner Familie auf eigene Faust zu erforschen! In den vergangenen Jahren war ich häufiger im Banat als in meiner gesamten Kindheit. Oft auch alleine, mit den Verwandten am Telefon, die mich durch die Straßen leiten.

Du hast dich also intensiv mit deinen Wurzeln und deiner Herkunft beschäftigt. Auch mit deinem Heimatbegriff?
Natürlich und damit hab ich nie aufgehört. Inzwischen kann ich sagen: meine Heimat ist Regensburg, mein Heimatdialekt Banater Schwäbisch und meine Identität Europäisch. Aber das ändert sich immer wieder und ist nicht in Stein gemeißelt.

Das ist ein sehr schöner Gedanke. Findet deine Herkunft auch Anklang an den Theatern oder im Fernsehen?
Jein. Das Interesse an den Banater Schwaben ist leider erstmal nicht besonders groß, weil Wenige etwas mit dem Begriff anfangen können. Für viele ist es spannender, dass ich „Bayer“ bin und auch bayerisch sprechen kann (wenn ich muss). Wenn ich aber Komödien spiele und in den Proben plötzlich Rollen mit Banater Mundart spreche, sind alle auf einmal hellauf begeistert.

(Lacht) Banater Schwäbisch ist ja, wie du gesagt hast, für viele unbekannt und da kann der spezielle Humor, also dieses Trockene aber auch Überschwängliche, schon überrumpeln.
Total! Und selbst wenn die Rolle zum Schluss nicht im Dialekt spricht, schlägt ihr trotzdem „d‘r Schwob ins Gnack“!

(Lacht) Und genau das habe ich tatsächlich auch bei deiner Rolle in „The Drag and us“ wiedererkannt.
Oh, das freut mich!

Und was ist für die Zukunft geplant? Gibt es schon Spruchreifes?
Ja, ich bin dieses Jahr nach München gezogen und bin als nächstes wieder am Anhaltisches Theater in Dessau zu sehen - als Vogelscheuche im „Zauberer von Oz“.

Dann wünsche ich dir dabei und bei allen folgenden Projekten viel Erfolg und bedanke mich herzlich bei dir für deine Zeit und das tolle Gespräch!
Vielen Dank, dir auch! Das hat großen Spaß gemacht!

Ralph Kinkel kam mit der DBJT durch Zufall in Kontakt. Wir trafen ihn auf der Lloydzeile in Temeswar zu den Heimattagen und erlebten daraufhin mit ihm einen spannenden Abend mit regem Austausch.

Ralph Kinkel könnt ihr ab sofort in der ZDF-Mediathek bei der Sitcom „The Drag and us“ streamen oder ab dem 21.11.2021 im „Zauberer von Oz“ am Anhaltischen Theater in Dessau sehen.

Mit Ralph haben wir auch in unserem Podcast „Gredlhingl un Hanslkokosch“ schon über „Schwowisch-Sein“ und die „schwenglische Sprache“ philosophiert. Dieser ist auf Spotify und auf SoundCloud zu hören.